Abschied nehmen!

Seit gestern ist er vermehrt an unserer Seite.

Gerade als beim meditieren diese Depression hochstieg und Innenwesen mit Tränen in den Augen riefen: ”Ich will nicht nach Wien!” und durch nichts zu beruhigen waren, kam er, einer der beiden Kater des Hauses. Er half beim zur Ruhe kommen und spendet Trost. Auch jetzt liegt er in unserer Nähe.

Oft fühlen wir uns in dieser Stadt gefangen, die seit einigen Jahren bereits die Auszeichnung trägt, die lebenswerteste Stadt der Welt zu sein. Oh ja, sie ist schön. Zum Teil ein Freilichtmuseum, umrahmt von Natur. Aber sie trägt eine ansteckende Negativität im Herzen, die deren Bewohner*innen heimsucht. Der Wiener Grant war uns sogar als geborene Wienerin stets zuwider. Wir können und wollen im Jammern nichts Charmantes erkennen.

Aber wir können nicht weg. Nur in dieser Stadt, die uns in ihren Krallen festhält können wir uns eine Wohnung leisten. Oft und oft haben wir es durchgerechnet. Ohne soziale Zuschüsse gibt’s keine Wohnung für uns und dafür müssen wir einige Jahre ohne staatliche Unterstützung an einem Ort in Österreich leben, wenn wir aus Wien fortziehen wollten. Unmöglich! Es ist die Kleinteiligkeit dieses kleinen Staates, der bis ins Letzte in politische Zuständigkeiten unterteilt ist mit eigenen Gesetzen. Das hat einige Vor- und viele Nachteile. Dennoch bin ich dankbar, dass Wien politisch anders tickt, als weite Teile des Landes. …… „Jeder noch so schöne Ort ändert sich, wenn du dort lebst.“, wirft eine innen in die Debatte ein.

Stimmt! Ob ich hier leben wollte, wo ich meine Sommer verbringe? Wohl eher nicht. Das Wesen der Einwohner ist auch hier oft schwierig.

Wien hat viele Vorteile. Von der Kultur über die Anonymität der Großstadt und die grüne Lunge den Wienerwald, ist diese Stadt tatsächlich lebenswert. Vielleicht, so hoffen wir, wird es besser – vor allem ruhiger – in der neuen Wohnung, die am anderen Ende der Stadt liegt. Dort, wo wir kaum Kindheitserinnerungen haben, das könnte Trigger minimieren — hoffentlich! Fast eine uns fremde Stadt in der großen Metropole, die eigentlich zu klein scheint für eine solche Bezeichnung.

Wenn die Wohnung endlich gebaut würde und wir dann eingezogen sind, dann ….. Dann nehme ich mir eine Katze oder einen Kater, die uns trösten, so hoffen wir, wenn es zuviel wird rundherum. 🐱

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Das innere vibrieren! Und wie weiter?

Langsam kommen wir ein klein wenig zur Ruhe hier in unserem Sommerfrische-Domizil.

Die letzte Aufregung rund um unser Wohnprojekt ist vier Tage her und seit drei Wochen beantworten wir zwei offene Mails der Baugruppe nicht.

Die massive Überforderung des vergangenen Jahres mit der Verlassenschaft der Großtante und sehr viel Engagemant (für unsere Möglichkeiten) in der Baugruppe sind derzeit entweder weitgehend erledigt oder im Urlaubsmodus. Das ständige Gefühl wieder auseinander zu fallen, das sich immer einstellte wenn wir die Kräuterkapseln von unserem brasilianischen Heiler nicht oder sehr reduziert nahmen wurde mittlerweile zum Alltag. Schon wenn wir statt einmal wöchentlich zwei Kapseln mit einem Tag Unterbrechung nehmen, so wie vergangene Woche, geht es uns um Vieles besser. Nervosität und Angst vor Menschen verringern sich so massiv, dass der Kontakt mit anderen Menschen um so vieles einfacher und befriedigender ist.

Auch aufgrund dieses so anstrengenden Hintergrundes ist die Frage, „wie weiter“ mit dem Wohnprojekt, mit uns in dem Wohnprojekt, mit uns ohne Kräuter aus Brasilien in dem Wohnprojekt etc., in jedem stillen Moment bei uns. Sie begleitet uns beim Einschlafen und beim Erwachen. Und sie stürzt uns in eine tiefe Traurigkeit, die uns wie ein Schatten verfolgt. Zusätzlich ist die Situation in der Baugruppe derzeit, euphemistisch gesagt, schwierig. Aber wo ist es mein Wahnsinn und wo der Wahnsinn der derzeit im Wohnprojekt herrscht?

Es ist schlimm diverse Symptome komplexer Traumata im Leben zu fühlen. Ist es jedoch härter, wenn ein Symptom, dass als erledigt galt plötzlich wieder auftaucht, oder ist es schmerzhafter überhaupt nicht zu wissen, dass dieses Symptom überhaupt weg gehen könnte? Irgendwie hilft es zu wissen, wohin ich möchte. Es ist angenehmer als daran zu verzweifeln, dass diese Distanz zu anderen Menschen niemals ein Ende finden kann.

Früher haben wir uns einfach versteckt, weil die psychischen Schmerzen im Kontakt mit anderen Menschen zu groß waren. Wir sind kaum hinaus gegangen. Das minimierte die Trigger enorm. Es war lange Zeit die einzige Möglichkeit zu überleben, maximal zweimal pro Woche anderen Menschen zu begegnen. Dann wurde Kontakt mit Menschen angenehmer und wir fühlten uns so einsam daheim. Wir suchten den Kontakt und kamen in die Baugruppe. Und jetzt? Uns zu verstecken geht nun kaum.

Wir können nicht aufgrund einer fehlenden Medikation alles hinwerfen. Das wollen wir auch nicht! Permanent fürchten wir, dass unsere Wahrnehmung nicht stimmt. Anderseits sind wir überzeugt, dass die Situation in der Baugruppe tatsächlich in einem Zustand ist, der so nicht hingenommen werden sollte.

Wir sind nun seit fast 2 ½ Jahren in der Baugruppe und haben uns im Rahmen unserer Möglichkeiten, die uns so ungenügend erscheinen, auch stets engagiert. Auch oft über unsere Belastungsgrenze hinaus. Wir wollten, dass dieses Projekt funktioniert und wollten daher auch gerne Verantwortung für dessen Gelingen übernehmen. Seit sich jedoch der Baubeginn mittlerweile massiv verzögert und wir keine definitive Aussage für einen Baustart erhalten, ist das Interesse vieler zukünftiger Nachbarn sich selbst einzubringen, oder auch nur in Kontakt mit den anderen zu bleiben meiner Ansicht nach minimal bis nicht vorhanden. Das ist unser Eindruck. Auch dass bereits vier Leute aus der Baugruppe wieder ausgetreten sind, hilft nicht die Zuversicht zu erhöhen. Weder jene der anderen, noch die eigene.

Die aktuelle Situation triggert an allen Ecken und Enden. Kommt das permanente innere Vibrieren und Zittern auch daher?

…… Schreibpause mit durch den Garten schlendern, Kater streicheln und drinken einer „goldenen Milch“ (2 TL Kurkuma, etwas Pfeffer in warmer Reismilch), was die Symptome wesentlich verbessert hat. Besonders die „goldene Milch“ hat die Traurigkeit gelindert. ….. Ob Kurkuma hochdosiert tatsächlich gegen Depressionen helfen kann, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Allerdings hatten wir zuvor ganz vergessen gehabt, dass es helfen könnte und plötzlich ging es uns besser. …… Uns ist es egal, ob es eine eingebildete Besserung der depressiven Symptome ist, oder der Wirkstoff wirklich Erleichterung bringen kann. Hauptsache es geht uns etwas besser! …..

Zurück zu den Triggern. Immer wieder fühlen wir uns ausgenutzt von jenen, die nichts zur Gemeinschaft beitragen und nicht einmal per Mail ihr Interesse bekunden und auf Aussendungen reagieren. Dieses ausgenutzt und benutzt fühlen kennen wir doch so gut. „Benita“ hatte als Kind sämtliche Hausarbeit zu machen und einen Dank gab es nie dafür. Vielmehr Aufregung, wenn es nicht so geschehen war, wie erwartet. Da sind wir beim Trigger Überforderung durch Tätigkeiten, die ohnedies auf kein Interesse stoßen, obwohl ich mich sehr bemühe.

Vielleicht aber ist auch uns die Freude am Projekt abhanden gekommen, aufgrund der Verzögerungen und fehlenden Information. Vielleicht wollten wir es uns nur bloß nicht eingestehen. Wollten stark sein, wollten in dieser „freien“ Zeit eine Gemeinschaft formen und sind nun massiv enttäuscht, dass zu Viele dies so nicht möchten. Nein, alleine können wir keine (harmonische) Gemeinschaft erschaffen! Das können wir alleine nicht stemmen. — Schon wieder ein Trigger. Der Versuch mit aller Kraft aus unserer kaputten Familie eine Familie zu machen, wo Respekt und Liebe vorherrschen. Wir sind daran gescheitert! Fürchten wir nun, dass wir auch an der Gemeinschaftsbildung der Baugruppe scheitern werden? Vermutlich ist ein solcher Vergleich nicht hilfreich. Hilfreich ist jedoch, dass wir nun die Zeit hatten, diesen Trigger zu erkennen. Bewusstsein darüber wo es in uns hakt, ist der erste Schritt zur Lösung des inneren Chaos.

Nein, eine Baugruppe ist nicht nur ein Ende der Vereinsamung, es ist auch sehr viel Arbeit, Reibung und auch Enttäuschung. Und oft ist es vermutlich ein Abwarten, wie sich das Miteinander entwickeln wird. Gewalt sollte es nicht werden. Die herrschte jedoch in unserer Familie vor. Nein, Gewalt traue ich jenen künftigen Nachbar_innen, die wir kennen aus heutiger Sicht nicht zu. Und selbst wenn es solches geben sollte, könnten wir reagieren, uns wehren, für andere aufstehen. Die Zeit der Ohnmacht ist vorbei! Ich sehe die Gefahr der Gewalt in unmittelbarer Nachbarschaft in diesem Wohnprojekt wesentlich geringer als in anderen Wohnformen, wo Menschen in Miete in Häusern fast anonym nebeneinander wohnen.

Wichtig bleibt, kann ich ∑mich in der Gruppe wohl fühlen? Kann ich ∑mich in dieser Umgebung erholen? Finden WIR unseren Platz des Rückzugs? Können wir sein, wie wir sind? All diese Fragen sind für uns offen.

Und ja, wir haben auch große Angst, dass wir uns letztendlich dort nicht wohl fühlen werden, jedoch das Geld fehlt dort weg zu ziehen. DER Trigger unseres Lebens in Zusammenhang mit Wohnen. Haben wir jemals anders gewohnt, als in einer solchen Situation? Bislang nicht! Früher hatten wir jedoch keine Wahl. Im Grunde ist es das erste Mal, dass wir unsere Wohnung tatsächlich wählen können, ohne Zeitdruck und nach der kleinen Erbschaft auch mit einem für unsere Verhältnisse großem Budget. Eine Wahl zu haben, kann auch die Befürchtung Fehler zu machen erhöhen. Um diese Angst zu entkräften, bleibt nur die Frage: „Kann es schlechter werden, als es derzeit ist?“ Wir hoffen nicht, aber ist das zum jetzigen Zeitpunkt abzuschätzen? Es gibt nur eines, das uns an unserer derzeitigen Wohnung hält, das ist die Nähe des Waldes und der Natur. Allerdings zieht uns die Wohnung soviel Energie aus den Adern, dass für den Genuss der schönen Umgebung kaum Kraft übrig bleibt. Wie auch immer, wir müssen aus unserer derzeitigen Wohnung weg. Ob es die Baugruppe bleibt, in die wir hinziehen werden, haben wir noch nicht festgelegt und das müssen wir derzeit auch noch nicht.

Auch wenn das Leben mit offenen Entscheidungen immer wieder schwierig ist, so haben wir schon viele Fortschritte gemacht offenen Prozessen gelassener zu begegnen. Diese Baugruppe ist ein Prozess. Der nächste Lernschritt wir sein, uns früher zurück zu ziehen und uns Ruhe zu gönnen, bevor wir vor Überforderung ver- und an allem zweifeln!

Was uns ausmacht ist reflektiertes Verhalten. Es schenkt uns Kraft und zeigt uns den Weg auf, den wir weitergehen wollen. Uns DAFÜR Zeit und Raum zu nehmen, heißt für uns sorgen!!!

 

Dazu gehören!

all human rights for all - best one

Seit Tagen fliehen wir davor zu schreiben. Alles mögliche und unmögliche wird gemacht, nur um nicht nieder zu schreiben, was uns seit einer guten Woche alles durch den Kopf geht und unsere Gefühle okkupiert. Wir haben Angst. Dabei ist es doch gar nicht so schlimm, denken wir, was wir schreiben wollen. Aber es zerreißt uns fast das Herz.

In der vergangenen Woche kam das Thema sich irgendwo zugehörig fühlen zu wollen so geballt auf uns zu. Zuerst war wie im letzten Beitrag bereits beschrieben die Debatte auf einem anderen Blog und danach die Erfahrung in der Baugruppe.

Nach der Verzweiflung und der kurzfristigen Beruhigung kam nach und nach die Reflexion hinzu.

Immer wieder ging es um diese Einsamkeit unter Menschen. Es ging darum sich niemals zugehörig zu fühlen und dass es eine enorme Belastung ist, so große Angst macht, anderen Menschen das Herz zu öffnen. Dass es so einfach ist, alleine einsam zu sein. Dass die Isolation eine Erholung ist und Menschen immer nur Gefahr bedeuten. Dass ich nicht weiß wie und ob wir aus dieser Qual aussteigen können.

Begegnung als Sehnsuchtsort und Horrorszenario zugleich.

Als Kind uns Jugendliche war das wichtigste rechtzeitig flüchten zu können. Vor den Übergriffen rechtzeitig zu switchen um den Schmerz nicht zu fühlen, vor Papas Jähzorn so schnell wie möglich abtauchen oder deeskalieren und kalmieren um einem möglichen Totschlag zu entgehen. Immer war alles möglich. Unser Ziel war, dass ich niemals eine Schlagzeile in der Kronen-Zeitung (größte Boulvard-Zeitung des Landes) werden wollte: „Familiendrama! Mann tötet Frau und Tochter und richtet sich selbst!“ ….. so ungefähr dachte ich wäre es möglich in der Zeitung zu landen. All unser Streben war es, dies zu verhindern. Alle Kraft, alle Ressourcen waren gebunden an dieses Ziel. Alle Bedürfnisse wurden diesem Ziel untergeordnet. Nur überleben, mehr wollte ich nicht. Dazu gehören! weiterlesen

Leben mit DIS/DDNOS #20: Einsam unter Menschen, wenn alles auseinander fällt

Es war eine anstrengende Woche gewesen. So mancher Trigger hier am Blog, das ist das Risiko und die Chance des Schreibens über ein so intimes Thema, ein Thema, das so nahe geht, dass es aufwühlen kann, was andere schreiben, was andere kommentieren, die ähnliches erlebten. Es kann das Unterste nach oben kehren und uns komplett durcheinander würfeln. Und doch ist eine solche Erfahrung immer bloß eine Erinnerung an mitunter lebensbedrohliche Begebenheiten und Menschen. Die Chance daran ist, dass die Reflexion zeigt, dass es eine neue, eine andere Situation ist. Und wenn eine kontroverse Debatte, näher mag ich hier nicht darauf eingehen, wie in diesem Fall so positiv ausgeht, dass es einander am Blog durchaus auch mit mehreren, die mitschrieben näherbringt, dann ist das Risiko sich hier zu öffnen zu einer heilsamen Erfahrung geworden. Heilsam, weil jene Trigger nicht so endeten, wie wir es ehedem erlebten. Ebenso wie heilsam und beglückend zu erkennen, dass am anderen Ende der Datenautobahn Menschen sitzen, denen nicht egal ist, wenn es einer Bloggerin, mit der es schon längeren Kontakt und Austausch gibt in einer verzweifelten Situation ist und dass es ein – wenn auch nur virtuelles – „gemeinsam“ gibt.

Und da ist es, das Stichwort „gemeinsam“.

Ja, da war zuwenig Zeit gewesen, die Trigger die entstanden waren einzuordnen, die Innenwesen, die dadurch aus ihren Verstecken hervor gelockt worden waren zu beruhigen und zu trösten oder auch nur ausreichend anzuhören, bevor wir heute (Sonntag) zum Treffen der Baugruppe gingen.

Dann noch vor dem Weggehen ein Mail, dass unsere Mutter ins Spital musste. Damit hatten wir gerechnet, lag sie doch bereits 14 Tage mit starken Schmerzen daheim, dennoch kam die Benachrichtigung zur Unzeit.

Gerne wären wir nicht zum Treffen der Baugruppe gegangen. Es war einfach alles zuviel. Und dann hatten wir auch noch die Aufgabe übernommen die Ergebnisse eines Arbeitskreises der Gruppe zu präsentieren.

Auch das machte sehr nervös. Nicht unbedingt, weil wir solche Probleme haben vor Menschen zu sprechen …… also WIR haben sogar enorme Schwierigkeiten vor Menschen zu sprechen. Aber wir haben ein Innenwesen, das das gerne macht UND DAMIT HATTEN WIR DAS PROBLEM.

Leben mit DIS/DDNOS #20: Einsam unter Menschen, wenn alles auseinander fällt weiterlesen

Zurück in „meinem“ Leben?!

 

 

Ein Loch in der Wand und eine renovierungsbedürftige Wohnung sind geblieben von dem Ort, den meine Großtante 45 Jahre bewohnte.

Anfang Februar habe ich die Wohnung an die Hausverwaltung zurück gegeben. Seit dieser Zeit versuche ich langsam wieder Fuß zu fassen in ∑meinem Leben, obwohl es weiterging wie zuvor, war doch vieles anders geworden.

Einen Monat, höchstens zwei dachten wir würde uns die Verlassenschaft unserer Großtante in Anspruch nehmen. Daraus geworden sind dann über ein halbes Jahr Arbeit, die uns zum Teil weder Zeit noch Kraft für anderes ließ. Und noch sind wir nicht ganz fertig. Ein halbes Jahr in dem wir unsere Mutter mitunter einmal wöchentlich gesehen haben, was eine Ausnahmesituation für uns darstellte. Der Kontakt zu unserer Mutter ist im Normalfall auf ein Treffen jährlich beschränkt, was gut für uns war. Es galt ihre Angriffe zurück zu weisen, was uns gut gelungen ist. Und als das Thema Gewalt in der Kindheit als Gesprächsthema endlich ausgespart wurde, weil ich sonst den Kontakt nicht halten hätte können, war es sogar ein brauchbares Arbeitsklima. Ja, ein Arbeitsklima und nicht mehr, aber zumindest dieses. Die Aussicht Geld für ∑meine neue Wohnung zu erwirtschaften gab uns viel Kraft.

Es kamen irgendwo auch Innenwesen hervor, die Mama ganz gern haben, was für alle anderen belastend war. Wie auch immer, wir haben etwas geleistet, das uns viel Selbstvertrauen gab. Selbstvertrauen, das enorm gelitten hat, seit wir in Berufsunfähigkeitspension sind. Es war eine Zeit, die anstrengend und stressig war, in der wir meist über unsere Grenzen gingen, aber es war auch fast Urlaub von uns selbst. In Therapie ging es meist um Stabilisierung, um die Aufgaben so gut es ging zu bewältigen. Traumatherapie hatte hier keinen Platz. Das war eine große Belastung und zugleich erholsam. Ein halbes Jahr in der Gegenwart leben und nicht in der Vergangenheit herumstochern hat etwas sehr erdendes. Obwohl dies auch nicht stimmt. Mit den Habseligkeiten der verstorbenen Großtante konfrontiert, kam es ebenso zu einer Konfrontation mit der Vergangenheit. Es kam zur Auseinandersetzung mit der Frage, weshalb hat sie uns nicht geholfen, wo war sie und letztlich zu einer Versöhnung mit ihr.

Es tat einfach gut gebraucht zu werden. Es war eine Zeit, in der ich tatsächlich Anerkennung in meiner Familie erlebte, was für uns einem Wunder gleichkommt. Unsere Mutter wusste, dass sie es nicht geschafft hätte, diese Verlassenschaft abzuwickeln. Ich habe ihr dieses Erbe ermöglicht. Wer war bzw. ist dieses ICH, die dies mitunter souverän erledigt hat?

Da war ein Innenwesen, das uns fremd war? Oder doch nicht? War sie es, die früher berufstätig war? Tatsache ist auch, dass wir uns derzeit gespaltener erleben als vor dieser Tätigkeit. Vielleicht weil Innenwesen, die in den Tiefen des Körpers schlummerten aktiv werden mussten? Gibt es welche, die in unserem von Therapie und Selbstbespiegelung geprägten Alltag keinerlei Aufgaben haben, oder denken keine Aufgaben zu haben? Wollen sie von diesem erforschen der Seele einfach nichts wissen?

Während dieser Phase der Räumung hatte unser Leben einen Sinn. Es war so einfach allen unsere Erschöpfung zu erklären und wir konnten einfach darüber sprechen was wir täglich erlebten. Wir waren Teil einer Gesellschaft zu der wir sonst wenig Zugang haben. Jetzt haben wir wieder einen Job, der psychisch um so vieles anstrengender ist, als jener eine Verlassenschaft abzuwickeln, vor allem deshalb, weil unsere Therapie-Arbeit meist nicht geschätzt oder verstanden wird. Und wir leben wieder in größerer Isolation. Wie unser Alltag aussieht, kann nur mit Vorsicht vermittelt werden.

Dass wir diese Verlassenschaft jedoch abwickelten und die Traumafolgen dieses halbe Jahr verdrängen mussten und wieviel Anstrengung das kostete, konnten wir auch nur wenigen ausgewählten Personen erklären. Diese besonderen Freund*innen und die Therapie waren es auch, die uns halfen diesen Job zufriedenstellend zu erledigen. Dafür bin ich ihnen von Herzen dankbar.

∑Mein Leben geht so sehr bergauf. Wir haben schon viel erreicht.

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Leben mit DIS/DDNOS #19: Meine verdrehte Welt

Situation 1: Aufgrund einer Verlassenschaft habe ich derzeit vermehrten Kontakt zu meiner Mutter. Das ist vor allem deshalb ein Problem, weil je selbstverständlicher ich für sie erreichbar bin, desto eher behandelt sie mich wie früher. Das bedeutet ich muss bei jedem Treffen darum kämpfen, dass sie respektvoll mit mir umgeht. Sonst behandelt sie mich wie ein Ding, ihr Eigentum mit dem sie machen kann, was sie will. Ihre Antwort zu ihrem Lebensgefährten, der meinte: „Wie sprichst du denn mit „Benita“?“: „Ich darf mit ihr reden, wie ich will, das ist meine Tochter!“ Ja, ich kann mich heute dagegen wehren und habe es getan! Allerdings mit mäßigem Erfolg.

Zusätzlich ist sie nämlich mittlerweile wieder dazu übergegangen mir bei jedem Telefonat oder Aufeinandertreffen zu erklären, welch wunderbarer Mensch mein verstorbener Vater war, der mich meine gesamte Kindheit bereits als Baby beginnend vergewaltigte, verkaufte für sexuelle Dienstleistungen und die gesamte Familie quälte mit seinem Sadismus und Jähzorn. Als ich ihr zuletzt sagte, sie solle damit aufhören, weil ich ihre Worte nicht so stehen lassen kann und wir dann nur streiten können, meinte sie: „Zu mir war er ja immer gut!“

Ich brauchte mehrere Tage und eine weitere Lobeshymne über ihn, die sie am Telefon sang, um zu erkennen, welch große Mutterliebe es bedeutet, wenn der Vater meine Kinder misshandelt und ihnen Gewalt antut, zu sagen, dass er zu mir als Mutter „immer gut war!“ Mir graut, wie wenig Liebe unsere Mutter für meinen Bruder und mich jemals hatte und bis heute hat.

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Leben mit DIS#17: Mich schämen zu existieren!

Das Thema Scham spielt derzeit eine sehr große Rolle in unserem Leben. Also eine bewusst sehr große Rolle. Denn latent vorhanden und behindernd ist dieses Gefühl kontinuierlich. Es ist so sehr mit uns verbunden, dass es schon als Teil unseres Selbst, als Charaktereigenschaft von ∑mir empfunden wird.

Dass Scham generell an die Oberfläche tritt und dann noch hinterfragt werden darf, hat bereits einen Aspekt von Heilung, denn im Normalfall ist sie einfach da – von früh bis spät, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. Oder eben nicht da, denn es geht darum, sie so gut als möglich zu verstecken. Nur nichts anmerken lassen bedeutet verdrängen oder abspalten. Was vor allem im näheren Kontakt mit anderen Menschen mitunter sehr schlecht funktioniert und dann wieder einen Grund gibt, sich zu schämen. Leben mit DIS#17: Mich schämen zu existieren! weiterlesen

Emotionale Hochschaubahn oder: Wird Depression zur Erinnerung für uns?

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Erstaunliches geschieht. Die letzten Monate waren mit Arbeit überhäuft. Seit unserer Entscheidung für eine neue Wohnung in Gemeinschaft vor über einem Jahr, geht es innen rund. Vor allem seit Anfang dieses Jahres laufen die Planungsarbeiten für die Errichtung der Gebäude auch für die Baugemeinschaft voll an. Garten und Gemeinschaftsräume wollen geplant werden. Die Zeit des Beschnupperns ist ebenso Vergangenheit, wie die Zeit des sehr zurückhaltenden Umgangs miteinander. Befindlichkeiten und Eigeninteressen drängen an die Oberfläche und reiben sich an ebensolchen der anderen.

Gute 20 Jahre leben in Zurückgezogenheit und auch Isolation haben ein nahezu abruptes Ende für uns genommen. Fast möchten wir sagen ein zu abruptes. Nichts ist selbstverständlich für uns. Das ist es auch für andere in der Gruppe nicht, aber für uns ist es vielleicht noch außergewöhnlicher?! Ein dazu gehören, obwohl wir in Berufsunfähigkeitspension sind, obwohl wir immer wieder sehr ängstlich sind oder uns gegen Umarmungen vor allem von Männern aussprechen. Auch, dass wir bei Gruppentreffen aufgrund immer wieder auftretender Überforderung weinen, ist kein Grund uns ablehnend zu begegnen. Vielmehr bekommen wir immer wieder Zuspruch, Unterstützung und Trost. All das ist besonders für uns. Langsam lernen die anderen uns kennen. Über unsere DIS/DDNOS wissen nur zwei zukünftige Mitbewohnerinnen Bescheid. Oder sollte ich schreiben: „Über unsere DIS/DDNOS wissen SOGAR zwei zukünftige Mitbewohnerinnen Bescheid?“ Wir sind sehr dankbar, dass es sich entwickelt, wie es sich entwickelt. Trotz aller Anstrengung und dem immer wieder auftretendem Gedanken, dass wir das nicht schaffen und überlegen, ob wir aussteigen sollten. Langsam aber merken wir, dass jene Aufgaben, die wir von uns selbst erwarten ohne Überforderung lösen zu können, auch diejenigen überfordern, die nicht an einer Traumafolgestörung leiden. Es liegt nicht an uns, dass wir nichts schaffen. Manches ist einfach zu viel. Menschen überfordern sich. Nicht nur wir! Heureka!!! Es nutzt eben nichts, dass uns unsere Therapeutin dergleichen seit bereits einer gefühlten Ewigkeit vermitteln will. Wir haben es nicht verstanden oder ihr nicht geglaubt.

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Sein dürfen #1a: Die Angst überwinden

und wie der „Zufall“ dabei mitunter hilft!

Was für eine Zeit, im positivsten Sinne — letztendlich! Soviel Angst und soviel Überwindung eben dieser. Und es ist mir passiert, sie zu überwinden. Bewusst wäre ich viel lieber davon gelaufen.

Zuerst war der Termin mit der Reperatur meiner Heizung zu überstehen. Das war die leichteste Übung, obwohl ich sie seit Monaten vor mir her schob, weil ich solche Angst hatte. Angst nicht bloß vor dem Handwerker der in meine Wohnung kommt, sondern auch davor, was alles kaputt sein könnte.  Die schlimmsten Horrorszenarien malten wir uns aus. Waren überzeugt, dass die Leitung etwas hat und wir den großen Kasten irgendwie von der Wand weg bekommen,  abbauben müssen. Letztendlich war es eine Kleinigkeit und der nette Handwerker war binnen 15 Minuten wieder aus der Wohnung draußen.

Die Heizugsreparatur geschafft zu haben trotz starker Belastung, die uns ein Treffen der Baugruppe nur drei Tage davor bescherte, war ein Grund zu großer Freude.

Wir trafen einige Leute der Baugruppe auf der Baustelle um zu sehen wie die Arbeiten voran gehen. Es war einer der ersten wärmeren Tage. Vielleicht lag es daran, dass viele meinten mich umarmen zu müssen.

Wir fühlten es bereits und sahen auch, dass einige Männer von unserer Gruppe anwesend waren. Ein Innenwesen meinte noch erschrocken: „So viele Männer!“ Noch bevor es gelang manche in Sicherheit zu bringen, passierte bereits ein Umarmungs-Marathon, gegen den wir keinerlei Chance hatten uns zu wehren. Umarmungen oder Berührungen von Männern sind enorm schwierig bis unerträglich für uns. Das geht nur langsam mit Vorwarnung und viel Achtsamkeit. Und es sollte bereits ein Vertrauensverhältnis bestehen. Sonst kann ich sehr gut darauf verzichten. Schon die Situation, dass sich ein zumeist wesentlich größerer Mann zu mir herunter beugt lässt einen Film von Gewalterinnerungen ablaufen, der einen Fluchtinstinkt auslöst. Leider bedeutet Flucht bei uns in den meisten Fällen dissoziieren, selbst wenn ein zurückweichen leicht möglich wäre. Bei diesen Umarmungen hätte uns wahrscheinlich sogar ein bloßes zurück zucken vor dieser unerträglichen Situation gerettet. Das konnten wir nicht. Wir haben keinen Impuls für angebrachte Reaktionen, wenn etwas triggert. In unserer Kindheit war Dissoziieren angebracht um die Gewalt zu minimieren. Heute erschwert es die Lage.

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Leben mit DIS #16: Aber das Trauma ist doch vorbei – oder doch nicht?

Als ich heute erwachte, strahlte bereits die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Mit Ohropax in den Ohren war es in unserer Wohnung friedlich und ruhig. Wir Fühlten uns gut und dachten: „Die Gewalt ist endgültig vorbei. Wir reden uns doch bloß ein, dass alles so schwer ist. Wenn wir positiver denken, dann geht alles viel leichter. Wir brauchen uns nur ein klein wenig mehr anstrengen.“

Vor vierzehn Tagen etwa hatten wir eine Idee, wie wir endlich unser Buch umsetzen könnten. Eine Freundin, die uns letzten Donnerstag besuchte meinte noch, dann könne ich es ja binnen zwei Monaten schreiben. „Sehr lustig!“, sagte jemand innen, ohne es laut auszusprechen, denn die Freundin meinte es ernst. Ich widersprach, dass das doch eine sehr kurze Zeit ist, aber ich kann beginnen.

Heute wollten wir das unbedingt angehen. Wir freuten uns darauf.

Nur noch eine Kleinigkeit war zu erledigen. Bei unseren Heizkörpern gibt es manches zu reparieren. Einer tropft, ein anderer wird nicht warm. Wir müssen die Fernwärme anrufen und einen Termin für eine Reparatur vereinbaren. Ein Innenwesen mahnte zur Vorsicht: „Wenn wir das nun machen, kann es sein, dass uns das aus der Bahn wirft und wir nicht schreiben können.“ „Blödsinn!“, dachte ich. Ist ja nur ein ganz kurzer Anruf. Leben mit DIS #16: Aber das Trauma ist doch vorbei – oder doch nicht? weiterlesen