2. Geburtstag – Alter: 10 Jahre

und damit meine ich kein Innenkind.

Zum Bild: Besser das Leben hängt am eisernen Faden statt am seidenen.

Heute vor 10 Jahren hatte ich meine Krebs-Operation. Damals wollte ich nicht mehr. Wir wollten nicht mehr. Wir wünschten uns ein Ende des Leides und meinten damit ein Ende zu leben. Denn anders hatten wir keine Vorstellung davon, dass das Leid beendet werden könnte.

Dann kam die Diagnose. Eierstockkrebs. Ich sollte sofort operiert werden. Das sofort war binnen 6 Tagen. Und dann im Spital. Wir wollten leben. Damals im Angesicht des Todes war es uns unvorstellbar, nicht mehr zu sein. So viele Ideen hatten wir noch nicht umgesetzt. Der Plan unser Buch zu schreiben war bereits viele Jahre davor entstanden und noch nicht verwirklicht. Und nicht einmal ein halbes Jahr davor hatten wir unseren Neffen kennengelernt. Er war zum Zeitpunkt der Operation etwas über ein Jahr alt. Wir hatten noch nicht gelebt, wie konnten wir da bereits sterben? Wir waren so tapfer im Spital und so mutig. In diesem Moment war es der Mut der Verzweiflung gewesen, der keine Ruhe lässt nachzudenken. Denn Zeit zu überlegen hätten wir möglicherweise gehabt, wenn uns bewusst gewesen wäre, dass wir uns diese nehmen können.

Hier griff sofort ein frühes Überlebensmuster. In der Organisation und Bewältigung existenzieller Krisen bin ∑ich geeicht. Da gibt es keine Schockstarre, keinen Moment der Überlegung, wie es weitergehen soll. Dafür war nie Zeit gewesen, als ich Kind war. Es musste gehandelt werden – sofort, andernfalls wäre ich gestorben. Vor zehn Jahren, in meinen späten 30ern hatte ich dieses Muster noch nicht abgelegt. ∑Ich hoffe von Herzen nicht herausfinden zu müssen, ob ich noch immer so handeln würde. Aber es gibt Sicherheit, diese Fähigkeit in sich zu wissen, in politisch und gesellschaftlich unsicheren Zeiten, wie den momentanen.

Als Exkurs möchte ich hier allen Gewaltopfern gedenken und ihnen und ihren geliebten Menschen Kraft, Mut und Hilfe wünschen, wie auch immer diese aussehen mag. Ich wünsche den Opfern und den Täter/inne/n die Möglichkeit die Hilfe wahr- und anzunehmen, die aus der Gewaltspirale herausführt.

Zurück zum Text: Da der Tumor den Darm abdrückte, mussten wir in die Notaufnahme, wo es zu einer ersten Diagnose gekommen war. Am nächsten Tag sollten wir weiter untersucht werden. Aber im größten Spital Österreichs war es unmöglich eine Gynäkologin zu bekommen. Also verweigerte ich die Untersuchung, bis ich von einer Ärztin begutachtet werden konnte. Der zurückgewiesene Professor war nicht bereit mir den beunruhigenden Befund zu erklären, wenn ich ihm nicht erlaube mich/uns zu berühren. Da nützte auch nicht unseren Wunsch nach einer Frau mit massiven sexuellen Gewalterfahrungen zu begründen. Hier hatte wohl ein ausgeprägter Überschuss an Narzissmus den Mangel an Empathie noch übertroffen. Vielleicht war es aber auch schlicht Angst des Arztes. Das Unwissen, wie mit Traumatisierten umzugehen sei. Sexuelle Gewalt und die Folgen scheinen in der Ausbildung zum/zur Fachärzt/in für Gynäkologie nicht vorzukommen. Ich wäre glücklich, wenn mich jemand vom  Gegenteil überzeugen könnte.

Noch vor der Aufnahme hatte ich alles vorbereitet. Hatte mehrere Notfallsansprechpartner/innen zur Hand, die mich im Falle eines Flashbacks stabilisieren könnten. Nach der Operation hatte ich keine Kraft, diese Helfer/innen anpiepsen zu lassen. Zudem steckte ich viel zu tief in einem Flashback. Meine Therapeutin holte mich heraus, als sie ohne vorherige Absprache anrief um zu erfahren, wie es uns geht. Ich bin ihr von Herzen dankbar dafür.

Damals im Spital hatten wir uns geschworen, nicht einmal in Gedanken unser Leben beenden zu wollen. Dieser Wunsch nach einem Ende kann viel zu schnell zur Realität werden. Es ist kein Spiel sich den Tod zu wünschen. Dieser Schwur hat uns in den vergangenen 10 Jahren oft aus Krisen herausgeholfen. Das erneuerte Bewusstsein, sich für das Leben entschieden zu haben. So wie wir uns als Baby und Kind täglich dem Leben zuwendeten. Auch Kinder können sterben, wenn alles zuviel ist. Wir haben überlebt, weil wir es wollten. Das Prinzip Hoffnung, war lange Jahre unser Leitfaden. Täglich dachten wir, dass heute, wenn die Eltern von der Arbeit heim kämen alles anders wäre. Nichts war anders. Bis wir mit 14 Jahren beschlossen zu flüchten, sobald es möglich ist.

Daheim vom Krankenhaus war es schwierig, Vertrauen zum eigenen Körper zu fassen. Krebs ist wie ein Betrug. Eine Erkrankung, die sehr lange keinerlei Schmerzen bereitet. Der weibliche Unterleib bietet viel Platz für einen Tumor zu wachsen. Die Organe weichen einfach aus, wie sie es bei einer Schwangerschaft auch täten. Die Jahre und Yoga lehrten mich meinen Körper zu finden und bewusstes Vertrauen in meine Wahrnehmung. Die Überlebensmuster, die aus unserer Intuition entstanden waren, wurden ins Bewusstsein gehoben. Es ist ein fortwährender Prozess. Immer wieder spüre ich auch heute Teile meines Körpers nicht, oder als fremd und nicht zu mir gehörig. Mitunter sehe ich zu wie meine Hand etwas schreibt, das ich nicht denke – wenn ein anderes Innenwesen schreibt. Das ist Alltag. Die Krebserkrankung hat ∑mir geholfen, diese Phänomene zu akzeptieren und uns unserer Vergangenheit zu stellen. Wie bereits erwähnt hatte ∑ich schon davor den Plan ein Buch zu schreiben, aber wir flohen vor den Erinnerungen. Wir wollten das Thema sexuelle Gewalt rein wissenschaftlich und emotionslos beleuchten. Nur nicht zuviel fühlen. Das ging nicht. Das hat uns die Krankheit gezeigt. Aber bis zum Schreiben brauchte ∑ich noch Jahre.

Hat uns der Krebs den Weg gewiesen? Eher nein, aber den nötigen Tritt in den Allerwertesten gegeben, damit aufzuhören uns leid zu tun. Agieren statt Vegetieren wurde uns dringend aus Herz gelegt dadurch.

Und heute 10 Jahre nach der lebensrettenden Operation? Es ist ein anderes Leben als damals. ∑Ich habe neben Yoga noch andere Methoden gesucht, die mir helfen sollten zu genesen. Letztendlich war ich sogar bei einem Heiler in Brasilien. Die Begegnung mit der Heilkraft von Joao de deus hat mein Dasein ins Positive gekehrt. Das bedeutet nicht, dass alles gut ist, wie andere Texte bereits gezeigt haben. Es zeigte uns aber einen anderen Zugang zum Sein. Das zu beschreiben ist einen eigenen Beitrag wert. Heute zu meinem zweiten 10. Geburtstag, bin ich beschäftigt mit der Umsetzung dessen, das ich im Spital erstmals so nachdrücklich erkannte. Doch es gibt noch sehr viel zu tun. Denn statt zu feiern, sitze ich hier und erzähle virtuell von meinen Erkenntnissen. Statt im Freundeskreis anzustoßen und gefeiert zu werden, dafür dass es mich noch gibt und dafür dass es auch eine Leistung ist noch hier zu sein, stelle ich stattdessen manche Freundschaft in Frage. Vielleicht gerade deshalb, weil mein Glück nicht so geteilt wurde, wie ich es erhoffte. Weil es kein „Juhu, so eine Freude!“ gab, wo ich das Datum in Erinnerung rief. Weil ich nicht wusste, mit wem ich feiern wollte oder wer sich Zeit für mich nähme. War all die Arbeit abermals zu überleben umsonst? Das nicht, nur ich bin noch nicht soweit, für mich selbst leben zu wollen. Im Überleben sind wir gut, bis zur Lebendigkeit ist noch ein Weg zu gehen.

Und nicht zu vergessen: über Krebs zu sprechen überfordert viele Menschen ebenso, wie über sexuelle Gewalt in der Kindheit. ∑Ich denke ∑meine Sammlung an tabuisierten Erfahrungen ist vollständig.

In einigen Wochen habe ich meinen letzten Termin zur Nachsorge im Krankenhaus.
10 Jahre nach der Diagnose Krebs gelte ich als GEHEILT.

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10 Gedanken zu „2. Geburtstag – Alter: 10 Jahre“

  1. Hallo Benita,
    Geburtstage von Innens feiere ich noch nicht, aber das ist eine gute Idee, zumal mich Deine biografischen Texte an meinen vor 4 Jahren geschehenen schlimmen Unfall (den ein Teil verursacht hat, der große Sehnsucht nach dem Jenseits hat) erinnert. Da ist eine „Neue“ rausgekommen, die die laufenden Flashbacks einiger sehr Kleinen, versuchte in den Griff zu bekommen.
    Dieser Unfall war m.e. aber auch notwendig – hatte er mir doch aufgezeigt, dass da was in mir war, das ich nicht länger ignorieren konnte.
    Ich lese Deinen Blog „wie einen Krimi“ – d.h. er ist so sehr spannend für mich…

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    1. Hallo Melinas,
      ich denke, dass du diesen Beitrag grundlegend falsch verstanden hast, denn es ist kein Geburtstag eines Innenwesens, sondern die Feier meine Krebserkrankung zehn Jahre überlebt zu haben!!!!
      Es verwundert mich nicht, dass du das nicht verstanden hast, da du scheinbar nur bei dir bist beim Lesen und nicht bei mir und meinen Texten.
      … ich habe diesen Kommentar nur deshalb freigeschaltet, damit ich dir dies aufzeigen kann und mich DAGEGEN ENTSCHIEDEN AUSSPRECHE!
      Es geht hier auf diesem Blog um MEIN LEBEN und nicht um einen „fiktionalen Krimi“!
      Ich werde also keinen Kommentar von dir mehr freischalten, in dem du nur von deiner Geschichte erzählst, die dir beim Lesen offenbar getriggert wieder einfällt.
      BITTE beginne ganz schnell Therapie zu machen, oder anders damit umzugehen, aber ich kann das nicht leisten, deine Lebensgeschichte übergestülpt zu bekommen, denn das ist respektlos mir gegenüber und es fehlt dir an jeglichem Mitgefühl für mich! SO lasse ich mich nicht behandeln!

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    2. Hallo Melinas,
      vielleicht bin ich mit meinem Kommentar zuvor etwas übers Ziel geschossen, das tut mir leid. ABER meinen Blog „wie einen Krimi“ lesen, das fand und finde ich sehr respektlos und es tut mir außerordentlich weh! Auch deine Mails überfordern mich enorm!

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  2. Hallo Liebes

    Ich bin sehr berührt von deinen Worten . Du wirkst so klar. Also im Sinne von, sich wörtlich ausdrücken können.

    Ich kann mir vorstellen das es viele Menschen gibt für die es nicht gewichtig ist ob es einen Tag gibt an dem man sich entschieden hat.

    Irgendwann wird der Tag kommen an dem du diesen Tag nur für dich „feierst“ und du wirst überwältigt sein denn das ist mehr als uns irgendein bekannter an Emotionen mit auf den Weg geben kann.

    Alles gute dir und Wow was für eine starke Frau

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    1. Liebe Butterfly,
      danke für deine lieben Worte und auch du kannst dich gut ausdrücken – wahrlich.

      Schade, dass ich ewig gebraucht habe den Kommentar im Spam-Ordner zu finden, wo WP ihn hinsteckte, warum auch immer. Ich wollte deine Zeilen unbedingt hier stehen haben, darum habe ich ihn jetzt genehmigt. Was soll schon sein.

      Danke, von Herzen. ❤ 🙂
      Ganz liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

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