Wir haben uns verändert ….

….. Und das ist gut!

Als Jugendliche hatten wir uns zum Ziel gesetzt, dass niemals jemand die oder der nicht an der Gewalt unserer Kindheit Schuld trägt, an den Folgen leiden sollte.

Ein hehres Ziel. Ein uneinlösbares Vorhaben. Ein Auftrag, der sich nur gegen mich/uns richtete. Denn um ihn umzusetzen hieß es unsere Bedürfnisse immer hinter jene der anderen zu stellen, mehr noch, sie zu verleugnen. Sobald wir jemanden mit unseren Bedürfnissen einem gewissen Druck aussetzen und die Person daraufhin mit Abweisung reagiert und sei sie noch so gering, zogen wir uns zurück, gaben uns die Schuld, wiesen uns den Fehler zu und blieben einsam in uns. Vor allem aber blieben wir in jenem Verhaltensmuster und Auftrag gefangen, den uns die Eltern aufgetragen hatten.

Wir sollten KEINE Bedürfnisse haben, die über Nahrungsaufnahme hinaus gingen. Aber auch die wurde von den Eltern bestimmt. Wann, was, wie viel. Schlaf war auch ein variables Bedürfnis, keines, das wir selbst bestimmen durften. Da wurden wir beispielsweise als Kleinkind mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, weil wir den Vater begrüßen mussten, der von einer Geschäftsreise heim kam. Das war eine Erzählung für die sich die Eltern brüsteten. Darauf waren sie stolz, dass wir mitten in der Nacht mit den Eltern die mitgebrachten Froschschenkel gerne verspeist haben. Welche Wahl hatten wir denn gehabt? Keine! Essen verweigern war verboten. Überhaupt war es verboten sich den Eltern zu widersetzen. Und der Vater war derart jähzornig, dass unser Widerstand tatsächlich lebensgefährlich gewesen wäre. Das haben wir bereits als Baby erfahren, als er uns fast tötete, weil wir zu laut weinten. Das war damals natürlich kein Widerstand, sondern die für ein Baby übliche einzig zur Verfügung stehende Möglichkeit, die eigenen Bedürfnisse kund zu tun und auf Hilfe zu hoffen. Eine Erfahrung, die wir ganz unüblich für dieses Alter, nie vergessen hatten, auch wenn sie verschlüsselt über einen Alptraum im Gedächtnis verblieb. Dieser Traum, dass Hände aus der Wand kommen und uns würgen quälte uns unsere gesamte Kindheit, Jugend und noch Jahrzehnte als erwachsene Frau. Er ging erst nach ganz vielen Jahren Therapie, Jahrzehnte später weg, als uns bewusst wurde, dass es eine Erinnerung an dieses frühe Nahtoderlebnis war und eben kein Traum.

Menschen, die einander nahe stehen verletzen einander, so ist das Leben. Das ist der Weg sich zu entwickeln, mit einander und von einander zu lernen. Wir reiben uns an einander und kommen darüber zu Erkenntnissen über uns selbst. Das Anderssein des Gegenübers unterdrücken zu wollen, bedeutet sich psychisch nicht entwickeln zu wollen. Da dieses Hinsehen auf eigene Baustellen und Fehler über den Spiegel der anderen mitunter sehr schmerzhaft ist, ist eine erste Ablehnung als Reflex verständlich. In diesem Reflex stecken bleiben ist ein sich aufgeben und sterben während man noch lebt. Unsere Eltern wollten genau dies, unser anders-sein unterdrücken, weil sie den Spiegel nicht ertragen wollten, in den sie sehen hätten müssen.

Und genau dies ist die für uns so wertvolle Erkenntnis. Wir selbst spielten dieses Überlebensmuster aus der Kindheit weiter und unterwarfen uns, um andere nicht zu „belästigen“ und brachten uns so selbst um unser Leben und auch um die Nähe mit anderen Menschen, die uns wohlgesonnen sind. Wir versteckten uns als Überlebensmuster, das uns das Leben bzw. die Lebendigkeit verboten hat, den Körper jedoch am Leben erhielt. Eine kluge, intuitive Entscheidung als Kind, wo es keinen anderen Ausweg gab. Eine fatale Angewohnheit und Überzeugung als Erwachsene.

Dies zu erkennen hat uns nun über Wochen extreme zum Teil physisch wahrnehmbare Schmerzen bereitet. Noch nie fühlten wir in dem Ausmaß, wie es uns fast das Herz herausreißt, dies einzugestehen, hinzusehen.

Es ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis unseres Lebens.

Zu sich selbst zu stehen gegen den Widerstand anderer Menschen ist allerdings eine Herausforderung, die wir noch üben müssen. Leicht ist das nicht. Und es geht einmal besser und dann wieder schlechter, denn abspalten oder switchen ist ein derart gut eintrainierter Automatismus geworden, den zu unterbrechen wir wohl immer und immer wieder beginnen müssen. Wir sind aber überzeugt, dass es einfacher wird mit jedem gelungenen Mal.


Dieser Text ist einer von mehreren, der in den letzten Wochen halbfertig als Entwurf auf Fertigstellung wartete. Heute ist es so weit. 🙂

10 Gedanken zu „Wir haben uns verändert ….“

  1. Liebe „Benita“ wieder ein wunderbarer Text – herzlichen Dank. Es ist aus der Tiefe geschrieben und mit einer mutigen Genauigkeit, die sich selbst nicht schont. Freu mich immer über Eure Beiträge. Dr. Beatrix Teichmann-Wirth Personzentrierte Psychotherapie Paletzgasse 22-24/30 A-1160 Wien Tel. 0043676 612 24 07

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  2. Liebe Benita Wiese,
    es ist gut, zu erkennen, dass wir uns im Laufe des Lebens ändern können! Und es ist gut, wenn wir sehen, dass wir dies positiv bewerten können! Heißt es doch, dass sich in uns positive Lebenskräfte regen und auch durchsetzen können. Schön, dass Ihr das berichten könnt!

    Erinnerungen an die ganz frühe Kindheit sind wohl vereinzelt möglich. Unbewusst vermute ich da sowieso ein großes Wirkungsfeld. Aber auch bei mir gibt es ganz bewusste Erinnerungen. Warum auch immer sie „hängen“ bleiben? Ich erinnere mich an eine Situation ganz konkret, als ich im Kinderwagen lag in unserer damaligen Wohnung, aus der wir auszogen, als ich drei Jahre alt war. Ich erinnere mich an dieses Haus und den Garten mit zwei oder drei weiteren Erinnerungsbildern und sonst an nichts. Diese alle haben aber bei mir nichts mit Angst zu tun. Ich finde das sehr interessant, dass es das gibt. Ich für mich sehe keinen Anlass, dies tiefer ergründen zu müssen.

    Dann gibt es noch zwei Alpträume, die mich im Kindesalter eine Zeit lang verfolgt haben. Nach und nach verloren sie sich und die damit verbundenen Ängste lösten sich auf.

    Wenn mich schon diese harmlosen Erinnerungen immer wieder begleiten, wieviel mehr müssen die Euren auf dem erlebten Hintergrund existentiell zutiefst Angst erzeugend sein? Ich finde es schön, dass Ihr berichten könnt, dass Ihr Euch verändert habt darin, wie Ihr damit umgeht. Ihr dürft das natürlich Eurer Umgebung „zumuten“! Dafür sind Mitmenschen da, dass sie miterleben, wie es Euch geht. Vor allem nach schlimmen Lebensphasen erkannte ich dabei sehr genau, wer mir gegenüber offen war und freundschaftlich gesinnt…

    Ich wünsche Euch für das neue Jahr alles Gute auf Eurem weiteren Lebens- und Erlebensweg! Habt eine gute Zeit und Begegnungen, die wesentlich sind! Und ich freue mich immer wieder, von Euch zu lesen!
    Herzlichen Gruß, Michael

    Gefällt 2 Personen

    1. Lieber Michael,
      Vielen herzlichen Dank für deine lieben Zeilen, Wünsche und auch das Teilen deiner Erinnerung. Tatsächlich gibt es auch eine sehr frühe gute Erinnerung in unserem Gedächtnis, als uns unser 2½ Jahre älterer Bruder aus dem Gitterbett half, als die Eltern noch schliefen. Ich konnte schon gehen und er legte einen Polster auf seinen Schoß auf den ich wie eine Prinzessin steigen konnte. Er ließ natürlich auch das Gitter herunter. Sprossen zum aushängen wie es sie heute gibt, gab’s ja noch nicht. ….. Das war eine sehr liebevolle Erinnerung. Wir sind dem Bruder auch liebevoll verbunden, trotz großer Unterschiedlichkeiten.
      Danke für das Mut zusprechen uns zu zeigen. Es bedeutet uns sehr viel, weil mehrheitlich Ablehnung kommt, wenn wir uns anderen „zumuten“, aber nur so kann’s auch gelingen wirkliche Freundschaften zu schließen und der Einsamkeit zu entkommen.
      Auch dir eine gutes, Erkenntnis reiches und freudvolles Jahr voll Gesundheit und Liebe.
      Herzliche Grüße
      „Benita“

      Gefällt 1 Person

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