Leben mit DIS #28a: Die Frage nach dem „ich“ oder „wir“, dem „du“ oder „ihr“!

Gestern war es wieder einmal soweit, dass wir uns enorm unwohl fühlten, weil wir in einem Mail an die Baugruppe, also an jene Menschen mit denen wir kurz- bis mittelfristig nahe beisammen leben werden mit „ich“ über uns schrieben. Wir verleugnen uns, um uns zu schützen?! Früher oder später werden wir uns als DIS outen müssen, wenn wir uns wohl fühlen wollen und uns nicht in dieser Gruppe ständig verstecken wollen. Ganz oft fühlt sich das WIR einfach richtiger an als ein ICH. Ein ICH bedeutet ja auch etwas anderes. Es bedeutet nicht ∑ICH. Das ist wieder etwas anderes. Aber wie erkläre ich ein ICH ALS SUMME VIELER ICHS, die sich gerade einmal recht nahe sind, was aber oft nicht der Fall ist. Und ein ∑ICH bedeutet keinesfalls, dass in diesem Moment kein vereinzeltes ICH mehr im Körper herumschwirrt, das von alledem nichts mitbekommt. Ein komplettes Co-Bewusstsein aller Innenwesen und ein so nahe zusammenstehen, dass alle, wirklich alle zu einem ICH gerinnen kennen wir (noch?) nicht. Manchmal ist sich jedoch die Gruppe der Alltagspersönlichkeiten näher und ein anderes Mal wieder so fremd dass ein ∑ICH für diese Gruppe auch unmöglich erscheint. Und dennoch lassen wir es zu, von uns nahen Menschen als DU angesprochen zu werden.

Wie sehr es schmerzt immer wieder als Einzahl angesprochen zu werden spüren wir zwar immer wieder, aber auch nur dann wirklich wenn jemand es nicht tut, oder sich zumindest um eine für uns emotional richtige Anrede bemüht. Nicht wahrgenommen werden wird automatisch abgespalten. Das ist nicht gesund, aber die einzige Möglichkeit mit diesen selbstverständlichen Kränkungen umgehen zu können. Und es bedient unseren Instinkt uns zu verstecken und nicht aufzufallen. Es triggert das wohl wichtichste Überlebensmuster überhaupt an, das wir je gelernt haben. In unserem Alltag  gibt es außer unserer Therapeutin niemanden, der oder die sich um eine für uns angenehme Anrede bemühen. Immer wird eine Einzahl verwendet und gedacht, damit würde unser Wesen erfasst und erkannt. So ist es eben nicht. Wer DU zu uns sagt, spricht eben auch nur mit einer von uns und wird uns auch niemals wirklich kennen. Was besonders dann verletzt, wenn wir dieser Person so vertrauen, dass wir immer wieder mal der- oder demjenigen gegenüber ein WIR verwenden. Dies zu ignorieren heißt in unserer Fähigkeit zu überleben ignoriert zu werden, alle Gewalt, die wir überlebten wird so ignoriert, unsere Arbeit täglich die Balance zu halten wird ignoriert und unser Wesen von einer vielfältigen und begabten Person auf eine einseitige Begabung, nämlich jene mit Verletzungen umgehen zu können, reduziert. Wie wohl diejenigen, die uns beharrlich DU sprich mit Einzahl ansprechen, obwohl sie es besser wissen so nehme ich an wohl Facetten unseres Gesamtsystems wahrnehmen, aber sie wollen schlicht nicht wissen, wer wir sind. Oder sie wissen es einfach nicht besser. Ein Freund beispielsweise glaubt tatsächlich, dass es uns besser geht, wenn wir nur die Einzahl verwenden und es uns ganz schlecht geht, wenn wir „wir“ sagen. So ein Blödsinn. So einfach ist das leider nicht. Er verwendet aber immer wieder eigenartige Ausreden, z.B. dass er sich da eben nicht hineinfühlen KÖNNE. Aha, und? Nur weil ich niemals wissen werde, wie sich das Leben als Mann z.B. anfühlt, spreche ich Männer auch nicht mit einem weiblichen Vornamen an. Aber es stimmt, wir sind zu feige es einzufordern. Weil all jene, die sich nicht die Mühe machen uns zu erkennen eine potentielle Gefahr sind.

Diese „Freund*innen“ verweigern auch unseren Blog zu lesen und sind dennoch oft da für uns, obwohl sie einfach nicht da sind, weil sie nicht genau hinsehen wollen. Traurig für uns.

Aber hoppla, da gibt es eben auch noch diese Art von Freundschaften, die unseren Blog lesen und dennoch nicht wissen, wie sie uns ansprechen sollen und die Frage danach lieber nicht stellen. Sicher ist sicher! Wer weiß, was sie auslösen könnten? Oder unterstellen wir da Gedanken, die gar nicht da sind? Und es ist ja tatsächlich schwierig. Denn uns in Mehrzahl anzusprechen wenn wir unter Leuten sind, die uns nicht kennen ist …… was weiß ich, was uns un-angenehm ist? Die Frage nach der richtigen Ansprache überfordert uns und doch sind wir glücklich wenn sie gestellt wird, damit wir eine Chance haben uns darüber klar zu werden. Denn wozu eine Lösung für ein rein hypothetisches Problem finden?

Und dann gibt es jene, die wir über den Blog auch persönlicher im Mailaustausch und schließlich im realen Leben kennengelernt haben. Hier gibt es eine ganz andere Bereitschaft auf uns einzugehen.

Und so ergab sich vor einer Woche eine Begebenheit, die wir gleich darauf niedergeschrieben hatten:

Eine Frage bringt Freude und Unsicherheit

Gestern ein Treffen mit einer Freundin. Gemeinsam essen, beim Griechen da kam diese Frage unvermittelt, berührend, ganz tief ins Herz und unmöglich darauf einzugehen in dieser Situation.

„Ist es für dich eigentlich in Ordnung, dass ich dich behandle wie alle anderen Menschen?” Sie liest unseren Blog. Eigentlich haben wir einander über unsere Blogs kennengelernt.

Sie präzisiert ihre Frage: „Weil du schreibst, dass du dir wünschst, dass die Leute die Innenwesen erkennen.“

Wir lavieren herum, finden keine Antwort, die in dieser Situation, in der Öffentlichkeit mit Ausblick auf einen gemeinsamen Abend beim Kabarett möglich wäre. Innen ist mittlerweile ein kleines für uns noch kontrollierbares Chaos ausgebrochen. Wir bestätigen ihr, dass sie alles gut macht, dass es dennoch diese Sehnsucht gibt und dass es jetzt aber gut so ist, weil ich sonst vom restlichen Abend nichts mitbekomme. „Das wäre doch schade!” meine ich.

Wir versuchen noch Erklärungen, versuchen einzugehen ohne die Kontrolle zu verlieren und auch ohne sie zu entmutigen so heikle Fragen zu stellen. Ob sie die Anstrengung mitbekommt? Ob wir erfolgreich sind in unserer versuchten Darlegung unserer Situation? Wir erklären auch unsere Ambivalenz. Schließlich Themenwechsel. Wir verplaudern uns und kommen zu spät zur Vorstellung. Dennoch wurde das Gespräch zu kurz. Jäh beendet. Und es arbeitet in uns nach. Sie hat eine große Sehnsucht angesprochen. An einem problematischen Ort und zu einem schwierigen Zeitpunkt. Aber wie hätte sie dies erahnen können? Hätte sie dies können? Vielleicht war es für sie ebenso schwierig überhaupt diese Frage zu stellen? Und so kam sie eben unvermittelt, einfach so aus ihr herausgebrochen?

Wir verändern uns. In Therapie kommen immer öfter Innenpersonen heraus. Ob ich das will? Jein! Das Leben wird fragiler, aber auch ein Stück verständlicher und freier. Es ist eine Form die stete Kontrolle, eher den Zwang der Kontrolle aufzugeben, aber noch ist die Sicherheit damit umzugehen nicht vorhanden. Wie die Innenwesen im Alltag zulassen und dennoch die Kontrolle bewahren? Es ist der uns wohlbekannte emotionale Drahtseilakt. Ein Schritt daneben scheint eine Tragödie hervorzurufen. Aber vielleicht sind wir gesichert und vielleicht ist es kein Seil über einer Schlucht sondern nur eine slackline 30 cm über dem Boden? Beides schwankt. Es scheint uns der Überblick zu fehlen. Ich wünsche mir weitere Chancen darüber zu sprechen, wie die Freundin mit mir umgehen soll/kann/will!? Vielleicht in privatem Rahmen, an einem gesicherten Ort, wo ich nicht mit gegensätzlichen Anforderungen zu kämpfen hab. Nämlich mit dem Widerspruch mich bzw. uns zu zeigen und nicht aufzufallen. Das ist wie Luft anhalten und atmen zugleich. Es geht leider nicht.

Vielleicht ein geordnetes Gespräch, mit Regeln, das auch ihr Sicherheit gibt, wie damit umzugehen ist? ….. Einen Rettungsanker für den Notfall, der vermutlich nicht eintreten wird, weil wir schon recht stabil sind. Dennoch, besser ist besser. Für alle Beteiligten.

Vielleicht wird es ein solches Gespräch einmal geben. Es würde uns sehr freuen. Vielen herzlichen Dank für die Frage.


Die Frage nach dem „ICH“ oder „WIR“, „DU“ oder „IHR“ im Rahmen der Therapie, bzw. wie dort die geeignete Ansprache ist, soll im nächsten Beitrag Thema sein.

10 Gedanken zu „Leben mit DIS #28a: Die Frage nach dem „ich“ oder „wir“, dem „du“ oder „ihr“!“

    1. Aber ja! Das ist ja ein großes Thema für uns generell. ….. Wir dachten zuvor, dass wir uns auf philosophischen, psychologischen und soziologischen Bereichen überhaupt mit dem ICH beschäftigen wollen. Wir haben ja irgendwie keine Vorstellung, was das bedeuten soll. ….. Großes Thema oder Projekt. Wir sind neugierig, was dabei heraus kommt. 🙂

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  1. Hallo Benita, ich weiß ja nicht, ob dies für dich/euch möglich ist. Aber wäre es eine Möglichkeit, daß, wenn wenn du/ihr in der Einzahl angesprochen werdet, dies von allen Einzelwesen in dir/euch als eine persönliche Anrede verstanden wird? Ich hoffe, mich verständlich ausgedrückt zu haben.
    Liebe Grüße Christoph

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für die Nachfrage, lieber Christoph. Die Frage ist vollkommen verständlich formuliert. Leider oder glücklicherweise ist das nicht möglich, denn es würde viel Chaos auslösen. Um es ein bisschen zu erläutern, es wäre so, als würdest du in eine Gruppe Menschen eine Frage werfen und und es gäbe von allen Antworten oder Reaktionen. Das ergäbe ein schreckliches Stimmengewirr und ein Gespräch wäre unmöglich. …. In unserem Fall kommt dazu, dass eben nicht alle mitbekommen worum es geht. Es ist so, dass manche Innenwesen im Körper agieren und andere dies nicht mitbekommen. Es gibt kein durchgängiges Co-Bewusstsein. Co-Bewusstsein bedeutet, dass die Innenwesen von einander wissen und miteinander innen kommunizieren können. Diese innere Kommunikation fühlt sich fast so an wie Gedanken. Aber eben nicht ganz so. Es können ja nicht alle gleichzeitig einen Mund nutzen. ….. Manchmal fühlen sich mehrere angesprochen, dann hört nur diejenige, die gerade heraußen ist (d.h. den Körper nutzt) die Kommentare der anderen im Kopf, was recht anstrengend sein kann. Denn das Gespräch im außen geht ja weiter als wären wir ein ICH. Wenn dies nicht funktioniert, besteht nämlich die Gefahr als verrückt abgestempelt zu werden. Wer will das schon? Das wiederum hieße Einsamkeit.
      Liebe Grüße
      „Benita“

      Gefällt 1 Person

  2. Ja die Frage nach der Anrede ist immer wieder mal Thema, auch das Gefühl beim DU ignoriert zu werden und doch gleichzeitig ist es aber auch ok so, damit niemand im Außen was bemerkt!
    Diese Sehnsucht nach gesehen werden aber „bitte“ dann doch nicht kann zerreißen.
    Und was die Frage der Freundin betrifft, vielleicht liest sie ja diesen Beitrag und kommt noch mal auf euch zu in einem stillen Moment!

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, liebe Seelensplitter,
      genau diese Ambivalenz ist ganz schwierig. Es tut gut zu wissen, dass wir nicht alleine damit sind.

      Ich denke, dass die Blog-Freundin den Beitrag noch lesen wird. Wir haben ihr aber auch ein Mail geschrieben. Wir finden es nicht so gut, ihr nur über den Blog etwas auszurichten und auf etwas zu hoffen. ….. Aber weil das Thema in unserem Leben so gegenwärtig ist, wollten wir auch einen Text dazu schreiben.
      Herzliche Grüße
      „Benita“

      Gefällt 3 Personen

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