Leben mit DIS #34: zu hohe Ansprüche?!

Dieses wunderbare Bild habe ich auf der Kunstmesse „Parallel 2019“ in Wien gesehen. Es stammt von Michaela Konrad und heißt SPACETIME. (Danke aquasdemarco für die Info.) Auf Wunsch der Künstlerin wird das Bild hier selbstverständlich gelöscht! Dafür bitten wir höflichst um Kontaktaufnahme. Es passt nur so gut zum Text, dass wir es verwenden. Wir bitten um Verständnis.

Wir hören von unserer Therapeutin immer wieder, dass wir so hohe Ansprüche an uns haben, dabei ist es so, dass wir mit aller Kraft und völlig ungenügend die Anforderungen der Umwelt, die zum überwiegenden Teil aus UNOs bestehen versuchen zu erfüllen.

Diese Anforderungen heißen, sie, die UNOs, nicht belästigen mit unserer Geschichte oder mit den Schwierigkeiten unseres Lebens, sowie akzeptieren, dass sie nicht gewillt sind, sich hineinzuversetzen wie es uns ergehen mag, wie es sich anfühlen mag von frühester Kindheit an sexualisierte und psychische Gewalt erlitten zu haben. Denn wenn wir versuchen, die Leute damit zu konfrontieren, verlieren wir sie als „Freunde“, werden auch aktiv ausgeschlossen aus einer Gesellschaft an deren Rand wir stehen, weil wir zu schwierig sind. Das ist bis auf vielleicht eine Ausnahme in unserem Leben die Realität der wir täglich 24h gegenüber stehen, nur unterbrochen von 1h Psychotherapie wöchentlich.

Ja, uns geht es auch auf die Nerven dies zu sagen, aber es ist unsere Realität. Und es sind Anforderungen, die uns nahezu täglich so enorm erschöpfen, dass wir kaum mehr Kraft haben, als gerade noch zu überleben und versuchen dennoch zu heilen. Wir wissen nur nicht, wie ein solches Leben der kontinuierlichen Retraumatisierung mit einem Heilen von DIS und Spaltung zusammen gehen soll?

Wir nehmen an, dass es vermutlich ein Gefühl der Überforderung ist, das Leute bewegt sich innerlich von unserer Geschichte so zu distanzieren, dass sie sich nicht einfühlen wollen. Aber dieses Wissen hilft uns nicht weiter, es schmerzt dennoch unerträglich stark. Und wir sind nicht der Ansicht, dass schwierige Lebensereignisse nur in Therapiestunden überhaupt eine Berechtigung haben erzählt zu werden, was auch schon an uns herangetragen wurde. Das ist auch ganz unmöglich. Dann nämlich mögen wir auch nicht mehr belästigt werden mit Seelenleid von UNOs, das uns fremd ist und wir uns dennoch einfühlen können. Was wäre das für eine Welt, wenn wir mit schmerzvollen Erfahrungen nur in Psychotherapien hoffen dürften gehört zu werden? Das ist das Tabu von Gewalterfahrungen, wenn derlei nur für diesen Bereich der Erfahrungen gälte.

Zurück zu den Anforderungen. Wir selbst haben im Grunde nur zwei. Leben lernen mit unseren Fähigkeiten und Interessen und gemocht werden, wie wir wirklich sind, mit dem was da ist. Ist das so viel? …. Stimmt das? Ja, denn hinter allen unseren Bemühungen stehen im Grunde diese Wünsche. Auch in den täglichen Anstrengungen zur Ruhe zu kommen und nicht durchzudrehen. Unsere eigenen Anforderungen umzusetzen gelingt irgendwie kaum, weil sie im Widerspruch stehen zu den Anforderungen, die wie oben beschrieben zugleich das Tabu Gewalterfahrung in sich tragen, die von außen an uns herangetragen werden.

Es ist zum Haare raufen, toben und verzweifeln.

11 Gedanken zu „Leben mit DIS #34: zu hohe Ansprüche?!“

  1. Ich würde sagen, dass der Aspekt der „Belästigung“ höchstwahrscheinlich deine/eure Interpretation ist. 😉 Ich habe mich noch nie belästigt gefühlt, höchstens manchmal überfordert. Ich denke mir dazu, dass es unmöglich ist, sich in die Gewalterfahrungen anderer hinein zu versetzen, wenn man selbst keine gemacht hat oder ganz andere, oder ganz anders reagiert (hat) Als UNO ist es überhaupt schwierig bis unmöglich sich in eine Person mit DIS hineinzuversetzen. Ich denke nicht, dass das etwas mit Tabus zu tun hat. Nicht jede/r reagiert wie die katholische Kirche 🙂
    Für mich persönlich ( und das wird bei allen Menschen anders sein) ist auch das Bedürfnis schwer zu verstehen, sich voll und ganz in allen Aspekten herzuzeigen. Ich glaube nicht daran, dass Leid dadurch leichter wird, dass andere genau nachfühlen können, wie sich dieses konkrete Leid anfühlt.
    .
    Was ich mich immer wieder frage, ist, ob das denn überhaupt notwendig ist. Ich kann natürlich nur von mir sprechen, aber ich kann einen Menschen so akzeptieren wie er/sie ist ohne genau zu wissen wie seine/ihre inneren Mechanismen ablaufen. Ist das nicht tragfähiger für dein/euer Ziel „Leben lernen mit unseren Fähigkeiten und Interessen und gemocht werden, wie wir wirklich sind, mit dem was da ist. “ Dein/euer Sein erschöpft sich doch nicht im Leiden. Du bist doch eine freundliche, kluge, hilfsbereite Person.
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    Aber vielleicht kann ich einfach wirklich vieles nicht nachvollziehen. Auf jeden Fall schicke ich dir herzliche Grüße und wünsche dir das Allerbeste ❤

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    1. Der Wunsch, dass es andere nachvollziehen können, liegt darin begründet, dass sich unser Leben leider doch zu 90% in Leiden erschöpft und wir dennoch eine freundliche, hilfsbereite Person sind. Und das, obwohl wir täglich dagegen kämpfen nicht Amok zu laufen. Vielleicht weil wir zu klug und einfühlsam sind um die Kämpfe anderer nicht zu erfassen?
      Wir wollen mit dieser enormen Arbeit, die wir leisten akzeptiert werden, das ist der Hintergrund. Und wir sehen nicht, wie das anders gehen soll, als zu zeigen, von wo wir kommen und was wir versuchen zu schaffen oder bereits geschafft haben. Und dass es so gar nicht selbstverständlich ist, dass wir noch am Leben sind, nicht dauerhaft in der Psychiatrie leben, oder gar im geschlossenen Strafvollzug. Das mag daran liegen, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben und wer von Sozialleistungen abhängig ist, damit leben muss mit einem Makel herumzulaufen, der offen immer wieder kommuniziert wird, von Politikern, in den Medien und in in Witzen jener, die nicht wissen, was es bedeutet in unserer Haut zu stecken. ….. Wir wollen für diese Heilungs-Arbeit geachtet werden, weil wir denken, dass wir zurecht dafür Sozialleistungen erhalten. Heilung von schwerster Gewalt und den Weg dorthin vermitteln ist unser Beruf. Was aber eine in unserem Gehirn geschusterte Krücke ist damit zurecht zu kommen. Hier leben wir in einem tiefen inneren Konflikt. Es ist alles andere als einfach für uns diese Sozialleistungen anzunehmen, die Scham ist überdimensional, eben weil es das nicht Dazugehören bedeutet. Viel lieber wären wir auf der anderen Seite, hätten Psychologie studiert oder lieber unser sozialwissenschaftliches Studium abgeschlossen und könnten von außen auf Leute wie uns schauen und der Welt deren Lage innerhalb der Gesellschaft erklären. Dann bekämen wir auch die Anerkennung, die wir uns ersehnen. Aber von innen aus dem Kreis der Betroffenen zu erzählen ist ein Minenfeld.
      Danke für die lieben Wünsche und dein Nachfragen und deinen Standpunkt.
      Herzlich
      „Benita“

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      1. Ja, ich finde auch, dass es bewundernswert ist, dass es dich/euch überhaupt noch gibt und als freundliche, nicht verbitterte Person. Soweit ich das beurteilen kann. Das kann ich alles nachvollziehen und sehe da auch überhaupt keinen Widerspruch zu meinem Standpunkt. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass die Sozialleistungen, die du/ihr bekommt nicht gerechtfertigt wären …

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        1. Und wie stehst du dazu, dass wir das Weitergeben was wir erleben auch als Beruf sehen? Da sehen wir den Widerspruch zu deinem Zugang. Wir mögen keine Sozialleistungen ohne etwas zurück zu geben an die Gesellschaft. DAS macht uns zum Opfer und nicht das darüber sprechen und versuchen zu vermitteln, was Gewalt macht. ….. Entschuldige, dass wir das hier besprechen und nicht bloß per Mail, aber es arbeitet in uns und betrifft ja nicht nur unseren Austausch sondern wir kennen es von mehreren Seiten.

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          1. Ich finde, dass jeder Mensch der Gesellschaft in irgendeiner Weise ohnehin etwas gibt und niemand sich für Sozialleistungen schämen muss. Wenn du es aber als Beruf siehst, Erfahrungen weiterzugeben, warum nicht? Es ist eigentlich auch eine Leistung für die Gesellschaft, an dir/euch zu arbeiten, denn – wenn du es rein finanziell betrachten möchtest – so sind lange Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen wesentlich teurer als Mindestsicherung.

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            1. Wir bekommen nicht Mindestsicherung, wir sind in Invaliditätspension. Das ist uns sehr wichtig, weil wir mit jungen Jahren durchaus gut verdient hatten drei Jahre in der PC-Branche bevor wir nach der Suche uns in anderen Jobs zu finden vor Überforderung zusammen gebrochen sind. ….. Aber auch I-Pension und was an Therapiezuschüssen und Transferleistungen dazukommt, weil die Pension zu gering ist, ist freilich noch sehr viel weniger finanzieller staatlicher Aufwand, als wenn wir unser Leben ab dem 25. Lebensjahr in einer Psychiatrie verbracht hätten. Da hast du vollkommen Recht. Bloß sind wir auch zu jung dafür keine Ziele zu haben. Wir brauchen einen Beruf sonst können wir nicht leben. Wir können nicht nur der kaputte Rest sein, der nach aller Gewalt übriggeblieben ist und die sich so etwas wie Leben zurück holen will. Wofür? Viktor Frankl sagt in seinen Schriften, dass es einen Sinn im Leben braucht um leben zu können. Als KZ-Überlebender wusste er wovon er sprach. …. Danke dennoch für deine lieben Worte.

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  2. Liebe Benita Wiese,
    es ist in der Tat ein schwieriger Weg, den Ihr geht! Ich kann das aber durchaus bestätigen, dass es Mitmenschen gibt, die nur von der Schokoladenseite erfahren wollen, nicht auch von den Schlägen und Verwundungen, die das Leben auch mit sich bringt. Darin unterscheiden sich die echten Freunde und Freundinnen! … Und dann bleiben plötzlich nur noch ganz wenige übrig. Ich spreche Euch gerne Mut zu, denn meine Erfahrung ist, dass sich immer wieder mal neu solche Freunde zeigen. Ich wünsche Euch, dass Ihr mit dem österlichen Aufschwung und Neubeginn auch in Euren Leben Neues und Erfreuliches entdecken könnt!
    Herzlichen Gruß, Michael

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    1. Lieber Michael,
      Vielen herzlichen Dank fürs Mut zusprechen und die lieben Wünsche.
      Da fällt uns eine Zeichnung ein, die wir einmal gemacht haben und die wir leider nicht wiederfinden. Dass wir uns wundgegangen fühlen auf diesem Weg. ….. Es tut gut erinnert zu werden, dass sich immer wieder neu Freund*innen finden, die uns auf einem Teil unseres Weges begleiten. So gerne hätten wir halt Freundschaften, die über Jahrzehnte wachsen. Aber vielleicht wünschen wir uns zu viel?
      Herzliche Grüße
      „Benita“

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