Brainspotting, Wut, Trigger und warum ich ohne Yoga nicht leben kann oder will!

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Yoga im Garten (Sommerurlaub) – der schönste Ort für Yoga!

Diese Woche hat sich in einer interessanten Abfolge des heutigen Tages quasi entladen. Bemerkenswert wurde diese Woche besonders ab Mittwoch. Da hatten wir in der Therapie unsere erste Brainspotting – Sitzung. Brainspotting als Form der Traumatherapie hat uns interessiert. Ich erspare mir eine genauere Beschreibung der Methode. Bei Interesse bitte dem Link folgen. Nachdem wir vor Jahren einmal in EMDR hineingeschnuppert hatten, hat sich nun Brainspotting ergeben. Wir einigten uns mit unserer Therapeutin auf ein Trauma, das uns belastet, aber nicht zu sehr aufwühlen würde hinzusehen. Sie holte ihren Zeigestab und wir suchten den Punkt im Gesichtsfeld, wo die Erfahrung am meisten spürbar war. Das bedeutet, dass wir dem Zeigestab, den sie von rechts nach links und zurück schwenkte mit den Augen folgten. Als ein Punkt gefunden war, sollten wir Gedanken, Körperwahrnehmungen oder Gefühle äußern, die auftauchen würden. Das ging wirklich gut. Die Situation war gegenwärtig aber nicht angsteinflößend. Die Erinnerung kam, sogar mit Gefühlen dazu, ohne dass wir uns überfordert fühlten. Während des Fokus auf diesen einen Punkt regte die Therapeutin an, wir könnten noch einen zweiten Punkt dazu nehmen, als sich unser Körper unbedingt in eine Richtung neigen wollte und ich so nach links fallend im Sessel saß, mir aber nicht recht erlauben wollte so zu sitzen, da es immer die Devise gab (und scheinbar noch gibt), mir nur nichts anmerken zu lassen, wie es mir geht. Diesen Widerstand so bleiben zu dürfen fand ich in einem zweiten Punkt. Da entwickelte sich ein interessanter Zusammenhang zwischen der Situation, die mit dem ersten Punkt fokussiert wurde und jener mit dem zweiten Punkt.

Beim ersten Punkt ging es um den Verlust ∑meines Kindes als 17jährige. Der zweite Punkt brachte ein wesentlich jüngeres Innenwesen oder eine sehr junge Erfahrung ins Bewusstsein. Hier ging es um Wut. Ich musste ungefähr zwei Jahre gewesen sein und fühlte als würde ich an meinem Ohr hinauf gezogen. Vielleicht hatte ich mich auf den Boden fallen lassen. Ein Trotzanfall? Wer weiß. Es tat wohl sehr weh am Ohr hochgezogen zu werden. Vermutlich bin ich schnell aufgestanden um dem Schmerz zu entgehen. All dies ergänze ich jetzt beim Schreiben. Während des Brainspotting begann ich zu treten und boxen. Das war der Impuls, an dem ich erkannte, dass es ein sehr junges Gefühl war. Ich war sehr wütend und ich lebte dies noch aus. Heute kann ich Wut kaum fühlen, meist bekomme ich Fressanfälle und reagiere demnach autoaggressiv. Die Vermischung von Wut und Hunger, war auch eine Körperwahrnehmung, die wir am ersten Punkt empfunden hatten. Nach der Wut war das kleine Kind anhänglich, wollte sich am Bein des Vaters (ich hatte klar das Gefühl, dass es mein Vater war) anklammern und sagte: „Ich bin ja ganz lieb!“ Aber mit dem Selbstbewusstsein, keinen Fehler begangen zu haben. Beim ersten Punkt kam dann auch Wut hoch, die sich jedoch nur mehr in dem zusammenkneifen der Augen ausdrücken konnte. Kein Wort, kein äußerer Widerstand – verstummt. Ich erinnere, dass meine Eltern sich in meiner Pubertät immer wieder amüsierten: „Wenn Blicke töten könnten, wären wir jetzt tot!“ Sie lachten über meinen Ärger. Ernst nahmen sie mich/uns nie. Ich kann Jugendliche verstehen, die in einer solchen Situation ausrasten und die Eltern tätlich angreifen. Wir hatten zuviel Angst davor. Die Wut war zu selbstschädigend geworden und nie körperlich auf andere gerichtet. In Gedanken hasste ich meine Eltern. Vor allem meinen Vater.

Mit diesen Erkenntnissen, wieviel Wut in der ersten Situation als ich 17 Jahre alt war gespeichert ist, aber nicht mehr ausgedrückt werden konnte, beendeten wir die Sitzung. Wir sind begeistert von Brainspotting und neugierig, wie es weiter verläuft. Wir kamen damit an Gefühlsebenen, die uns bislang nicht zugänglich gewesen waren. Ich bin sehr zuversichtlich.

Hier noch ein kurzes Video zu Brainspotting. (Achtung: Das Video lässt sich nicht starten, wenn auf das Bild geklickt wird. Bei einem Klick auf den Start-Button in der Leiste darunter beginnt der Beitrag.)

Am Donnerstag war ∑ich dann zu einer Buchpräsentation eingeladen. Eigentlich waren wir sehr erschöpft. Vielleicht doch Nachwirkungen der Brainspotting-Sitzung? Aber ∑ich wollte unbedingt hingehen. Es ging abermals um Traumatherapie. Die  Therapeutin bei der wir ehemals EMDR geschnuppert hatten und dann einen Tanzworkshop besucht hatten, hatte über ihr Konzept einer Traumatherapie ein Buch geschrieben. Nach der Buchbesprechung gab es zum Abschluss Tanz. Eigentlich hatten wir uns darauf gefreut, bis es wie immer viel zu laut wurde. So laut, dass es selbst mit Ohrstöpsel für uns unerträglich wurde und an tanzen nicht zu denken. Wir fühlten uns ausgeschlossen und gingen etwas enttäuscht heim. Allerdings waren wir ins Gespräch mit einer Frau gekommen, die denselben Heimweg hatte und so hatte der Abend ein gutes Ende für uns genommen. Diese Frau war auch Traumatherapeutin und wir sprachen offen, dass wir keine Therapeutin waren. Wir fühlten uns gesehen und ernst genommen.

Freitag hatten wir lange in unterschiedlichen Blogs gelesen. Was wir erfahren hatten, hat uns sehr bewegt. Generell war es in mehreren Blogs, die wir abonniert haben in letzter Zeit um den Umgang mit Wut gegangen. Das hatte Folgen, wie sich heute Samstag zeigen sollte. Oder war es die Bewusstmachung dessen, das auch schon in uns brodelte?

Nach dem Erwachen waren wir noch immer erschöpft mit einem diffusen Gefühl. Normalerweise essen wir solche Gefühle weg, aber da wir erst vor kurzem klug in einem Kommentar darüber schrieben, was denn uns bei Wut so helfen könnte, sollten wir es doch jetzt auch anwenden. Also kein Essen. Wir hatten ja auch keinen Hunger.

Stattdessen nahmen wir Stifte und Malblock zur Hand. Angeregt von einer Bekannten, die Künstlerin ist und auch unterrichtet, kritzelten wir darauf los. Ohne Idee, was entstehen sollte oder könnte. Egal. Das Ergebnis war eine Art Mandala und unser unbestimmtes unwohl fühlen wandelte sich in Wut. Zunächst Wut auf die Täter, von denen wir gestern auf einem Blog lasen, dann jedoch auf jene, die uns Gewalt antaten.

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Ein Kritzel-Mandala

Die Wut wurde immer stärker. Jetzt war still sitzen und zeichnen nicht mehr möglich. Also begannen wir mit boxen und treten in Fortsetzung der Brainspotting-Sitzung. Dann noch mehr mit Schattenboxen. Eigentlich hätten wir auch sehr gerne richtig laut geschrien. Das wagten wir aber in dieser hellhörigen Wohnung nicht. Wir haben zwar in eine Decke geschrien, aber das war nicht nur äußerlich gedämpft, auch innerlich war es so nicht möglich herauszulassen wonach uns war. Dann in der Wohnung etwas Ball gespielt. Werfen und auffangen. Bloß die Zimmerdecke war zu niedrig, um dem Bewegungsdrang gut nachgeben zu können. Hinaus gehen unter Menschen war aber nicht möglich. Zu bedrohlich – da spalten wir die Gefühle erst wieder ab.

Zusätzlich hatte sich die Erfahrung mit der zu lauten Musik vom Donnerstag zu der Erkenntnis gewandelt, dass laute Musik für uns ein Trigger ist. Laute Musik hilft vielen Menschen ihre Wut abzureagieren. Bei uns ist das genaue Gegenteil der Fall. Verlässlich steigen wir aus dem Körper aus. Ich erstarre und kann mich gar nicht mehr bewegen. Wir fühlen nur noch Panik. Dann ein Flash, dass wir mit lauter Musik gefoltert wurden. Ekelhafte laute aggressive Musik und wir bewegungsunfähig gemacht. Am Sessel angebunden? Es tat so weh, dass wir das Gefühl sofort wieder dissoziierten. Klappte auch weitgehend. Der Schock blieb dennoch. Was nun? Doch fressen? Ablenken? Lesen oder sonst etwas?

Innen rief eine Stimme: Yoga, Yoga! Jetzt auch noch Yoga? Wer weiß, was dann noch hochkommt? Allerdings gab es gewisse Entzugserscheinungen. Wir hatten tatsächlich 14 Tage kein Yoga praktiziert. Das ist der Zeitpunkt, wann wir innerlich beginnen unruhig und unrund zu werden. Es gibt keine Art der Bewegung, die Yoga für uns ersetzen kann. Seit einem halben Jahr machen wir auch Krafttraining – genauer Kieser Training. Das ist auch gut. Sehr gut sogar. Aber es wirkt auf anderen Ebenen. Krafttraining steigert das Selbstvertrauen durch die zunehmende Muskelmasse. Wir haben mehr Standvermögen, was sich im Alltag leicht erkennen lässt, wenn der Busfahrer wieder einmal sehr unruhig durch die Straßen fährt. So schnell wirft uns das nicht mehr um. Aber Yoga ist Yoga. Das lässt sich nicht ersetzen.

Es wurde zwar nur eine sehr kurze Praxis mit 70 Minuten. Der Erfolg sprach aber für sich. Wie immer! Ein Lächeln kam über die Lippen. Die Augen leuchteten auf und das Leben fühlte sich um vieles besser an. Entspannter, bereicherter und freudiger. Wir wissen, dass uns Yoga Psychopharmaka erspart. Das sage ich für uns und ich will es nicht verallgemeinern. Aber bei mir/uns ist es so und das darf ja auch gesagt sein!

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7 Gedanken zu „Brainspotting, Wut, Trigger und warum ich ohne Yoga nicht leben kann oder will!“

  1. es sind sehr persönliche Erfahrungen, die hier beschrieben werden – und sie geben einen (ansonsten sicher nicht leicht zugänglichen) Eindruck von der besonderen und langwierigen Arbeit, die es erfordert, um Ereignisse wieder ins Bewusstsein zu holen. Für dieses Projekt wünsche ich allen Betroffenen ein stetes Vorankommen und ein Nichtaufgeben in mutlosen Momenten.
    Brainspotting kannte ich noch nicht, EMDR schon.
    Den Film konnte ich übriges nicht öffnen, was bestimmt an meinem PC lag.
    einen Sonnengruß aus dem nebligen Norden Doris

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    1. Liebe Doris,

      vielen Dank für deine lieben Worte 😊 .

      Ich sehe mir den Link nochmals an, danke für die Info. Auf YouTube gibt es auch Videos zu Brainspotting, allerdings die meisten auf englisch. Dieses hätte deutsche Untertitel.

      Einen schönen Sonntag Abend-Gruß von Wien in den Norden zu dir. 🌟 ✨ 😺
      „Benita“

      Gefällt 1 Person

    2. Liebe Doris,
      habe den Link zum Video nochmals kontrolliert. Lag es daran, dass du auf das Bild geklickt hast? Das ist verwirrend, so kann es nicht gestartet werden. Bei Klick auf den Start-Button in der Leiste unter dem Bild, kann der Beitrag angesehen werden.
      Vielleicht magst du es nochmals versuchen?
      Herzliche Grüße
      „Benita“

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Benita,

    Ich habe mich gerade ein bisschen zum Thema Brainspotting eingelesen und finde den Ansatz sehr interessant. Ich werde nächste Woche meine Psychologin darauf ansprechen. EMDR habe ich auch schon ausprobiert, aber da habe ich wie wild dissoziiert, so dass wir damit aufhören mussten. Muss man da sehr stabil sein, um diese Therapien zu machen?

    Ich bin froh, dass du mit Yoga ein Ventil hast, etwas, das dir gut tut.

    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag.

    Lg,
    Ut

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    1. Liebe Ut,
      hinsichtlich der Stabilität für Brainspotting bin ich etwas überfragt. Gut ich bin derzeicht schon einigermaßen stabil und meine Therapeutin hat generell mit einem Trauma begonnen, dass schon recht bewusst und auch schon öfter besprochen ist und so nicht zu sehr aufwühlt. Im Vergleich zu EMDR habe ich den Eindruck, dass EMDR viel invasiver wirkt, also viel mehr in meine Psyche von außen eindringt, als ich es bei Brainspotting erlebte. Brainspotting habe ich als sehr sanft empfunden, allerdings habe ich es bei unterschiedlichen Therapeutinnen gemacht, vielleicht ist da auch ein Unterschied? Ich habe gelesen, dass die therapeutische Beziehung bei Brainspotting sehr wichtig ist. Also eine vertraute Basis.

      Nochmals zur Stabilität: Mich schreckt es nicht zu dissoziieren, denn es ist mein Alltag zwischen unterschiedlichen Innenwesen zu switchen. Ich erlebe diese Innenwesen als hilfreich, sie sagen mir etwas über mich, über das, was ich erlebte oder erlitt. Gemeinsam bearbeiten wir die Traumata. Auch ein Innenwesen, das im Widerstand ist, ist für uns eine Helferin, weil sie oder er versucht uns zu schützen. Auch wenn der Schutz SO nicht hilfreich sein mag, damals als der Anteil entstand war er es. Bei den zwei Punkten hatten wir den Eindruck, das Kind wäre ein dissoziierter Anteil. Das war nicht schlimm. Aber wir haben meist Co-Bewusstsein. Wir können zwischen den Anteilen hin und her wechseln. Und wir haben nicht dieses Gedankenhören anderer Personen im außen. So kann ich ganz schwierig dazu etwas sagen.

      Am Besten du besprichst es mit deiner Psychologin, wie du schreibst.

      Ich hoffe dir damit geholfen zu haben und danke für deine lieben Worte. 💐
      Dir auch einen schönen Sonntag-Abend. 😺
      Liebe Grüße
      „Benita“

      Gefällt 1 Person

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