Ein Rätsel, das uns betroffen macht

Die Arbeit mit der Baugruppe wird nicht weniger. Seit Baustart Anfang März folgt ein Treffen dem nächsten. Gemeinschaftsräume wollen geplant und eingerichtet werden. Dazu braucht es einen Überblick über die Finanzen der Gruppe, was für niemanden wirklich eine Lieblingsbeschäftigung darstellt. Es ist ein ungeliebter und undankbarer Job auf finanzielle oder steuerliche Problematiken hinzuweisen.

Unsere Erfahrung als Jugendliche mit dem Konkurs des elterlichen Unternehmens und einigen gröberen Unannehmlichkeiten im Zusammenhang mit daraus folgenden gerichtlichen Exekutionen …. Ohje, das ist ein Thema, das tief geht und schlimme Erinnerungen auslöst. Erinnerungen an eine Delogierung noch während unserer Schulzeit bzw. kurz danach. Wir vergessen immer das Datum. Diese Situation zog sich über Jahre. Plötzlich standen wir quasi auf der Straße und die Eltern fanden keine Notwendigkeit eine Wohnmöglichkeit für uns zu finden. Schließlich waren wir bereits 19 Jahre alt. Das Fazit war, dass wir jemanden heirateten, nur um irgendwo wohnen zu können. Eine schreckliche Zeit, vielleicht schreiben wir ein andermal darüber weiter.

Auf alle Fälle ist dieses Erlebnis mit ein Grund, weshalb wir mit drei anderen in der Baugruppe uns des Themas Finanzen annehmen, obwohl wir dazu überhaupt keine Lust haben. Wir wissen um die Notwendigkeit finanzieller Transparanz und Sicherheit.

Und es ist ein weiterer Grund, weshalb die Arbeit hier kein Ende findet. Dabei geht es uns aber wirklich ganz gut. Anerkennung hat eine große Heilkraft, wogegen Isolation, die wir davor erlebten nicht nur kränkend ist, sondern tatsächlich krank macht.

Darüber wollten wir jedoch gar nicht schreiben, obwohl der letzte Absatz die Brücke zu unserem Thema darstellen kann.

Aufgrund all der Arbeit und auch Aufregung passierte es uns, dass wir Briefe nicht sofort geöffnet haben, wenn nicht auf den ersten Blick ersichtlich war, dass es sich um eine Rechnung handeln könnte.

So haben wir heute einen geschlossenen Brief mit einem dezenten schwarzen Kreuz unter Werbeprospekten gefunden. Hätten wir diesen Brief früher gesehen, wir hätten ihn geöffnet!

Wir erschraken. Es war ganz klar eine Todesanzeige. Wer war gestorben? Unser Herz pochte. Der Name der Absenderin sagte uns nichts, was ja nichts aussagen muss. Wer kennt schon alle nächsten Verwandten von Freund*innen oder Bekannten?

Als wir den Brief öffneten, fanden wir darin die Parte von keiner Geringeren als Friederike Mayröcker! Freilich wussten wir um den Tod der großen Schriftstellerin, aber weshalb wurden wir zu ihrem Begräbnis eingeladen? Wir kannten sie nicht persönlich. Der Brief war tatsächlich persönlich an uns mit vollständigem Namen und Adresse geschrieben. Mehrmals überprüften wir, ob der Brief an uns adressiert ist. Es ist so und in unserem Chaos hatten wir nun diesen Termin der Verabschiedung verpasst.

Wir dachten, dass wir evtl. bei irgendeiner Lesung uns auf einen Newsletter eingetragen haben könnten. Aber da hätten wir nicht unsere vollständige Adresse angegeben, sondern nur einen E-Mail-Kontakt. Vielleicht in Zusammenhang mit unserem Interesse für Literatur? Da bekommen wir mehrere Aussendungen.

Auch wenn es ein großes Begräbnis war mit Anwesenheit des offiziellen Österreich und Ehrengrab, werden doch nicht Leute eingeladen, die in irgendeinem Verzeichnis angeführt sind um Einladungen zu Literaturveranstaltungen zu erhalten?!

Es bleibt ein Rätsel, wie gerade wir zu einer solchen Einladung kommen und dann diese Trauerfeier auch noch verpassen, weil wir nicht in der Lage waren einen Brief rechtzeitig zu öffnen, mit dem wir nicht rechnen konnten.

Wir werden wohl an ihr Grab gehen und im Nachhinein Abschied von einer uns persönlich Unbekannten nehmen.

Es ist, als hätte sie aus dem Jenseits zu uns gesprochen und uns an unser Buch erinnert. Mysteriös und berührend.

Danke Friederike Mayröcker. Auf eine besondere Art sind wir ihr jetzt verbunden.

17 Gedanken zu „Ein Rätsel, das uns betroffen macht“

  1. Liebe Benita Wiese,
    seltsame Vorkommnisse passieren manchmal. Bei Euch gleich in doppelter weise „nachdenklich-machend“. Erstmal eine Post erhalten, deren Zusammenhang (zunächst) nicht nachvollziehbar ist (warum an Eure Anschrift?), und dann, dass Ihr im ersten Moment diese Post übersehen habt! Meine Erfahrung ist, manchmal klärt sich der Zusammenhang später, manchmal aber auch gar nicht. Ich gehe mit solchen (sehr seltenen) Ereignissen inzwischen gelassen um. Bei Euch hat es zumindest schon mal dazu geführt, Euch an die Verbundenheit mit der Verstorbenen zu erinnern.

    Ich wünsche Euch alles Gute und vor allem Gelassenheit mit allem „Merkwürdigem“ unseres Lebens!
    Herzlichen Gruß, Michael

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    1. Danke Michael,
      Naja, an Verbundenheit „erinnern“ geht schwierig, weil wir sie nicht persönlich kannten. Dieser Vorfall erzeugt eine Art Verbundenheit. …. Wie auch immer, vielleicht klärt es sich noch?
      Vielen Dank für deine lieben Worte. …. Ja, Gelassenheit ist immer hilfreich.
      Herzliche Grüße
      „Benita“

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  2. Ein Rätsel, ja.
    Vielleicht ist Dissoziation, Amnetische Barrieren und eine Innenpersonen die Antwort auf diese Frage?
    Vielleicht war ja doch mehr Kontakt da, als du es weißt? Unmöglich ist das jedenfalls nicht.
    Denn in der Tat bekommen sicherlich nicht alle aus irgendwelchen Literatur Listen eine Einladung. Erst Recht nicht per Post wenn man keine Adresse angegeben hat.
    Ist aber nur eine spontane Idee, muss ja nicht sein. Vielleicht erinnert ihr ja noch etwas. Wünschen wir euch ♥️♥️♥️
    Alles Liebe

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    1. Liebe Vergissmeinnicht,
      Das ist freilich eine logische mögliche Erklärung, die uns nun erschüttert, denn wir dachten, dass nur Innenkinder komplett dissoziiert wären. Wir haben seit vielen Jahren im Alltag keine (bewussten?) Zeitlücken. Zeitverlust als solches kennen wir nicht, außer evtl. einige Minuten. Das wäre aber zu wenig für parallele Kontakte zu anderen Menschen. ….. Allerdings würde es auch erklären, weshalb dieser Brief von uns nicht wahrgenommen und weggelegt wurde? Es war vielleicht Absicht, dass wir ihn nicht sehen? ….. Bzgl. Literaturaussendungen bekommen wir eher postalisch, also da ist unsere Adresse bekannt. Es ist dennoch sicher nicht, dass da alle eingeladen werden, denn das wären wohl Tausende bei einer so berühmten Persönlichkeit.
      Vielen herzlichen Dank für den Wunsch noch zu erinnern. 💖
      Alles Liebe
      „Benita“

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      1. Ja, leider nimmt man Zeitlücken ja nicht immer war. Ich war jedenfalls jedes Mal geschockt, wenn mir Leute erzählt haben, was ich gerade getan oder gesagt habe (unter mehreren Leuten die es bestätigt haben!), weil ich nichts von wusste, obwohl es ja gerade eben passiert ist. Daher kann ich nur sagen, es ist möglich, man bekommt es wirklich nicht mit.
        Aber ich möchte damit nicht sagen, dass es bei euch so gewesen ist, sondern dass diese Möglichkeit besteht. Ja, auch im Alltag. Ich bekomme heute so manches mit, was ich damals gar nicht mitbekommen habe und entsprechend oft hatte ich mich mit Leuten in der Wolle, denn ich konnte nicht begreifen, wieso die so Sachen behaupten, ich dachte die lügen – damals. Dabei empfinde ich selbst jetzt wo ich von weiß, kaum Zeitlücken, und wenn dann nur kurz. Wenn ich allerdings allen Anzeichen glauben kann, dann hat damals jemand von uns sogar ne Beziehung geführt, ohne dass ich davon etwas mitbekommen habe… Ich finde das schockierend und ich fühle mich nicht als „Herr meines Lebens“.
        Aber was bei uns war oder ist, muss nicht bei anderen so sein. Möchte euch keine Angst machen oder so. Vielleicht gibt es ja auch eine andere logische Erklärung für die Einladung.
        Ich habe ja einige Hinweise unter unseren eigenen Sachen gefunden, vielleicht kannst du ja auch mal kucken. Notizen oder Bilder oder Briefe… Keine Ahnung.

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        1. Wir beobachten unser Leben seit vielen Jahren auf solche Zeitlücken und sind bislang nie wirklich fündig geworden. Also eben nur Kleinigkeiten, die sich aber schlussendlich erklären ließen und kein Zeitverlust war. Wir sind so zwischen DIS und DDNOS. Aber dieser Brief stresst uns und macht uns auch so traurig, dass wir nicht wissen, was los ist. Einen so besonderen Brief übersehen wir normalerweise nicht. Das ist das Problem. Es ist, als wäre er unerkannt in die Wohnung gelangt. Er kann sich aber natürlich auch ganz banal zwischen Werbung“versteckt“ haben. Es ist seit Ende April so viel los. Das kann passieren, ohne Zeitlücken. Wir führen auch täglich Buch darüber was der Körper tut. Da wäre kein Platz für ein zweites verstecktes Leben. ….. Was du erzählst ist schon extrem und wir können gut verstehen, dass es schockierend ist für dich.
          Vielleicht kann ja unsere Therapeutin innen nachfragen, ob jemand mehr davon weiß?
          Alles Liebe und Gute

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