Emotionale Hochschaubahn oder: Wird Depression zur Erinnerung für uns?

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Erstaunliches geschieht. Die letzten Monate waren mit Arbeit überhäuft. Seit unserer Entscheidung für eine neue Wohnung in Gemeinschaft vor über einem Jahr, geht es innen rund. Vor allem seit Anfang dieses Jahres laufen die Planungsarbeiten für die Errichtung der Gebäude auch für die Baugemeinschaft voll an. Garten und Gemeinschaftsräume wollen geplant werden. Die Zeit des Beschnupperns ist ebenso Vergangenheit, wie die Zeit des sehr zurückhaltenden Umgangs miteinander. Befindlichkeiten und Eigeninteressen drängen an die Oberfläche und reiben sich an ebensolchen der anderen.

Gute 20 Jahre leben in Zurückgezogenheit und auch Isolation haben ein nahezu abruptes Ende für uns genommen. Fast möchten wir sagen ein zu abruptes. Nichts ist selbstverständlich für uns. Das ist es auch für andere in der Gruppe nicht, aber für uns ist es vielleicht noch außergewöhnlicher?! Ein dazu gehören, obwohl wir in Berufsunfähigkeitspension sind, obwohl wir immer wieder sehr ängstlich sind oder uns gegen Umarmungen vor allem von Männern aussprechen. Auch, dass wir bei Gruppentreffen aufgrund immer wieder auftretender Überforderung weinen, ist kein Grund uns ablehnend zu begegnen. Vielmehr bekommen wir immer wieder Zuspruch, Unterstützung und Trost. All das ist besonders für uns. Langsam lernen die anderen uns kennen. Über unsere DIS/DDNOS wissen nur zwei zukünftige Mitbewohnerinnen Bescheid. Oder sollte ich schreiben: „Über unsere DIS/DDNOS wissen SOGAR zwei zukünftige Mitbewohnerinnen Bescheid?“ Wir sind sehr dankbar, dass es sich entwickelt, wie es sich entwickelt. Trotz aller Anstrengung und dem immer wieder auftretendem Gedanken, dass wir das nicht schaffen und überlegen, ob wir aussteigen sollten. Langsam aber merken wir, dass jene Aufgaben, die wir von uns selbst erwarten ohne Überforderung lösen zu können, auch diejenigen überfordern, die nicht an einer Traumafolgestörung leiden. Es liegt nicht an uns, dass wir nichts schaffen. Manches ist einfach zu viel. Menschen überfordern sich. Nicht nur wir! Heureka!!! Es nutzt eben nichts, dass uns unsere Therapeutin dergleichen seit bereits einer gefühlten Ewigkeit vermitteln will. Wir haben es nicht verstanden oder ihr nicht geglaubt.

Das Anstrengendste im Zusammenhang mit der Baugruppe ist, wie auch im Alltag, der Umgang mit Triggern. Wir haben die Angewohnheit zu flüchten, wenn es uns zuviel wird. Es gab kaum jemals Leute, die mich stützen konnten oder wollten. Eine Kindheitserfahrung, dass niemand da war, ∑mir gegen die massive Gewalt und Vernachlässigung als Kind und Jugendliche zu helfen, die uns unser gesamtes Leben begleitet(e). Einzige Ausnahmen waren professionelle Hilfen. Meine Therapeutin, Sozialarbeiterin und auch Telefonnotrufnummern, die helfend zur Seite standen. Auch mein mittlerweile befreundeter Yoga-Lehrer half und hilft im Rahmen seiner Möglichkeiten ebenso immer wieder.

Und jetzt soll es außerhalb der Therapien Menschen geben, die uns nehmen, wie wir sind? Noch nicht so ganz. Dass wir „wir“ sagen dürfen, fehlt noch und es ist eben doch anstrengend nicht so ganz die sein zu dürfen, die wir sind. Mal sehen, wie sich dies entwickelt!?

Aber die Erfahrung, dass jene Personen, die für mich schwierig sind für andere Außenpersonen ebenso schwierig sind, beruhigt ungemein. Wir sind nicht verrückt. Wo wir Grenzüberschreitung wahrnehmen, ist oft Grenzüberschreitung! ∑Meine Gefühle werden nicht umgekehrt, ignoriert oder uns abgesprochen! Das ist heilsam. Ich bin dankbar und glücklich darüber. Obwohl ich vorsichtig bin. Bleibt das so??? ∑Ich will daran glauben und werde immer zuversichtlicher, dass es möglich sein kann, trotz meiner Bedürfnisse, in Gemeinschaft zu leben und der Vereinsamung zu entfliehen!

Ist meine Zuversicht nur auf dieses angenommen werden zurück zu führen? ∑Ich denke nicht. Es gibt eine weitere Neuigkeit. Wir haben vor etwa einem Monat ein medizinisches Mini-Trampolin gekauft. Es hat den Unterschied zu herkömmlichen Trampolinen, dass es keine Metallfedern besitzt, welche die Sprungmatte halten, sondern elastische Gummischnüre. Dadurch hüpfe ich weniger als wir/ich auf dem Trampolin schwingen.

Grund des Kaufes war ursprünglich die Suche nach einer Alternative zu den Medikamenten gegen Osteoporose, die leider viele sehr gravierende Nebenwirkungen haben (können). Und es gibt Studien, dass tägliches Training auf diesen Trampolinen die Osteoporose zumindest stoppen kann und in einzelnen Fällen sogar eine Zunahme der Knochenmasse zu verzeichnen war. Nachdem wir dieses Trampolin ausprobiert hatten und mit einem breiten Lächeln abgestiegen waren, das uns einige Stunden begleitete, haben wir uns zum Kauf entschieden.

Somit hüpfen und schwingen wir täglich bis zu 30 Minuten und bekommen gute Laune. Ungewohnte Gedanken schleichen sich in unser Bewusstsein und die Gemütslage verbessert sich.

So ergab es sich, dass wir die von uns abonnierten Blogs anderer DIS Frauen lasen, wo es an einem Tag in mehreren Blogs um Suizidgedanken ging. Das Leid war spürbar und doch zog es uns nicht nach unten. Wir lasen und hatten Mitgefühl und zugleich die Wahrnehmung, dass wir uns an diese Schwere ERINNERN, aber sie nicht fühlen können. Sie betrifft uns (derzeit?) nicht. Unsere selbst erlebte alltägliche Schwere lag in einer ungewohnten Ferne. Nein, diese Blogbeiträge riefen keine emotionale Resonanz bei uns hervor.

Erstaunt dachten wir darüber nach, was in uns vorgeht. Wir reflektierten, dass wir das große Glück haben, selbst in den schlimmsten Zeiten nicht vom Wunsch den Körper zu töten gequält worden waren. Soweit ich erinnere hatten wir zwei mal ganz kurz eine solche Idee und sie sogleich wieder verworfen. Nicht leben wollen, das kannten wir. Das war mehr die Verkürzung für den Wunsch: „SO nicht leben wollen!“ Bei allem sinnieren zu den Veränderungen schlich sich ein Gedanke ins Bewusstsein, der lautete: „Ich bin eine glückliche Frau!“ …… Wo kam denn der her? Ja, ich bin eine glückliche Frau, dass ich/wir eben nicht von diesen Suizidgedanken gequält wurden oder gar werden, trotz allem Erlebten. Ich bin eine glückliche Frau, dass sich ein solches Bewusstsein, ein solcher Gedanke manifestieren konnte.

Aber ist das nun eine Änderung, oder sind durch das hüpfen vielleicht andere Innenwesen in den Vordergrund getreten?

Sind Kinder da, die nicht depressiv sind? Denn hüpfen am Trampolin ist selbstverständlich eine sehr kindliche Art des Sports. Aber wir fühlen sonst nicht kindlich. Darf es einfach sein, dass wir Freude oder Glück empfinden? Freilich eine Suggestivfrage, aber dennoch DIE Frage unseres Lebens. Dürfen wir glücklich sein, obwohl wir in Berufsunfähigkeitspension sind? Sind wir dann Sozialschmarozzer, weil wir nicht arbeiten. Aber hat das eine mit dem anderen etwas zu tun? Und wie sollten wir jemals arbeitsfähig werden, wenn wir nicht zuvor zu innerer Ruhe kommen. Freude und Glücksempfinden helfen zu heilen und vice versa. Ja, das darf sein, das soll sogar sein, denke ich nun. Wenn ich jene Begegnungen in der Baugruppe erinnere, dann möchte dort niemand, dass es uns schlecht geht. Vielmehr ist es fein, sich miteinander zu freuen. Es gibt nicht nur uns, sondern auch den anderen Kraft, wenn es uns gut geht, so wie es uns Kraft gibt, wenn es den anderen gut geht. Ich darf sein!

Die nächste Neuerung in unserer Gemütslage war die Betrachtung einer Fotoausstellung im öffentlichen Raum. Es wurden entsetzliche Fotos von Umweltkatastrophen und Umweltkriminalität in Nigeria gezeigt, die uns sehr nahe gingen. Ich erinnere, dass eine solche Ausstellung früher unseren Tag ruinieren konnte, weil wir uns so ohnmächtig und zugleich verantwortlich fühlten. Wir betrachteten betroffen die Fotografien und plötzlich meinte jemand innen: „Das ist alles wirklich sehr schrecklich, aber ich muss wegen all diesem Grauen und Schrecken nicht leiden. Das hilft auch nicht etwas daran zu ändern.“

Abermals Staunen über solche Statements, die uns so fremd aber so heil, so freudig und lebendig erscheinen.

Die Verwunderung über positive Änderungen nimmt jedoch kein Ende. Es scheinen keine einzelnen Phänomene zu sein. Vor wenigen Tagen fiel uns irgendetwas aus der Hand, einfach so. Das ist kein großes Problem, sollte mann/frau meinen. Ist es auch nicht. Dennoch kam sofort die Erinnerung, dass wir wegen eines Missgeschicks früher in Tränen und Zorn ausbrachen und in Selbsthass verfielen. Da kam eine Erkenntnis, die wir noch niemals in Zusammenhang brachten, dass es wohl als Kind Strafen dafür gegeben haben mag, wenn uns etwas aus der Hand gefallen war. Beleidigungen und Beschimpfungen seitens meines Vaters scheinen mir selbstverständlich, obwohl ich sie nicht erinnere. Immer nur die Angst, dass ein solches Missgeschick keinesfalls geschehen darf. Und damit meine ich nicht, dass ein Glas oder anderes zu Bruch gegangen wäre. Sondern ein unwesentliches Teil, dass keinerlei Schaden nimmt, wenn es aus der Hand rutscht. Einfach aufheben und weiter leben. Es ist keinerlei Irritation wert, wenn derlei geschieht. Es ist ein Glücksmoment, zu erkennen, dass diese Angst Vergangenheit ist.

Die vorerst letzte ungewohnt angenehme Wahrnehmung hatten wir vor einer Woche. Wir kamen von der Therapie und fuhren mit der U-Bahn nach Hause. Als wir in einen Verkehrsknotenpunkt einfuhren, sahen wir auf einem Nebengleis einen Zug ins Umland abfahren. Wir nahmen diesen sehr bewusst wahr. Im „Normalfall“ erfordert U-Bahn fahren zumeist einen Nebelzustand. Die vielen Menschen, die Enge, der Lärm, all dies sind keine Zutaten, die Entspannung und angenehme Wahrnehmung ermöglichen. Im Gegensatz dazu Zug fahren. Wir mögen Züge. Sie sind verbunden mit Urlaub, Ruhe, schönen Erlebnissen. Wir sahen also den Zug und unsere Phantasie führte uns auf eine Zugfahrt in schöne Gegenden. Und da war wieder so ein durch und durch positiver Gedanke: „Das Leben ist schön!“ Das war nicht nur ein Gedanke, fern von allem Gefühl das dazu passen würde. Nein, keine Erinnerung an einen Kinofilm (es gibt einen, der so heißt!) oder sonstiges. Diese Worte waren mit Lebendigkeit gefüllt, mit Entspannung und innerer Freude. ∑Ich kann mich nicht erinnern dergleichen zuvor jemals gefühlt zu haben.

Lange hatten wir mit unserer Osteoporose gehadert, aber wir hätten dieses Trampolin niemals gekauft hätten wir nicht die schlimmen Medikamente vermeiden wollen. Wir waren zu diesem Trampolin geführt worden. Es verwundert uns nicht, dass der amerikanische Traumaexperte Peter A. Levine ein solches Trampolin zur Traumaheilung und gegen Depressionen empfiehlt. Es scheint sich bei uns zu bewahrheiten, dass es wirkt.

Sowohl Baugruppe, wie Trampolin oder Yoga, was immer uns weiter brachte haben wir auch sehr unserer Therapeutin zu verdanken. Sie schenkt uns immer wieder den Mut weiter zu gehen. In der Therapie und darüber hinaus. Das muss auch einmal gesagt werden. Danke dafür! 😊😊


Wir verlinken das Video mit Peter A. Levine bewusst nicht, um keine Werbung zu machen.

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21 Gedanken zu „Emotionale Hochschaubahn oder: Wird Depression zur Erinnerung für uns?“

  1. Hallo Benita,
    ich finde das eine wunderbare Entwicklung bei Dir – gratuliere und zu dem Teil mit der Wohnsituation – passt doch das Filmchen von Dami Charf in meinem letzten Beitrag – auch wunderbar dazu – vor allem der letzte Satz ;-).
    So ein Trampolin habe ich auch – kann zwar nur noch schwingen seit meinem Unfall, darf nicht mehr springen – aber ich pflichte Dir da bei, es beruhigt, bringt einem gute Laune und ist auch noch gesund.
    Alles Liebe für Euch/Dich!
    Melinas

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Melinas,
      Jetzt hab ich noch einmal in das Video von Dami hinein geschaut. Ich kannte es ja schon, hab aber den Wortlaut vergessen gehabt. Vielleicht ist es gut es täglich oder zumindest mehrmals wöchentlich anzusehen. Es tut so gut! 😊 Danke für die Herzlichkeit, die du uns geschickt hast. ❤️
      Wie fein, dass dir das Schwingen auch gut tut. Das freut uns für dich. 🌞
      Alles Liebe auch für und an dich! 🍀🍀🍀❤️
      „Benita“

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Benita! Das klingt so wundervoll, was ihr berichtet! Ich freue mich sehr für euch über all die positiven Erfahrungen!! Und ein klein bisschen eigennützig freue ich mich, dass in Beitrag mir heute an einem etwas schwereren Tag ein breites Lächeln ins Gesicht gezaubert hat 😄
    Alles Liebe, MrsTingley

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe MrsTingley,
      Ist gar nicht eigennutzig, wenn mein Beitrag ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Es kann gar kein schöneres Kompliment für uns geben. 😊😃
      Danke für die lieben Worte, und dass der heutige Tag leichter wird bzw. ist, wünschen wir von Herzen.
      Alles Liebe 🌞🍀🍀🍀❤️
      „Benita“

      Gefällt 2 Personen

  3. Fein, von all diesen positiefen, glücklichen Lebensmomenten zu lesen, liebe Benita.
    Habe den gesamten Text mit sehr großem Interesse von A bis Z gelesen,
    schön geschrieben, selbst-und-lebensbejahend, Suizidgedanken nicht wirklich Raum gebend…
    Und dann diese kleinen medizinischen Trampoline, was für eine gute Idee! *lächel*
    Das kann ja sogar Spass machen 🤗
    Liebe Morgengrüße vom Lu

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, lieber Lu,
      deine Worte freuen mich/uns sehr!
      Und üben auf dem Trampolin macht tatsächlich Spaß. Auf jeden Fall war ich noch nie so sportlich. Täglich irgendein Training ….. auch innere Schweinehunde mögen Trampoline. Meine auf jeden Fall. Und ich hab mehrere. 😀
      Einen schönen restlichen Tag und herzliche Grüße 😊
      „Benita“

      Gefällt 2 Personen

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