Leben mit DIS #1

Anmerkung: Ich/Wir freuen uns über Kommentare und haben die Kommentarfunktion vereinfacht. Es ist jetzt ganz leicht vom eigenen Blog aus oder über ein Facebook oder Twitter Account zu kommentieren. Allerdings, auch das ist uns wichtig: Wir veröffentlichen nur respektvolle Kommentare. Die aber gerne, auch wenn sie kritisch sind. Freue mich von euch zu lesen. 🙂


Ich habe den Blog online gestellt und gedacht, dass bereits ganz viele Innenwesen integriert sind. Auf alle Fälle sind sie bereits mehrere Jahre im Alltag nicht aufgetaucht.

Ich habe mich sicher gefühlt. Und dann die ersten Texte online. Das interne Chaos brach los. Nachdem ich selten Zeitlücken habe – glücklicherweise – fühlt es sich an, als würden mehrere durch meine Augen durchsehen. Das ist enorm anstrengend im Kopf. Die Augen verengen sich und ich meine, dass ich schiele, aber nicht wirklich. Es fühlt sich an, als ob die Innenwesen aus den Augenwinkeln heraus sehen. Manchmal wirklich eine lange Zeit. Und das Gehirn wird bleiern und dabei wie Watte. (Bleierne Watte, eigenartiges Bild. Es trifft es dennoch.) Ich merkte, dass „mehrere“ auf der Straße gehen, wenn ich unterwegs bin. Was einerseits angenehm ist, weil es sich „ganzer“ anfühlt, anderseits ist es irritierend, da Menschen offenbar merken, dass etwas nicht stimmt? Vielleicht auch Einbildung. Eine kurze Zeitlücke hatte ich auch zu verzeichnen. Plötzlich im Yoga eine Übung gemacht – offenbar – und keine Ahnung davon. (Das war bevor ich beschloss alleine daheim zu üben.) Die anderen in der Gruppe waren erstaunt, als ich die Übung die wir immer machen einforderte. Dabei hatte sie mein Körper gerade eben mitgemacht. Ja, so ist das mit DIS bei mir.

Das Selbstbild, dass ich in den letzten Jahren gewonnen hatte, mit einem mal in Stücke gerissen. Sie sind noch da. Hallo. Die Innenwesen haben ein lautes Erkennungszeichen von sich gegeben und Texte veröffentlicht, die ich so nicht in den virtuellen Raum gelassen hätte. Ich nicht! Ein Innendialog, oder bloß ein Versehen? Haben Innenleute das Ruder übernommen und den Text publiziert, oder doch ich in einem emotionalen Ausnahmezustand? Es ist so einfach, Handlungen, die ich setze aber nicht wirklich dahinter stehe, als Aktion von Innenwesen abzutun. Ist es so, oder spreche ich damit den Innenleuten ihre Existenz ab? Das ist der Grat zwischen normaler oder doch „verrückt“? Ich mag kein exklusives Dasein, im Kuriositätenkabinett. Aber so werden Multiple Persönlichkeiten = Menschen mit dissoziativer Identität (DIS) gesellschaftlich behandelt.  DIS ist eine normale Reaktion auf massive gewalttätige Übergriffe, die zumeist vor dem 3. Lebensjahr beginnen. Also vor einer Zeit, in der Kinder eine eigene Identität entwickeln. Damit zu leben ist irritierend.

„Nicht alle Kinder, die massiver Gewalt ausgesetzt sind, entwickeln eine DIS, aber alle Erwachsenen mit DIS erlebten massive Gewalt ab dem frühen Kindesalter.“

Dieser Satz ist nicht von mir, aber ich erinnere mich nicht mehr, wo ich ihn gelesen habe. (Nehme Hinweise dankend entgegen.) Allerdings findet er sich auch in einem Befundbericht, den ich einmal vom allgemeinen Krankenhaus in Wien ausgestellt bekam, allerdings mit komplizierterem Wortlaut.

Egal, wie es kam, ∑ich habe den letzten Text ebenso veröffentlicht, wie alle davor. Und ich kann damit leben. Denn es ist die Wahrheit, die geschrieben wurde.

Heute viele Stunden Schlaf und eine lange Therapiesitzung später ist wieder mehr Ordnung und Ruhe eingekehrt. Dennoch kehrt sich mein Leben eben von ganz unten nach oben. Es ist mit einem Mal alles anders, als noch in der Planungsphase dieses Blogs. Und ich weiß nicht, wo es uns hinführt. Beobachterin statt Lenkerin des eigenen Lebens. Aber wer bestimmt den Weg? Das frage ich mich bereits seit vielen Jahren. Wer ist die graue Eminenz, die hier die Fäden zieht. Ich hatte tatsächlich in letzter Zeit gedacht, dass ich das wäre. Evtl. bin ich es auch, aber mitunter erscheint mein Leben bloß irreal und fremd. Stichwort: Depersonalisation und Derealisation. Ein zusätzliches Krankheitsbild, das ich neben DIS mit mir herum trage. Dabei bin ich hier schon sehr genesen. Insbesondere die Derealisation ist schon nahezu weg. Früher fühlte ich mich so, als lebte ich in einem Traum und die Realität hätte nichts mit mir zu tun. Oder vielmehr war es so, als sähe ich mir mein eigenes Leben stets als Film im Kino an. Sofort beim Blick aus meinen Augen begann früher die Kinoleinwand. Das habe ich gottlob nicht mehr.

Dennoch befinde ich mich derzeit in einem Zustand den ich lange nicht hatte. Allerdings muss ich zugeben, dass ich im letzten Jahr viel vor mir davon gelaufen bin. Ich wollte mich nicht mit meiner Realität konfrontieren. Mit dem Start des Blogs habe ich die Flucht beendet und mich meinem Leben gestellt. Gut so. Demnach erkenne ich, dass scheinbar im Alltag mehrere präsent sind. Auch jetzt wieder das gemeinsame Schreiben. Ich/Wir habe/n gestern wieder Yoga gemacht. Das tat uns sehr gut. Wollte heute auch noch Übungen machen und merkte, dass es zuviel wurde. Also abgebrochen. Das ist für mich das Wichtigste an der Yoga-Praxis, immer genau hinhören und hineinspüren und keinesfalls überfordern.

Wobei viel ist mir bei vorsichtigem und sanftem Hatha-Yoga noch nie geschehen. Es kann sein, dass der nächste Tag aus dem Kalender gestrichen gehört. Allerdings gibt es auch immer sehr interessante Einsichten. Also doch ein wertvoller Tag, nach einer minimalen Überdosis Yoga. Ein viel zu viel kann auch schlimm ausgehen. Fazit: Immer schön  achtsam und sanft mit mir/uns selbst.

Warum es mir wichtig ist, dem vorhergehenden Beitrag „Alles Lüge“, diesen nachzuschicken? Schäme ich mich dafür ihn veröffentlicht zu haben? Eigentlich bin ich stolz darauf, aber unsicher über die Reaktion der Leser/innen.

„Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“

Ingeborg Bachmann

Es war eine emotionale Eruption, aber weshalb nicht zu meinen Gefühlen stehen? Ich hoffe sehr, keine/n verletzt zu haben, die/der ohnedies selbst kämpft. Da kann ich nur auf die Eigenverantwortung meiner Leser/innen zählen. Hört bitte auf zu lesen, wenn es nicht passt. Hörte in meiner Therapie über die Notwendigkeit die eigenen Gefühle zuzulassen um gesund zu werden. Ich bemühe mich, nicht nur am Blog emotional zu werden, sondern auch in der Therapiestunde. 😉 Emotionen sind die eine Sache, Schilderungen von erlebter Gewalt eine andere. Diese versuche ich auf alle Fälle als mögliche Trigger zu kennzeichnen. Dass Betroffene jedoch nie vor Triggern gefeit sind, da einfach alle etwas anderes triggert und es im Alltag wirklich ausreichend davon gibt. Im TV und auf der Straße. Darüber herrscht soweit ich es bislang in anderen Blogs gelesen habe Übereinstimmung. Allerdings glaube ich nicht, dass es notwendig ist übermäßig Gewaltschilderungen in den virtuellen Raum zu senden. Dazu gibt es einen hervorragenden Beitrag von Ein Blog von Vielen, den ich hier gerne verlinke und zitiere.

Es gibt Menschen, die zu Opfern wurden, für die es ein Weg ist Menschen schonungslos zu behandeln, wenn es um die alltägliche Realität von Gewalt geht.
In meinem social media – Kosmos begegnen mir immer wieder mal Personen, die es für wichtig und angemessen halten Gewalterfahrungen in allen möglichen Details zu schildern um niemanden zu verschonen, so wie sie selbst nicht verschont wurden.
Für mich ist das eine Form Gewalt weiterzutragen und kein inhaltlicher Diskursbeitrag. Leider ist es nicht üblich offen als zu Opfern gewordene Menschen auftretende Personen auf gewaltvolles Handeln aufmerksam zu machen. Schon gar nicht gibt es genug etablierte Praxen anzuerkennen und zu verinnerlichen, dass eigene Gewalterfahrungen nicht davor schützen selbst Gewalt auszuüben.

Ich gestehe, dass mich dieser Text von H.C. Rosenblatt sehr nachdenklich gemacht hat und ich in dieser Klarheit die Weitergabe von Gewalt bloß durch das Schildern der erlittenen Gewalterfahrung nicht gesehen habe. Sich stattdessen den Opferbegriff, wie in diesem wirklich äußerst lesenswerten Artikel angeregt, im Diskurs positiv anzueignen, ist eine Überlegung wert.

An alle, die es bis hierher geschafft haben, meinen Beitrag zu lesen, ein herzliches Danke.

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6 Gedanken zu „Leben mit DIS #1“

  1. Ich bin unbeteiligt, was meine eigene Geschichte angeht. Ich habe nie direkt Gewalt erfahren. Jedoch kann ich mich dem Gedankengang durchaus anschließen, dass auch ’nur‘ gelesenes eine Art von Gewalterfahrung darstellen kann.

    Ich stolperte einmal auf eine Seite, die gestorbener Kinder, Opfer häuslicher Gewalt und Misshandlungen, gedachte. Indem sie ihre Geschichten erzählte. Ich klickte auf einen Namen und las die ersten fünf Zeilen, bevor sich mir fast wörtlich der Magen umdrehte und ich die Seite schockiert schloss. Diese fünf Zeilen verfolgten mich Monate und versetzten mich in den Zustand höchster Aufgewühltheit und Anfangs auch höchsten Entsetzens.

    War das nun Gewalt vom Autor? Ja, ein Stück weit bestimmt. Aber ich habe es selbst gelesen. Ich konnte die Erfahrung beenden, als ich merkte, dass es zuviel ist. Trotzdem hat das Wenige was ich dort las mich lange begleitet.

    Das berechtigt aber nicht dazu, dass Menschen gesagt wird, sie dürfen nicht sprechen oder sich nicht anders mitteilen. Gerade Sprachlosigkeit verurteilt viele zu abgeschottetem Leiden. Gerade weil viele sich dieses Leid einfach nicht vorstellen können und sonst nie verstehen werden, wenn diejenigen, die davon berichten könnten schweigen, weil sie selbst verletzen würden, wenn sie ihr Leid weitergeben.

    Gerade weil die Menschen, die ohne diese Erfahrung aufwuchsen, in der Lage sind, für sich zu entscheiden, ob sie daran teilhaben wollen oder nicht. Ein Gespräch sollte kein Zwang sein, wenn die Teilnehmer frei entscheiden können, sehe ich nichts Verwerfliches daran. Das Bewusstsein für die Problematik, bei Unbeteiligten wie Beteiligten, sollte aber vorher hergestellt worden sein.

    Ich persönlich finde es gut, dass ich auf diesem Weg Einblick in eure Sicht erhalten kann. Weil ich nicht wegschauen will. Und weil ich ‚wissen‘ will. Danke euch dafür.

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    1. Liebe Ms Phye,

      danke für dein Interesse an dem Thema häusliche Gewalt und deren Folgen und damit auch an meinen Lebenserfahrungen. Es freut mich, dass es Menschen gibt, die obwohl nicht selbst betroffen verstehen mögen, was es bedeutet dies erlebt zu haben.

      Ich möchte dir gerne uneingeschränkt Recht geben, weiß jedoch, dass das mit der freien Entscheidung für ein Gespräch darüber leider nicht so einfach ist. … Verkürzt dargestellt wissen oft beide Seiten nicht so ganz worauf sie sich einlassen, weil sie es nicht wissen können. Es ist ein solch emotionaler Inhalt, dass eben Aufgewühltsein bei beiden Gesprächspartner/inne/n schnell entstehen kann. Dennoch es muss berichtet werden, um persönlich zu heilen und zugehört werden um gesellschaftlich zu heilen. Oder eben geschrieben und gelesen werden. 😉

      Danke dir für deine Worte, es sind die Menschen, die mutig hinsehen (mögen), die mir/uns Mut machen und die Kraft geben unseren Weg weiter zu gehen. 🙂 .

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  2. Hallo, Benita 🙂
    Ich hatte deinen Blog gestern im Reader entdeckt und bin im Moment dabei, ihn zu lesen.

    Dieser Beitrag macht mich nachdenklich.
    Sicher – man kann natürlich fragen, weshalb man erfahrene Gewalt weiter tragen; erzählen müßte/sollte. Warum man hierdurch u.U. anderen „Gewalt antut“.
    Wobei sich meiner Meinung nach jeder Leser SELBST entscheidet, zu lesen.

    Auch ich erzähle manches Mal in meinem Blog von Erfahrungen; von Gewalt, die mich getroffen hat.
    Im Moment bin ich unschlüssig darüber, ob ich sie hierbei wohl „abschwäche“; ob ich sie „schwammiger“ mache; weniger detailliert….

    Vermutlich.
    Es geht nicht um Weitergabe von Gewalt – wie sollte das auch gehen? Mit Worten? Worte würden die Schmerzen und Qualen niemals derart körperlich und seelisch fühlbar und sichtbar machen können, wie es Taten taten.

    Aber vielleicht geht es um Ausdruck von Wut; von Hilflosigkeit; von Suche nach einem Unterstützer (damals – vielleicht auch heute). Vielleicht geht es darum, Menschen welche von Gewalt verschont waren zumindest einen kleinen, ein bißchen fühlbaren Eindruck dessen zu vermitteln, wie man fühlt als Kind.

    Und vielleicht geht es auch hierum, dass Außenstehende endlich aufhören zu glauben, sie wären in der Lage zu urteilen und zu bewerten.
    Sie hätten auch nur den Hauch einer Berechtigung, Dinge zu sagen wie „So schlimm war das doch garnicht“.
    Und Fassungslosigkeit auszudrücken darüber, dass Erwachsene stets dazu neigen, die Verantwortung zu helfen solange an den nächsten weiter zu geben, bis Hilfe nicht mehr hilft.
    Liebe Grüße, Floh

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    1. Liebe Floh, willkommen bei mir 🙂
      danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ich weiß nicht, ob du den originalen Beitrag von Hannah C. Rosenblatt gelesen hast, der natürlich viel genauer auf diese Thematik eingeht. Ich habe es geschrieben, weil mich dieses Zitat lange beschäftigt hat. Habe dann gemerkt, dass es auch getriggert hat bei mir. Und wollte dazu dann auch noch einen Text nachschicken, der bereits tlw. als Entwurf vorliegt.
      Deine Worte haben mich jetzt inspiriert, diesen Beitrag endlich zu veröffentlichen. Verzeih daher, wenn ich nicht genauer auf deine Ansicht eingehe, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Ich sehe beide Seiten und kann sie verstehen. Ich selbst habe bereits am Blog Gewalterinnerungen (als Traum) veröffentlicht und stehe dazu.
      Ich ersuche dich jetzt noch um etwas Geduld bis ich den Text dazu fertiggestellt habe. Vielleicht schaffe ich das noch heute, kann es aber nicht versprechen.
      Liebe Grüße Benita

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