Leben mit DIS #9: Selbstdarstellung?

Ich / wir waren Sonntag bei einem Frauentreff, den eine langjährige Freundin in unregelmäßigen Abständen organisiert. Da ruft sie ihre Freundinnen zu einem zwanglosen Plausch zusammen.

Es ist lange her, dass wir dabei waren. Die letzten Jahre denke ich, fanden wir keine Zeit (?) hinzugehen. Und auch diesmal gab es Innenwesen, die unser dabeisein offenbar verhindern wollten. Wir haben die Nacht durchgemacht, fanden erst gegen 6h früh ins Bett und um 11h war der Beginn angesetzt. Als wir um 11.30h aufstanden nach viel zuwenig Schlaf, sandten wir ein SMS, dass wir wohl so gegen 13h da sind, ob sie denn noch dort wären.

Sie waren dort. Was ich angekommen vorfand war eine kleine Gruppe Frauen, die ums Wort rangen. Zwei davon waren lauter, sprachen fast unentwegt. Es war schwierig sich gegen diese durchzusetzen. Und was mir fehlte war das Herz in der Debatte. Das Herz beim Sprechen und Zuhören der anderen. War dafür überhaupt Zeit? Wollte sich eine dafür Zeit nehmen und Kraft? Und ich entdeckte wohl, dass wenn eine Stillere zu Wort kam diese Empathie dabei war, aber sie kamen nicht oft zu Wort.

Es erschreckt mich, dass diese Freundin solche Frauen um sich schart. Und ja, ich / wir haben uns verändert, seit wir diesen Blog schreiben. Die Organisatorin ist eine Freundin, die bei meinem letzten verunglückten Geburtstag dabei war. Ihr lastete ich keine Teilhabe am Scheitern an, da sie später gekommen war. Allerdings weiß ich seit Jahren von ihrer Flucht vor ihrem Inneren, vor ihrem sich beschäftigen. Aber ich schätze sie für ihre Sozialprojekte, für ihre Intelligenz und für die Jahre die ich sie bereits kenne. Sie ist da und nicht da zugleich, das ist ganz eigenartig für mich seit jeher. Ich mag sie trotz aller Irritationen zwischen uns.

Wir denken es macht dieser Blog, dass wir uns nicht mehr so verstecken. Dass wir offener über uns sprechen, selbst wenn es andere irritiert. So kam beispielsweise das Gespräch auf Entrümpeln von Kinderspielzeug und es ging darum, dass es doch auch schön ist manche Spielsachen von einer Generation auf die andere weiter zu geben. Und es ging um den Berg an Kuscheltieren, der durchaus immer wieder entsorgt werden kann. Manche sprachen davon, dass auch sie immer zu viele Kuscheltiere hatten und ihre Kinder ohnedies.

Und dann sagte ich, dass ich wohl als Kind drei Kuscheltiere hatte. Wobei nun nachgedacht, fällt mir nur ein Bär ein, den ich gemeinsam mit meinem Bruder besaß. Denn wir besaßen alle Spielsachen gemeinsam. Es gab nichts eigenes. Die anderen Kuscheltiere kaufte ich mir erst als Jugendliche selbst. Die gehörten dann mir/uns alleine. Von meinen Eltern gab es noch einige Plastikspielsachen. Ein Plastikhund fällt mir ein, aber der tröstet nicht, der ist glatt und kalt. Dann kam die Rückfrage, ob ich denn lieber mit Puppen gespielt habe. Nein, das haben wir nicht. Wir hatten zwei Puppen. Eine damit wir sie unendlich oft frisieren konnten und die andere lag ohnedies nur herum und wurde vielleicht hie und da umgezogen. Aber viel gespielt haben wir damit nicht. Am meisten und liebsten spielte ich Lernspiele oder las Bücher. Aber erst ab der Volksschule. Was spielte ich davor? Mit dem was da war. Aber, was war da? Ich erinnere es nicht. In den Kindergarten durfte ich jedenfalls nicht gehen. Das erinnere ich, dass ich meine Mutter darum bat. So gelang uns mit fünf Jahren bereits in die Schule gehen zu dürfen. Eine große Freude und Erlösung von daheim weg zu kommen.

Es war diese Irritation durch die Aussage mit den Kuscheltieren, die wir damit auslösten. Aber es war deren Problem nicht damit umgehen zu können?! Wir waren nicht von vorhinein still um niemanden zu „belästigen“ mit unserem Leben. Wir sprachen mit und so eine lächerliche Tatsache, dass ich nur drei Kuscheltiere besaß als Kind schlug fast wie eine Bombe ins Gespräch ein.

Das ist das Tabu von Trauma! Da haben wir noch nichts über die Gewalt in unserer Kindheit gesprochen. Oder doch? Ist das Fehlen von Trost in meiner Kindheit, das Fehlen von Wärme und Geborgenheit bereits am Fehlen von Kuscheltieren für ein Kleinkind sichtbar? Generell vielleicht nicht. Vielleicht muss es nicht so sein. Aber vielleicht kann es so sein? Wie habe ich darüber gesprochen? Welcher Unterton schwang mit? Was transportierte ich mit dieser Aussage? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass wir uns nicht ganz alleine fühlten, aber dennoch kritisch beäugt. Dennoch als nicht dazu gehörig klassifiziert, als eine wo lieber nicht nachgefragt wird, wo ein Gespräch mühsam werden kann. Und eine Frau ließ sich auch zu einem alles Gute hinreißen beim Abschied. Das passiert mir immer wieder, dass sich Menschen emotional zurückziehen aber alles Gute wünschen. Beruhigt es das Gewissen?

Vielleicht liegt unsere Veränderung darin, dass wir uns nicht mehr verstecken wollen, seit wir hier schreiben und seit wir gelesen werden. Seit den lieben Rückmeldungen und der virtuellen Nähe. Ja, natürlich verstehe ich, dass das Lesen und Kommentieren am Blog in der Anonymität des WWW davor schützt, dass ich vielleicht ein mehr an Hilfe brauchen könnte, haben wollen könnte. Um klar zustellen, dass ich mit keinerlei Hilfe zu rechnen habe, gibt es sofortige Abgrenzung und Distanz im persönlichen Gespräch!? Aber wer sagt, dass ich ein mehr an Hilfe haben wollte? Möglich jedoch, dass generell untereinander keine wirkliche Hilfe angeboten wird in dieser Welt. Allerdings gab es andere Aussagen über Hausfeste, die zueinander führen etc. Ja, sie führen zueinander wenn es nichts Irritierendes im Haus gibt?

Dieses Gefühl immer wieder Menschen vor den Kopf zu stoßen nur weil ich existiere tut einfach weh. Was sollte ich denn tun? Manchmal scheint es als wäre es Leuten unangenehm, dass ich überlebt habe und nun andere mit meinem Leben konfrontieren kann. Ich denke ja, dass eine Posttraumatische Belastungsstörung zu einem sehr großen Anteil durch dieses Ignorieren in der Gesellschaft aufrecht erhalten, vielleicht sogar erst hervorgerufen wird.

Tatsache ist aber, dass es auch andere Menschen gibt. Dass ich in der Wohngruppe z.B. andere Menschen bereits kennenlernte, die offener aufeinander zugehen. Allerdings wissen sie noch wenig von mir. Und ich bin vorsichtig, wem ich was sage.

Vor kurzem war eine andere langjährige Freundin verwundert über das Miteinander von dem ich ihr erzählte, das bei den Wohngruppen-Treffen herrscht. Dass Leute das mögen, miteinander in einem näheren Verbund zu leben außerhalb der Familie.

Mit wem habe ich mich umgeben in den letzten 20 Jahren? Wer war ich und wohin hat sich unser Leben entwickelt? Das Wunder Leben und der Prozess der Entwicklung erscheint ∑mir immer spannender, desto bewusster ich mir unseres Daseins werde, desto klarer die Tage verlaufen, statt in einer Nebelsuppe der Gewaltfolgen herumgewirbelt.

Dass es mehr Klarheit in meinem Leben gibt haben wir auch diesem Blog zu verdanken und der Möglichkeit der Kommunikation mit euch bzw. Ihnen liebe Leser_innen. Herzlichen Dank dafür und unsere besten Wünsche.  🌹  🌻  🌺 🍀🍀🍀 😊 🌞  ❤️ 💛 💚

 

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15 Gedanken zu „Leben mit DIS #9: Selbstdarstellung?“

  1. Hallo Benita! Ich habe deinen Beitrag schon vor einigen Tagen gelesen und seit dem schwirren mir so viele Gedanken dazu im Kopf herum, die ich bis heute nicht richtig ausformuliert kriege. Dennoch habe ich das Bedürfnis, einen Kommentar dazu zu hinterlassen… „Anderssein“ verunsichert das Gegenüber und manche können trotzdem normal mit einem umgehen, manche leider nicht und das schmerzt. Ich denke (und hoffe) aber, dass es auf lange Sicht lohnt, wenn wir zu uns stehen und die schlechten Erfahrungen irgendwann durch Gute aufgewogen werden können, wenn wir uns mit den richtigen Menschen umgeben, die uns so akzeptieren, wie wir sind.
    Alles Liebe, Mrs. Tingley

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Mrs. Tingley,
      danke für deinen lieben Kommentar. Ja, ich sehe es genauso wie du.
      Leider ist die Suche nach den „richtigen“ Menschen leider wirklich oft sehr schmerzlich. Ich habe nach vielen Jahren noch nicht heraußen, wie es geht mich besser zu schützen. … Aber auch ich sehe keinen anderen Weg als den, den du beschrieben hast und hoffe, dass es immer leichter wird. Und im Grunde habe ich diese Erfahrung auch schon gemacht.
      Auch dir alles Liebe
      „Benita“

      Gefällt mir

  2. Liebe Benita! Ich glaube es liegt an Glaubenssätzen der Generation(en). Traumatische Ereignisse wurden entweder heruntergespielt und/oder verschwiegen. „Ich denke ja, dass eine Posttraumatische Belastungsstörung zu einem sehr großen Anteil durch dieses Ignorieren in der Gesellschaft aufrecht erhalten, vielleicht sogar erst hervorgerufen wird.“ Da bin ich ganz bei dir. Die Leute haben nicht gelernt wie sie damit umgehen sollen. Ich denke du/ihr fühlt die Unsicherheit der anderen diesbezüglich. Ich habe das auch so mitbekommen: ja nicht darüber sprechen. Das wurde entweder durch Worte angewiesen, vielmehr jedoch vorgelebt. Total schöne finde ich was du/ihr über das Verstecken schreibt. Die Entwicklung des Zu-sich-Zu-euch-Stehens ❤ Alles Liebe und auch die allerbesten Wünsche dir/euch! ❤ 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Melli,
      Tja, das mich nicht mehr verstecken wollen klingt so gut, allerdings geht es mir dafür heute den ganzen Tag sehr schlecht. Bin völlig fertig. … Es kostet soviel Kraft, vielleicht zuviel. Und es ist und bleibt retraumatisierend, diese Reaktionen zu erfahren.
      Danke für deine Wünsche ❤
      "Benita"

      Gefällt 1 Person

      1. Ich wünsche dir viel Ruhe und Erholung sofern möglich und alles was du/ihr jetzt braucht ❤️ Ich würde so gerne etwas sagen oder schreiben was dich/euch aufrichtet. Nur finde ich nicht die richtigen Worte. Alles klingt komisch und hölzern. Aber ich denke an dich/euch und schicke viele gute Gedanken – ich hoffe das hilft ein wenig.

        Gefällt 2 Personen

  3. Guten Morgen, liebe Benita ❤
    Danke für deinen offenen, gefühlvollen Beitrag.

    Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie sehr wir uns gegenseitig wohl in Texten der anderen wieder-erkennen.
    Situationen und Gefühle wie hier beschrieben, sind mir ebenfalls sehr bekannt.

    Oft schon habe ich mich ebenfalls gefragt, ob "ich mich anderen zumuten darf" – weil diese "anderen" allzuoft so leidend wirken (- durch mich). Oder auch übereifrig in ihrem Helfen-wollen.
    Gerade so, als müßten sie sich ganz besonders beeilen mit helfen, damit mein sie belästigendes oder quälendes Sein sich verändert.

    Oder das Gefühl, als gäbe es fast NUR noch solche aufgesetzten Fassadenmenschen, die sich weigern, ihr eigenes Selbst zu reflektieren und hierdurch ausschließlich laut über andere reden.

    Dann wieder denke ich, es ist vollkommen logisch – Menschen wie wir ziehen sich oft zurück.
    Sind kaum sichtbar und meist sehr still.
    Man sieht sie nicht und findet sie kaum.
    Und doch – wir sind doch hier 🙂
    Wir leben doch 🙂

    Ich persönlich versuche Kontakt zu diesen unreflektierten Leuten tatsächlich so gering wie möglich zu halten. Aber so sitze halt auch ich meist Zuhause.
    Und hoffe, es wird sich ändern. Irgendwann – oder bald.

    Der Fehler liegt nicht an uns.
    Nicht wir sind unzumutbar oder schlecht.
    Wir haben bislang vielleicht nur noch nicht die richtigen Gegenüber gefunden. Aber es wäre traurig, die Hoffnung zu verlieren.
    Ich wünsche dir alles Liebe und weiterhin immer wieder Mut, weiter zu hoffen und offen zu sein.
    Herzliche Grüße und eine liebe Umarmung, Luise

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Luise,
      habe jetzt den Kommentar freigeschaltet zu dem ich sehr viel zu antworten hätte, hätte ich die Kraft dafür. Ich stimme nicht in allem überein das du schreibst, aber der gestrige Tag hat uns soviel Kraft gekostet und diese Woche ist wieder so intensiv. Keine Ahnung wie ich das schaffe. … Es wird also einige Tage dauern dass ich auf deinen Kommentar antworte. Ich kann jetzt nicht.
      Alles Liebe ❤
      "Benita"

      Gefällt 1 Person

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