Erfahrungen zum Traumakongress nach dem 3. Tag

Trauma is perhaps the most avoided, ignored, belittled, denied, misunderstood, and untreated cause of human suffering.

Peter Levine

Trauma ist vielleicht die am meisten vermiedene, ignorierte, herabgewürdigte, verleugnete, missverstandene und unbehandelte Ursache menschlichen Leidens.
Peter Levine

Zunächst einmal sind wir extrem müde, aber unserem Englisch hat die Übung bislang sehr gut getan.

Am ersten Tag war es noch einigermaßen schwierig dem Interview zu folgen und parallel auf deutsch Notizen zu machen, mittlerweile geht es bereits recht gut.

Und das mitschreiben lohnt sich! Wir haben gestern und heute je vier Interviews gehört, am ersten Tag nur eines, da wir unterwegs waren und können sagen, dass uns sieben Gespräche von den neun gehörten fasziniert haben und sicher in unserer Heilung weiterbringen werden, durch die erfahrenen Erkenntnisse aber vor allem auch durch die neu oder vertieft erlernten Werkzeuge. Die anderen beiden brachten ebenso wichtige Erkenntnisse, aber wir hatten leider Probleme mit den Interviewten, wobei das evtl. auch daran liegen könnte, dass diese beiden Gespräche auf französisch geführt wurden und wir nur mittels der Simultanübersetzung folgen konnten. Eine emotionale Verbindung zu den Sprecher*innen war uns dadurch unmöglich und es wurde langatmig zuzuhören. Unsere Französich-Kenntnisse sind definitiv zu gering für diese Fachgespräche.

Die bislang wichtigste Erkenntnis ist auch nicht neu, aber doch in dieser Klarheit selten ausgesprochen:

„Nur sprechen hilft in der Therapie mit Trauma nicht, es braucht mindestens ein Werkzeug, eine Methode um Traumata zu lösen. Denn Trauma sitzt im Körper!“

frei übersetzt nach Bob Schwarz

Es wurden bislang mehrere Methoden vorgestellt, die wir zum Teil kannten und auch bereits verwendet hatten, aber doch nicht konsequent. Das wollen wir noch weiter forcieren. Wenn es Interesse gibt, werde ich die Methoden und Expert*innen gerne in einem nächsten Beitrag, nachdem wir ausgeschlafen haben, hier vorstellen. Und auch genauere kleine Einblicke in jene Bereiche, die wir besonders interessant fanden. Bitte lasst es uns doch in den Kommentaren wissen, wenn es die eine oder den anderen interessiert.

Bis inkl. Montag gibt`s Programm. Anmelden sollte hier noch möglich sein:
https://quantum-way.com/en/evenements/espace-sommet-trauma-attachement-resilience-2021

oder mit dem Link im letzten Beitrag.
Ganz unten auf der Seite findet sich auch das Programm des Kongresses.

Ein schönes Wochenende wünschen wir euch und hoffen den Interview-Marathon durchzuhalten, weil gerade morgen und auch am Sonntag noch so viele interessante Interviews angekündigt sind.

Ach, das ist alles ein richtiges Vernügen!!!!!!

Traumakongress von 21.4. bis 26.4.

Gratis Traumakongress –
Trauma, Attach(e)ment & RESILIENCE – von 21.4. – 26.4. leider nur auf Englisch oder Französisch.

35 Traumaexpert*innen in Zoom Interviews. U.a. Stephen Porges – Polyvagal-Theorie oder Bessel Van der Kolk.

Das gesamte Programm gibt’s hier zu sehen:

https://quantum-way.com/en/evenements/espace-sommet-trauma-attachement-resilience-2021/

Hier gibt’s weitere Infos und gratis Anmeldemoglichkeit: https://sommet.quantum-way.com/ref/th55883053

Wir haben es leider auch erst am Abend erfahren. Auch wenn es zu viele Stunden Information in den wenigen Tagen sein mögen, kann ja auch gewählt das eine oder andere Interview verfolgt werden.

Vielleicht ist es ja für manche Leserin, manchen Leser hier interessant?

Psychisch Erkrankte als Corona-Risikogruppe anerkannt | kurier.at

https://kurier.at/wissen/gesundheit/psychisch-erkrankte-als-corona-risikogruppe-anerkannt/401353085

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben wir uns sehr bedroht gefühlt. Aus unterschiedlichen Gründen, die teils in der Vergangenheit liegen und klar zu fassen sind. Es gab aber auch ein diffuses Bedrohungsgefühl, dass wir einfach nicht die Kraft besitzen gegen diese Erkrankung kämpfen zu können, dass die Gefahr zu sterben, falls wir erkranken sehr groß wäre.

Mit Behindertenpass erhielten wir diese Woche die erste Teilimpfung und sind sehr froh darüber, dass unsere Panik, unsere Selbstisolierung hoffentlich bald ein bisschen geringer werden kann, sobald durch den Impfstoff Antikörper gebildet werden.

Dabei hatten wir echte Schuldgefühle uns eine Impfung zu „erschwindeln“, weil wir doch weder Diabetes, noch massives Übergewicht oder andere körperliche Erkrankungen haben. (Am Übergewicht arbeiten wir leider in den Lockdowns.) Selbst unsere Krebserkrankung vor mittlerweile 15 Jahren gilt nicht mehr. Nur die Panik war da.

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Leben mit DIS/DDNOS #33: Widersprechen wagen und lernen

Heilung geht langsam und es braucht Mut, Kraft und Zuversicht dafür.

Was es in uns auslöst, gegenüber Menschen, die uns wichtig oder sympathisch sind andere Meinungen zu vertreten, obwohl wir wissen, dass es ein heikles Thema ist und dem Gegenüber unangenehm, ist extrem.

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Wir haben ein Kontaktproblem!

Mit wenigen Worten hat Julia hier eine überaus wichtige Aussage getroffen, die wir gerne rebloggen, da uns das Fehlen der Bindung bzw. das Fehlen des Beobachtens was im Kontakt zwischen uns und dem/der jeweiligen Gesprächspartner*in stattfindet in nahezu jedem Kontakt, vor allem in näheren außerordentlich fehlt.

Dafür braucht es den Willen zur Reflexion und den Mut hinzusehen bzw. zu fühlen.

Danke liebe Julia für diesen so wichtigen Beitrag.

Was wir jedoch leider überhaupt nicht teilen ist, dass der Herr Gopal Norbert Klein in dem Video-Mitschnitt von Frankfurt aufgrund dessen, dass wir Menschen Bindung brauchen die Maßnahmen gegen Corona als falsch darstellt und jene, die sich daran halten als von Angst besetzt. Dabei sind es einfach unterschiedliche Ängste zwischen den verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft in Bezug auf Covid-Maßnahmen und -Erkrankung, was er später durchaus aussagt und für ein Miteinander bzw. in Kontakt treten der unterschiedlichen Parteien aufruft, was wir sehr schätzen.

Wer das verlinkte Video differenziert hören kann, mag es anhören. Für uns war es vor allem zu Beginn schwierig anzuhören, weil wir uns abgewertet gefühlt haben.

Warum wir den Beitrag dennoch teilen? Weil wir die Grundaussage wie enorm wichtig es für unsere Gesellschaft ist miteinander in Kontakt zu treten und wirkliche Bindung zu fühlen, unterstützen. Diese Bindung fehlte vor Covid und fehlt auch jetzt. Als hätte die Pandemie diese Problematik nur mehr ins Rampenlicht gerückt. Es wird aufgezeigt, woran es wirklich mangelt in der Gesellschaft, in den meisten Kontakten. Es mangelt an einer Kommunikation in der wir uns wirklich für einander öffnen.

Hochsensibel und Multipassioniert

Und die Lösung ist nur im Bindungskontext zu finden.

„Was wir Menschen am Dringendsten brauchen – nach Sauerstoff, Wasser, Essen und Trinken – ist BINDUNG.“

Was Arno Gruen als Theorie in all seinen Büchern bis ins kleinste Detail beschrieben hat als auch Stephen Porges und Gabor Maté über die Polyvagaltheorie und Entwicklungstrauma, überführt nun Gopal Nanzer-Klein mit dem Lokalen-Gruppen-Projekt und dem Ehrlichen Mitteilen in die Praxis – gestern z.B. in Frankfurt vor dem Römer.

Wir müssen dort hinschauen, wo wir sonst nie hinschauen: auf das, was gerade jetzt im Kontakt zwischen uns stattfindet.

Der Körper ist die Wiege des Verstandes und nicht umgekehrt.

Alles Liebe, Julia

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Leben mit DIS/DDNOS #32  : Hallo neues Du im Wir

Momentan entdecken wir gerade eine enorm zarte und verletzliche Seite an uns. Wurde ein Innenwesen integriert, oder nach außen geholt, das mehr verletztes Kind ist als Erwachsene ohne Erinnerung bzw. wenig emotionales Co-Bewusstsein?

Auf alle Fälle ist es gerade sehr anstrengend in dieser Welt zu bestehen. Allerdings lieben wir diese Seite sehr an uns. Sie fühlt sich so echt und authentisch an.

Dami Charfs Onlinekongress „Trauma & Beziehung“

Onlinekongress 2021 – Trauma und Beziehung Tag 1

Wir haben gerade gemerkt, dass dieser Link nicht mehr geht.

Hier geht’s zur Startseite: https://traumaheilung.de/start/

Dort ist es auch noch möglich sich anzumelden.

Der Kongress dauert von 22. – 26. Februar 2021

Dieser höchst interessante Onlinekongress hat am Montag begonnen und wir haben bislang drei von vier Interviews des ersten Tages gehört und sie waren alle so berührend oder auch erklärend, dass wir sie gerne öfters hören wollen. Leider sind die Gespräche nur 24h gratis online zu hören. Allerdings ist es nicht so teuer einen Mitschnitt zu kaufen.

Wir sind so begeistert!!!!

Einer der Interviewpartner, der immer wieder zu hören ist zum Thema Dissoziation ist Johannes B. Schmidt. Er spricht auch über komplexe Dissoziation bzw. DIS mit einem außerordentlichen Verständnis und einem Gefühl von Nähe, die einfach gut tun.

Außer ihm waren am ersten Tag Diana Sterzig – über die Prägung des eigenen Lebens bereits als Baby, Katia Saalfrank – über Trauma und Elternschaft und Sigrid Plate – zu prä- und perineutralem Trauma bzw. wie ein gutes „Willkommen“ in dieser Welt funktionieren kann, im Gespräch mit Dami Charf.

Vielleicht hilft es zu wissen, wer am ersten Tag gesprochen hat auch wenn die Gespräche leider nur mehr bis Dienstag 6h früh gratis zu hören sind.

Vielleicht mag jemand hineinhören.

Alles Liebe und Gute für alle, die auf unserem Blog lesen! Danke für eure Geduld, dass wir gerade wenig schreiben können. 💖🍀🎋

Sicher machen wir auch Fehler, wie alle …..

Gestern wurden wir hier am Blog  als „Arschloch“ beschimpft und als unterschwellig aggressiv, sowie besserwisserisch bezeichnet. Und der Kraftausdruck gegen uns wurde als authentisch und gerechtfertigt begründet.

Und es ging auch noch weiter. Ja, besserwisserisch kann sein, aber als Reaktion auf den letzten Beitrag?

Vielmehr hatten wir den Kommentar als untergriffig empfunden und haben durchaus mit einer gewissen Ironie reagiert.

Aber all dies ist egal, weil es hier niemand nachvollziehen kann. Wir haben den kurzen Dialog und weitere nachfolgende Kommentare gelöscht und den betreffenden Blog blockiert und wollen hier auch Nichts davon zitieren, schließlich könnten wir uns sogar rechtlich dagegen wehren, was nicht dafür steht. Pikanter Weise wurde uns eine Anzeige angedroht als wir meinten weitere beleidigende Kommentare zu löschen. Täter-Opfer-Umkehr? Wer weiß? Tun wir uns leid, dass wir das erlebt haben? Schon irgendwie. Warum eigentlich? Geben wir dem Kommentar dann nicht zuviel Bedeutung?

Die Frage, wie mit solchen Kommentaren umzugehen ist bleibt. Und nachdem wir das Gefühl haben uns aktuell noch mehr zu öffnen, weil wir zu „uns“ stehen wollen, aufrecht, sind wir angreifbarer als wir es in unserem Kokon des selbst-Betrugs waren. Die Überlebensstrategie sich zu verstecken bot vielleicht wenig Angriffsfläche, machte keine Lust auf Kampf? Denn in den mittlerweile fünf Jahren, die wir diesen Blog führen, kam ein solcher Wutausbruch eines Lesers in einer Kommentar-Suada noch niemals vor.

Das liegt bestimmt an den vielen wundervollen Leser*innen die wir haben. Das meinen wir sehr ernst. Danke dass es euch gibt, wir durften so viel mit und von euch lernen und auch mit eurer Hilfe heilen.

Dennoch ist es erstaunlich, dass es bisher keinen solchen Vorfall gab, da das Thema doch generell polarisiert und manche sich durchaus belästigt fühlen. Dafür, dass wir bislang verschont geblieben sind von dergleichen, sind wir sehr dankbar und glücklich.

Dabei wissen wir, dass unsere Art nicht bei allen gut ankommt. Das ist ja in Ordnung. So ist das Leben. Wir werden lernen müssen damit zu leben, dass man die „Benita“ nicht lieb haben muss.

„Die „Benita“ muss man lieb haben!“, sagte vor ca. 30 Jahren eine Bekannte zu uns und wir fühlten uns nicht geschmeichelt sondern nicht gesehen und verkannt, sogar gekränkt.

Es war für uns eine Bankrotterklärung, eine Bloßstellung dessen, was wir versuchten zu verbergen, nämlich dass wir Angst vor Menschen haben. So große Angst, dass wir uns verstecken und nicht widersprechen wagen oder gar eine eigene Meinung gegen Widerstand vertreten versuchen. Unser Sanftmut war oft einfach Angst und die Wut gärte innerlich. Mitunter loderte und lodert auch der Zorn innerlich lichterloh. Vor allem der Zorn auf die Täter. Mittlerweile hat sich aber Vieles geändert und wir wissen, dass es wichtig ist geeignete Worte zu finden, damit Kritik beim Gegenüber ankommen kann und Kontakt möglich bleibt. Wir können Trigger immer besser von aktuellen Angriffen unterscheiden. Das bedingt die ständige Kontrolle der Emotionen. Ist das immer gut, oder ist es einfach auch ein sich Erheben über andere?

Was bedeutet es aufrecht zu sich/uns zu stehen? Wir sind dabei es zu lernen. Gefühlsmäßig sind wir am richtigen Weg, auch wenn er Angst macht, aber wer weiß, ob und wie es uns möglich ist hier offen zu schreiben, ohne unser Versteck?

Wir wollen Ecken und Kanten haben und dennoch bzw. damit oder vielleicht sogar dafür gemocht werden. Ob uns das gelingen kann? Ist es nicht das was ein würdevolles Leben ausmacht? Oder wünschen wir uns zu viel, oder das Falsche?

Über den Mut nachts zu schlafen

Es braucht sehr viel Mut nachts zu schlafen – meist noch zu viel Mut sich gegen die Gespenster der Erinnerung zu stemmen, die unweigerlich hochkommen sobald wir uns früher schlafen legen. Wann würden Flashbacks und Panik aufhören, wenn wir uns täglich dazu zwingen könnten? Würden sie  jemals aufhören?

Es braucht sehr viel Mut zu UNS zu stehen, trotz der großen Gefahr und langjährigen Erfahrungen der Ablehnung und des Unverständnisses. Es braucht fast übermenschlichen Mut sich mit gestellten Fragen und mehr noch mit ungestellten Fragen und geglaubtem Verstehen der anderen oder deren Unwillen zu verstehen zu konfrontieren bei jeder Begegnung, die uns wichtig ist oder werden soll.

Es braucht sehr viel (mehr) Mut zu leben, statt bloß zu überleben und auf den Tod zu warten, Jahrzehnte lang und sich bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend abzulenken.

Leben, vielmehr lebendig sein ist so viel schwieriger als wir es uns erträumt hatten.

Ob diese Erkenntnisse helfen die Kraft aufzubringen leben zu wagen, statt in Selbstaufgabe bzw. Selbstverleugnung und -verletzung zu verharren?

Hoffentlich! Noch suchen wir die Kraft für diesen enormen Kraftakt und das Wagnis – Sein!

Aber vielleicht geht es nur in ganz kleinen Schritten, zwei nach vorne und einen retour?

Ein Ende der Qual wäre schön!

Wir haben uns verändert ….

….. Und das ist gut!

Als Jugendliche hatten wir uns zum Ziel gesetzt, dass niemals jemand die oder der nicht an der Gewalt unserer Kindheit Schuld trägt, an den Folgen leiden sollte.

Ein hehres Ziel. Ein uneinlösbares Vorhaben. Ein Auftrag, der sich nur gegen mich/uns richtete. Denn um ihn umzusetzen hieß es unsere Bedürfnisse immer hinter jene der anderen zu stellen, mehr noch, sie zu verleugnen. Sobald wir jemanden mit unseren Bedürfnissen einem gewissen Druck aussetzen und die Person daraufhin mit Abweisung reagiert und sei sie noch so gering, zogen wir uns zurück, gaben uns die Schuld, wiesen uns den Fehler zu und blieben einsam in uns. Vor allem aber blieben wir in jenem Verhaltensmuster und Auftrag gefangen, den uns die Eltern aufgetragen hatten.

Wir sollten KEINE Bedürfnisse haben, die über Nahrungsaufnahme hinaus gingen. Aber auch die wurde von den Eltern bestimmt. Wann, was, wie viel. Schlaf war auch ein variables Bedürfnis, keines, das wir selbst bestimmen durften. Da wurden wir beispielsweise als Kleinkind mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, weil wir den Vater begrüßen mussten, der von einer Geschäftsreise heim kam. Das war eine Erzählung für die sich die Eltern brüsteten. Darauf waren sie stolz, dass wir mitten in der Nacht mit den Eltern die mitgebrachten Froschschenkel gerne verspeist haben. Welche Wahl hatten wir denn gehabt? Keine! Essen verweigern war verboten. Überhaupt war es verboten sich den Eltern zu widersetzen. Und der Vater war derart jähzornig, dass unser Widerstand tatsächlich lebensgefährlich gewesen wäre. Das haben wir bereits als Baby erfahren, als er uns fast tötete, weil wir zu laut weinten. Das war damals natürlich kein Widerstand, sondern die für ein Baby übliche einzig zur Verfügung stehende Möglichkeit, die eigenen Bedürfnisse kund zu tun und auf Hilfe zu hoffen. Eine Erfahrung, die wir ganz unüblich für dieses Alter, nie vergessen hatten, auch wenn sie verschlüsselt über einen Alptraum im Gedächtnis verblieb. Dieser Traum, dass Hände aus der Wand kommen und uns würgen quälte uns unsere gesamte Kindheit, Jugend und noch Jahrzehnte als erwachsene Frau. Er ging erst nach ganz vielen Jahren Therapie, Jahrzehnte später weg, als uns bewusst wurde, dass es eine Erinnerung an dieses frühe Nahtoderlebnis war und eben kein Traum.

Menschen, die einander nahe stehen verletzen einander, so ist das Leben. Das ist der Weg sich zu entwickeln, mit einander und von einander zu lernen. Wir reiben uns an einander und kommen darüber zu Erkenntnissen über uns selbst. Das Anderssein des Gegenübers unterdrücken zu wollen, bedeutet sich psychisch nicht entwickeln zu wollen. Da dieses Hinsehen auf eigene Baustellen und Fehler über den Spiegel der anderen mitunter sehr schmerzhaft ist, ist eine erste Ablehnung als Reflex verständlich. In diesem Reflex stecken bleiben ist ein sich aufgeben und sterben während man noch lebt. Unsere Eltern wollten genau dies, unser anders-sein unterdrücken, weil sie den Spiegel nicht ertragen wollten, in den sie sehen hätten müssen.

Und genau dies ist die für uns so wertvolle Erkenntnis. Wir selbst spielten dieses Überlebensmuster aus der Kindheit weiter und unterwarfen uns, um andere nicht zu „belästigen“ und brachten uns so selbst um unser Leben und auch um die Nähe mit anderen Menschen, die uns wohlgesonnen sind. Wir versteckten uns als Überlebensmuster, das uns das Leben bzw. die Lebendigkeit verboten hat, den Körper jedoch am Leben erhielt. Eine kluge, intuitive Entscheidung als Kind, wo es keinen anderen Ausweg gab. Eine fatale Angewohnheit und Überzeugung als Erwachsene.

Dies zu erkennen hat uns nun über Wochen extreme zum Teil physisch wahrnehmbare Schmerzen bereitet. Noch nie fühlten wir in dem Ausmaß, wie es uns fast das Herz herausreißt, dies einzugestehen, hinzusehen.

Es ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis unseres Lebens.

Zu sich selbst zu stehen gegen den Widerstand anderer Menschen ist allerdings eine Herausforderung, die wir noch üben müssen. Leicht ist das nicht. Und es geht einmal besser und dann wieder schlechter, denn abspalten oder switchen ist ein derart gut eintrainierter Automatismus geworden, den zu unterbrechen wir wohl immer und immer wieder beginnen müssen. Wir sind aber überzeugt, dass es einfacher wird mit jedem gelungenen Mal.


Dieser Text ist einer von mehreren, der in den letzten Wochen halbfertig als Entwurf auf Fertigstellung wartete. Heute ist es so weit. 🙂