Leben mit DIS #38: Perfektionismus

Immer wieder hören wir von anderen Menschen, dass wir so perfektionistisch wären. Wir hören es als kritische Feststellung. Und es stimmt ja, bloß macht sich niemand die Mühe nachzuforschen weshalb es so ist. Zugegeben wir bislang auch nicht.

Nun die Erkenntnis: Wer sich in seinem Leben, vor allem in der frühen Kindheit keine Fehler erlauben darf, weil sie mit großer Wahrscheinlichkeit den eigenen Tod bedeuten würden, tut sich schwer locker an Aufgaben heranzugehen, denn die Todesangst steckt in den Knochen.

Wer aus demselben Grund, nämlich um Nichts Geringeres als zu überleben, die leisesten Regungen anderer wahrnimmt, mag anderen unangenehm sein, aber es ist kein schönes Leben, das zu können, im Gegenteil.

Die Anstrengung, die daraus entsteht ist enorm. Dennoch lässt es sich nicht einfach abschalten, auch dann nicht wenn es unsere Arbeitsleistung massiv reduziert und uns berufsunfähig macht.

Und letztendlich macht es unsympathisch, das ist zumindest unser Eindruck. Aber vielleicht hassen wir uns nur selbst dafür dass wir unsere Wahrnehmung so perfektioniert haben um zu überleben? Die Belastung ist heute einfach zu groß so Vieles wahrzunehmen, ohne es wahrnehmen zu dürfen, weil dieses Wissen andere vor den Kopf stoßen könnte oder würde.

Als Kind und Jugendliche war es wichtig zu wissen, wann der Vater gewalttätig wird, noch bevor er es ausführen konnte, um uns durch Abspaltung und switchen, oder irgendwie anders in Sicherheit zu bringen.

Heute ist diese Fähigkeit eine Qual, aber was dagegen tun, so viel zu fühlen und wahrzunehmen?

Was dagegen tun, ohne die Sinne irgendwie zu dämpfen, was nur mit Suchtmitteln unterschiedlicher Art geht. Ob Substanz gebunden, oder Substanz ungebunden ist für uns dabei nicht egal, denn auch das Suchtverhalten muss kontrolliert werden, da es nur dämpfen darf, aber den Perfektionismus nicht zerstören. Substanz gebunde Suchtmittel aller Art (außer Fressattacken, nicht Bulimie jedoch) sind dafür kaum geeignet. Die Gefahr der körperlichen Abhängigkeit ist zu groß. Damit verbunden wäre ein massiver Kontrollverlust. Uns stets weitgehend unter Kontrolle zu halten – also nicht in der Öffentlichkeit unkontrolliert und für andere sichtbar zu switchen hat uns ja weit gebracht. Es ermöglicht uns ein nahezu unauffälliges Leben ohne Psychopharmaka (die auch als Substanz gebunde Suchtmittel gesehen werden können bzw. oft so verwendet werden und für uns unerträglich sind) und Psychiatrie Aufenthalte.

Perfektionismus zu kultivieren, um irgendwie durch das eigene Leben zu kommen und dennoch gemocht werden, das ist die Herausforderung. Aber vielleicht ist es ohnedies schon so?

Vielleicht hilft es zu diesem Perfektionismus zu stehen und zu unserer überdurchschnittlichen Wahrnehmung statt sie versuchen zu versteckten? Vielleicht können wir dieses Verhalten an uns schätzen lernen, weil wir wissen, dass es uns das Leben gerettet hat und uns noch immer hilft. Obwohl wir uns so sehr wünschen es nicht mehr immer zu benötigen und schwach sein zu dürfen bei irgendwem und nicht nur versteckt in den eigenen vier Wänden. Danke, dass wir es hier sein dürfen.

Wir haben keine Ahnung, ob nachvollziehbar ist, was wir hier schreiben?


Das Bild wurde auf der Parallel Vienna aufgenommen und zeigt die Struktur der Deckenkonstruktion in der ehemaligen Semmelweis Frauenklinik, wo die Messe für zeitgenössische Kunst stattgefunden hat.

24 Gedanken zu „Leben mit DIS #38: Perfektionismus“

        1. Das klingt sehr hart mit dir und traurig finden wir. Arbeiten an sich selbst, ja unbedingt, immer und auch mit Disziplin, aber sich geißeln – NEIN. Sich selbst verzeihen ist ein ganz hohes Gut und ein wichtiger Bestandteil dieser „Schattenarbeit“. Die Gewalt der Kindheit haben wir lange genug an uns selbst ausgelebt. ….. Es ist freilich deine Entscheidung, traurig finden wir es dennoch.

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          1. Ich geissle mich nicht
            die Gewalt der Ahnen setzt sich in ihren Kindern fort

            So ist es nun die Aufgabe der eigenen Gewalt Vorschub zu leisten

            Ich muss mir nichts verzeihen
            alles was ich falsch gemacht
            bleibt ob ich will oder nicht quer der Erinnerung

            Ich habe die innere und äussere Gewalt an mir als Kind nicht ausgelebt
            doch war ich oft nahe dran
            sie ist mir als Ereignis in Erfahrung geblieben

            Können Sie mir bitte erklären, wen Sie als wir meinen?

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              1. Ich bin dem wir sehr vorsichtig
                vom Wir redet der Papst

                Die Frage nach dem ich
                beschäftigt mich solange ich bin

                Dem du und wir begegne ich im Traum weniger in der Wirklichkeit von Welt

                Ich bin dem Leben wirklich
                in allem
                ich bin der ich bin im da bin

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                1. Guten Tag Frau Benita Wiese

                  Ihr Einwand ist verständlich, in der Praxis allerdings kann ich mit festen Überzeugungen kein Zwiegespräch führen.

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                2. Ich verstehe, dass Sie zu diesem Schluss gekommen sind, allerdings versuche ich auf das was, Sie mir anbieten auf meine Weise zu antworten.
                  Ich erwarte nicht, dass Sie sich zu meiner Weltanschauung herablassen und einfühlen müssen.

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  1. Naja, unangenehm ist ein sehr empathisches Gegenüber aber eigentlich nur, wenn man etwas verstecken möchte. Sonst ist das doch eine Eigenschaft, die einen sehr beliebt macht würde ich sagen.
    Übrigens habe ich noch mehrmals an die Zeichnungen gedacht, die wir gemeinsam in dem Buch angesehen haben und bedauert, dass ich nicht so ein Buch mitgenommen habe, Wäre interessant zu ergründen, was genau dabei so unter die Haut geht. Liebe Grüße

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    1. Danke, liebe Myriade, das ist lieb von dir. Naja, unangenehm ist es dann, wenn man sich nicht mit sich selbst auseinander setzen möchte und das Gegenüber gar nicht anders kann als auf manches hinzuweisen, weil das Verhalten verletzend ist. Das kommt dann zu einer unschönen Auseinandersetzung, die wir nur sehr schlecht wegstecken. Das Gegenüber wähnt sich im Recht und wird immer verletzender und es nützt uns nicht zu wissen, dass wir Recht haben. Es gibt sehr viele solche Leute. Leider manche auch in unserer Baugruppe, wo wir die Kommunikation nicht verhindern können. Jene Leute die unreflektiert leben mögen uns, glauben wir, nicht. Was uns egal sein sollte, die sind aber oft recht dominant, was der Gruppe schadet. Wir fühlen Schieflagen in der Kommunikation halt sehr oft, ohne die Kraft oder Möglichkeit zu haben etwas daran zu ändern, oder auch unseren Standpunkt zu vertreten. Wir bleiben also mit diesem Wissen zurück, wie ein vollgesaugter Schwamm. Schlimme Stimmungslagen in der U-Bahn kosten enorm viel Kraft z.B. Ersetze U-Bahn gegen Supermarkt, Einkaufszentrum (diese meiden wir wo nur möglich) etc. Einen Tag außer Haus gehen und drei Tage ausruhen und erholen davon ist sehr unlustig.

      Zu den Zeichnungen, weißt du noch in welchem Stock es war? Vielleicht ließe sich so ein Buch ja noch im Nachhinein besorgen? Wir haben das Programmheft von der Parallel ja noch. Wenn wir einen Namen eruieren können? Ja, die Zeichnungen waren intensiv. Wir denken fast, dass es die Emotion beim Zeichnen war, die sich übertragen hat. Wir können uns gut vorstellen, dass es sehr viel Kraft gekostet hat dies zu zeichnen. Das Innerste wurde so stark nach außen gestülpt. Ist aber nur eine Vermutung.
      Liebe Grüße
      „Benita“

      Gefällt 3 Personen

      1. Hmmm, also ich bin ziemlich sicher, dass es weder im 3. Stock noch im Erdgeschoß war, also entweder 1. oder 2. Stock. Aber an den Namen der Künstlerin kann ich mich nicht erinnern. In dem Raum davor, der ja wahrscheinlich irgendwie dazugehört, hat ein Mann ausgestellt, aber den Namen weiß ich auch nicht. Ich fürchte, damit wird sich nicht viel anfangen lassen 😦

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    1. Jetzt ist uns eine Ressource eingefallen, die daraus resultiert: als es im Nov 2020 diesen Terroranschlag in Wien gab, hatten viele Menschen Angst auf der Straße. Wir eigentlich nicht, da wir so geeicht sind Gewalt von Weitem zu erkennen, dass wir überzeugt waren, evtl. Folgeattentaten rechtzeitig aus dem Weg zu gehen. Wir haben uns da auf diesen 6. Sinn verlassen und wurden ja auch noch nie enttäuscht davon. ….. Als Kind hatten wir halt oft keine Möglichkeit zu entkommen, das ist aber etwas anderes. ….. Sorry, das mussten wir jetzt loswerden. Danke euch für die Anregung es auch als Ressource zu sehen. 😊💖

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