Was alles Zeit braucht: Leben mit DIS #2

Oder: Trauma schränkt Ressourcen ein – verlagert sie bloß?

Anfang Mai:

Ein Kommentar einer Therapeutin hat mich verstummen lassen am Blog, ein Kommentar einer anderen Therapeutin hat mich wieder zurückgeholt.

Bin ∑ich so fremd bestimmt?

Es war mir nicht aufgefallen, dass dieser (nicht veröffentlichte – es braucht also niemand zu suchen!) Kommentar mich derart nachhaltig belastet hat. Ich hatte es in der Therapie besprochen und es war erledigt. Dachte ich. Dann heute der liebe Wunsch von therapeutenseele und die Schleusen öffneten sich. Da war ein Gefühl, dass ich evtl. jemandem hier am Blog abgehen könnte. Das ist sicher übertrieben, aber doch eine Nachdenklichkeit? Vermutlich war es wohl Zufall – wenn’s den gibt. Das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt.

Ich bin frustriert. Habe eben fast 2 Stunden an diesem Beitrag geschrieben, dann ist Firefox abgestürzt und hat fast alle mir wichtigen Worte und Sätze in ein Datengrab befördert. Weg. Fort. Ich fasse es nicht. Das müsste doch irgendwo am Server von WordPress liegen. Oder im Arbeitsspeicher. Rekonstruierbar. Ich bin müde wollte eben Schluss machen und jetzt das.

 Am Tag nach dem Verschwinden meiner niedergeschriebenen Gedanken und Gefühle:

Selbstverständlich ist es viel zu einfach, die Belastungen der vergangenen Wochen (plus Altlasten meines Lebens) auf diese beiden virtuellen Begegnungen zu reduzieren.

Unser Leben ist komplex, wie jedes andere Leben. Vieles ereignet sich. Im virtuellen Raum und im Alltagsleben. Mein Dasein also um eine virtuelle Existenz erweitert, braucht diese auch Zeit, Zuwendung, Energie, Kreativität. Und das alles während der Alltag gnadenlos weiter läuft.

 9. Juni 2016

Wieder ist es therapeutenseele, die mich bewegt zu schreiben. Sie hat einem alten Kommentar von mir auf ihrem Blog ein „Gefällt mir“ geschenkt. (Nachträgliche Anmerkung: Es war Lysander, der auf obiger Seite seine „Gefällt mir“ für mich setzte, das habe ich erst jetzt bemerkt.) Das hat mir heute sehr gut getan. Dazu noch der Beitrag von Luise Kakadu, der mir teilweise aus dem Herzen spricht. Das hinaus Gehen wollen, das etwas Bewegen wollen – auch mit dem Schreiben – aber absolut überfordert damit zu sein. Ebenfalls auch mit dem Schreiben hier am Blog. Entweder ich lese andere Blogs oder ich schreibe selbst. Wenn ich andere lese und kommentiere, damit ist bereits unser Kraftpotential ausgeschöpft. Meine Autobiographie zu schreiben, das mir wichtigste Projekt liegt seit einem Jahr auf Eis. Der Blog hätte mich motivieren sollen. Tut er auch, weil ich nicht mehr so einsam bin, aber er kostet mich auch Kraft.

∑Ich bin erschöpft und verzweifelt, weil scheinbar nicht gehen mag, was ich mir so sehr wünsche.

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Perspektiven von Muttertag

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Zitat von Hannah Arendt

Der Muttertag hat mich selten so stark getroffen wie dieses Jahr. Vielleicht funktioniert meine Verdrängung nicht mehr so wie früher? Sicher, und es ist Vieles vorgefallen seit letztem Jahr. Begebenheiten, die ihre Auswirkungen auf meine Wahrnehmung von Muttertag  heuer intensivierten. Vor allem er scheint diesmal kein Ende zu nehmen.

Vor einer Woche mein bislang letzter Trigger zum Ehrentag der Mütter.

Ich war auf der Buchpräsentation einer lieben Freundin. Sie hat ihre Erfahrungen mit dem Verlust ihrer Tochter zu Papier gebracht. Keine Ahnung woran wir bei der Vorbereitung auf diesen Abend gedacht hatten? Vor allem nicht daran, dass uns die Lesung so derart treffen könnte. Obwohl? —  Genaugenommen wäre dies vorhersehbar gewesen.

∑Ich hatte mich bloß mit ihr gefreut, dass sie es geschafft hatte alles niederzuschreiben. Wie sie aus der Trauer gewachsen war. Dass sie einen Verlag gefunden hatte. Und dann die Präsentation getragen von ihren vielen Talenten: Gesang, schauspielerische Lesung und die eigenen Texte. Irgendwie war ich auch stolz gewesen, eine derart begabte Frau Freundin nennen zu dürfen. Gut gemacht und ich vergönne es ihr, aber da war dieser Stich. Mein Schmerz mit meiner Geschichte in der der Verlust eines Kindes nur einen Bruchteil der schlimmen Erfahrungen meines Lebens ausmacht. Einen sehr belastenden, aber eben bloß ein Teil und nicht die Zäsur meines Lebens. Oder doch auch. Eine Zäsur von mehreren!  Ich bin verwirrt, verletzt. Es ist etwas aufgerissen, das ich dachte besser verdrängt zu haben. Denn verarbeitet habe ich es nicht. Noch immer nicht. Nach  33 Jahren.

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Gewissenskonflikt

Ich habe länger nichts geschrieben, das ich dachte gleich veröffentlichen zu können. Das Schreiben war zäh, es kostete Kraft. Dann begnügte ich mich mit dem Lesen abonnierter Blogs und kommentierte. Auch das war anstrengend. Viel zu sehr. Nach Neuem Ausschau zu halten ermüdete ebenso. Dennoch konnte ich neue Leserinnen auf meinem Blog begrüßen. Ich bin zufrieden und dankbar. Es scheint anzukommen, was ich schreibe. Ich freue mich sehr über die netten Rückmeldungen. Herzlichen Dank dafür. Aber woher dieses tiefe Loch?

Seit Wochen frage ich mich, wie der Blog zu einem Medium werden kann mit dem ich mich wohl fühle. Nun, ich bin kein digital native. Das Arbeiten am Laptop kostet mich sehr viel Kraft. Es stresst mich täglich in meinen Blog zu schauen und andere Beiträge zu lesen oder zu kommentieren. Jeden Tag einen eigenen Artikel verfassen — unmöglich, obwohl sich Ideen worüber ich schreiben könnte und Entwürfe stapeln. Bevor ein Beitrag von mir als fertig erachtet wird, lese ich ihn gut 20 mal Korrektur — auch nachdem er bereits publiziert ist, ändere ich noch das eine oder andere. ∑Ich habe hohe Perfektionsansprüche an mich. Der Text muss mir gerecht werden.

Blogs anderer und Kommentare, die ich geneigt bin abzugeben:

Ist es in Ordnung was ich da tue? Wenn ich Beiträge lese, gehen sie mir oft sehr nahe, vermutlich zu nahe. Lese ich von Leid das ich kenne oder kannte, weiß ich nicht, wie ich umgehen soll mit den in den virtuellen Äther geworfenen Worten. Mit dem Hilfeschrei in den Weiten des WWW. Ein „Gefällt mir“ ist nicht stimmig, vielmehr sogar zynisch. Ein Kommentar überfordert mich mitunter. Nun sind ein paar liebe Worte, die von Herzen kommen in einer schwierigen Lebenslage Gold wert, aber sie erscheinen mir so ungenügend. Am Liebsten würde ich mich hin beamen und alles Leid an mich nehmen. Wie oft habe ich schon gehört, dass ich zuviel Verantwortung übernehme — wohl wahr, aber was dagegen tun? Wenn ich lese, dass (junge) Frauen an den Folgen (sexualisierter) Gewalt leiden und an sich selbst zweifeln, möchte ich so gerne etwas dagegen tun. Ich könnte permanent schreien, wieviel Elend sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen verursacht. Auch Buben oder Männer werden zu Opfern, aber es sind weniger und es ist oft eine andere Form der Gewalt — dennoch sind auch das zu viele.

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Gewalt weitergeben?!

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Es muss ein Ende sein mit der Gewalt, dachte ich mit
14 Jahren.

Ein Ende der Gewalt für mich und als Pubertierende auch in der Welt.

Ein Wunsch, Ein Traum, Ein Sehnen!

Opfer werden zu Täter/inne/n, wird gesagt. Lässt sich das vermeiden?

Davon bin ich überzeugt!

Lässt sich vermeiden andere zu verletzten?

Ich denke Nein!

Wir reden aneinander vorbei, wir schlagen aufeinander hin – meist verbal, auch mit Unterton, der die Wut spüren lässt.

Warum? Unreflektiert?

„Hohe Frustrationstoleranz“steht in psychologischen
Gutachten von mir.

Was bedeutet das?

Sich verletzen lassen, ohne sich zu wehren?

Alles reflektieren und verzeihen?

Mit 16 oder so dachte ich, wenn ich erwachsen bin, werde ich so ein Arschloch wie mein Vater. Das fand ich erstrebenswert – sich keine Gedanken um die anderen zu machen. Und hielt an dem Wunsch fest.

Ich konnte es aber nie, denn Frauen wird nicht verziehen in der Öffentlichkeit zu poltern und aggressiv zu sein.

Ich habe es nie gewagt.

Dann mit ca. 35 lernte ich eine Frau kennen, die sich über weibliche Rollenbilder hinwegsetzte, die ihre berechtigte Wut über Ungerechtigkeit, aber auch viel inneren Schmerz auslebte, oft unfair.

Mein Ideal des rücksichtslosen Lebens zerplatzte an den Wunden, die sie mir schlug – nur verbal.
Heute wieder erinnert.

Hehre Moralvorstellungen, große Theorien der wahren
Gerechtigkeit zersplittern mitunter an der Praxiseignung.

Wir werden verletzt und schlagen zurück, werden wieder verletzt und schlagen noch härter
… darum gibt es doch Kriege?!

Private Kriege, innere Kriege, gesellschaftliche Kriege und nationale Kriege.

Kaum jemand möchte anderen schaden, wer es mag gibt es selten zu. Vor sich selbst nicht und vor anderen auch nicht.

Ich wünsche mir Frieden, vor allem in mir.
Aber wie soll das gehen, wenn wir kommunizieren wollen?

 

 Dieser Text ist vor 3 Wochen entstanden. Ich konnte ihn bislang nicht veröffentlichen. Bis heute.

Stillhalten?: Wenn’s genug ist!

Habe Angst zu schreiben. Tue es dennoch. Um die Furcht zu besiegen? Vielleicht ist es unvernünftig?

„Es ist gefährlich!“, hallt es von innen. Ja, das ist es. Bloggen ist auch gefährlich, weil es viel auslösen kann, aber nicht nur.

Balanciere zwischen zwei Wolkenkratzern – wohl gesichert. „Lieber auf die nächste Therapiestunde warten und inzwischen untertauchen?“  Wir sind auf Tauchstation seit der Debatte um „Leben mit DIS#1a“. Wir fürchten uns weiterzuschreiben.

Innen hat es Vieles ausgelöst, das noch nicht verarbeitet ist, ja nur teilweise eingeordnet. Ich denke, ich muss weiter tun um nicht wieder in mein Muster zu flüchten zu verfallen.

Unter Angst dann den nächsten Beitrag publiziert. Mich gut gefühlt. In der Nacht einen Text zu den inneren Auslösern geschrieben – noch unvollständig. Für uns. Für die Therapie. Ein verletzender Kommentar zum zuletzt veröffentlichten Artikel am nächsten Tag. Vermutlich Unverständnis, vielleicht gut gemeint. Der wackelige Boden wird unter den Füßen weggezogen.

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GEGENÜBER: ∑ICH?

Die Anderen –
der Spiegel.
Ihre Emotionen –
∑mein Anteil?
Meine Wahrnehmung!
Auslöser –
Auflösung in ∑mir,
das Früher erkennen,
fühlen,
heilen.

Leben mit DIS #1

Anmerkung: Ich/Wir freuen uns über Kommentare und haben die Kommentarfunktion vereinfacht. Es ist jetzt ganz leicht vom eigenen Blog aus oder über ein Facebook oder Twitter Account zu kommentieren. Allerdings, auch das ist uns wichtig: Wir veröffentlichen nur respektvolle Kommentare. Die aber gerne, auch wenn sie kritisch sind. Freue mich von euch zu lesen. 🙂


Ich habe den Blog online gestellt und gedacht, dass bereits ganz viele Innenwesen integriert sind. Auf alle Fälle sind sie bereits mehrere Jahre im Alltag nicht aufgetaucht.

Ich habe mich sicher gefühlt. Und dann die ersten Texte online. Das interne Chaos brach los. Nachdem ich selten Zeitlücken habe – glücklicherweise – fühlt es sich an, als würden mehrere durch meine Augen durchsehen. Das ist enorm anstrengend im Kopf. Die Augen verengen sich und ich meine, dass ich schiele, aber nicht wirklich. Es fühlt sich an, als ob die Innenwesen aus den Augenwinkeln heraus sehen. Manchmal wirklich eine lange Zeit. Und das Gehirn wird bleiern und dabei wie Watte. (Bleierne Watte, eigenartiges Bild. Es trifft es dennoch.) Ich merkte, dass „mehrere“ auf der Straße gehen, wenn ich unterwegs bin. Was einerseits angenehm ist, weil es sich „ganzer“ anfühlt, anderseits ist es irritierend, da Menschen offenbar merken, dass etwas nicht stimmt? Vielleicht auch Einbildung. Eine kurze Zeitlücke hatte ich auch zu verzeichnen. Plötzlich im Yoga eine Übung gemacht – offenbar – und keine Ahnung davon. (Das war bevor ich beschloss alleine daheim zu üben.) Die anderen in der Gruppe waren erstaunt, als ich die Übung die wir immer machen einforderte. Dabei hatte sie mein Körper gerade eben mitgemacht. Ja, so ist das mit DIS bei mir.

Das Selbstbild, dass ich in den letzten Jahren gewonnen hatte, mit einem mal in Stücke gerissen. Sie sind noch da. Hallo. Die Innenwesen haben ein lautes Erkennungszeichen von sich gegeben und Texte veröffentlicht, die ich so nicht in den virtuellen Raum gelassen hätte. Ich nicht! Ein Innendialog, oder bloß ein Versehen? Haben Innenleute das Ruder übernommen und den Text publiziert, oder doch ich in einem emotionalen Ausnahmezustand? Es ist so einfach, Handlungen, die ich setze aber nicht wirklich dahinter stehe, als Aktion von Innenwesen abzutun. Ist es so, oder spreche ich damit den Innenleuten ihre Existenz ab? Das ist der Grat zwischen normaler oder doch „verrückt“? Ich mag kein exklusives Dasein, im Kuriositätenkabinett. Aber so werden Multiple Persönlichkeiten = Menschen mit dissoziativer Identität (DIS) gesellschaftlich behandelt.  DIS ist eine normale Reaktion auf massive gewalttätige Übergriffe, die zumeist vor dem 3. Lebensjahr beginnen. Also vor einer Zeit, in der Kinder eine eigene Identität entwickeln. Damit zu leben ist irritierend.

„Nicht alle Kinder, die massiver Gewalt ausgesetzt sind, entwickeln eine DIS, aber alle Erwachsenen mit DIS erlebten massive Gewalt ab dem frühen Kindesalter.“

Dieser Satz ist nicht von mir, aber ich erinnere mich nicht mehr, wo ich ihn gelesen habe. (Nehme Hinweise dankend entgegen.) Allerdings findet er sich auch in einem Befundbericht, den ich einmal vom allgemeinen Krankenhaus in Wien ausgestellt bekam, allerdings mit komplizierterem Wortlaut.

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