Leben mit DIS #39: der Erfolg sich zu wehren

Leider ist aktuell zu wenig Zeit zu schreiben. Das Leben geht aber weiter und so war heute der 80. Geburtstag unserer Mutter zu feiern.

Die Atmosphäre war eigenartig. Ihr Lebensgefährte hatte zur Familienfeier einen seiner Freunde eingeladen, ohne sie davor zu fragen. Zusätzlich zur unpassenden Anwesenheit des Fremden entpuppte der sich auch noch als überaus gesprächig. Mit unserer Mutter zu sprechen war nahezu unmöglich.

Wir haben kein nahes Verhältnis zu unserer Mutter, aber diese Konstellation war uns doch sehr unangenehm. Es tat uns leid, dass ihre Feier so gestört wurde. Zudem beschimpfte ihr Lebensgefährte sie immer wieder, was sie evtl. überhört hatte oder es ohne Widerspruch hinnahm.

Und der Lebensgefährte hatte bislang bei jedem Besuch noch eine übergriffige Angewohnheit. Er tätschelte unsere Wangen, umarmte uns gegen unseren Willen, zupfte an unserer Kleidung herum. Kurz lauter ekelhafte Annäherungen, gegen die wir uns bislang noch nie wehren konnten. Sie kamen zu schnell, immer nahezu überfallsartig und wir erstarrten durch den massiven Trigger. Danach war uns immer nach heulen. Es war stets eine klare Retraumatisierung, die uns die Vergewaltigungen der Kindheit durch unseren Vater bewies. Er als Mann unserer Mutter betätschelte uns, sobald sie außer Sichtweite war.

Heute war die Situation anders. Nicht, dass er sein Verhalten geändert hätte zu Beginn, aber unsere Reaktion war anders.

Seine eigenartig zweideutigen Witzchen wiesen wir klar und durchaus empört zurück und als er wieder versuchte uns im Gesicht zu berühren, wehrten wir instinktiv seine Hand ab.

Wir sind über alle Maßen dankbar für diese Fähigkeit uns in der Situation zu wehren. Es gab kein Erstarrten sondern gesunden Selbstschutz. Wir waren nicht das vergewaltigte Kind, das Angst hatte, ohnmächtig war und hoffte, dass er endlich sein Verhalten ändert, sondern eine erwachsene Frau, die so einen Übergriff nicht (mehr) mit sich machen lässt. Er hatte die Zurückweisungen verstanden. Sie waren zu eindeutig.

Wir wissen nicht, wie es uns gelungen ist anders zu reagieren, aber es war uns möglich. Wir sind wieder um ein großes Stück genesen. Der Festtag unserer Mutter war für sie nicht festlich, aber für uns ist es ein Tag zu feiern.

Das Jahr 2022 beginnt sehr gut, möge es ebenso erfolgreich weiter gehen.

Wir können gar nicht beschreiben, wie groß die Erleichterung und Freude für uns ist. Jene, die die Belastung wehrlos zu agieren kennen, können es sich vielleicht vorstellen. Wie schön ist es diesen Triumph hier mitteilen zu können.

Allen meinen Leser:innen wünschen wir ein glückliches, friedvolles und gesundes Jahr 2022. Mögen sich Schwierigkeiten zum Guten wenden und jede:r möge eigene vielleicht schon aufgegebene schmerzhafte Verhaltensmuster hinter sich lassen können.

Das wünschen wir von Herzen. 😊🍀🕊️🌼🌸🎆🎶🍀💚

11 Gedanken zu „Leben mit DIS #39: der Erfolg sich zu wehren“

  1. Liebe Benita,
    es ist schön, solche Zeilen von Euch zu lesen. Ja, Heilung ist ein großes Thema in diesen sonderbaren Zeiten.
    Uns ich glaube, das Eure Reaktion auch Euer Mutter hilft, auch wenn sie es vielleicht garnicht so wahrnehmen kann.
    Ich wünsche Euch ganz viel Kraft und Hilfe – aus welcher Richtung auch immer – für noch weitere Schritte in diese Richtung.
    👍💚🤗

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  2. Freut mich, dass du den positiven Aspekt an diesem offenbar sehr grenzwertigen Familientreffen siehst und daraus für dich ein gutes Erleben machen konntest. Gratuliere zu dieser Verteidigung. Er wird es sich merken. Ich bin in diesem Zusammenhang eine ziemlich wilde: als junge Frau habe ich in solchen Situationen mehrere männliche Wesen geohrfeigt …

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    1. Was uns ja so besonders freut ist, dass unser Reflex, der früher eben ruhig halten und über uns ergehen lassen war, sich ohne kognitives Üben einfach zu einer gesunden Reaktion geändert hat, ohne Nachdenken als Impuls. ….. Reflektiert hatten wir die Situation freilich, aber es ist unmöglich sich bei so einem Treffen mehrere Stunden auf „wir müssen uns wehren“ konzentrieren. ….. Es gibt mit unserer Mutter wohl keine nicht grenzwertigen Treffen. Wobei dieses war im Ranking ganz oben.
      Ohrfeigen muss nicht sein, so gefällt es uns ganz gut. Allerdings ist ein Reflex ja nicht zu planen. Wir brauchen aber keine Situation um zu testen, ob wir auch einen Reflex nach ohrfeigen haben. Wir denken im Notfall könnten uns noch weit schmerzhaftere und damit effektive Reaktionen einfallen. Schließlich haben wir ja auch Frauen-Selbstverteidigungskurse gemacht, auch wenn es schon länger her ist.

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  3. Liebe Bettina Wiese,
    herzlichen Glückwunsch! Da habt Ihr ja einen enormen Schritt vorwärts geschafft! Es gibt leider immer wieder Menschen in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis, die sich lästig übergriffig verhalten. Das ist auch ohne traumatische Vorerfahrung sehr unangenehm. Schön, dass Ihr Euch wirksam wehren konntet! Das freut mich sehr für Euch!
    Ich wünsche Euch, dass Ihr immer wieder ein Stück auf dem Weg Eurer Genesung weiter kommt! Und ich danke Euch, dass Ihr daran teilhaben lasst! Ich lese hier immer wieder mit großem Interesse und habe schon manches dazugelernt.
    Alles Gute für Euch und herzlichen Gruß, Michael

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    1. Danke, lieber Michael für deine lieben Zeilen. Wir freuen uns, dass du gerne bei uns liest und dazu noch etwas für dich mitnehmen kannst. Es ist immer gut zu wissen, dass übergriffiges Verhalten alle trifft. Ist das erstarren dann ebenfalls gegeben? Wir haben im Grunde seit gut fünf Jahren versucht uns zu wehren und es nie geschafft.
      Wir denken, dass dies ohne Gewaltgeschichte deutlich einfacher gehen dürfte.
      Auch dir herzliche Grüße
      „Benita“

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