Familiengeheimnisse: The next generation?

Nicht mit ∑mir!

Als wir unseren Neffen kennenlernten, hatte er bereits 9 Monate Leben hinter sich gebracht. Also eigentlich 18 Monate. Die Hälfte davon im geschützten Raum. Ich hatte es gefühlt Tante zu sein und meinen Bruder kontaktiert, nach neun Jahren nahezu kompletter Funkstille, die bloß von der Nachricht des Todes meines Vaters unterbrochen worden war.

Es war nett von meinem Bruder, dass er mir dies persönlich sagen wollte. Ein amtliches Schreiben erreichte ∑mich damals nur Tage später.

Nach meinem Anruf und der Bestätigung, dass ich Tante bin, wurde es schwierig. Mein Bruder hatte Angst gehabt mir von seiner Vaterschaft zu berichten, da ich immer wieder meinte, dass er Therapie bräuchte und besser nicht Vater wäre, wenn er dies verweigert. Gemeinsame Therapiestunden um einander nach fast einem Jahrzehnt wieder zu finden und das erste Kennenlernen mit meinem Neffen folgten.

Das hatte ich mir gut überlegt. Ich war von allen Verwandten verlassen worden, als ich ein Kind war. Die Familie brach den Kontakt zu meinen Eltern ab – oder war es umgekehrt? – zu dem Zeitpunkt, als sie erkannten, wieviel Gewalt es bei uns gab? Oder hatten sie es nicht erkannt, sondern nur das Weite gesucht da meinen Eltern niemand so recht nahe sein wollte, der einigermaßen liebesfähig und einfühlsam war. Jene Verwandten fehlten mir. Verzeihen wollte ich diesen frühen und sehr existentiellen Verlust Jahrzehnte nicht. Ich konnte es nicht verstehen, dass sie uns Kinder mit diesen Eltern alleine ließen.

Das wollte ich niemals machen. Bei allen Schwierigkeiten mit meinem Bruder, war mir klar, dass ich das Vertrauen und die Liebe meines Neffen gewinnen möchte. Dass dies jedoch von mir Verantwortung für dieses junge Leben bedeutet. Zumindest solange er mich sehen möchte, werde ich da sein, schwor ∑ich mir. Mit dem Buben war es stets einfach für mich. Wir standen einander nahe, obwohl ich stets haderte, ihn nicht genug lieben zu können. Nicht die Leichtigkeit zu haben, die ein unbeschwerteres Leben mit sich gebracht hätte. Dennoch er besuchte mich stets gerne.

Heute, 11 Jahre später, wäre wieder Neffen-Tag gewesen. Ich hatte ihn fast zwei Monate nicht gesehen und freute mich auf den gemeinsamen Sonntag. Dennoch warf ich mir die gesamte Woche einen Knüppel nach dem anderen vor die Beine. In einer Woche insgesamt drei Nächte vor Computer- oder Handyspiel zu verbringen bedeutet massives inneres Chaos. Alleine ich konnte es nicht deuten. Ich schob es weg. „Es“ bedeutet, dass ich die Innenwesen nicht hören wollte, sie nicht verstehen konnte. Sie schienen sich in Fremdsprachen auszudrücken. Vielleicht, oder eher wahrscheinlich wusste wohl niemand was das Gefühlschaos sollte, das ich wirklich nicht haben wollte. Ich wollte eine ruhige Zeit mit meinem lieben Neffen. Das Weghören machte es jedoch schlimmer, oder nicht? Vielleicht musste es so kommen?

Mit Ach und Weh hatte ich meine Wohnung etwas aufgeräumt. Noch viel zu wenig. Eine chaotische Wohnung zeugt von einem chaotischen Innenleben. So ist es. Ordnung halten gehört nicht zu meinen Stärken und damit formuliere ich mir gegenüber wirklich nachsichtig. Meist schaffen wir es eine aufgeräumte Wohnung binnen zwei Tagen in ein kreatives Chaos zu verwandeln. Und nachdem wir einander schon gut kennen, leben wir meist in diesem Chaos und räumen nur gezielt ordentlich auf, wenn Besuch erwartet wird. Bitte nicht falsch verstehen, Chaos heißt Unordnung und nicht Schmutz. Es ist möglich zwischen Zeitungs- oder Bücherbergen zu putzen. Und Messie ist auch was anderes. Herrje, ich versuche gerade ein Bild meiner Wohnung zu vermitteln, ohne ein solches im Blog abzulichten. Das ist mir zu persönlich. Keine Ahnung welche Meinung ich damit bei meinen Leser/inne/n von uns schaffe. Vielleicht erhalte ich ja verständnisvolle Kommentare? Vielleicht auch nicht.

Das Aufräumen wurde diesmal von Handyspiel-Attacken blockiert. Wieso bitte? Tatsache ist, dass ich mir im letzten Jahr mit meinem Neffen gar nicht leicht tat. Ich hatte Aufmerksamkeit von ihm abgezogen und meinen Projekten (Blog und Buch) zugewandt. Er selbst ist auch in einem Alter, in dem es mit Gleichaltrigen immer netter wird und die „alte Tante“ nicht mehr ganz so cool ist. Dennoch mag er mich so, dass er es auf sich nimmt mich ohne Begleitung eines Freundes zu besuchen. Er schenkt mir Stunden zu zweit. Eine große Ehre. Warum bekomme ich es nicht hin? Nach nur vier Stunden Schlaf – Schlaf ist zuviel gesagt, denn ich wachte mindestens dreimal auf – beschloss ich das Treffen abzusagen. So wie ich beisammen war, wäre es ein schlimmer Tag für uns beide geworden. Meine Schwägerin, die mittlerweile von meinem Bruder getrennt lebt, hörte mir lange zu. Durch das Telefonat lichteten sich die Seelenwolken und es brach Licht ins Dunkel meiner Verwirrung.

Wir hatten uns als Schauspielerin gefühlt. „Benita“ ist nett, macht auf gute Laune und gemeinsam gibt es einen angenehmen Tag. Die Fragen meines Neffen, warum ich nicht arbeite (ich bin ja in Pension), oder warum ich keine eigene Familie habe, waren zu einer Zeit gestellt worden, wo es mir ein leichtes war, ausweichende Antworten zu geben. Damals war er definitiv zu jung für eine Erklärung des Sachverhaltes. Aber jetzt, wo er langsam in das Alter kommt, das mir erlaubte präziser zu sein, das uns erlaubte sein zu dürfen… Nein, keine Angst von DIS hätte ich ihm nicht erzählt, aber doch gerne von ∑meinem Buchprojekt, davon, dass ∑ich nicht nur daheim sitze und Däumchen drehe und warte bis ∑ich ∑mein Leben hinter ∑mich gebracht habe. Ich wollte ihm erzählen, dass ich in Pension bin, aber Pläne habe. Dass das Leben auch gut sein kann, wenn du um jeden Tag kämpfen musst. Dass es sich lohnt zu kämpfen. Dass ich auch etwas stolz darauf bin, wie ich mein Leben lebe. All dies hätte ich ihm gerne langsam näher gebracht. Mit dem Hintergrundwissen, dass seine Großeltern seinem Vater und mir sehr sehr weh getan haben und keine guten Eltern waren. Jetzt, wo dies langsam möglich würde darüber zu sprechen, ist er verstummt. Er spricht kaum. Fragen stellt er ohnedies nicht mehr.

Im Gespräch mit meiner Ex-Schwägerin erkannte ich, dass es mir wichtig ist, ihm etwas von meinem Leben mitzugeben und dass ich sie dafür brauche. Dass es nicht mehr geht, so nebenbei etwas zu erzählen, weil er nicht mehr zuhören mag. Auch sie sagt, dass ihn außer seinem Handy (Spiele) eigentlich nichts mehr interessiert. Schwierig.

Dennoch erfuhr ich, dass er unlängst zu seiner Mutter sagte: „Hoffentlich werde ich nicht einmal so krank, wie der Papa!“ Mein Bruder war 2009 schwer erkrankt und wirklich erstaunlich gut genesen, nachdem er nach fast zwei Wochen künstlichem Tiefschlaf halbseitig gelähmt erwacht war. Heute ist er weitgehend körperlich wiederhergestellt. Bloß stressresistent ist er nicht mehr und daher nicht mehr arbeitsfähig in einer Welt, die immer schneller wird und immer mehr Flexibilität einfordert. Auch die zuvor über vierzig Jahre verdrängten Kindheitserfahrungen schieben sich seither ins Bewusstsein. Die Angst sich ihnen zu stellen ist geblieben, soweit ich weiß. Der Kontakt zu meinem Bruder ist seit über einem Jahr wieder massiv getrübt. Eine neue Beziehung nährt einige seiner schwierigen Charakterseiten. Mein wachsendes Selbstwertgefühl erlaubt mir nicht mehr mich stets klein zu machen, nur um in Kontakt zu bleiben. Ja, da ist auch bei mir viel Wut auf ihn. Vieles, wo es hinzusehen gilt. Viele offene Wunden.

Aber es war diese Befürchtung meines Neffen, so wie sein Vater zu werden, die uns klar machte, dass es Zeit ist, mit ihm über das Tabu der Gewalterfahrungen in der Kindheit zu sprechen. Nicht im Detail, keinesfalls, aber doch offenzulegen, was das Leben in dieser Familie so belastet und dass das „Geheimnis“ Gewalt in der Kindheit seines Vaters vor allem dann für ihn kein Problem wird, wenn offen damit umgegangen werden kann. Wenn es keine Maske der Guten Laune gibt, kein Verstecken spielen, weil das Kind es eh nicht versteht. Er wird verstehen, nach und nach, wenn er erzählt bekommt, wenn er fragen darf. Aber auch, wenn ich sein darf und er miterleben kann, dass es andere Wege gibt mit Krisen umzugehen, als sie zu verschweigen. Dass es einen Weg aus dem Dunkel gibt, wenn ich mich den Ängsten stelle, wenn ich hinsehe, wo es schmerzt. Wenn Tränen so wertvoll sind wie Lachen, weil tiefe Freude nur sein kann, wenn der tiefe Schmerz gefühlt werden kann und beides dafür wichtig ist, sich selbst zu lieben.

Ich bin dankbar, dass meine Ex-Schwägerin Verständnis dafür hat, gemeinsam mit ihrem Sohn zu sprechen. Möge mein sehnlichster Wunsch, das Tabu über Gewalt in der Familie zu unterbrechen in Erfüllung gehen. Ein Vorhaben, welches mich nach diesen neun Jahren meinen Bruder anrufen ließ und ich erfuhr, dass ∑ich Tante bin. Ganz abwenden konnte ∑ich die Gewalt nicht von meinem Neffen, aber sie kann keinen Widerhaken in seine Seele bohren, wenn diese immer wieder mit liebenden Worten gesäubert wird. Wenn benannt wird, was ist. Möge es gelingen.

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18 Gedanken zu „Familiengeheimnisse: The next generation?“

    1. Herzlichen Dank für deine Worte. Mitunter brauche ich auch Ausdauer und Glück, dass diese Arbeit auf fruchtbaren Boden trifft. Es ist so leicht über die eigenen Pläne zu schreiben, ob ich es schaffe sie so umzusetzen, wie ich es mir wünsche? Ich bitte und bete darum.
      Herzliche Grüße auch von mir.
      „Benita“

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  1. Liebe Benita 🙂
    Da hast Du einen sehr berührenden und schönen Text geschrieben. Weil auch ich es so wichtig empfinde, diese Art von Erbe zu sprengen.

    Nur die Wahrheit kann verändern. Kinder spüren Lügen und Fassaden ohnehin.
    Es verunsichert sie und macht sie vorsichtig, wenn sie diese spüren – auch wenn sie oft garnicht genau benennen könnten, was sie da wirklich wahrnehmen.

    Gut, dass deine Ex-Schwägerin dies genauso sieht.
    Gut, Unterstützung, bzw. Bestätigung zu erfahren.
    Dir viel Kraft und auch Freude, auf diesem heilenden Weg.
    Liebe Grüße, Luise

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    1. Liebe Luise,

      danke dir für deine Wünsche. Die Verunsicherung der Kinder stimmt, das hast du schön formuliert. (Du verstehst Kinder doch 😉 ). Nun meine Ex-Schwägerin ist öfter mal als Alleinerzieherin überfordert (verständlich!) und ich habe stets versucht zu helfen, wo ich konnte. Sie vertraut mir, das ist sehr schön. Sie meinte erst ich könne alleine mit ihm sprechen, da sie nur daneben sitzen kann, weil sie über unsere Kindheit ja nichts sagen kann. Ich meinte, dass es besser ist, wenn sie dabei ist, damit mein Neffe weiß, dass er auch mit der Mama reden kann darüber, sie weiß davon Bescheid. Aber ja, es ist wunderbar, wie sehr sie immer wieder unterstützt und versteht, was ich als Tante an Ansichten in der Erziehung einbringe und meine Gedanken und Anregungen meist gerne annimmt.

      Wie ist das afrikanische Sprichwort? : „Es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind zu erziehen.“

      Einen schönen restlichen Tag 🙂
      Liebe Grüße
      „Benita“

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  2. Ich wünsche euch auch, dass es gelingt, einen guten Weg der Kommunikation, Vertrauen und Verstehen zu finden.
    Zu der chaotischen Wohnung kann ich nur zustimmen, es geht mir ähnlich. Egal wie oft ich „oberflächig“ aufräume, es dauert keine 2 Tage und das Chaos ist wieder da. Oft schreibe ich mir ToDo-Listen, damit es alles im Rahmen bleibt und ich mich daran lang hangeln kann. Und trotz 4 Personen und zwei großen Hunden ist es bei uns nicht dreckig sondern NUR chaotisch. Keine Ahnung, ob es tatsächlich daran liegt, dass ich innerlich auch chaotisch bin. 😀

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    1. Ich danke dir sehr! 🙂 Ich arbeite seit 25 Jahren daran, diese Strukturen zu erfassen und das Ziel, dass dies wichtig ist, hatte ich wohl schon als Kleinkind, als ich die Verhaltensweisen beobachtete um zu verstehen. Damals freilich nicht bewusst. Vielleicht ist das meine Lebensaufgabe. Ja, und seit über 10 Jahren arbeite ich mit meinem Neffen daran, immer wieder altersgemäß natürlich. Offenbar ist es für mich so wichtig und in mir verankert, dass es mir den Schlaf raubt, wenn ich darauf vergessen und es mir gerne bequem machen möchte.

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