Die Schwimmerin

Meditieren hat nicht nur Vorteile. Das könnte ich denken, wenn ich meinen momentanen Schmerz ansehe.

Dein Schmerz ….. ha, ha, du fühlst es doch eh nur mit, abgeschwächt, wenn überhaupt!

Ja, ich Erzählerinstimme. Wer bin ich denn?

Gestern waren wir das erste Mal in diesem Sommer im Schwimmbad. Es ist mein Lieblingsbad. Jugendstilambiente mit wunderschönem Ausblick. Und danach waren wir sehr müde, ja fast erschöpft, wie immer. Da es ein Thermalbad mit hohem Schwefelgehalt ist, ist auch dies für den Körper anstrengend, dachte ich immer.

Dennoch war an Schlafen nicht zu denken. Wir schauten fern. Noch dazu einen Film, wo es um eine Vergewaltigung und daraus folgende Schwangerschaft ging. …. Keine gute Idee, gar keine gute Idee!? Oder doch? Denn im Grunde war der Boden schon durch das Schwimmen aufbereitet. Jedes Jahr dieselbe Situation. Der Körper schwimmt. Es tut so sehr gut und  wir tun es sehr gerne. Wir kommen zurück und der Tag danach ist eine Katastrophe.

Nun beim Meditieren hatten wir klar gespürt, dass wir nicht wissen, wer diese Person ist, die da schwimmt. Ich kann mich an den gesamten Tag erinnern. An umgängliche Gespräche im Schwimmbad. Eine leutselige Person, die etwas angeberisch ist. Sie weiß, dass sie viel besser schwimmt als die meisten Badegäste.

Sobald der Badeanzug angezogen ist, ist diese andere Person da. Also bereits vor dem weg gehen. Sie stolziert nahezu zum Bad, um sich dann dort ebenso fortzubewegen. Blicke dürfen nicht wahrgenommen werden. Nicht einmal der Gedanke, dass uns andere Menschen so wenig bekleidet sehen. Die Tatsache so unbekleidet herum zu gehen wird abgespalten. Der Körper wird zur Maschine, die ihre Bahnen zieht. 50 Minuten am Stück schwimmen. Ist zwar nicht so viel, aber angesichts des untrainierten Zustandes und unseres Alters. Es tut gut, wenn nicht die anderen Menschen wären, die mitunter in die Quere kommen. Ein Sportbecken, wo niemand quer schwimmt, oder achtlos planscht wäre gut. Gibt es aber nicht. Mehrere Kollisionen müssen vermieden werden. Spielende Kinder und unachtsame Schwimmer, die meinen, das Becken gehört ihnen alleine. Es nervt. Wenn die Schwimmerin schwimmen will, will sie schwimmen. Und sie will dabei gesehen werden. Es ist ein kokettieren mit dem gesehen werden. Gestern die Erkenntnis, dass das Kieser Training Wirkung zeigt. Der Rand des Beckens wird von einer kleinen Brücke überdacht, die das Queren für die Badegäst*innen ermöglicht. Hier lassen sich hervorragend Klimmzüge machen. Der Auftrieb des Wassers macht es viel leichter. Und es geht viel leichter als zu Zeiten vor dem regelmäßigen Krafttraining. Auch wie der Körper auf dem Wasser gleitet hat sich geändert. Der Rumpf ist stabiler und kraftvoller. Das ist wunderbar. Nach mehreren Bahnen richtet sich endlich die Wirbelsäule aus. Es ist ein hervorragendes Gefühl. Es ist irgendwie geborgen, wie im Mutterleib. ….. Ob das Geborgenheit war? Nicht für alle! ….. Für die Schwimmerin schon. Sie weiß nichts von der Quälerei, wie der Körper schwimmen lernte, oder Gewalt gegen sie bereits als Embryo.

All die schlimmen Erinnerungen, wo es lebenswichtig war zu schwimmen, weil sonst ertrinken drohte. Zum Beispiel, als wir als Kleinkind als letzte aus der Donau zurück ins Motorboot unseres Vaters durften. Zu klein um alleine hinein zu kommen. Die Schwimmflügerl an den Armen. Das Wasser war kalt. Unsere Mutter stieg hinein. Der große Bruder und der Vater waren davor ins Boot geklettert. Die kleine 4jährige also alleine in der Donau. „So, jetzt fahr’n wir!“, SCHERZTE unser Vater. Alle drei im Boot lachten. Wir bekamen noch mehr Angst als wir bereits hatten, so alleine im Wasser, denn Kleinkinder nehmen alles wörtlich und es wäre meinen Eltern zuzutrauen gewesen. Ich traute ihnen bereits in diesem Alter wohl jede Grausamkeit zu, die ich damals schon denken konnte. Es kamen welche dazu, von denen ich noch keine Ahnung hatte. Als wir diese Episode mit unserer Mutter bei einer Therapeutin besprochen hatten, vor einigen Jahren, antwortete sie: „Warum solltest du Angst haben, da war doch eh die Leiter!?“ ….. Nein, da war niemals Empathie, auch nur mitdenken, dass dies für ein Kleinkind gar nicht zu schaffen war, alleine diese Bootsleiter hinauf zu klettern. Ich erinnere, dass unser Vater uns dann an den Armen über die Bordkante ins Innere zog. Eine endlose Quälerei für die Kleine, bis es soweit war. Und nichts anmerken lassen. Alles ist gut. Ich bin es doch, die wieder so wehleidig ist. „Sensibelchen“ als Schimpfwort von beiden Eltern gehört. Stress pur.

Es musste also schwimmen gelernt werden. „Den Kopf unter Wasser!“ schrie uns unser Vater entgegen. Und es war klar, dass es keinen Widerspruch geben dürfe, auch wenn er hier im Schwimmbad nicht handgreiflich werden konnte. Das kleinste dagegen wehren hatte Folgen, später dann, daheim. „Augen offen lassen unter Wasser!“ Ja, die Augen blieben offen, obwohl das Chlor brannte. In manchen Schwimmbädern sogar sehr brannte. Nein, Schwimmbrille gab es keine. Gab es die in den frühen siebziger Jahren? Nicht für mich. Und ja, ich muss schwimmen lernen. Richtig schwimmen lernen. Mit Kopf aus dem Wasser ist schlecht für die Wirbelsäule. Wo er recht hat, hat er recht, der Vater. Aber es wäre auch sanfter gegangen. ….. Nein, das wäre es nicht! Nicht bei ihm. Und wozu sollte uns jemand anders schwimmen lernen, wenn er es doch konnte. Er war doch ehemals im Jugendnationalteam geschwommen, hatte Wasserball in einer Mannschaft gespielt und war auch Bademeister gewesen. Wasser ist sein Element. Seine Kinder haben das zu übernehmen. Aber die stellen sich ja so an. Dabei sind sie eh schon so alt. Ich war ca. 6 Jahre alt, als das schwimmen lernen ohne Schwimmflügerl durchgezogen werden musste. Schwimmflügerl sind für Babies. Es konnte nicht sein, dass die Kinder meines Vaters nicht schwimmen können. Das durfte nicht sein. Darum gab es kein Pardon. Jedes Wochenende, bis es gut genug war.

Nein, wir stellen uns nicht an. Tapfer kommt der Kopf unter Wasser. Die Augen bleiben offen. Und ja, er kontrolliert es. Denn wir müssen ja zu ihm hinschwimmen, auch wenn er dazwischen im Wasser geht. Wir müssen sehen, wo er steht. Da ist schummeln nicht möglich. Schwimmen lernen bis zur Erschöpfung. Die roten Augen gehen vorbei. Wozu denn Augentropfen oder Schwimmbrille, auch wenn es noch so brennt. „Selber schuld, wenn du dir die Augen ribbelst!“

Die Schwimmerin weiß von all dem nichts. Vielmehr ist sie ein klein wenig ein Abbild unseres Vaters. Stolz auf ihre Schwimmkenntnisse, etwas ungeduldig mit anderen Schwimmer*inne*n, die nicht so gut sind. Verachtend auf die „Weichlinge“ blickend, die ihre Bahnen mit Schwimmbrille ziehen. Das braucht sie nicht. Aber es ihnen niemals zeigend. Das ist der Unterschied zum Vater. Das hätte sie ja niemals dürfen. Sie nicht! Despoten darf es nur einen geben.

Nach der durchwachten Nacht, mit fernsehen und Handy spielen, kamen durch die Meditation diese Erinnerungen ins Bewusstsein. Es brauchte Mut zu meditieren. Der Widerstand gegen das Erinnern, gegen das zur Ruhe kommen war enorm. …… Ich bin dankbar, wieder ein Stück aus dem Innen geborgen zu haben. Jetzt gehört es mir. Vielleicht macht schwimmen irgendwann einmal trotzdem allen Spaß?? Es muss doch die Quälerei auch einen Sinn gehabt haben! Und dem Körper tut es sehr gut.

Immer ein Schritt nach dem anderen, ein Tempo nach dem anderen. Schnell muss es heute nicht mehr gehen, sondern mit Geduld und Sanftmut. Schwimmen lernen auf höherem Niveau.

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7 Gedanken zu „Die Schwimmerin“

  1. So ein schwieriges Verhältnis zum Schwimmen, aber bewundernswert, dass du es doch tust. Ich bin auch schon im Vöslauer Wasser geschwommen und habe das feeling sehr eigen gefunden im Mineralwasser zu schwimmen und das gleiche dann anschließend aus Flaschen zu trinken

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    1. Danke, liebe Myriade. Wenn ich alles weglassen würde, wo ich ein schwieriges Verhältnis dazu habe ……
      Ich war nicht in Vöslau, da war ich einmal als Kind, ist ewig her. Aber sagen wir mal ich war in einem Jugendstilbad in der Nähe! Die Fotos von Vöslau sind im Herbst vor einigen Jahren bei einer Kunstveranstaltung im Bad entstanden. …… Die Vorstellung mit dem Mineralwasser ist natürlich eigenartig. …..
      Alles Liebe
      „Benita“
      P.S. hab dein Mail erhalten. Danke. 🙂 Hängt in der Warteschleife für Beantwortung. Antwort kommt aber.

      Gefällt 2 Personen

      1. Galgenhumor ist was ganz Großartiges „wenn du alles weglassen würdest wozu du ein schwieriges Verhältnis hast“ ……
        Ich bin selbst eine so lausig langsame email-Beantworterin, dass ich es mir in Warteschleifen gemütlich machen kann 🙂 Ein wunderbar verregnetes WE wünsche ich dir

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    1. Danke, liebe ebenso mutige Sophie! 😊
      Dieser Mut hinzusehen bringt uns weiter. Übrigens wechsle ich EFT und Meditation dzt. ab. Ich muss gut aufpassen, dass es nicht zuviel wird, was ich gerade alles so tue. Hab ich dir schon einen meiner Lieblingssprüche erzählt: „Zukunft haben die, die Angst haben und doch handeln.“ …. In diesem Sinne gehen wir eben weiter, mal leichter, mal mit mehr Mut und Überwindung.
      Alles Liebe dir
      „Benita“

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