Leben mit DIS #1a

mit Gedanken zu H.C.Rosenblatts These im Umgang mit eigenen Opferschaftserfahrungen

In meinem Beitrag „Leben mit DIS #1“ brachte ich gegen Ende ein Zitat von Hannah C. Rosenblatt.

Dieser Beitrag im Gesamten, wie auch der Ausschnitt den ich in meinem Text verlinkte beschäftigten mich lange. Eine stichwortartige Replik auf den Beitrag lag bereits nach Kurzem in meinem Ordner für Entwürfe. Die gelesenen Worte hatten mehrere in meinem System getroffen. Von ganz jung bis zum aktuellen Alter war für viele Innenpersonen etwas dabei und das in einer für mich damals aufgewühlten Grundstimmung.

Die Koinzidenz aus Leseerlebnis und labiler Gemütslage, auch durch eine vielleicht zu gut gemeinte Kombination von Yoga, Klangschalen und anderen meditativen Techniken, sowie zusätzliche familiäre Probleme, taten das Ihre um mich lange an den Inhalt zu binden. Einige Tage machten wir nahezu nichts anderes, als zu versuchen Ordnung in Gedanken und System zu bringen. Wir lagen viel und dachten, räumten in der Wohnung herum, meditierten und versuchten uns abzulenken – das war es dann schon. Und wir weinten viel, sehr viel.

Was aber hatte uns so mitgenommen? Nun lässt sich wie oben beschrieben unsere Verfassung keinesfalls nur auf den gelesenen Beitrag zurückführen. Dennoch erkannten wir, dass in Inhalt und Schreibweise Trigger für unterschiedliche unserer Lebensphasen verpackt waren. Zugleich inspirierte uns der Gedankengang sehr und wir hatten Spaß an der intellektuellen Auseinandersetzung. Das machte es so schwierig zu erkennen, dass der Beitrag triggerte und wo.

Wir möchten hier nochmals nachdrücklich klarstellen, dass es alleine in unserer Verantwortung lag, dass wir uns nicht aus dem Sog, den das Lesen für UNS auslöste distanzieren zu können. Wir hätten uns dem Inhalt zu einem anderen – stabileren – Zeitpunkt widmen können.

Der Text bot bloß einige Auslöser, die wir nicht zeitgerecht erkennen und entlarven konnten. Diese Lernerfahrung verarbeiteten wir in „Bloggen, Trigger und Lernen„.

Außer einem leicht schalen Beigeschmack, den ich mit „Leben mit DIS #1“ verband, der mir mehr passiert war, denn geplant gewesen zu sein, konnte ich das Kapital abschließen. Es kam die Osterwoche, die ich in sehr angenehmer Umgebung mit meinem „Therapiekater“ verbrachte. Das Haustier ist leider nicht mein eigenes, aber ich habe die Möglichkeit ihn immer wieder zu sitten. So entspannte sich der innere Aufruhr und neue Herausforderungen okkupierten unsere Aufmerksamkeit.

Aber Bloggen? Was als nächstes?  Wie ein Mahnmal waren meine Gedanken zu obigem Text notiert, aber wir drückten uns davor, weil es ein anstrengendes Thema ist, darüber zu reflektieren. Auch jetzt nötigt es uns viel mehr Zeit ab, als ich dachte. Inzwischen waren Entwürfe für andere Beiträge entstanden, aber nichts reif zur Veröffentlichung. Dann kam die Rettung in Form eines Kommentars von Flohhusten zu „Leben mit DIS #1“. Die Entscheidung war mir erleichtert worden. Ich hatte den nötigen Bogen, um dieses Thema wieder aufgreifen zu können.

Was aber denke ich zum Beitrag auf Ein Blog von Vielen?

H.C. Rosenblatt untersucht sehr ausführlich die „Offenheit mit der eigenen Opferschaftserfahrung als emanzipatorische Umgangsentscheidung“ aus ihrer ganz persönlichen Sicht. Sie schreibt darüber, wie Opfer im Diskurs nicht zu Wort kommen bzw. falls doch gerne nicht für voll genommen werden und es sich ihrer Ansicht nach (und meiner auch) um eine verinnerlichte alltägliche Gewaltkultur handelt, wiewohl ich ihrer Darlegung nicht zur Gänze folge.

Selbst wenn ich hier versuche H.C. Rosenblatts Text zu komprimieren um damit auf meine Argumentation überzuleiten, empfehle ich doch das Original zu lesen, vor allem weil ich hier nur in  Ausschnitten darauf eingehe. Alles hier Geschriebene ist meine Interpretation und somit nur bedingt geeignet zu erkennen worum es auf Ein Blog von Vielen ging.

Hinsichtlich einer positiven Aneignung der Opferschaftserfahrung, d.h. sich selbst als Opfer im Diskurs zu bezeichnen, erkannte ich, dass ich stets DIS als Reaktion auf frühkindliche Gewalterfahrungen verwende, um die leidvollen Erlebnisse kaum schildern zu müssen. Dadurch identifiziere ich mich selbst mit der Krankheit und kann sie nicht loslassen. Es verhindert also Heilung, ja selbst die Vorstellung, dass DIS zur Gänze geheilt werden kann, da ich sonst die Berechtigung für all die Jahre der Therapiearbeit verliere und sich die Gewalterfahrung quasi in nichts auflöst. Das stimmt selbstverständlich nicht, aber die Identifikation bringt diese Verknüpfung mit sich. Die Bezeichnung als Opfer allerdings behält lebenslang seine Gültigkeit für ∑mich, wie weit auch immer ich geheilt werden kann. Weil es  der Wahrheit entspricht. Ich wurde zum Verbrechensopfer und das bleibt stets mit mir, ohne daraus irgendeine Berechtigung etc. ableiten zu wollen. (H.C. Rosenblatt beschreibt sehr schön die Ängste der Mitmenschen, dass „die etwas von mir will“ wenn sie die eigene Opferschaft ins Treffen führt.)

Dann wird im Originaltext der von mir in „Leben mit DIS #1“ zitierte Absatz erwähnt, in dem es darum geht, dass das Schildern der erlebten Gewalt in allen Details ein Weitertragen der Gewalt sei. Darauf bezieht sich auch Flohusten in ihrem Kommentar.

Achtung! Im Absatz nach der Zwischenüberschrift werden Worte offen benannt, die evtl. triggern könnten?

Die Tatsache, ob und wie weit über Gewalterfahrungen gesprochen werden soll, ist ein weites Feld. Hierzu gibt es auch in der Traumatherapie unterschiedliche Ansätze. Einerseits wird vertreten, dass darüber gesprochen werden muss, um die ehemalige Position der Ohnmacht zu durchbrechen und das Geschehen zu integrieren, wo hingegen andere meinen, dass es sogar schädlich sei die erlittenen Verbrechen zu benennen, da so im Gehirn immer wieder ein Neuerleben und damit eine Retraumatisierung stattfindet und sich die erlebte Erfahrung verstärkt. So, wie wir durch Wiederholung lernen.

∑Ich vertrete beide Positionen und zwar im therapeutischen Kontext ebenso, wie im gesellschaftlichen Alltag. Das bedeutet für mich, dass ich nicht überall und jedem in allen Details die Schrecken des Erlebten unterbreiten muss, aber doch, dass es wichtig ist über diese grausamen Erfahrungen Zeugnis abzulegen. Aber auch, dass es wichtig ist, das Erlebte einmal gut sein und ruhen zu lassen, dann wenn es integriert ist. Aber wann ist genug? Vielleicht ist Letzteres auch bloß der Wunsch, dass es einmal ganz vorbei ist. Und ganz vorbei ist es für mich dann, wenn auf dieser Welt kein Kind und kein Erwachsener (Frau oder Mann) je wieder sexualisierte Gewalt erleiden muss.

Warum sollte über erlebte Gewalt gesprochen bzw. geschrieben werden und wann?

Gewalt gegen Kinder ist Realität auch sexuelle Gewalt, Folter, Zwangsprostitution etc. Die Täter wollten ∑mich mittels Todesandrohung davon abhalten jemals über diese Ereignisse zu sprechen. Dieses Verbot ist Jahrzehnte danach in ∑mir in Teilen noch immer aufrecht. Jedes Erzählen ist für ∑mich eine Art der Selbstermächtigung. Ich kann damit die abgespaltenen oder verdrängten Zeiten meines Lebens annehmen und dazu stehen. Ein abermaliges Verbot empfinde ∑ich als Retraumatisierung. Und genau dieser Absatz, den ich selbst zitierte hat mich auch getriggert. Sofort kamen die Drohungen wieder hoch und die Todesangst.

Sollte ich durch das Zitieren, bei anderen eine schwierige Situation ausgelöst haben, möchte ich mich heute und hier dafür vielmals entschuldigen. Ich weiß, dass es das nicht ungeschehen macht, daher verspreche ich in Zukunft vorsichtiger zu sein. Allerdings muss ich auf die Eigenverantwortung der Leser/innen vertrauen. Das Leben insbesondere für Traumatisierte ist voller Trigger und diese sind so individuell wie die erlittene Gewalt, der je eigene Charakter und angeeignete Überlebensmechanismen.

Ich verstehe H.C. Rosenblatt so, dass sie kein Schweigen über Gewalterfahrungen kennt. Das sehe ich  anders. Das generelle Schweigen über Gewalt an Frauen und Kindern ist nicht mehr in dem Ausmaß gegeben, als noch vor 30 Jahren oder mehr. Allerdings nur, weil feministisch engagierte Frauen und auch Männer es über Jahrzehnte immer wieder zum Thema machten. Weil frühere Opfer über ihre Erfahrungen sprachen und auch darüber, deshalb zwangspsychiatrisiert, niedergespritzt und sogar entmündigt worden zu sein. Diese Zeiten sind nach vielen Kämpfen glücklicherweise vorbei. Ich denke aber, dass diese Errungenschaften sehr junge Pflänzchen sind, die allzu groben Stürmen nicht trotzen können. Und wir leben hier in Mitteleuropa auf der so genannten Insel der Seligen. Global gesehen ist Gewalt gegen Frauen und Kinder zumeist ein einziges Schweigen. Im Schlimmsten aller Fälle ist Stillschweigen die einzige Möglichkeit nach einer Vergewaltigung zu überleben, da die Staatsgewalt für das Opfer und nicht für den Täter ein Todesurteil fällt. Dazu möchte ich sagen, dass ich strikt gegen die Todesstrafe bin, gleich welches Gewaltverbrechen. Es gibt aber genug Länder, in denen diese Täter-Opfer-Umkehr die gängige Rechtspraxis darstellt und Täter straffrei bleiben.

Wiewohl ich finde, dass die positive Aneignung des Opfer-Begriffs eine feine Möglichkeit im Diskurs darstellt, lässt sie Gesprächspartner/innen denke ich auch ahnungslos zurück, wie denn mit dieser Aussage nun umgegangen werden sollte. Bei allem Wohlwollen ist es unmöglich zu erahnen welche Form der Opferschaft nun gegeben wäre. Im persönlichen Gespräch ist es nicht erforderlich auf Gewalterfahrungen detailiert einzugehen, ein Anhaltspunkt um welche Art des Leides es sich handelt ist dennoch hilfreich, um den Menschen den Umgang zu erleichtern.

Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass je selbstverständlicher ich mit meiner Gewaltgeschichte umgehe, umso weniger verkrampft und verängstigt reagiert das Gegenüber. Entspannt damit umzugehen erfordert jedoch Übung, viel Mut und auch ausreichend Menschenkenntnis, um nicht durch die Ablehnung der Mitmenschen abermals zum Opfer gemacht zu werden. Es gilt ein Gespür zu entwickeln, wann gesprochen werden kann und wann besser nicht.

Aus diesem Grund ziehe ich das geschriebene Wort dem gesprochenen vor. Ein Text erlaubt den Leser/inne/n sich in der je eigenen Zeit darauf einzulassen. Eine Überforderung durch die dargelegten Gewalterfahrungen kann so verhindert werden. Denn jede/r hat die Möglichkeit das Lesen zu beenden. Nun das geht nicht so einfach, wenn sich ein Trigger festgesetzt hat, aber doch unkompliziert im Gegensatz zum Gespräch.

Bedauerlicherweise ist es manchmal so, dass der innere Drang zu sprechen bei  Traumatisierten sehr groß sein kann. Das sind oft Menschen, die gar nicht richtig wagen sich dem inneren Schmerz in einer Therapie zu stellen oder NOCH NICHT soweit sind. Stattdessen überschütten sie so viele Personen wie nur möglich mit ihrem Leid und tun sich selbst und den Zuhörenden sehr wohl Gewalt an auf ihrer Suche nach Hilfe. In diesen Fällen halte ich es für eine Weitergabe der Gewalt. Hier ist ein Stopp von Nöten, eine Abgrenzung und Distanzierung durch die zu Gesprächspartner/inne/n gemachten. Aus dieser Situation ohne Retraumatisierung herauszukommen ist schwierig, umso mehr, wenn auch die/der Zwangszuhörende traumatisiert ist.

Das heißt, dass in Therapien meines Erachtens über die erlittene Gewalt gesprochen werden muss, um diese zu integrieren. Ich denke aber, dass manches Leid nie ausgesprochen werden kann. So wie wir Alltägliches, wie das gemeinsame Essen kaum als viele Einzelereignisse erinnern, so wird auch eine alltägliche Gewalterfahrung nicht in Einzelheiten erinnerbar sein. Es war Normalität, selbst wenn nichts daran gesund war. In diesen Fällen gibt es auch andere Möglichkeiten Traumata zu integrieren, obgleich sie evtl. davor niemals ausgesprochen wurden.

Mit Freund/inn/en muss es ebenso möglich sein, auch schwierige Themen anzusprechen, allerdings sehr wohl mit entsprechender Vorsicht und Sensitivität. Wie H.C. Rosenblatt auch beschreibt, gibt es auch viele andere Erfahrungen, die es zu teilen gilt. Für mich entscheidet die Möglichkeit über meine schweren Zeiten sprechen zu können darüber, ob es sich um Freundschaft handelt oder eben nicht. Diese sind wie Psychotherapeut/inn/en wahrlich wichtige Zeug/inn/en für die Opfer.

Die Beschreibung des Aufbrechens der Dichotomie Täter – Opfer um die wichtigen Dritten, die Zeug/inn/en hat mir außerordentlich gut gefallen. Danke dafür.

Neben obigen Zeug/inn/en, die für die Opfer ganz wichtige Funktionen erfüllen, gibt es natürlich auch diejenigen, welche die Gewalttat bezeugen können oder könnten. Deren Verantwortung einzufordern ist ein außerordentlich wichtiger Schritt, denn zu oft werden die Opfer mit der Situation alleine gelassen. So werden Zeug/inn/en zu Mittäter/inne/n bzw. sind Zeug/inn/en und Mittäter/innen zugleich. Solange  etwaige Zeug/inn/en aber einfach das Weite suchen können, was sie wohl auch tun, da sie es psychisch selten schaffen die eigene Mitschuld zu bekennen, bleiben Opfer oft in der Doppelrolle Opfer und alleinige Zeugin zurück und sind damit auch immer in der Situation selbst Zeugnis ablegen zu sollen. Und zwar so lange es im alltäglichen Kontakt selbstverständlich ist, bewerten zu dürfen, ob es denn „tatsächlich so schlimm war“ oder ob die Gewalt überhaupt stattgefunden hat.

Daher mein Dank auch für das Einfordern eines Diskurses zu den Umgangsformen mit Opfern, ob diese  über ihre Gewalterfahrungen sprechen oder schreiben wollen oder auch nicht. Denn diese sehr persönliche Entscheidung obliegt letzten Endes einzig und alleine denen, die die Gewalt erleiden mussten.

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6 Gedanken zu „Leben mit DIS #1a“

  1. Schade, dass man eher Repliken schreibt, als Nachfragen an die Autor_innen, die man in mindestens einem Punkt gründlich missverstanden hat.
    Wäre etwas, dass wir uns für die Zukunft wünschen würden, wenn das irgendwie umsetzbar ist bzw. als umsetzbar vorstellbar erscheint.

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    1. Eine Replik ist meines Erachtens eine Form des Diskurses, die wie ich mich bemühte meine Sicht zu einem Thema darlegt, das mich beschäftigt hat. Ich habe dargelegt, dass es sich um meine Interpretation des Textes handelt und habe nie vorgegeben, den Beitrag auf den ich mich beziehe zur Gänze „verstanden“ zu haben.
      Da mir leider keine Kommentarfunktion zum Nachfragen zur Verfügung stand, ich aber aus unterschiedlichen Gründen (im Text beschrieben) auf einen öffentlichen Text auch öffentlich eingehen wollte, entstand mein Beitrag.

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      1. Das steht nicht „Ich verstehe H.C: Rosenblatt so, dass sie kein Schweigen der Opfer kennt.“ da steht, dass ich das negiere. Was falsch ist.
        Eventuell missverstanden, weil missverständlich formuliert. Dennoch falsch und mich in meiner Haltung falsch darstellend.
        Erlebe ich als schwierig und problematisch.
        Meine Emaiadresse ist im Blog hinterlegt. Ihr hättet nachfragen können (wenn ihr hättet können).

        Muss für uns nicht weiter diskutiert werden oder von euch gerechtfertigt.

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        1. Zitat aus meinem Text „H.C. Rosenblatt erkennt kein Schweigen über Gewalterfahrungen.“, da steht nichts von negieren. Dass es dennoch so ankam, tut mir leid, vielleicht war das zu scharf formuliert.

          Das ist keine Rechtfertigung sondern meine Entscheidung etwas klar zu stellen, danke für die Möglichkeit.

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