Leben mit DIS #38: Perfektionismus

Immer wieder hören wir von anderen Menschen, dass wir so perfektionistisch wären. Wir hören es als kritische Feststellung. Und es stimmt ja, bloß macht sich niemand die Mühe nachzuforschen weshalb es so ist. Zugegeben wir bislang auch nicht.

Nun die Erkenntnis: Wer sich in seinem Leben, vor allem in der frühen Kindheit keine Fehler erlauben darf, weil sie mit großer Wahrscheinlichkeit den eigenen Tod bedeuten würden, tut sich schwer locker an Aufgaben heranzugehen, denn die Todesangst steckt in den Knochen.

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Zwischen massiver Überförderung und Glücksgefühl ….

Oder: Über den Wunsch wo dazu zu gehören und sich einzubringen.

Ob es je möglich ist über diesen Blog oder auch in einem Buch tatsächlich vermitteln zu können, was es bedeutet mit komplexen Traumatisierungen zu leben und versuchen zu heilen? Wir zweifeln immer mehr.

Wir denken es kann einen Einblick geben, es kann helfen jene Angst des Unbekannten ein wenig abzubauen und damit eine erste kleine Brücke darstellen zu Menschen, die schwere und schwerste auch sexualisierte Gewalt erlebten oder eher erlitten. Vielleicht kann es auch neugierig machen und für manche das Thema komplexe Traumatisierung überhaupt erst ins Bewusstsein rücken. Das Leben damit, die Hürden und Besonderheiten, die Wünsche und Bedürfnisse, die immer nur unser Leben beschreiben, finden sich bei aller Unterschiedlichkeit dennoch in ähnlicher Form im Alltag anderer DIS-Personen wieder. Wenn uns gelingt das Interesse zu wecken, dann haben wir bereits viel erreicht. Auch wenn wir so viel mehr erreichen woll(t)en. Vor allem möchten wir an dieser Gesellschaft teilhaben als die, die wir sind, auch wenn uns das immer wieder selbst nicht so klar ist. Wenn dieses nach sich Suchen auch einen Platz hätte, das wäre wundervoll.

Eine Beschreibung kann jedoch jene Erfahrung des Kennenlernens und persönlichen Austausches niemals ersetzen, das erkennen wir immer mehr. Das gilt für beide Seiten. Sowohl komplex Traumatisierte, als auch Menschen mit geringen Traumatisierungen ohne langfristige Folgen, können das System (schwerer und schwerster) Traumafolgen nur in der Begegnung begreifen und miteinander wachsen. Wir meinen mit „Menschen mit geringen Traumatisierungen“ die Mehrzahl der Menschen, da wir davon ausgehen, dass es kein Leben ohne die eine oder andere Zäsur gibt, die traumatisch wahrgenommen wird und Nachwirkungen hat.

Dieser über alle Maßen große Wunsch irgendwo dazu gehören zu dürfen, ohne uns verstellen zu müssen begleitet uns auch in der Baugruppe. Nach und nach „outen“ wir uns mit dem Wunsch in Mehrzahl angesprochen zu werden. Das hat mehrere Gründe. Nachdem man uns unser Leid nicht ansieht, ist es eine Möglichkeit etwas zu thematisieren, das sonst unsichtbar bliebe. Zum anderen soll diese Nachbarschaft ein Umfeld sein, in dem wir uns erholen können müssen. Wir können uns dort nicht ebenso verstecken, wie wir es in unserem gesamten Alltag machen mit Ausnahme unserer Therapeutin.

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Leben mit DIS/DDNOS #33: Widersprechen wagen und lernen

Heilung geht langsam und es braucht Mut, Kraft und Zuversicht dafür.

Was es in uns auslöst, gegenüber Menschen, die uns wichtig oder sympathisch sind andere Meinungen zu vertreten, obwohl wir wissen, dass es ein heikles Thema ist und dem Gegenüber unangenehm, ist extrem.

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Leben mit DIS/DDNOS #32  : Hallo neues Du im Wir

Momentan entdecken wir gerade eine enorm zarte und verletzliche Seite an uns. Wurde ein Innenwesen integriert, oder nach außen geholt, das mehr verletztes Kind ist als Erwachsene ohne Erinnerung bzw. wenig emotionales Co-Bewusstsein?

Auf alle Fälle ist es gerade sehr anstrengend in dieser Welt zu bestehen. Allerdings lieben wir diese Seite sehr an uns. Sie fühlt sich so echt und authentisch an.

Gedanken in der U-Bahn

„Was bedeutet leben? Wir Menschen haben aufgrund unserer Schutzlosigkeit vor anderen Tieren und der Natur hochkomplexe Strukturen aufgebaut in die wir uns einfügen. Ob uns dies mehr nutzt oder schadet bleibt dahingestellt.“

Dieser Gedanke kam uns als wir vor einigen Wochen in der U-Bahn saßen und beobachteten wie automatisiert Menschen ein- und ausstiegen und nach unserer Wahrnehmung überhaupt nicht wirklich bei sich waren. Sie funktionierten, so wie auch wir das sehr oft tun. Vor allem in der U-Bahn. Weil das Fahren damit zwar praktisch, weil schnell, aber emotional sehr unangenehm und belastend ist. Und das zu jeder Zeit und nicht nur aktuell.


Das Foto ist im ersten Lockdown vor einem Jahr entstanden. Heute sind die U-Bahnen fast wieder so voll, wie vor Corona.

Über den Mut nachts zu schlafen

Es braucht sehr viel Mut nachts zu schlafen – meist noch zu viel Mut sich gegen die Gespenster der Erinnerung zu stemmen, die unweigerlich hochkommen sobald wir uns früher schlafen legen. Wann würden Flashbacks und Panik aufhören, wenn wir uns täglich dazu zwingen könnten? Würden sie  jemals aufhören?

Es braucht sehr viel Mut zu UNS zu stehen, trotz der großen Gefahr und langjährigen Erfahrungen der Ablehnung und des Unverständnisses. Es braucht fast übermenschlichen Mut sich mit gestellten Fragen und mehr noch mit ungestellten Fragen und geglaubtem Verstehen der anderen oder deren Unwillen zu verstehen zu konfrontieren bei jeder Begegnung, die uns wichtig ist oder werden soll.

Es braucht sehr viel (mehr) Mut zu leben, statt bloß zu überleben und auf den Tod zu warten, Jahrzehnte lang und sich bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend abzulenken.

Leben, vielmehr lebendig sein ist so viel schwieriger als wir es uns erträumt hatten.

Ob diese Erkenntnisse helfen die Kraft aufzubringen leben zu wagen, statt in Selbstaufgabe bzw. Selbstverleugnung und -verletzung zu verharren?

Hoffentlich! Noch suchen wir die Kraft für diesen enormen Kraftakt und das Wagnis – Sein!

Aber vielleicht geht es nur in ganz kleinen Schritten, zwei nach vorne und einen retour?

Ein Ende der Qual wäre schön!

Offtopic: Unsere Antwort auf die Terroranschläge in Wien gestern Abend ….

Falls sich das Video im Reader nicht abspielen lässt, bitte auf meine Website wechseln. Dort sollte es gehen.

Alles Gute euch allen. 💖

Der „Fels in der Brandung“

Wir wissen, dass der Titel irritiert. Kein Fels sondern ein moosbewachsener Stein, kein Wellengang sondern ein Mini-mini-Wasserfall sind die „Protagonisten“ dieses kurzen Videos. Angeregt vom Kommentar-Austausch mit  Myriade kommt es hier als Ergänzung zum Bild des letzten Beitrags. 😀

Der „Fels in der Brandung“ im Mini Wasserfall – Baden bei Wien

Inside out

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Dieser Beitrag wurde am 28. Mai 2020 nahezu fertig verfasst. Damals waren wir noch tief in dem Prozess Scham zu erkennen, inneres nach außen zu kehren, nicht wissend wohin uns all diese Introspektion führen wird. Heute sind wir  – bin ich – einige Erkenntnisprozesse weiter. Um den Weg etwas nachvollziehen zu können, den wir gegangen sind, möchte ich auch diesen älteren Text veröffentlichen.

Es geht uns heute um Vieles besser als vor diesen zwei Wochen. Ich bitte das bei möglichen Kommentaren zu berücksichtigen.

Wenn wir eine besondere Fähigkeit besitzen, dann ist es jene, ganz tief in die Untiefen unserer Seele einzutauchen. Oft benötigen wir Hilfe dafür, aber wenn diese vorhanden ist, scheuen wir nicht, diesen Weg zu gehen, zu reflektieren und zu transformieren. Bei jedem Tauchgang wird mehr Müll hochgeholt und einer „nachhaltigen Entsorgung“ zugeführt. Dies zu können ist ein großes Glück, wofür wir sehr dankbar sind.

Hier kommt der erste Beitrag für all jene, die gerne verfolgen, wie wir unseren Weg gehen und sich vielleicht gefragt haben, warum wir doch längere Zeit so schweigsam waren. Herzlichen Dank für euer Interesse. Jene, die vielleicht nur sporadisch hier sind, oder diese Seite gar zum ersten Mal besuchen, auch ihr seid freilich herzlich willkommen.


Wenn dieses Gefühl das letzte Stück Dreck zu sein an die Oberfläche schwappt, ist das einerseits hilfreich, weil sich Verdrängtes und Abgespaltenes nicht dazu eignet heil zu werden, aber es ist auch so schmerzhaft, dass es kaum zu ertragen ist.

Dieses Gefühl nichts wert zu sein ist eines, das uns von ganz klein auf gelehrt wurde. Ich/wir habe/n es übernommen. Das ging damals auch gar nicht anders.

Klein machen, ja sich selbst unsichtbar machen war erforderlich um zu überleben. Als Kind war es niemals hilfreich diesen Schmerz zu zeigen. Aber auch die abgrundtiefe Scham durfte niemals auch nur zu erahnen sein. Die Scham keine andere Lösung gefunden zu haben, als sich aufzuspalten um zu überleben. Es fühlt sich an, als hätten wir uns aufgegeben, selbst wenn die Spaltung genau das Gegenteil bewirkte.

Daher kam ein Mäntlein drüber, welches dieses Gefühl unter sich verbirgt, und noch eins und noch eins und zwar so lange, bis alles perfekt verborgen war. So perfekt, dass es nicht zu erkennen ist und damit niemanden stört. Diese früh erlernte Strategie haben wir als Erwachsene beibehalten. Noch mehr Mäntlein wurden übergezogen und Folien über das ICH gelegt. Stets versuchend es anderen recht zu machen, damit wir nicht stören, aber nicht weil wir in unserem Wesen so zurückhaltend wären, sondern vielmehr weil es ein Garant dafür war, keiner Gewalt oder nur aggressiverem Widerspruch ausgesetzt zu werden, den wir fürchteten und gewohnheitsmäßig erwarteten. Wir erkannten nicht, dass es erlaubt war zu leben und was leben, so wie ICH bin, bedeuten könnte! Nur nicht (zu unangenehm) auffallen. Allein das Ziel „unsichtbar sein“ als Kind vs. „“normal“ selbstsicher erscheinen im Kontakt“ heute als Erwachsene ist diametral entgegen gesetzt. — Was für ein Kraftakt permanent zwei konträre Erwartungen erfüllen zu wollen. Denn das alte Glaubensmuster des mich/uns Versteckens war zum Selbstverständnis geworden. Selbstsicherheit als Rolle, die zwar das alte Glaubensmuster stets infrage stellt und auch erodiert, blieb bislang als Verkleidung nur die äußere Hülle.

Irgendwann vor vielen Jahren, hatten wir einmal in ein Tagebuch geschrieben, dass wir unsere Rollen so perfekt spielen, dass wir uns verloren haben und sie unser Verhängnis geworden sind.

Wen wundert folglich, dass wir so wenig Kraftreserven übrig haben zu leben, was wir glauben tatsächlich zu sein, oder wie wir sein wollen?

Schade um diese Energieverschwendung. Jahrzehntelange Angewohnheiten abstreifen, — es wird mir/uns schon gelingen – nach und nach. Ein erster Schritt der Erkenntnis ist gemacht.


….. Fortsetzungstext zur Arbeit der letzten Wochen folgt hoffentlich in Kürze 😉