Zwischen massiver Überförderung und Glücksgefühl ….

Oder: Über den Wunsch wo dazu zu gehören und sich einzubringen.

Ob es je möglich ist über diesen Blog oder auch in einem Buch tatsächlich vermitteln zu können, was es bedeutet mit komplexen Traumatisierungen zu leben und versuchen zu heilen? Wir zweifeln immer mehr.

Wir denken es kann einen Einblick geben, es kann helfen jene Angst des Unbekannten ein wenig abzubauen und damit eine erste kleine Brücke darstellen zu Menschen, die schwere und schwerste auch sexualisierte Gewalt erlebten oder eher erlitten. Vielleicht kann es auch neugierig machen und für manche das Thema komplexe Traumatisierung überhaupt erst ins Bewusstsein rücken. Das Leben damit, die Hürden und Besonderheiten, die Wünsche und Bedürfnisse, die immer nur unser Leben beschreiben, finden sich bei aller Unterschiedlichkeit dennoch in ähnlicher Form im Alltag anderer DIS-Personen wieder. Wenn uns gelingt das Interesse zu wecken, dann haben wir bereits viel erreicht. Auch wenn wir so viel mehr erreichen woll(t)en. Vor allem möchten wir an dieser Gesellschaft teilhaben als die, die wir sind, auch wenn uns das immer wieder selbst nicht so klar ist. Wenn dieses nach sich Suchen auch einen Platz hätte, das wäre wundervoll.

Eine Beschreibung kann jedoch jene Erfahrung des Kennenlernens und persönlichen Austausches niemals ersetzen, das erkennen wir immer mehr. Das gilt für beide Seiten. Sowohl komplex Traumatisierte, als auch Menschen mit geringen Traumatisierungen ohne langfristige Folgen, können das System (schwerer und schwerster) Traumafolgen nur in der Begegnung begreifen und miteinander wachsen. Wir meinen mit „Menschen mit geringen Traumatisierungen“ die Mehrzahl der Menschen, da wir davon ausgehen, dass es kein Leben ohne die eine oder andere Zäsur gibt, die traumatisch wahrgenommen wird und Nachwirkungen hat.

Dieser über alle Maßen große Wunsch irgendwo dazu gehören zu dürfen, ohne uns verstellen zu müssen begleitet uns auch in der Baugruppe. Nach und nach „outen“ wir uns mit dem Wunsch in Mehrzahl angesprochen zu werden. Das hat mehrere Gründe. Nachdem man uns unser Leid nicht ansieht, ist es eine Möglichkeit etwas zu thematisieren, das sonst unsichtbar bliebe. Zum anderen soll diese Nachbarschaft ein Umfeld sein, in dem wir uns erholen können müssen. Wir können uns dort nicht ebenso verstecken, wie wir es in unserem gesamten Alltag machen mit Ausnahme unserer Therapeutin.

Diesen Wunsch in der Baugruppe zu thematisieren kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Covid-bedingt sehen wir einander seit über einem Jahr nahezu nur online oder telefonieren. Für derart persönliche Themen ist das ein ganz schlechter Rahmen. Dennoch konnten wir nicht mehr warten, bis sich die Lage beruhigt. Covid hat alle Menschen unter Druck gesetzt auf die eine oder andere Art – uns ebenso. Dieser Druck hat sich natürlich auch im Miteinander der Gruppe abgebildet. Anderseits setzt uns als Gruppe auch der Baustart, der mit Anfang März endlich, endlich über die Bühne ging unter Druck. Feiern anlässlich des Spatenstichs konnten nicht stattfinden, oder fanden nur sehr eingeschränkt statt. Übrig bleibt aktuell sehr viel Arbeit für die Planung der Gemeinschaftsräume, aber wenig Freude und Miteinander unser Projekt wachsen zu sehen. Das bringt auch Turbulenzen in der Gruppenatmosphäre.

Wir hatten also keine Kraft mehr uns auch in diesem Rahmen ständig zu verstellen. Dann wäre eine Mitarbeit in größerem Ausmaß vollkommen unmöglich für uns. Folglich gibt es nun einige Eingeweihte mit denen wir die Mehrzahl-Ansprache genießen und viele andere, die nichts davon wissen.

Wir sind so unendlich dankbar für jede, die unserem Wunsch nachkommt.

Dabei merken wir, dass diese Anrede es zwar für uns klarer macht, dass wir uns nicht verstecken, es vermittelt den anderen jedoch Nichts darüber, wie wir uns fühlen. Im letzen Monat hatten wir beispielsweise mitunter zwei oder sogar drei Online-Konferenzen wöchentlich mit der Baugruppe. Eine davon moderierten wir tlw. zweisprachig. Diese dauerte drei Stunden lang. Das war ein Fehler. Auch dass wir keine Pause machten war ein großer Fehler. Zum Schluss waren alle erschöpft. Mit unterschiedlichen Auffassungen was Erschöpfung bedeutet, beginnt bereits das Missverständnis. Was wir unter „erschöpft“ verstehen ist nicht das, was andere Menschen darunter verstehen. Wenn wir sagen, wir sind „total erschöpft“, bedeutet es, dass wir in den Augen anderer dringlichst ins Krankenhaus sollten, unterstellen wir einmal.

Wie kommen wir darauf?

Wir hatten diese anstrengende Moderation, die uns sehr große Freude machte und die wir nicht missen wollen. Es war einfach eine Überforderung aufgrund unserer fehlenden Erfahrung. Nach dem Ende des Online-Meetings zitterten wir am ganzen Körper und gingen gut 45 Minunten in der Wohnung auf und ab, um irgendwie zur Ruhe zu kommen. Außer Haus gehen geht dann gar nicht, weil wir uns vor Triggern nicht schützen können.

Diese vier Wochen mit den vielen Meetings führten dazu, dass wir uns kaum versorgen konnten. Lebensmittel einkaufen oder Geschirr spülen waren mitunter 14 Tage oder länger unmöglich. Von Wohnung putzen sprechen wir gar nicht.

Eine künftige Nachbarin, der wir von unserer Erschöpfung berichteten meinte, ja sie ist auch schon ganz erschöpft und ging am nächsten Tag gewohnt zur Arbeit, wenn wir ihren Worten glauben wollen. Und weshalb sollten wir das nicht? Es kann sich also nur um eine andere Definition von „Erschöpfung“ handeln.

Nun stellen wir uns die große Frage, wie wir an den Entscheidungen teilhaben können, wenn uns das Prozedere der Entscheidungsfindung mitunter an den Rand eines Krankenhausaufenthalts bringt?

Dürfen wir dann nicht in einer Baugruppe wohnen, bloß weil wir eine komplexe Traumatisierung haben? Wie können wir gleichberechtigter Anteil dieser Gruppe sein und dennoch unsere Grenzen wahren?

Und vor allem, wie gelingt das ohne von den anderen als „arm“ angesehen und bevormundet zu werden? Denn das ist eine ganz gängige Reaktion wenn wir nicht so funktionieren, wie es der Mehrheit normal erscheint.

Nach nun ca. 10 Tagen Pause von online-Meetings kommen wir ganz, ganz langsam wieder zu uns. Erschöpft sind wir noch immer sehr.

Essentiel an dieser aufwühlenden Zeit ist eine Erkenntnis, die uns gefunden hat.

Wir haben nicht weniger Ressourcen als Menschen mit sehr wenigen Traumatisierungen, unsere Ressourcen, unsere Kraft ist nur an ganz anderen Stellen gebunden. Wie DIS-Leute schaffen ihr Leben zu bewältigen, das muss uns einmal jemand nachmachen. Wir sind sehr kompetent und leistungsfähig. Was uns unterscheidet und zusätzlich belastet ist, dass die Leistungen die wir tagtäglich erbringen müssen UNOS zumeist nicht einmal erahnen und daher auch nicht schätzen.

Bei jenem Traumakongress, an dem wir vor fünf Wochen auch noch „nebenbei“ teilnahmen und der sehr, sehr viel aufwühlte, sagte eine Therapeutin einen bedeutenden Satz: „Trigger für komplex Traumatisierte bedeutet, dass sie sich im Alltag unter anderen Menschen so bewegen (müssen) als gingen Sie durch ein Minenfeld.“ Das bedeutet, dass wir neben allen Anforderungen, die das ganz normale Leben für DIS-Leute ja ebenso bringt, wie für UNOS wir auch stets unter vollster Aufmerksamkeit durch unser Leben gehen müssen. Das ist eine existentielle Aufmerksamkeit.

Wollen wir dafür bemitleidet werden? Bloß nicht! Denn das wäre ein auf uns herabsehen. Wollen wir dafür bewundert werden was wir leisten? Auch nicht, denn wir leisten zwar Außergewöhnliches, aber es ist keine freie Entscheidung, sondern unserem Wunsch zu leben geschuldet. Diese Leistung nicht zu erbringen hieße Suizid begehen zu müssen. Seelischen durch komplette Selbstaufgabe und Dahinvegetieren oder auch körperlichen. Wollen wir dass es wahrgenommen wird und ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entsteht? Oh ja, das wünschen wir uns sehr!

Und weil wir uns das so sehr wünschen, möchten wir lernen in dieser Baugruppe unsere Grenzen zu wahren und unsere Projekte wie diesen Blog und unser Buch weiter zu verfolgen.

Unsere zukünftigen Nachbar*innen könnten uns nun leid tun, dass wir ihnen diese Aufgabe aufbürden. Das war ein kurzer Gedanke, der aber Nonsens ist. Denn wir ermöglichen Ihnen auch eine Lernerfahrung die sie sonst nicht bekämen. Wir sind nicht mehr Last als alle anderen Menschen, nur mit weniger üblichen Themen.

15 Gedanken zu „Zwischen massiver Überförderung und Glücksgefühl ….“

  1. Hallo ihr Lieben, danke für euren Beitrag!
    Ich erlaube mir, jetzt Gedanken in den Raum zu stellen,
    von denen ich denke, dass sie einen überwiegenden Teil,
    der Problematik im täglichen miteinander darstellen.
    Die Menschen wollen „verstanden“ werden mit ihren Befindlichkeiten.
    Sie wünschen sich Empathie. Doch genau diese Empathie ist es,
    die ihnen dann fehlt, wenn es um die Befindlichkeiten und Bedürfnisse Anderer geht.
    Da finden sie schnell irgendwelche Abwertungen, Pauschalisierungen,
    Urteile, Vorurteiel oder Verurteilungen.
    Dabei wäre es so einfach:
    „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderrn zu!“
    Segen und einen herrlichen Tag wünsche ich euch!
    M.M.

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    1. Liebe Monika-Maria,
      Nun wir wissen nicht genau, was wir antworten sollen. Unseres Wissens ist die Situation sehr vielschichtig. Ein Teil ist, dass Menschen dort nicht empathisch sein können, wo sie abgelehnte Anteile ihres eigenen Selbst gespiegelt sehen. Dann fühlen sie sich unbewusst angegriffen bzw. bedroht, weil sie es ja ablehnen. Das ist ihnen jedoch nicht bewusst und es kommt zu den von dir beschriebenen Abwertungen.
      Es geht unserer Ansicht nach sehr oft um mangelnde Selbstreflexion. Deinem letzten Satz stimmen wir freilich zu. Dies umzusetzen ist tatsächlich eine hohe Kunst. Denn was wir für uns als angenehm empfinden, mag für mein Gegenüber entsetzlich sein. Wir alle haben aber nur die Möglichkeit zunächst von uns selbst auf andere zu schließen. ….. Offen zu bleiben und werden für die Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen ist so wichtig.
      Im Buddhismus gibt es eine Grundregel zu beachten, die uns alle vereint: „Jedes Lebewesen möchte glücklich leben.“ ….. Die Art, wie einzelne Menschen dies umsetzen versuchen ist halt so enorm verschieden. Leider wird im Schulen nicht gelernt, wie wir friedlich Konflikte lösen und miteinander Kommunizieren. Wobei es sogar das ein oder andere Schulprojekt dazu geben dürfte, wenn wir Recht erinnern.
      Auch dir einen wunderschönen restlichen Tag und alles Liebe
      „Benita“

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