Leben mit DIS #16: Aber das Trauma ist doch vorbei – oder doch nicht?

Als ich heute erwachte, strahlte bereits die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Mit Ohropax in den Ohren war es in unserer Wohnung friedlich und ruhig. Wir Fühlten uns gut und dachten: „Die Gewalt ist endgültig vorbei. Wir reden uns doch bloß ein, dass alles so schwer ist. Wenn wir positiver denken, dann geht alles viel leichter. Wir brauchen uns nur ein klein wenig mehr anstrengen.“

Vor vierzehn Tagen etwa hatten wir eine Idee, wie wir endlich unser Buch umsetzen könnten. Eine Freundin, die uns letzten Donnerstag besuchte meinte noch, dann könne ich es ja binnen zwei Monaten schreiben. „Sehr lustig!“, sagte jemand innen, ohne es laut auszusprechen, denn die Freundin meinte es ernst. Ich widersprach, dass das doch eine sehr kurze Zeit ist, aber ich kann beginnen.

Heute wollten wir das unbedingt angehen. Wir freuten uns darauf.

Nur noch eine Kleinigkeit war zu erledigen. Bei unseren Heizkörpern gibt es manches zu reparieren. Einer tropft, ein anderer wird nicht warm. Wir müssen die Fernwärme anrufen und einen Termin für eine Reparatur vereinbaren. Ein Innenwesen mahnte zur Vorsicht: „Wenn wir das nun machen, kann es sein, dass uns das aus der Bahn wirft und wir nicht schreiben können.“ „Blödsinn!“, dachte ich. Ist ja nur ein ganz kurzer Anruf.

Gedacht, getan. Bis wir endlich an der richtigen Stelle waren, mussten wir uns unerträgliche Warteschleifenmusik anhören. Als ich an einer Stelle, die uns weiter verband deponierte, dass diese Musik schrecklich ist, bekam ich die Bestätigung der Mitarbeiterin, dass diese Musik eine Quälerei ist, aber da könne man nichts machen.

Also mehrere Minuten Quälerei hinter mich gebracht und ich war bei einem Mitarbeiter der Störungsstelle. Der Mann meldete sich und in dem Moment begann unser Herz zu rasen und wir begannen zu zittern, obwohl er sich freundlich und bemüht unserem Anliegen annahm. Voll Panik vereinbarten wir einen Termin für Anfang nächste Woche. Am liebsten hätten wir aufgelegt. Aber das geht nicht, wir müssen es schaffen. Als wir das Telefonat beendet hatten, meinte sofort ein Innenwesen, dass es das beste wäre sofort zu sterben. Vermutlich wäre es überhaupt die einzige Lösung.

Fast eine Stunde liefen wir zitternd und mit Herzrasen in der Wohnung auf und ab. „Wir hätten vielleicht doch gleich übermorgen einen Termin annehmen sollen, damit wir jetzt nicht fast eine Woche zittern.“ und „Wir müssen es schaffen!“ waren die Diskussionsbeiträge aus dem innen. Mit einem fremden Mann alleine in meiner Wohnung ist immer Anlass für Panik. Schon die Vorstellung reicht aus um uns massiv zu beeinträchtigen. Gut, selbst mit einem vertrauten Mann in meiner Wohnung alleine zu sein ist schwierig und macht uns Angst. Wir dachten, dass wir in der neuen Wohnung derlei vielleicht nicht mehr alleine durchstehen müssten. Das wäre wirklich schön. Minimale Entspannung. Die Sonne scheint noch immer. Wir versuchen die Freude von zuvor wieder zu finden. Es gelingt nur ein wenig.

Etwas Hausarbeit zur Ablenkung. Geschirr spülen, herum räumen und nebenbei Delphingesänge hören. Diese CD beruhigt uns immer. Langsam legt sich die Panik und weicht einer großen Erschöpfung. Mittlerweile sind fast drei Stunden vergangen und wir sind sehr müde.

Irgendjemand beschließt auf dem Handy einige lustige, kurze Filme anzusehen. Das ist Flucht vor der noch immer vorhandenen Panik. Es kostet viel Disziplin nicht den restlichen Tag in YouTube-Videos zu versinken. Wir wollen nicht mehr fühlen, was uns so irritiert. War die Stimme ein Trigger? Hat uns der Mitarbeiter der Fernwärme an jemanden erinnert? Wir wissen es nicht.

Tja, Buch schreiben beginnen geht wieder nicht. Vielleicht werden wir es nur schaffen aus diesem Blog ein Buch zu basteln, irgendwann? Wenn überhaupt? Zumindest besteht der große Wunsch, diesen Vorfall hier am Blog zu beschreiben.

„Ein klein wenig mehr anstrengen, dann geht alles viel leichter!“ Haben uns Innenwesen vorgezeigt, dass dieser Gedanke eine Illusion ist, dass wir vielleicht nicht jede Panik der Innenwesen so hautnah erleben?

Nein, solange es derart schnell zu Panikattacken kommen kann und unser Empfinden von einer Sekunde zur nächsten von sich sicher fühlen auf massive Bedrohung empfinden umschlagen kann, ist das Trauma nicht vorbei. Es begleitet uns noch jeden Tag unseres Lebens.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, ich möchte die Folgen der erlittenen Gewalt so gerne abgeben, irgendwo. Ich muss nicht darüber berichten, wenn ich davon befreit wäre. Aber ich weiß nicht, wie sich dieser Wunsch realisieren ließe.

30 Gedanken zu „Leben mit DIS #16: Aber das Trauma ist doch vorbei – oder doch nicht?“

    1. Liebe Sofie und die bunten Schmetterlinge,
      leider gibt es da eben niemanden, den ich als Unterstützung bei mir haben könnte. Jene Freundinnen, die ich evtl. fragen könnte sind in der Arbeit und zwei wohnen zudem zu weit entfernt. Und es hilft nichts, wenn ich jemanden hier sitzen habe, die bzw. der mich noch zusätzlich belastet statt unterstützt.
      Leider. 😕
      Alles Liebe 🌷
      „Benita“

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  1. Panikattacken sind wie überirdische Überfälle, an die ich mich nur sehr ungern erinnere. Das GUTE daran: sie kommen und gehen und irgendwann sind sie für immer weg…
    Das wünsche ich auch dir, liebe Benita!
    Herzliche Frühlingsgrüße vom Lu

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  2. Liebe Benita, nein es ist nicht vorbei, es wird nur stiller, erträglicher werden. Die Wunden werden zu Narben verheilen, manche glatt, zuweilen noch spürbar. Manche verknorpelt, rauh mit kleinen Unebenheiten. Verschorft. Scheußlich anzusehen, anzufühlen. Manche öffnen sich immer wieder, nässen.
    Weinen, sie weinen, weil sie sich nicht schließen können. Nicht heilen.
    Das kannst Du / Ihr so nicht hinnehmen. Nein. Es ist unzumutbar, vernichtend.
    Gewalt, kann von jedem ausgehen, von Dir von mir von anderen. Gewalt gibt es in vielen Formen.
    Heute bist Du kein Kind mehr, Du bist klug, wissend. Also bist Du in der Lage eine Situation zu schaffen, die Übergriffe, Gewalt verhindert. Außer, man beschwört es herauf, durch Worte, Gesten, unmissverständliche Gelegenheiten/ Situationen. Und doch trägt man nicht immer selbst einen Teil dazu bei, sondern es gibt die Überraschungen, den Augenblick, die missverstandene Situation.
    Ja, ich hätte auch Angst, Sorge, irgend jemand Fremdes in meine Wohnung zu lassen. Ohne Schutz eines mir vertrauten Menschen.
    Im Grunde hat es nichts mit einer erlebten Geschichte zutun. Es ist einfach normal. Angst lässt uns wachsam sein, uns schützen.

    Schreiben, einfach schreiben ist leichter gesagt als getan. All Dein Erlebtes in einen Buch zusammen zu fassen, ist eine Herausforderung, ohne Zweifel. Schreiben, wie Du es tust, hier im Blog, sind schon Anfänge die geordnet werden müssen/ dürfen. Du kannst sie ergänzen/ vervollständigen. Du kannst Dir selbst auf die Spur kommen, Dich zu verstehen. Komme mit dem Schreiben ins Gespräch. Das Papier könnte doch ein liebevoller Partner sein. Es hört Dir zu, macht keine Einwende. Auf dem Papier bist du Du. Vielleicht ist das ein Weg zur Liebe.
    Verzeih mir, wenn ich Dich nicht verstehe. Aber ich bin Dir sehr nahe.
    LG. Hilde

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    1. Liebe Hilde,
      Ich lasse deine Worte einfach auf mich wirken. Danke dafür, dass du mir sagst, dass auch Du niemand Fremden in der Wohnung möchtest ohne Schutz. Vielleicht ist es normal, vielleicht ist es aber mit meiner Geschichte nicht bloß Sorge sondern große Angst bis Panik. Vielleicht ist das Ausmaß des Unbehagen unterschiedlich, vielleicht auch nicht? Vergleiche sind nicht so gut und Wertungen. Wir werden nicht herausfinden können, wen eine solche Situation mehr belastet und es ist im Grunde unwichtig.
      Liebe Grüße
      „Benita“

      Gefällt 2 Personen

        1. Ach liebe Hilde, bitte sorge dich nicht, was du schreibst. Ich kann halt nicht immer nachvollziehen was du meinst. Verstehe nicht ganz, was du mir mitteilen möchtest. Das macht aber auch nichts. Ich respektiere, dass du mir etwas schreiben möchtest. Vielleicht verstehe ich es ja, wenn ich deinen Kommentar in einigen Monaten nochmals lese. Es ist eine große Ehre, wenn sich Menschen soviel Mühe geben wie du mit deinen Kommentaren. Mitunter bin ich unsicher, ob du mich verstanden hast. Dann antworte ich und versuche nochmals zu erläutern was ich meinte. Das bedeutet aber nicht, dass ich verletzt bin. Es rührt mich wirklich, welche Mühe du dir machst zu verstehen. Dafür danke ich dir von Herzen.
          Alles Liebe dir
          „Benita“

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  3. Liebe Benita!
    Ich werde ganz fuchsig, wenn man mir sagt, dass es doch längst vorbei ist. Ja gut, die Tatsache, dass in meinem Fall 30 Jahre vergangen sind und der Täter nicht mehr lebt, lässt die Vermutung aufkommen, dass es vorbei ist. Aber im Innen ist es absolut nicht vorbei und damit meine ich nichtmal direkte Flashbacks, sondern die Folgen, die sich bis ins HEUTE schleppen. Insofern ist da gar nichts „vorbei“, weil mein System und ich noch heute mit den Folgen zu kämpfen haben. Die direkten Übergriffe, ja, die liegen in der Vergangenheit. Vorbei ist es deswegen noch lange nicht. Ich lerne, damit umzugehen, damit zu leben.
    Ich halte nicht krampfhaft an der Vergangenheit fest. Nur „vorbei“, so wie es benutzt wird, hat für mich eine andere Bedeutung, denn ja, dann würde es mich vielleicht nicht mehr tagtäglich einschränken und belasten. Ich habe ein kleines Kuscheltierchen, welches ich tatsächlich „vorbei“ getauft habe. Dieses Tierchen befühle ich, um mich ins HEUTE zu holen, wenn wirklich Flashbacks und Panik da sind, denn dieses Tierchen gab es früher nicht. Es ist also ein Link, der die in der Zeit verrutschten Anteile wieder in die Gegenwart holen soll. Dennoch bleibe ich dabei, dass ein „ganzheitliches vorbei“ auch bei mir irgendwie (noch?) nicht da ist.

    Ich wünsche dir, dass ihr den Termin gut übersteht!
    Alles Liebe, MrsTingley

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe MrsTingley,
      Ich kann deinen Kommentar in allem nachempfinden. Im Grunde hätte ich ihn auch so schreiben können. Auch mein Haupttäter ist bereits tot (von anderen weiß ich es nicht) und letzte Übergriffe sind ebenso gut 25 Jahre her. Oh ja, es ist so verletzend wenn Außenstehende meinen es ist doch vorbei. Jedoch mache ich mir selbst auch immer wieder Druck, dass es doch endlich vorbei sein MUSS, weil mir mein Leben so davon läuft. Offenbar wird der Druck der von der Krankenkasse kommt innen übernommen. Aber Druck macht Traumafolgen nicht weg. Es ist ja keine Entscheidung traumatisiert zu sein, dann hätte ich mich ja schon lange dagegen entschieden. Bin ja keine Masochistin.
      Dein Kuscheltierchen ist eine wunderbare Strategie dich wieder in die Gegenwart zu holen.
      Herzlichen Dank für deinen lieben Wunsch. 😊
      Alles Liebe❤️
      „Benita“

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      1. Ich schließe mich euch beiden an. Geht mir genauso. Finde, es ist erst wirklich vorbei, wenn wir in Frieden leben können auch im Innen. Wir sind auch nicht masochistisch, würden auch lieber sterben, als dieses Leben so wie es jetzt ist weiter zu führen. Bei uns geht es ja auch so ab mit der Panik vor Dingen, die für andere Menschen nebenbei erledigt werden…
        Wegen dem Buch wünschen wir dir, liebe Benita, gutes Gelingen. Ich wollte auch schon immer ein schreiben. Hab oft begonnen und dann liegen gelassen… Heute weiß ich, hätte ich/wir es damals geschafft zu schreiben, würde das wichtigste fehlen. Erlebnisse, die wir erst jetzt erinnern, das Wissen um das wir, die Entwicklung des Verstehens und Kennenlernens… Na ja, vielleicht hätten wir mehrere Bücher schreiben müssen.
        Schreiben hilft aber tatsächlich beim Verarbeiten und Einordnen der Dinge, deswegen ist es super, wenn man es tut. Doch wühlt es oft vieles auf, was eben noch lange nicht geordnet ist. Das lässt viel hoch kommen an Details und braucht wieder Zeit und Unterstützung von Außen (therapeutische am besten), um zu verarbeiten. Es ist nicht einfach nur Schreiben…
        Alles Liebe an dich/euch ❤

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        1. Liebe vergissmeinnichtdaslebendanach,
          herzlichen Dank für deine lieben Worte. 😊 …. Naja, ich plane seit mittlerweile ca. 25 Jahren ein Buch zu schreiben. Es hat sich in seiner Ausrichtung verändert und lange hatte ich weder Kraft noch Ruhe dafür. Da trat das Vorhaben wieder in den Hintergrund. Ob ich sie jetzt habe, weiß ich nicht, aber worauf und wie lange noch warten? Ich wünsche mir sehr das zu schaffen in meinem Leben. Und weil es nicht perfekt werden wird, habe ich beschlossen, diesen Anspruch zu verwerfen. Ich will endlich los schreiben und sehen wohin wir kommen.

          Und bitte hab Mut, dass es besser wird jeden Tag. Das wünsche ich dir von Herzen. Auch dass es schnell gehen darf und auch einmal einfach, dass es leichter und freudvoller wird, dein Leben. 🌷🏵️🍀🍀🍀💚
          Alles Liebe dir/euch ❤️
          „Benita“

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          1. Danke liebe Benita, wünschen wir dir auch.
            Bei uns entstand der Wunsch schon mit 16, ging immer wieder in Vergessenheit und tauchte immer wieder auf… Zur Zeit ist anderes wichtiger.
            Wenn es bei dir aber so richtig von Herzen kommt, werdet ihr es gemeinsam sicher schaffen. Das wünsch ich euch jedenfalls sehr.
            LG

            Gefällt 1 Person

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