Warum dieser Blog?

Aufgrund der Rückmeldung, dass es sich um einen wichtigen Text handelt, der in der Seitenleiste fast untergeht, hier nochmals als Beitrag:


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Eine Freundin aus Kindertagen

Wie lebt es sich, wenn bereits in frühester Kindheit statt Geborgenheit und Sicherheit sexuelle Gewalt, Demütigung und Todesgefahr den Alltag prägten? Statt Schutz, Ignoranz und Unvermögen mein Leid zu erkennen.

Wie geht ein Leben, in dem eine in ständiger Angst und Anspannung lebt?

Ja, das klingt sehr reißerisch, aber wie soll ich angenehme Worte für eine grausame Vergangenheit und mitunter sehr schwierige Gegenwart finden?

Wie kann ich dennoch eine Zukunft haben? Darf ich zu meinen Erlebnissen und Erfahrungen stehen, selbst wenn es niemanden gibt, der sie bezeugt? Und habe ich irgendwann die Möglichkeit ein gutes Leben zu leben? Aber was bedeutet ein „gutes Leben“ für jemanden wie mich? Wie niedrig sind die Ansprüche? Darf ich mir mehr wünschen, erhoffen, dafür arbeiten?

Wie ist es, dankbar zu sein für Selbstverständlichkeiten im Kontakt mit anderen Menschen, wie z. B. Respekt, weil manche Mitmenschen die geschundene Seele wahrnehmen, ich aber dennoch nicht in der Demutshaltung des Opfers mit ihnen kommunizieren muss. Dankbarkeit dafür, dass es Leute gibt, die neben den Verwundungen auch meine Stärken erkennen und BEIDES sein darf.

Wie ist es, als Spiegel und Mahnmahl für verdrängte Schmerzen anderer herumzulaufen? Nicht von allen, aber doch in vielen Fällen. Das ist zumindest mein Eindruck, wenn übertriebene Ablehnung auf nur minimale Erwähnung meiner Geschichte erfolgt. Wie kann Kommunikation möglich sein, wenn Mitmenschen misstrauisch reagieren, wenn ich überhaupt nichts von meinem Privatleben erzählen möchte, aber auch das Sprechen über mein Leben ganz oft die Situation überfordert? Was tun, wenn es eben keinen unverfänglichen Small Talk gibt, über den ich einfach so plaudern könnte um damit langsam Nähe zu anderen Leuten herzustellen?

UND VOR ALLEM, wie gelingt es, sich aus alldem zu befreien, die Hoffnung zu bewahren oder immer wieder zu finden und leben zu lernen? Denn darum soll es hier gehen, um das Wagnis der Lebendigkeit, was auch immer geschah.

Und Lebendigkeit geht nur, wenn du deine eigene Vergangenheit kennst und annimmst. Wenn du die tiefsten Schmerzen und die größte Wut fühlst und Vieles betrauerst, das in diesem Leben keinen Platz hatte und auch nicht mehr haben wird. Zudem gelingt es nur, wenn es Menschen gibt, die helfen Vertrauen zu lernen. Menschen die zuhören, mitfühlen, lieben und auch mit Respekt widersprechen, wenn es zu dramatisch zu werden droht.

Ich möchte hier beschreiben, wie ich meinen Weg zur Lebendigkeit und zur Leichtigkeit gehe und ging und von welcher Ausgangsposition ich startete.

Mein Beginn wird vermutlich immer nur angedeutet werden können, denn ein Blog kann und soll keine Autobiographie sein.

… Übrigens Autobiographie … ich schreibe daran und dieser Blog soll meine Arbeit auch begleiten. Er soll mir helfen mich in der Gegenwart zu verankern, wenn ich in die schlimmste Zeit meines Lebens eintauche und versuche für das Erlittene Worte zu finden.

Heute, wo ich beginne hier darüber zu berichten, bin ich noch lange nicht am Ziel. Ich kann nicht sagen, wie weit ich in meiner Lebenszeit kommen werde und kann – zudem kann ich  nicht einmal sagen, wie ich mir mein Ziel vorstelle. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich erst wenn ich einen Gipfel erklommen habe erkenne, dass sich dahinter eine wunderschöne Landschaft auftut, die zu erforschen sich lohnt und wo es mich hinzieht. Oft erkannte ich hinter einem Gipfel auch nur weitere Berge und Ödnis. Lange Jahre war da nur die Hoffnung und mein Lebenswille, die mir Kraft gaben weiter zu gehen. Ich wanderte in nahezu undurchdringlichen Ebenen, um an dem Fuß eines Berges anzukommen, der mir, oben angelangt, mehr Überblick verschaffte und endlich Zuversicht. Aber woher kamen diese Hoffnung und ein Lebenswille, der nicht zu brechen war? Meine Gedanken dazu werden auch hier thematisiert werden.

Mitunter erkannte ich Hügel nicht, die ich nebenbei überwunden hatte und schätzte meine Leistungen zu gering. Auch dann braucht es gute Freundinnen und Freunde, die die Wahrnehmung zurechtrücken. Ich bin sehr dankbar, liebevolle Menschen um mich zu haben, die mich auf meinem Weg begleiten und die ich begleiten darf.

Es geht hier um meinen Weg und ich hoffe, indem ich ihn aufschreibe, andere inspirieren zu können. Allerdings erhoffe ich mir vor allem – so viel Ehrlichkeit ist mir wichtig – durch das Schreiben weiter heilen zu können. Ich freue mich auch auf Kommentare und  – wer weiß? – neue Freundschaften.

Zum Abschluss hier ein Gedankenkang, der mich bereits viele Jahre begleitet und stärkt. Früher hatte auch ich dieses Leid in mir, warum gerade mir all dies widerfahren ist. Irgendwann dachte ich mir plötzlich, „warum nicht?“. Es gibt auf dieser Welt sehr viel Grausamkeit, die Menschen ihren Mitmenschen antun, viel zu viel. Und es gibt Gewalt gegen Kinder in der eigenen Familie, auch sexuelle Gewalt. Das sind Realitäten. So kam ich zu der Erkenntnis, dass es wohl einen Sinn haben muss, dass ich das alles, das ich erlebte so überleben konnte, wie es mir gelungen war. Vielleicht liegt der Sinn darin, dass ich auch soweit heilen konnte, dass ich darüber Zeugnis ablegen kann. Und wenn der Sinn nicht darin verborgen ist, so kann ich meinem Leben diesen Sinn geben, wie der Psychiater und Therapeut Viktor Frankl es empfohlen hatte. Sein Buch, „… trotzdem Ja zum Leben sagen“, in dem er seine Zeit in einem NS-Konzentrationslager verarbeitet hat, half mir sehr. Kann sein, dass berichten mein Platz in dieser Welt ist?

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4 Gedanken zu „Warum dieser Blog?“

    1. Das ist eine schwierige Frage, ob ich auf diese Erfahrungen gerne verzichtet hätte. Irgendwie ist nicht unbedingt mit „natürlich ist das so“ zu reagieren.
      Uneingeschränkt hätte ich darauf gerne verzichtet, wenn es auf dieser Welt sonst auch niemanden gäbe, die/den diese Erfahrungen betreffen.

      Da es aber leider massive (auch sexuelle) Gewalt an Mädchen und auch Buben auf dieser Erde gibt, bin ich dankbar, diese Erfahrungen in einem Land gemacht zu haben, das mir die Möglichkeit des Berichtens ermöglicht.

      Liebend gerne darauf verzichtet hätte ich, wenn es keine Notwendigkeit mehr gäbe, aus diesen Erfahrungen etwas lernen zu müssen, um dies in Zukunft verhindern zu können.

      … und so hätte ich sehr gerne eine anderen wichtigen Platz in einer Gesellschaft eingenommen, die es so leider noch nicht gibt.

      Bis es soweit ist, herzlichen Dank für die Anerkennung der Wichtigkeit des Berichtens. 🤗

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