Perspektiven von Muttertag

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Zitat von Hannah Arendt

Der Muttertag hat mich selten so stark getroffen wie dieses Jahr. Vielleicht funktioniert meine Verdrängung nicht mehr so wie früher? Sicher, und es ist Vieles vorgefallen seit letztem Jahr. Begebenheiten, die ihre Auswirkungen auf meine Wahrnehmung von Muttertag  heuer intensivierten. Vor allem er scheint diesmal kein Ende zu nehmen.

Vor einer Woche mein bislang letzter Trigger zum Ehrentag der Mütter.

Ich war auf der Buchpräsentation einer lieben Freundin. Sie hat ihre Erfahrungen mit dem Verlust ihrer Tochter zu Papier gebracht. Keine Ahnung woran wir bei der Vorbereitung auf diesen Abend gedacht hatten? Vor allem nicht daran, dass uns die Lesung so derart treffen könnte. Obwohl? —  Genaugenommen wäre dies vorhersehbar gewesen.

∑Ich hatte mich bloß mit ihr gefreut, dass sie es geschafft hatte alles niederzuschreiben. Wie sie aus der Trauer gewachsen war. Dass sie einen Verlag gefunden hatte. Und dann die Präsentation getragen von ihren vielen Talenten: Gesang, schauspielerische Lesung und die eigenen Texte. Irgendwie war ich auch stolz gewesen, eine derart begabte Frau Freundin nennen zu dürfen. Gut gemacht und ich vergönne es ihr, aber da war dieser Stich. Mein Schmerz mit meiner Geschichte in der der Verlust eines Kindes nur einen Bruchteil der schlimmen Erfahrungen meines Lebens ausmacht. Einen sehr belastenden, aber eben bloß ein Teil und nicht die Zäsur meines Lebens. Oder doch auch. Eine Zäsur von mehreren!  Ich bin verwirrt, verletzt. Es ist etwas aufgerissen, das ich dachte besser verdrängt zu haben. Denn verarbeitet habe ich es nicht. Noch immer nicht. Nach  33 Jahren.

Ich weiß selbst, dass Leid nicht zu vergleichen ist. Vollkommen unnötig. Als Widmung schrieb sie mir „alles Gute für dein Buch“ in das ihre. Nach diesem wundervollen Abend bin ich noch mehr entmutigt. Ob es mir jemals gelingen kann, meine Autobiographie fertig zu schreiben und zu veröffentlichen? Und bei diesen Zweifeln denke ich, dass ich bloß in der Realität ankomme, wenn ich erkenne, was ich eben nicht kann. Nein ich bin keine ausgebildete Sängerin und Schauspielerin. Das muss ich auch nicht sein, um ein Buch zu publizieren. Ich wollte zu meinem 50 Geburtstag mit dem Schreiben fertig sein. Ich habe noch 6 Monate zur Vervollständigung. Ein Vorhaben, das ich nicht in dieser kurzen Zeit realisieren werde können — und zum heutigen Zeitpunkt auch nicht werde wollen.

Ich habe begonnen, das Buch meiner Freundin zu lesen. Nein, ihre Erfahrung ist mit meiner nicht vergleichbar. Es geht auch kein Aufrechnen, da war ihre Situation schwieriger, da meine. Mit allem das ich von ihr weiß, würde ich gerne mit ihr tauschen? Gestern hatte ich dieses Gefühl und heute auch noch, dass selbst ein Erlebnis, das alle mit ganz viel Mitgefühl bedenken für mich so einfach wiegt. „Peanuts“, sagte ich früher immer. „Lächerlich“, und deswegen regen sich die Leute auf? Verhärtet, weil niemand sehen mochte, wie es mir ging. Heute wird mein früheres Leid teilweise gesehen. Ich bin innerlich weicher geworden. Kann über schmerzhafte Begebenheiten weinen, die wir erlebten. Aber loslassen, das kann ich nicht. Nicht zur Gänze, obwohl sie schon sehr an Dramatik in mir verloren haben.

Nun, die Gefahr überbehütet zu sein nach einem Schicksalsschlag kenne ich nicht. Entweder ich kämpfe weiter oder ich sterbe, so einfach war meine Rechnung. Aber auch so geht es allen. Es ist auch möglich seelisch zu sterben, wenn eine/r nicht mehr aufstehen mag und weitergehen. Der seelische Tod kann auch eintreten, wenn rundum Fürsorge gegeben ist?! Denke ich. Es ist eine Sache des Charakters, des Lebensmutes, der Fähigkeit die wahre Hilfe für eine/n zu erkennen. Jene Führung, die aus dem Elend herausführt.

Dennoch habe ich wieder geweint, als ich in ihrem Buch las. Nicht, weil es so schlimm war, was sie erlebte. Und es war schlimm. Aber es ist sehr positiv geschrieben. Sondern weil ich gerne eine Bestätigung hätte, schwanger gewesen zu sein. Ein Kind verloren zu haben. Alle, aber auch alle Anzeichen sprechen dafür. Nachdem ich nach dem spontanen Abortus von meinem Vater, der es mitbekam, nicht ins Spital gebracht wurde lässt es sich nicht eindeutig sagen. Ich war damals 17 Jahre jung. Er wusste warum: er war Vater und Großvater des Kindes zugleich. Damals hätte ich die Bestätigung bekommen können. Als ich soweit war die Situation einzuordnen, waren 15 Jahre vergangen. Es gab keine Möglichkeit mehr festzustellen, was diese enorme Blutung hervorgerufen hatte. „Im Zweifel für den Angeklagten“, auch das macht Schuldgefühle. Darf ich ohne Beweis eine solche Anschuldigung äußern? Wenn ich es nicht tue, sterbe ich innerlich ab. Wie das Kind in mir. Auch der Krebs, mit dem ich mich gegen mich wandte war eine Art von innen zerstört zu werden. Ich will aber leben. Dafür haben wir so sehr gekämpft als Kind. Daran arbeiten wir mit aller Kraft seit ∑ich denken kann.

„Das Baby war vermutlich sehr krank, dass es abging.“, dachte ich unter Tränen während meiner Yoga-Praxis letzten Sonntag.

„Wie kann sie um ein Kind trauern, dass aus einer Vergewaltigung durch ihren Vater entstanden war?“, mögen sich manche vielleicht fragen. Auch quält mich immer wieder, dass ein Abortus durch eine Abwehrreaktion der Mutter hervorgerufen werden kann. Nun, das wäre ja verständlich, aber da war auch dieses Gefühl, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben geliebt wurde. Innen, in mir. Wie hätte ich das loswerden wollen? Aber trauer(t)e ich je um das Kind? War es vielmehr die Situation, die sich in mein Herz eingegraben hatte? Aufzuwachen in einem erkalteten See aus Blut. Fröstelnd deswegen. Erschrocken. Nicht weil ich Angst um meine Gesundheit hatte. Die hatte ich nicht. Dazu fühlte ich mich viel zu wenig wert. Meine Gesundheit hatte in meiner Kindheit niemals einen Stellenwert.

Ich erinnere mich, als ich einmal als Kind mit hohem Fieber im Bett lag. Geschwächt durch die Erkältung, nach einigen Stunden Schlaf erwacht. Neben mir ein Plastikgefäß mit kaltem Tee (1,5 l). Das war alle Zuwendung, die ich zu erwarten hatte. Der Tee, der wohl schon Stunden neben meinem Bett stand war mittlerweile ausgekühlt. Die Menge zeigte, dass ich an diesem Tag und die folgende Nacht nicht damit zu rechnen hatte, dass sich irgendjemand um mich sorgen würde. Ich hörte die restliche Familie vergnügt beim Abendessen. Ich hatte Hunger. Ich fühlte mich zu schwach um ins Esszimmer zu gehen oder zu rufen. Auch zu gekränkt durch die Situation, die Ignoranz. Hungrig einschlafen, das war besser, als diese Menschen (wie ich vor allem meine Eltern nannte und nenne) um Hilfe zu bitten.

Zurück zur Begebenheit, als ich in einem mit Blut getränkten Laken erwachte. Es war also nicht meine Gesundheit, die mich erschreckte, ich bekam Panik, weil ich mein Bett „SCHMUTZIG“ gemacht hatte. Schnell zog ich es ab und versuchte das Blut auszuwaschen. Ich bemühte mich leise zu sein, was mir nicht gelang. Mein Vater war erwacht und kam zornig ins Badezimmer.  Als er das viele Blut sah, erstarrte sein Gesichtsausdruck. Er hatte Angst. Ich hatte noch nie gesehen, dass mein Vater vor mir, oder vor einer Situation die mit mir zu tun hatte, erschrak. Stets war es einfach für ihn, mich zu verurteilen, mir zu drohen, mich zu beschimpfen. Hier nicht. Er meinte bloß, dass ich am nächsten Tag nicht auf den geplanten Radausflug mitkommen müsse, wenn ich mich unwohl fühle.

Vielleicht blieb dieses Ereignis auch deshalb in meinem Gedächtnis als Bild förmlich eingefrohren. Es war das erste und einzige Mal, dass ich meinen Vater erschrecken sah. Dass seine Angst  seinen Jähzorn in die Schranken wies. Mit mir ins Spital zu fahren oder nachzufragen was los war, dazu wäre Liebe oder Fürsorge nötig gewesen. Beides empfand er mir gegenüber nicht. Meine Mutter würde dies verneinen, denn sie meint(e) stets, dass seine – auch sexuellen – Übergriffe mir gegenüber, die zum Teil in ihrer Gegenwart stattfanden, Ausdruck seiner Liebe mir gegenüber waren. Auch sie weiß nicht, was Liebe bedeutet, ist nicht fähig zu Empathie, das beweist diese, ihre Wahrnehmung und Einstellung gegenüber der Gewalt meines Vaters, ihres Mannes.

Muttertag — welche Bedeutung hat dieser Tag nun für ∑mich? Es ist ein Tag der Lüge, wenn ich meiner Mutter eine E-Mail schicke, weil sie es will und es mir das wert ist. Ich habe nur diese biologische Mutter. Wer weiß, wie lange noch. Sehen kann ich sie nicht, das ertrage ich nicht. Ihre Schuldzuweisungen, ihre Oberflächlichkeit, ihre psychische Abwesenheit.

Es ist ein Tag der Trauer, nicht bloß über diesen erlebten Abortus. Vielmehr um die Möglichkeit selbst Mutter zu sein. Ich wollte stets Kinder haben, aber zugleich meine erlebten Gewalterfahrungen nie weitergeben. Das ist ein Widerspruch und so hat es das Schicksal „gut“ mit mir gemeint, dass ich später niemals mehr schwanger wurde. Vielleicht wollte es nur mein Kopf und mein Körper war klüger. Ich wäre keine gute Mutter geworden. Aber es wäre ein Neubeginn gewesen, redete ich mir ein. Die eigene Familie in der ich alles anders gemacht hätte.

Nein, heute weiß ich, dass das unmöglich gewesen wäre. Vermutlich bin ich vor einem weiteren Schicksalsschlag verschont geblieben. Ein Kind hätte mich vollends überfordert. Der Krebs hat meinem Sehnen ein Ende bereitet. Vor zehn Jahren wäre es ohnedies schon reichlich spät gewesen, aber noch möglich. Theoretisch. Praktisch nicht.

Ich weine wieder. Wann bitte hört es auf weh zu tun? Ich schiebe den Schmerz weg. Vielleicht bis in ein nächstes Leben?

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12 Gedanken zu „Perspektiven von Muttertag“

    1. Danke dir für dein Mitgefühl! 🙂 Du brauchst dich doch nicht entschuldigen, wenn du nicht – oder später, oder nicht alles etc. liest. 🙂 Ich danke dir für’s nachlesen. 🙂 😀 Und ich hatte es gelesen, dass du mit Handy und PC einige Probleme hattest. Hoffe jetzt klappt alles wieder und es geht weiter bergauf.

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  1. Ich finde es gut, wenn du deine Gedanken und Gefühle aufschreiben kannst, das kann sehr heilsam sein.
    Verdrängen funktioniert irgendwann wohl nicht mehr so wirklich.
    Nur, wenn es unsere Seele besser findet, etwas im Dunkeln zu lassen, dann können wir auch aktiv nichts tun, um es ans Licht zu fördern.

    Auch ich habe eine solche Geschichte hinter mir, ich war 12 als ich von meinem Vater oder Großvater schwanger war, was weiter passierte, das werde ich wohl nie erfahren.
    So wie ich meine Mutter einschätze, hat sie eine Abtreibung vorgenommen, sie hätte es nie ertragen, wenn ihre Tochter so ein Kind bekommen hätte, schon gar nicht in diesem Alter.

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    1. Danke dir Illanah für das Teilen deiner Erfahrung. Es ist furchtbar, dass dir das in so jungen Jahren angetan wurde. Glücklicherweise hat mich meine biologische Entwicklung davor bewahrt.
      Die Seele gibt Erinnerungen frei und den Zugang zu Gefühlen, wenn ich soweit bin damit umzugehen, das habe ich für mich bislang gelernt.

      Immer wieder interessant ist für mich, dass ich selbstverständlich wusste, nicht alleine mit solchen Übergriffen und seinen Folgen zu sein, aber das du und „untertauchen“ hier auch eure Geschichten geteilt habt, bedeutet mir viel. Jetzt hat es mein Herz erlebt, nicht alleine damit zu sein, nicht nur mein Kopf.

      Ich danke dir, und wünsche dir, wenn du es magst, dass du Zugang findest zu deinen Gefühlen mit dieser schrecklichen Gewalterfahrung. Aber letztendlich ist es deine Entscheidung und das ist auch gut.

      Ich bin sehr dankbar, dass sich meine Seele einen Spalt geöffnet hat und Gefühle dazu kommen. Es fühlt sich „ganzer“ an, … immer mehr ICH.

      Herzliche Grüße

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      1. Kann ich verstehen. Mir hat es auch irgendwie gut getan, zu merken, dass ich nicht allein bin mit meinen Erfahrungen, ich dachte früher immer, ich sei die Einzige auf der ganzen Welt.

        Ich habe schon so gut wie alles wieder erinnert, ein echter Fortschritt, denn bis zu meinem 35. Lebensjahr wußte ich gar nichts, ich dachte immer, ich hätte eine halbwegs glückliche Kindheit gehabt.

        Ich finde es mittlerweile nicht mehr schlimm, wenn ich diese eine Erfahrung nicht mehr erinnern werde, meine Seele weiß, was gut ist. Es liegt nicht mehr in meiner Entscheidung, aktiv kann ich nichts dafür tun.

        Trude Simonson, ich weiß nicht, ob du sie kennst, sagte einmal „wenn es dem Körper zuviel wird, dann fällt er in Ohnmacht, wenn es der Seele zuviel wird, dann fällt sie auch in Ohnmacht und man erinnert sich nicht“. Sie hat als Kind viele KZ´s erlebt mit allen Grausamkeiten, kann sich haarklein an alles erinnern, sie war auch drei Tage in Auschwitz, daran kann sie sich nicht erinnern, das weiß sie nur aus Erzählungen.

        Ich sage immer, es lohnt sich, den Weg zu sich selbst zu gehen, auch wenn er sehr hart ist, weil uns viel genommen wurde und wir quasi von Null anfangen.

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            1. Ich habe das nie gedacht. Nur, dass ich einfach nur „normal“ sein wollte. Wollte die Erfahrungen durch Therapie ungeschehen machen. Im Grunde hatte ich nur die Wahl, hinsehen oder (innerlich) sterben.
              Ich bin sehr dankbar für alle Heilung, die ich bislang erlebte. Es ist ein neues, reiches (an Gefühlen, nicht an Geld 😉 ) Leben. Trotz Schwerem, das auch noch da ist, ging es mir noch nie so gut. 🙂

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  2. Ich mag nicht viel dazu schreiben, ausser dass ich in einer ähnlichen Situation war wie du. Ich wurde vergewaltigt, schwanger und habe das Kind verloren. Wobei ich habe es abgetrieben, es war keine Fehlgeburt. Ich denke oft daran, dass ich jetzt Mutter einer achtjährigen Tochter sein könnte. Das macht mich traurig, als hätte ich einen Teil von mir selbst verloren. Ich fühle Schmerz, Trauer, Ekel zugleich. Hätte ich doch… aber damit komme ich auch nicht weiter.

    Ich wollte nur sagen, dass ich dich gelesen habe. Tröstende oder aufmunternde Worte kommen mir leider keine in den Sinn. Ich wünsche dir, dass du die Kraft findest, damit zurechtzukommen.

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    1. Hallo,
      danke dir für deine lieben Worte und auch für das Teilen deiner Geschichte. … Ich denke, es ist schon ein Schritt, dass ich es so in Worte fassen konnte. … Ich wünsche auch dir Kraft. Es tut sehr weh, dennoch tröste ich mich eben damit, dass mir so erspart blieb die erfahrene Gewalt weiterzugeben an ein Kind, das ich vielleicht nicht so lieben hätte können, wie es jedes Kind verdient und auch braucht.
      Liebe Grüße

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