Leben mit DIS #4: „Das will ich mir gar nicht vorstellen!“

Oder: Über die Macht der Worte!

Ein Satz, wie ein Schuß aus einer Pistole. Ein Satz, der mir seit Donnerstag mit Widerhaken im Fleisch steckt. Ein Satz der Schmerzen in uns hervorrief, den wir wirklich nicht fühlen wollten und wollen! Er verbindet einen Wimpernschlag des gesehen werdens mit der Entscheidung dieses Gesehene von sich zu weisen. Und es geht ja immer so einfach! Nicht sehen wollen oder vielmehr nicht mitfühlen wollen ist in unserer Gesellschaft eine akzeptierte und geförderte Strategie das Leben zu bewältigen. Flüchtlingsschicksale, Sexuelle Gewalt an Frauen und Kindern, Kinderprostitution, Menschenhandel und wie sie alle heißen, die aktuellen Menschenrechtsverletzungen, die „Sich niemand vorstellen möchte!“ Die Liste ließe sich noch um vieles verlängern.

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Bei diesem Satz handelt es sich um eine Sentenz des deutschen Philosophen Theodor W. Adorno aus dessen Minima Moralia. (zit. Wikipedia)

Um sich etwas vorstellen zu können, müssen wir fühlen können, uns selbst spüren können. Wir müssten verlernen mit dem Verstand, das von uns zu weisen, das uns unsere Empathiefähigkeit präsentiert. Wenn wir uns die Folgen all dieser Brutalität und Grausamkeit vorstellten, müssten die Politiker/innen nämlich etwas dagegen unternehmen, weil die Menschen auf die Straße gingen und einforderten, dass Taten gesetzt werden gegen die Schmerzen die sie fühlen. Dann gäbe es Druck von der Bevölkerung dem Leid ein Ende zu setzen, das die Unbeteiligten MITFÜHLEN und das im Nachvollziehen und Mitfühlen bereits solchen Schmerz erzeugt, dass es kaum zu ertragen ist! Aber sie müssten es gar nicht einfordern, denn auch die Politiker/innen könnten nicht anders als alles tun, um das Leid zu ändern, das ihnen Seelennot erzeugt.

Aber es ist viel einfacher nicht so genau hinzufühlen. Die meisten Menschen meinen, weniger Schmerz erleiden zu müssen, wenn sie sich ablenken, wenn sie nicht so genau hinfühlen, wo es weh tut. Sei es der eigene Schmerz oder jenes Leid, das sie in ihrem Umfeld wahrnehmen. Solange der Alltag sich mit dieser Strategie einigermaßen gut bewältigen lässt, ist es besser erfahrenes Leid ruhen zu lassen, meint die weniger belastete Mehrheit. Aber welcher Alltag ist es in dem wir leben? Brot und Spiele lenkt die Leute von den wesentlichen Grausamkeiten der Gesellschaft ab, das wussten bereits die Römer. Mittlerweile ist das Prinzip der Ablenkung vor grausamen Lebensumständen zur Ablenkung vom eigenen Leben perfektioniert und pervertiert worden. Aber das war vielleicht auch immer so? Gut für Machthaber, die ihrer Gier oder ihrem Narzissmus frönen. Schlecht für jene Mitmenschen, die des Mitgefühls, des Einfühlungsvermögens der anderen bedürfen um heilen zu können und ein einigermaßen gutes Leben führen zu können.

Jene, die der Gesellschaft  den Spiegel vorhalten MÜSSEN durch ihr Sein, durch ihre in sie eingegrabenen Erfahrungen der Gewalt, die ihre Spuren hinterlassen hat. Für jene scheint es bloß die Entscheidung zu geben hinzusehen oder sich aus dieser Welt zu verabschieden. Die Verabschiedung kann auf körperlicher Ebene durch Suizid oder eine tödliche Krankheit erfolgen oder auf seelischer Ebene durch ein Leben in einer Parallelwelt, die kaum Anknüpfungspunkte mehr an die Realität aufweist – ein Leben in geistiger Umnachtung.

Aber weshalb braucht es dieses Erzählen, um heilen zu können? Das über das eigene Leben sprechen? Alle, die schon einmal eine schwerere (nicht schwere!) Erkrankung oder einen Unfall hatten oder eine „gesellschaftsadäquate“ Krise wie z.B. eine Trennung oder den Verlust des Arbeitsplatzes aus wirtschaftlichen Gründen (wegrationalisiert), durchlebten wissen, wie oft diese traumatische Erfahrung erzählt werden muss, um sie zu verarbeiten. Ich denke, dass alle bereits dgl. erlebten. In diesen Fällen ist es selbstverständlich erzählen zu dürfen, aber wenn eine Begebenheit das eigene Leben derart stark betrifft, dass Existenzen ruiniert werden, dass dadurch das gesamte Leben betroffen ist, dann soll darüber geschwiegen werden, weil es Angst macht, dass es so etwas gibt. Alles keine neue Erkenntnis von mir, sondern im gesellschaftlichen Bewusstsein durchaus vorhanden. Mit der Umsetzung jedoch hapert es. Vor allem mit den inneren Widerständen in den sogenannten Gesunden.

Vielleicht geht es auch darum, dass das Ausmaß des Erzählens eben nicht ertragen werden kann. Es widert mich der Kampf an, den ich ausfechten muss um über mich sprechen zu dürfen.

Wie war es dazu gekommen, dass wir diesen Satz hören mussten?

Wir waren Donnerstag Abend zum Yoga gegangen. Es war eine sehr kleine Gruppe. Wir waren nur zu dritt inklusive Lehrer.

Da er mehrere Formen des Yoga unterrichtet, ∑ich jedoch nur Hatha-Yoga gut vertrage war er so nett und es gab eine Hatha Stunde. … Während des Yoga entwickelte sich ein Gespräch. Ich merkte, dass ich im Becken nicht mehr so flexibel bin, wie ich es vielleicht vor einem Jahr war und wollte seine Gedanken dazu wissen. Ich hatte vor ca. 5 Monaten auch mit Krafttraining begonnen und dadurch natürlich mehr Muskelmasse aufgebaut. Man sieht es nicht, aber vielleicht halten die Muskeln ja gegen meine Überflexibilität im Becken an?

Ich bekam keine Antwort, die mich befriedigt hätte, also stellte ich eine These in den Raum, die ich schon lange überlegt hatte. Ich sagte, dass ich ja denke, dass meine Überflexibilität im Becken mit dem „Missbrauch“ zu tun hat. Ich hasse dieses Wort, weil es keinen Gebrauch von Menschen geben darf. Weder sexuell noch sonst irgendwie. Das wäre und ist in meinen Augen Sklaverei! Dennoch haben wir es verwendet, da es leider üblich ist und weniger provoziert als wenn ich von Vergewaltigung oder sexueller Gewalt spreche. Die Antwort, die wir darauf erhielten war ein „wegwischende“: „Das kann im normalen Leben nicht möglich sein, dass es im Becken zu einer Überdehnung kommt! Ja, wenn jemand von klein auf Wettkampf-Gymnastik macht und sich so permanent überdehnt, dann ist das sicher nicht gesund, aber sonst gibt es das nicht!“

Dazu muss ich sagen, dass mein Yoga-Lehrer sehr viel von der Gewalt weiß, die ich erlebte, es aber scheinbar immer wieder so verdrängt, als wäre es nicht. Anders kann ich mir diese und bereits frühere Aussagen nicht erklären. Von welchem „Normalen Leben“ sprach er mit meiner Biographie im Hintergrund? Er weiß, dass ich Kinderprostitution erlebte im Kleinkindalter. Was ist daran ein NORMALES LEBEN? Diese Bemerkung rief als Reaktion hervor, dass ich sagte: „Naja, wenn ich seit dem Kleinkindalter immer wieder vergewaltigt werde, dann ist das auch Hochleistungssport!“ Da schluckte er und sagte den obigen Satz: „Das will ich mir gar nicht vorstellen!“ Heißt für mich übersetzt: „Halt den Mund, hör auf mich zu belästigen!“ Wir waren so baff, sprachlos, retraumatisiert. Es tut einfach unerträglich weh. Später in der Stunde haben wir dann einen extrem verletzenden „Spaß“ gemacht, der ihm galt. Das war nicht lustig, was wir sagten, aber wir wollten ihn offenbar verletzen, da auch er uns verletzt hatte. Aug um Aug. Eine unmögliche Strategie, aber all dies verlief nicht bewusst. Heute in der Reflexion weiß ich, dass es besser gewesen wäre die Verletzung durch ihn gleich zu benennen. Vielleicht auch zu gehen und es mir nicht bieten zu lassen. Aber es kam sofort zu den Überlebensstrategien: Schweigen und nichts anmerken lassen, wenn die sexuelle Gewalt, die wir erlebten ignoriert oder abgestritten oder minimiert wird, oder eben ein „Lass mich damit in Ruhe!“ kommt. Unsere Spitze zurück ging nur, weil ich ihm sehr vertraue. Es gibt keinen Mann, dem ich derart vertraue. Wir haben sechs Jahre einmal oder zweimal pro Woche Yoga zusammen gemacht. Er half uns in sehr schwierigen Zeiten unseres Lebens sehr.

Dennoch ist etwas geschehen. Wir haben uns verändert in dem letzten Jahr und er auch. Er will sich nicht mehr so auf seine Schüler/innen einlassen und wir wollen uns nicht mehr so klein machen. Wir wollen nicht mehr nachdenken, ob ich jemand anderen evtl. überfordern könnte, wenn ich von meinem Leben erzähle. Verdammt! Es widert uns wirklich an, uns stets verstecken zu müssen, weil die anderen damit nicht klar kommen. Gut dann muss ∑ich fortan damit rechnen, dass die Zurückweisung der anderen stärker wird. Dass ich gröbere Verletzungen erfahre. Besser mein Gegenüber verletzt mich, weil eine Schock-Reaktion kommt, als wir verletzen uns permanent selbst, weil wir uns verstecken vor evtl. aggressiven Reaktionen.

Was hier geschah, tat sehr weh. Vielleicht müssen wir also auch streiten? Mein Yoga Lehrer sagte schon so oft, dass wir soviel von einander wissen, dass das schon mehr als ein Schülerin-Lehrer-Verhältnis ist. Das ist schon freundschaftlich, meinte er. ∑Ich kenne mich mit Freundschaften nicht aus. Je mehr ich auch durch den Blog und andere Änderungen der letzten 6 Monate zu mir komme, desto fragwürdiger sind für mich meine Freund/inn/e/n. Ich habe es schon einmal geschrieben. So vieles ändert sich.

Nun ich habe ihm ein Mail geschickt. Er ist dieses Wochenende auf Seminaren, daher konnte ich nicht anrufen. Ich kann mich schriftlich auch besser ausdrücken. Mal sehen, wie seine Reaktion ist. Wir haben ja extreme Angst zu streiten – vor allem mit Männern. Vielleicht ist es an der Zeit es zu lernen?

Eine Bekannte schenkte uns einmal einen Aufkleber mit dem Spruch:

„Zukunft haben die, die Angst haben und doch handeln!“ (Autor/in unbekannt)

Sie wollte mir damit zu unserem Lebensmut gratulieren! Nun denn, Ärmel aufkrempeln und weitergehen.

DANKE all jenen, die es bis hierher geschafft haben! 🙂

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23 Gedanken zu „Leben mit DIS #4: „Das will ich mir gar nicht vorstellen!““

  1. servus Dir 🙂
    ich denk es erfordert ganz schön viel Überwindung – den ISH (inneren Schweinehund) rauszulassen – sich hier im Blog couragiert über Deinen sexualen Missbrauch als Kind zu öffnen – habe ähnliches im Waisenhaus erlebt – Nonnen unterstützten die Demoralisierung dieser Schandtaten an Kindern noch – bisher habe ich alles in mich hinein gefressen und eine hohe Mauer drumherum gebaut – nur nichts nach draußen durchsickern lassen – man schämt sich für die krankhaften Begierden der Täter – werde dieses Geheimnis wohl mit ins Grab nehmen –
    — habe durch Zufall deinen Blog entdeckt — wieder so ein Glücksmoment der mit wachsamen Auge am Wegesrand zu finden war —-
    liebe Grüße aus Polen – die_zuzaly

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    1. Servus liebe Zuzaly,

      vielen herzlichen Dank, dass du das Entdecken meines Blogs als „Glücksmoment“ bezeichnest. Ich fühle mich sehr geehrt.

      Ich mache seit ca. 25 Jahren Psychotherapie, da habe ich langsam gelernt über die erlittene Gewalt zu sprechen. Ich wollte immer offen damit umgehen, weil ich denke, dass sich die Täter verstecken müssen dafür, was sie taten und nicht ich! Bis zum Blog dauerte es Jahre. Auch vom Plan des Blogs bis ich es umsetzte vergingen 2 Jahre. Aber nun bin ich sehr dankbar für zustimmende wie kritische Stimmen. Ich bekomme viel Zuspruch, sooo viele liebe Worte und Mitgefühl. Das ist ein großes Glück!

      Übrigens ganz geheim sind deine Erfahrungen ja nun auch nicht mehr. 🙂 Sie stehen als Andeutung nun bereits im zweiten Komentar von dir auf diesem Blog. Ich danke dir für das Vertrauen, dich hier etwas zu öffnen.

      Ich wünsche dir alles Liebe und Gute dafür, wie du mit deinen Erfahrungen umgehst. … Ich denke es ist nie zu spät zu reden, aber es ist auch sehr in Ordnung es bei dir zu behalten. Ganz wie es für dich am Besten ist.

      Liebe Grüße und eine erholsame Nacht
      „Benita“

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  2. Liebe Benita,

    ich finde es total mutig, dass du dir nicht mehr den Mund verbieten lassen möchtest, sondern möchtest, dass die Leute „hinsehen“.
    So oft habe ich schon darüber nachgedacht die Dinge einfach zu benennen wie sie eben sind. Getan habe ich es bislang nicht, weil ich von Helfern oft gewarnt wurde, dass dies mein Gegenüber überfordern könnte. Das machte mich oft sehr wütend.
    Ich bin schließlich auch oft überfordert und hatte keine Wahl, wieso dürfen andere Leute dann einfach wegsehen und die Augen und Ohren vor der Wahrheit verschließen?
    So richtig traue ich mich allerdings noch nicht. Schließlich gibt es dann kein zurück mehr. Wenn es raus ist, ist es raus. Ich weiß nicht, ob ich dazu schon bereit bin.
    Ich wünsche mir einerseits als „ganz normal“ gesehen zu werden. Zur gleichen Zeit habe ich dann aber auch das Gefühl, dass die Menschen nur eine „falsche Version“ von mir mögen, eine die es so gar nicht gibt.
    Ich glaube, im Grunde würde ich gerne als „normal“ gesehen werden, mit allem was ich mitbringe. Dass erkannt wird, dass das was mir passiert ist nicht normal ist, aber das was das mit mir gemacht hat schon.
    Ich hoffe, ich habe dich nun nicht zu viel mit meinen Gedanken dazu „vollgetextet“ 😉
    Ich wünsche euch allen viel Mut und Kraft für dieses Thema und natürlich auch für alle weiteren Schritte, die ihr gehen wollt oder auch manchmal gehen müsst.

    Liebe Grüße
    Ein bunter Stern 🙂

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    1. Liebe Bunte Sterne / lieber bunter Stern,

      Herzlichen Dank für deine lieben Zeilen und Wünsche. Da hätte ich noch weiter lesen können! 😉 (nicht „vollgetextet“ oder so. Alles fein.) Nun ich wähle schon aus, wem ich was erzähle. Wären mehr Leute in der Yogastunde gewesen hätte ich das evtl. nicht gesagt. Kommt darauf an, wer da gewesen wäre. Aber ich gehe offen damit um und das ist mir wichtig. Mir ist auch wichtig, die Gewalt zu benennen und nicht die Diagnose. Ich spreche von der erlebten Gewalt und von DIS nur, wenn es schon eine vertraute Beziehung ist. Sonst kommt sofort Dr. Jeckyll und Mr. Hyde in den Sinn der Leute. Mit DIS kann ja kaum jemand etwas anfangen ohne in Monster-Kategorien zu denken. Es muss auch passen, wenn ich es zum Thema mache. Es geht nicht darum, jeder/m von meinen schlimmen Erfahrungen zu erzählen.

      Genau, wie du schreibst, auch ich will als die gesehen werden, die ich bin. Mit diesen Erfahrungen und mit anderen als Erwachsene. Eben als Ganzes, wie sollte ich sonst ganz werden? Und ja, es überfordert das Gegenüber ebenso, wie es uns überfordert, na und? Schweigen hieße für mich die Verbote der Täter befolgen. Damit muss Schluss sein. Aber ich hatte schon ganz schlimme Zeiten, weil das Gegenüber meist besser im Ausdrücken von Wut ist, besser ist sich abzugrenzen etc. Aber das darf ich doch lernen! Ich habe als Kind gelernt für mich zu kämpfen und jetzt soll ich still sein, statt zu kämpfen damit anerkannt zu werden, wer ich bin? Außerdem hatten wir auch schon ganz eigenartige Reaktionen erfahren, wenn ich eben über mein Leben irgendwie nichts sagen wollte, weil es nichts Unverfängliches zu erzählen gab. Da haben uns die Leute auch gemieden und verletzt.

      Seit wir beschlossen haben offen damit umzugehen, ist mehr Druck draußen im Innen. Der Rest ist Lernsache.

      Ganz liebe Grüße retour 🙂
      „Benita“

      Gefällt 2 Personen

      1. Liebe Benita,

        ich sehe das ganz ähnlich wie du. Natürlich muss die Situation passen.
        Ich würde auch niemandem davon erzählen, nur um es erzählt zu haben.
        Manchmal würde es in meinen Augen nur einiges leichter machen.
        Im Sommer hatte ich eine neue Sportart begonnen. Als man sich besser kannte, fingen die Leute an Fragen zu stellen. Fragen, die eigentlich eher unverfänglich sind wie: Seit wann lebst du hier? Wieso bist du hergezogen? Was machst du beruflich?
        Für mich sind diese Fragen leider nicht unverfänglich. Ich versuchte dann irgendwie drum herum zu reden, sodass es wahrscheinlich noch sonderbarer klang, als wenn ich die Wahrheit gesagt hätte.
        Irgendwie führte das auch dazu, dass ich nicht mehr zum Training gehen konnte. Ich musste immer jemand sein, der ich nicht bin und hatte ständig Panik „enttarnt“ zu werden. So wurde aus einer anfangs tollen Ressource etwas was nur noch Angst machte.

        Nein, Diagnosen würde ich dabei auch nicht nennen. Zum Einen finde ich die Diagnose nicht wichtig für meinen Alltag und zum Anderen ist es so wie du sagst etwas, wovon die meisten Menschen eine völlig falsche Vorstellung haben.
        Ich würde nur etwas in der Art sagen wollen wie, dass es mir öfter nicht gut geht, wegen dem, was früher passiert ist und dass man mir das vielleicht auch mal anmerkt, aber das kein Grund zur Besorgnis ist, sondern ich mir wünschen würde, dass mich weiterhin alle ganz normal behandeln.

        Liebe Grüße
        Ein bunter Stern

        Gefällt 1 Person

        1. Lieber bunter Stern /liebe bunte Sterne,

          Ja, genau diese Situation, die dir im Sport passiert ist kenne ich so gut. Schon mit 30 Jahren zu sagen, dass ich in Berufsunfähigkeitspension bin ist zuviel für manche Leute, aber über den Job reden gehört zum Small Talk. Wir haben bemerkt, dass es leichter wurde je klarer wir dazu stehen konnten. Als wir uns wegen der Rente geschämt haben, haben oft Leute das Gespräch schnell beendet. Mit der Übung merkte ich, dass wenn ich darüber spreche, dass es Menschen gibt, die den Kontakt schnell beenden weil sie nicht damit umgehen können und andere, die sehr wohl interessiert sind. Da gibt’s welche, die Sensationen mögen. Dann brechen wir das Gespräch ab und zum Schluss jene, die wirklich interessiert sind. Mit der Zeit konnten wir immer schneller erkennen, welche wirklich Interesse zeigen und sich bemühen zu verstehen. Somit wurden auch die Verletzungen immer weniger.

          Es wäre für uns unmöglich in einer Yoga-Gruppe zu sein und die Gewalt verheimlichen. Yoga spült immer wieder starke Emotionen hoch. Wir haben schon sehr viel geweint in der Gruppe. Wenn z. B. Trauer hoch kommt und wir müssten sie zugleich zurückhalten, hilft Yoga nicht und das Geld wäre verschwendet. Zudem würde es bzw. wir selbst uns sehr verletzen.

          Liebe Grüße
          „Benita“

          Gefällt 1 Person

        2. Liebe bunte Sterne,

          dieser Beitrag hat soviel Resonanz hervorgerufen und auch in uns ist noch einiges dazu zu schreiben. Wir möchten eine Fortsetzung schreiben und da auch diesen Dialog zwischen uns in den Text einbauen, weil ich denke, dass es für andere auch interessant sein könnte, die es in den Kommentaren evtl. übersehen.

          Ist das für euch in Ordnung?
          „Benita“

          Gefällt 1 Person

  3. Das war sicher schlimm für dich! Vielleicht ist es aber nicht immer die fehlende Empathie, sondern die absolute Fassungslosigkeit, die aus den Menschen spricht. Vielen Männern wird von klein auf gesagt, keine „schwachen“ Gefühle auszudrücken (körperlich in Form von Tränen wie auch sprachlich) Mein Mann ist nach außen ein „harter Kerl“ Vor einiger Zeit hat er zuhause geweint, weil er In der Zeitung die unfassbar tragische Geschichte eines kleinen Jungen der von seinem Vater derart misshandelt und missbraucht wurde, dass er daran gestorben ist, gelesen hat. Vielleicht heißt dieses „das will ich mir gar nicht vorstellen“ nicht „ich schau weg“, sondern das
    macht mich derart betroffen, dass mir die Worte fehlen. Ich will den Yogalehrer keinesfalls in Schutz nehmen und ich finde es so wichtig und absolut notwendig, dass das Unsagbare ausgesprochen wird!!!! Auch für deine eigene Heilung, wie du schreibst und damit nicht alle Welt ständig glaubt, es handelt sich dabei um Einzelfälle. Viele verschließen davor wirklich die Augen, aus welchem Grund auch immer – um weiter happypeppi zu sein vielleicht? Ich habe großen Respekt vor deinem Mut und deiner Offenheit! Alles Liebe und einen schönen Abend!

    Gefällt 2 Personen

    1. Nun Fassungslosigkeit war es sicher. Vielleicht überrumpelt. Aber ich hab ihn schon weinen gesehen. Das hat mir auch sehr imponiert, dass er eben so zu seinen Gefühlen stehen kann. … Ich mag mich jetzt nicht wiederholen. Ich hab unten auf den Kommentar von Myriade schon etwas mehr dazu geschrieben. Danke für deine lieben Worte. Dir auch alles Liebe und eine angenehme Nacht. 🙂

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  4. HHmmm, ich bin nicht in deiner Haut und kann daher nichts darüber sagen, wie du diesen Satz erlebt hast. Ich kann es nur lesen und dabei erfahren, dass es für dich so war.
    .
    Aber für mich heißt „das will ich mir gar nicht vorstellen“ nichts anderes als „das muss extrem schrecklich sein“. Vor allem wenn dieser Satz von jemandem kommt, den ich lange kenne, der über mein Leben Bescheid weiß und der mir geholfen hat.

    Herzliche Grüße

    Gefällt 2 Personen

    1. Nun ich denke, dass für mich die Zurückweisung schon mit seiner Erklärung davor begonnen hat, dass eine Überdehnung in einem „normalen Leben“ gar nicht passieren kann. Dass das schon sehr weh getan hat. Und ich hatte mit ihm schon mehrere Gespräche, damit er es sich vorstellen kann. Aber er blockte immer wieder ab. Früher ließ er sich ein und hat für sich offenbar die Strategie gefunden, dass es ihm zu nahe geht und blockt davor? Mal mehr mal weniger. Mir fehlt bei dem Satz „Das will ich mir gar nicht vorstellen!“ die Empathie. In „Das muss ja schrecklich sein!“ liegt Mitgefühl, da ist er bei mir. Beim anderen Satz ist er bei sich! Weißt du es ist seit 6 Jahren so ein Ringen darum gesehen zu werden. Mal lässt er sich ein, dann wieder gar nicht. Wenn er sich eingelassen hat, hat er mir schon sehr geholfen, aber er hat uns auch schon öfter sehr verletzt. Aber er hilft uns auch damit, dass ich mit im kämpfen darf. Das durfte ich mit meinem Vater nicht. Das hätte schwere Gewalt nach sich gezogen. Ich kann mich nur aufregen darüber, WEIL ich ihm vertraue, dass er uns zumindest körperlich niemals Gewalt antun würde.

      Ich hab schon gemerkt, als er diesen Satz sagte, dass es ihm nahegeht. Und mal ganz ehrlich, ich brauche Leute, die es sich vorstellen wollen, dass sich etwas ändert.

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      1. Das halte ich für eine wichtige Erfahrung: sich mit jemandem auseinanderzusetzen vor dem Hintergrund des Vertrauens, dass daraus keine Gewalt entstehen wird …..
        Und eine auch sehr gute und befreiende Erfahrung ist es zu jemandem zu sagen „Ich fühle mich verletzt, weil …….. „, anstatt zurückzuschlagen.

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          1. Diese Erkenntnis lässt mich seit gestern nicht mehr los! Vielleicht empfinde ich oft Wut und Trauer sehr stark, weil ich diese Gefühle nicht zeigen durfte und sie einen Weg nach draußen suchen… Tausend Dank dafür!!!! Das hat mir unglaublich weitergeholfen!

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