Leben mit DIS#17: Mich schämen zu existieren!

Das Thema Scham spielt derzeit eine sehr große Rolle in unserem Leben. Also eine bewusst sehr große Rolle. Denn latent vorhanden und behindernd ist dieses Gefühl kontinuierlich. Es ist so sehr mit uns verbunden, dass es schon als Teil unseres Selbst, als Charaktereigenschaft von ∑mir empfunden wird.

Dass Scham generell an die Oberfläche tritt und dann noch hinterfragt werden darf, hat bereits einen Aspekt von Heilung, denn im Normalfall ist sie einfach da – von früh bis spät, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. Oder eben nicht da, denn es geht darum, sie so gut als möglich zu verstecken. Nur nichts anmerken lassen bedeutet verdrängen oder abspalten. Was vor allem im näheren Kontakt mit anderen Menschen mitunter sehr schlecht funktioniert und dann wieder einen Grund gibt, sich zu schämen.

Es geht vor allem um die Scham überlebt zu haben, um die Scham überhaupt noch immer am Leben zu sein, obwohl doch offensichtlich anderes für mich geplant war. Suizidgedanken zieht dieses Gefühl bei uns dennoch nicht nach sich. Welch großes Glück! Und dann entsprechend der aktuellen gesellschaftlichen Lage auch sehr um die Scham Sozialleistungen zu beziehen, Sozialleistungen für ein Leben, das – wie wir im Kopf wissen „ganz falsch“  – für diese Gesellschaft keinerlei Wert hat.

Dieses Gefühl trat vor circa einer Woche ins Bewusstsein. Darf jemand wie wir eine schöne neue Wohnung bekommen? Dürfen wir uns überhaupt einmal wohl fühlen? Dürfen wir von Menschen anerkannt werden, wo wir doch kein Erwerbseinkommen haben? Dürfen wir etwas erhoffen, etwas erbitten, was mehr als das blanke Überleben sichert, wenn wir doch dieser Gesellschaft – wohlweislich eine sehr reiche Gesellschaft – nur auf der Tasche liegen? Dürfen wir überhaupt erbitten, dass unser Überleben gesichert wird?

Wenn ich diese letzten Sätze schreibe, schreien sie mir richtiggehend ins Gesicht, dass es bei diesen Gedanken um früher geht. Darum als Kind keinen Wert gehabt zu haben, bzw. für das eigene Überleben arbeiten zu müssen. Im Haushalt, im Geschäft der Eltern, als Ware für „sexuelle Dienstleistungen“ vulgo Vergewaltigungen für bzw. durch Papa’s „Geschäftspartner“. Letzeres bereits und nur als Kleinkind, soweit ich es erinnere.

Wenn diese Gedanken aufkommen, nur Last für die Gesellschaft zu sein, beginnt oft die Grübelei, wie wir denn erwerbstätig werden könnten. Wie wir denn am besten keinerlei Sozialleistungen mehr beanspruchen könnten. Und es endet in der Scham, dass wir unser so lange geplantes Buch noch immer nicht geschrieben und veröffentlicht haben. Ob davon gelebt werden kann, sei dahin gestellt bzw. ist logischerweise unmöglich.

Um es schreiben zu können wird das Bloggen reduziert werden müssen, vielleicht? Vor allem das Lesen anderer Blogs triggert immer wieder einiges in uns an. So hätten wir beispielsweise über unsere Erfahrung mit Scham gar nicht geschrieben, hätten wir nicht zuvor diesen hervorragenden Beitrag auf Sofies viele Welten darüber gelesen. Die Scham wäre zu groß gewesen! Fazit: Andere Blogs sind außerordentlich hilfreich am Weg zur Heilung, es kostet jedoch auch viel Zeit, diese zu lesen. Dabei bin ich mangels Kapazität ohnedies sehr eingeschränkt in meiner Auswahl und lese in einigen Blogs nicht, die mich sehr interessieren würden.

Hätte ich hier jedoch nicht geschrieben, hätte ich den Zusammenhang mit jener Zeit der Kinderprostitution momentan nicht gezogen. Ein wichtiger Zusammenhang, wie mir scheint, weil er wie Sofie schreibt bestätigt, wie sehr jene Täter Gedanken über die Scham in uns weiter wirken.

“So gesehen ist Scham an dieser Stelle nicht mehr, als gesellschaftlich verinnerlichtes Victim Blaming. (…) Für uns lässt das die Schlussfolgerung zu, dass Scham über erlebte Gewalt im Grunde nichts mit dem Opfer zu tun hat. Es geht um die unbewusst verinnerlichten gesellschaftlichen Ansprüche an die Betroffenen im Umgang mit ihrer Geschichte.“

Ich muss aus diesem Beitrag von Sofie zitieren, weil er einfach so tröstend und heilsam wirkt für uns. Weil ihn ganz viele lesen sollen und weil wir keine besseren Worte finden, als jene, die Sofie geschrieben hat.

So beschreibt sie den Schmerz der Scham und die Verantwortung der Gesellschaft folgendermaßen:

„Im Grunde ist sie nichts anderes, als die Furcht vor dem Verlust von lebenswichtigen Bindungen. Wer Scham einmal gefühlt hat, weiß, wie vernichtend sie sein kann. Sie radiert mit unerträglichem Schmerz die Erlaubnis zur eigenen Existenz aus. Kaum ein Opfer von Gewalt kennt sie nicht. Betroffene schämen sich für das, was ihnen zugestoßen ist. Ihre Scham lässt sie unter der Angst leiden, den Kontakt mit anderen Menschen aufgrund der Übergriffe nicht wert zu sein.
Gleichzeitig stellt Scham der Gesellschaft ein Armutszeugnis aus. Sie hat verfehlt den Grundsatz „Die würde [sic!] des Menschen ist unantastbar“ so zu leben, dass die Opfer von Straftaten sich ihrer menschlichen Daseinsberechtigung sicher sein können. Hingegen gelten sie oft als beschmutzt, kaputt, zerbrochen und nicht mehr normal lebensfähig. Das Opfer hat eine Beschädigung davongetragen. Dem Täter spricht man seine Ganzheit nicht ab. Im Gegenteil. Er war eben frustriert, konnte es nicht anders, hatte eine schlechte Kindheit und wird das doch bestimmt nicht wieder tun. Es ist, als bliebe all sein Dreck am Opfer haften.“

Schließlich kommt Sofie zu dem Schluss, dass sie aufhören könnte sich wegen der erlittenen Gewalt zu schämen und stellt einige Punkte auf, die ihr dies ermöglichen können. Punkte, die in ihr selbst aber auch in der Gesellschaft zu ändern wären.

Denn:

„Opfer sind nicht beschmutzt. Sie haben keine Makel. Sie sind nicht auf ewig zerstört, zerbrochen, in das normale Leben nicht mehr integrierbar und durch die Tat zu unliebenswerten psychisch Kranken mutiert. Sie sind nicht ansteckend und man darf sich ihnen ganz normal nähern. Sie sind Menschen. Ohne (Anm.: unterstellte) Fehler (Anm.: hinsichtlich der Vergewaltigungen)! Den den hat der Täter begangen. Sie verdienen die Wertschätzung für das, was sie durchgestanden haben und für unsere Gesellschaft durch ihre Bereitschaft zur Heilung leisten.“

Diesen letzten Satz sollte ich mir wohl eintätowieren lassen, um ihn stets bei mir zu haben. Allerdings wäre er dann auch nur oberflächlich auf meiner Haut sichtbar. Vielleicht sollte ich ihn zur Grundlage für Meditationen machen um ihn verinnerlichen zu können. Bis dahin kann ich ihn an einer Wand meiner Wohnung anbringen. Das ist auch weniger schmerzhaft als ein Tattoo. …. Komisch noch nie dachte ich jemals daran, mich tätowieren zu lassen, aber dieser Satz, leicht abgewandelt hat es einfach in sich:

Opfer (von sexualisierter Gewalt) „(…) verdienen die Wertschätzung für das, was sie durchgestanden haben und für unsere Gesellschaft durch ihre Bereitschaft zur Heilung leisten.“

Herzlichen Dank, liebe Sofie für dieses Geschenk! 😊🎈🧘‍♂️💚❤️🌻🌸

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21 Gedanken zu „Leben mit DIS#17: Mich schämen zu existieren!“

    1. Liebe Babsi,
      vielen herzlichen Dank für deine lieben Worte. ❤️
      Ja, schämen sollte sich die Gesellschaft, aber wer ist das? Viele einzelne Individuen mit ihren Geschichten und Problemen, mit ihren Schwächen und Ängsten. Und so denkt/dachte jede_R einzelne, dass sie oder er gerade gar keine Kraft haben zu helfen, oder es vermutlich gar nicht so schlimm ist, (in meiner Kindheit dachten die meisten auch, dass es nicht in Ordnung ist, sich in die Erziehung anderer einzumischen, schließlich war ja Prügelstrafe noch erlaubt) oder, oder, oder. Es war eine andere Zeit, als Frauen von Gesetz wegen noch von ihren Ehemänner Erlaubnis erhalten mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten und Vergewaltigung in der Ehe straffrei war. Das ist nicht lange her. Die späten 1960er, frühen 1970er waren noch so zumindest in Österreich. Ich denke in anderen Teilen Europas war es nicht anders, zumindest selten besser.
      Die heutigen Auswirkungen der Gewalt von gestern sind leider auch (nicht nur) ein Abbild der gestrigen Gesellschaft, die bis heute nachwirkt.
      Ganz liebe Grüße und einen schönen Tag. 🌸🌞
      „Benita“

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      1. Ja natürlich Benita, da stimme ich Dir absolut zu! Es ist vielleicht zu einfach, da dir gesamte Gesellschaft anzusprechen! Heute müssen wir acht geben, dass wir das Erreichte auch bewahren und nicht wieder zurück fallen in diese Frauenverachtende Zeit! Wobei es wohl immer Missbrauch und Gewalt gegenüber Schwächeren geben wird, dass ist eine furchtbare traurige Tatsache!

        Liebe Benita,
        ich wünsche Dir von Herzen, dass Du Dein Glück trotzdem finden kannst, egal in welcher Form!
        Alles GUTE für Dich! 💖💖💖💖💖

        LG Grüße Babsi

        Gefällt 1 Person

        1. Liebe Babsi,
          ja, es ist eine entsetzlich traurige Tatsache mit der Gewalt gegen Schwächere, die du ansprichst. Es gilt so gut es geht dagegen aufzutreten, von allen, denen dies möglich ist. Das habe ich stets getan und möchte es weiter tun.
          Vielen herzlichen Dank für deine besonders lieben Wünsche. Das freut mich sehr. 😊🌼💖😊
          Ganz liebe Grüße dir
          „Benita“

          Gefällt 1 Person

  1. Ich lese und verstehe und respektiere, aber so richtig nachfühlen kann ich es halt nicht und zerreden mag ich es auch nicht, daher sind meine Kommentare auf deinem blog meistens sehr kurz, ziehen sich manchmal in ein like zusammen …….
    Wichtig finde ich die persönliche Schilderung dieser Scham-Mechanismen, die ja von verschiedenen Gruppen von Überlebenden bekannt sind, wichtig und mutig.
    PS: so schöne Blumenfenster ! Sind das deine?

    Gefällt 3 Personen

    1. Liebe Myriade,
      Danke für deine lieben Zeilen *freu* 😊, für dein verstehen mögen und deine Ehrlichkeit. Auch wir wissen oft nicht, was wir zu Phänomen kommentieren können, die uns unbekannt sind uns aber nahe gehen. So ist ein Like und hie und da einige Zeilen wunderbar für mich/uns. Ich freue mich sehr, dass du unserem Blog so treu bist. …. Ich merke, dass uns dieser Beitrag und der Austausch darüber sehr hilft, diese Scham-Mechanismen zu durchschauen. Ich hoffe, das ist ein guter Weg, sie zu überwinden.
      ….. Nein, die Blumenfenster sind nicht meine. Ich fand sie im 5. Bezirk und war so begeistert, dass ich sie fotografieren musste.
      Alles Liebe und einen schönen Tag. 😊
      „Benita“

      Gefällt 2 Personen

  2. Vielen, vielen Dank für die Ehre dich so bewegen zu dürfen und deine sehr persönlichen Worte zu unserem Beitrag! Wir sind sehr gerührt davon.
    Im Bezug auf Sozialleistungen hilft uns immer der Gedanke, dass es unser Gehalt dafür ist, von der Gewalt zu heilen, vor der die Gesellschaft nicht in der Lage war uns zu schützen oder bereit ist ausreichend hinzusehen. Ein bisschen so, als ist nun einfach unser Job die Gewalt stellvertretend zu verarbeiten und zu verbalisieren. Ich finde es werden Menschen für weit nutzlosere Dinge bezahlt… 😉
    Liebe Grüße und einen tollen Start in die Woche!
    Sofie 😊

    Gefällt 5 Personen

    1. Liebe Sofie,
      Danke für deine Rückmeldung. Wie schön, wenn ein Beitrag in die Welt geht und helfen kann wie deiner. Die Ehre ist (auch) auf unserer Seite, zitieren zu dürfen. ….. Es ist einfach sehr gut, was du geschrieben hast. 👌☺️
      Diese Gedanken zu Sozialleistungen habe ich auch, bloß sind sie auch so gesehen täglich sehr retraumatisierend. Bei dieser Unterbezahlung der außerordentlichen Leistung, mangelnder Wertschätzung und Demütigung, die mit diesem „Job“ verbunden sind, möchte ich gerne den „Arbeitgeber“ wechseln, denn derlei möchte ich mir/uns nicht (mehr) antun lassen. Es fehlt an „Arbeitnehmer*innen“ Vertretungen und rechtliche Grundlagen bei dieser Sichtweise. ….. Ich denke eben, dass Scham und Zorn evtl. zusammen gehören könnten. Dass sie die zwei Seiten der Medaille sind, die Gewaltopfer in sich tragen und die an ihnen zerren! …. Eben es gibt genug Menschen, die weit höher für nutzlosere Dinge bezahlt werden. Aber dass die Höhe der Bezahlung und die Leistung der Arbeitenden in einem fairen Ausgleich stehen in unserer Gesellschaft hat ja niemand behauptet. Vielleicht ist mein Gerechtigkeitsempfinden im Weg, diesen Gedanken in Ruhe anzunehmen? Es widert mich immer mehr an, wie es läuft!
      Auch dir einen angenehmen Start in die Woche und ganz liebe Grüße 😊🏵️
      „Benita“

      Gefällt 2 Personen

      1. Oh, ja. Da habt ihr absolut recht! Die Bezahlung ist viel zu mies und eine bessere Vertretung bräuchte es auch! Deinen Anspruch auf mehr Gerechtigkeit finde ich da gut nachvollziehbar. Vielleicht kommt das ja irgendwann noch. Wünschen würden wir uns das.

        Liebe Grüße,
        Sofie ☀️🦋

        Gefällt 2 Personen

  3. Liebe Benita, seit langem ist mir klar, dass meine Selbstmordversuche im jugendlichen Alter bis 29 noch – genau dieser „Überlebensschuld“ (eigentlich nicht verdient zu haben zu leben) entstammen. Danke für das nochmal Aufgreifens dieses Themas von Scham und Hintergründen.

    Gefällt 1 Person

  4. In der Tat ein großes verbales Geschenk, liebe Benita, ideal für Meditationen, wenn auch nicht für ein schmerzhaftes Tattoo…
    Beim Lesen kam aus der Erinnerung dieses große Geschenk „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertesz wieder zum Vorschein, ein ungeheures Geschenk für die gesamte Menschheit!
    Lass es dir gutgehen, so gut wie irgend möglich, ob mit oder ohne Scham…
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Lu,
      Welch Ehre, dass dir beim lesen meines/unseres Beitrages dieser wunderbare Roman des Literatur Nobelpreis-Trägers Imre Kertész ins Gedächtnis kommt. Oh ja, der ist wahrlich ein Geschenk. Ich bin nicht größenwahnsinnig mich damit zu messen. Soll es eine Ermutigung sein mein Buch zu schreiben?

      Und nein, ich werde mich nicht tätowieren lassen. Mir reicht jener Schmerz, der ohnedies da ist und will mir keinen zusätzlichen antun!

      Herzlichen Dank für deine lieben Worte. Einen wunderschönen restlichen Tag dir. 🤗
      Herzliche Grüße
      „Benita“

      Gefällt 1 Person

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