Sind wir okay?

Wenn nur nicht stets die Frage wäre, ob wir in Ordnung sind.

Erst vor Kurzem mussten wir von einer künftigen Mitbewohnerin, die keine Psychiaterin oder klinische Psychologin ist, hören, dass Leute mit einer Angststörung (die nicht unsere Hauptdiagnose ist), doch nicht andere Leute in der Gruppe in Geiselhaft nehmen können. Deren Angst ist doch deren Problem, die können dann halt nicht in einem Wohnprojekt wohnen.

Naja, das zu sagen, nachdem sie Leute in der Gruppe beschimpft hat, ist zumindest bemerkenswert. Der Charakter dieser Frau ist hier nebensächlich, wichtig ist, dass wir sofort wieder unsere Existenz in Frage stellen, denken eine zu große Belastung für die Gemeinschaft zu sein. Dieser Gedanke treibt uns ohnedies seit Beginn in diesem Projekt.

Vielleicht sollten wir gerade nachdem wir wissen von welcher Seite dieser Wunsch uns aus der Gruppe zu entfernen (das hat sie schon einmal dezidiert angesprochen) kommt, uns genau nicht in Frage stellen?

Es ist eine Darstellung, weshalb wir uns überhaupt in Frage stellen. Es ist ein Gedankengut von Menschen, die nicht zu Empathie fähig und willig sind. Gedanken, die wir als Kind hörten. Wenn wir nicht so funktionieren, wie es die Eltern mögen haben wir keine Existenzberechtigung, oder sollen, wie im diesem Fall uns gefälligst isolieren und andere mit unserem Sein nicht belästigen.

Spannend finden wir, dass derlei Angriffe und Anwürfe erst jetzt kommen, wo sich unsere Angst im vergangenen Jahr massiv gebessert hat und wir uns deshalb vermehrt in der Gruppe einbringen können und sagen können, was wir als zutiefst problematisch sehen. Übrigens sind wir mit der Kritik nicht alleine. Es kritisieren auch Leute, die von Angststörungen weit entfernt sind.

Diese Gruppe ist anstrengend, aber auch heilsam, denn sie spiegelt viele Facetten unseres Lebens ebenso, wie sie uns Wege in ein heileres Leben zeigt. Die Dosis für uns zu finden, mit der wir uns diesem Lernen aussetzen und wo wir scharfe Grenzen ziehen müssen, ist unsere Herausforderung.

Leben mit DIS #41: „Die Therapie muss zu Ende gehen“

„Die Therapie muss langsam zu Ende gehen!“,  meinte der uns wirklich seit Jahren freundlich gesonnene Gutachter der Gesundheitskasse. In Anbetracht der Namensänderung von Wiener Gebietskrankenkasse auf Österreichische Gesundheitskasse scheint uns die Aussage fast zynisch. Eine Wahrnehmung, derer auch wir uns erst im Nachhinein klar wurden.

Tatsache ist, dass die Menschen unser Leid nicht sehen. Unsere Therapeutin nicht, die uns ein Schreiben mitgegeben hat, das viel zu optimistisch war und der Gutachter auch nicht. Tja, und paradoxerweise schämen wir uns viel zu sehr zu sagen, wie es uns wirklich geht. Also wird die Therapie halt zu Ende gehen und wir werden alleine zurück bleiben, ohne Hilfe.

Viele innen meinen, das haben wir eh verdient. Wir sind es nicht wert Hilfe zu bekommen.

Wie schön wäre das, wenn es einfach gut wäre, wie die erste Reaktion von den Innenwesen, die im außen agieren, war. „Ja, er hat ja Recht, es geht uns bereits viel besser, als z.B. vor 10 Jahren und ja, wir machen schon seit 30 Jahren Therapie.“ Das alles stimmt ja. Geht’s uns aber deshalb so gut, dass wir keine Therapie mehr bräuchten????

Wenn es so wäre, weshalb überlegen wir dann heute, ob wir hoffentlich bald sterben, damit wir tot sind, bevor die Therapie von der GESUNDHEITSKasse nicht mehr bezahlt wird? Weil es eine Illusion wäre, uns Therapie selbst bezahlen zu können.

Das wird das letzte Jahr, in dem Therapie einmal wöchentlich bezahlt wird. Also ein Zuschuss von €28,42 pro Stunde wird freilich nur von der Kasse übernommen, den Rest haben wir erkämpft, dass wir an anderer Stelle als Verbrechens Opfer zusätzlich Geld erhalten. Es geht also um den lächerlichen Betrag von ca. € 1.400,- im Jahr. Ein einziger Tag auf der Psychiatrie würde dem Staat mehr kosten, wenn wir mangels professioneller Hilfe zusammen brechen. Sobald die Kasse aber nicht mehr bezahlt, fällt auch die Unterstützung für Therapie als Verbrechens Opfer weg. Also entscheidet die Gesundheitskasse, ob wir Therapie bezahlt bekommen oder eben nicht, auch wenn sie nur einen vergleichsweise geringen Betrag bezahlen.

Ja, wir wissen, dass wir tatsächlich auf hohem Niveau jammern, denn von so langer Unterstützung können sehr viele Leute mit DIS nur träumen. Aber es ist trotzdem noch nicht gut. Es ist einfach nicht so gut, dass wir es alleine schaffen.

Er meinte, dass wir ja dann in dem Wohnprojekt wohnen.

Wie lustig! Er sollte doch den Unterschied kennen zwischen Therapie und Bekannten und Freundschaften. Was wo besprochen werden kann und was eben im Alltag IMMER, IMMER, IMMER ausgespart werden muss, weil die Leute nicht damit umgehen können, weil es eben auch nicht in ein Alltags Gespräch gehört, was Flashbacks wirklich bedeuten und was wir tatsächlich erlebt haben, wie tief unser Schmerz ist. All das findet sich in unseren Gesprächen nicht wieder, also höchstens in kurzen Anklängen, die der Realität nicht im Entferntesten gerecht werden. Nur immer wieder kurze Erinnerungen, dass die Leute vielleicht ein ganz kleines bisschen nur auf unsere Bedürfnisse eingehen. Bitte nur ganz, ganz wenig. Mehr erwarten wir uns ohnedies nicht. Und selbst das ist niemals selbstverständlich, sondern ein großes Glück.

Aber der Gutachter versteht Nichts diesmal. Er fragt im Plauderton ob wir Kinder haben. Wir antworten „Nein!“. Innen schreien welche auf und beginnen zu weinen, weil wir von unserem toten Kind nicht sprechen, es verleugnen, wie uns selbst.

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Leben mit DIS #38: Perfektionismus

Immer wieder hören wir von anderen Menschen, dass wir so perfektionistisch wären. Wir hören es als kritische Feststellung. Und es stimmt ja, bloß macht sich niemand die Mühe nachzuforschen weshalb es so ist. Zugegeben wir bislang auch nicht.

Nun die Erkenntnis: Wer sich in seinem Leben, vor allem in der frühen Kindheit keine Fehler erlauben darf, weil sie mit großer Wahrscheinlichkeit den eigenen Tod bedeuten würden, tut sich schwer locker an Aufgaben heranzugehen, denn die Todesangst steckt in den Knochen.

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Zwischen massiver Überförderung und Glücksgefühl ….

Oder: Über den Wunsch wo dazu zu gehören und sich einzubringen.

Ob es je möglich ist über diesen Blog oder auch in einem Buch tatsächlich vermitteln zu können, was es bedeutet mit komplexen Traumatisierungen zu leben und versuchen zu heilen? Wir zweifeln immer mehr.

Wir denken es kann einen Einblick geben, es kann helfen jene Angst des Unbekannten ein wenig abzubauen und damit eine erste kleine Brücke darstellen zu Menschen, die schwere und schwerste auch sexualisierte Gewalt erlebten oder eher erlitten. Vielleicht kann es auch neugierig machen und für manche das Thema komplexe Traumatisierung überhaupt erst ins Bewusstsein rücken. Das Leben damit, die Hürden und Besonderheiten, die Wünsche und Bedürfnisse, die immer nur unser Leben beschreiben, finden sich bei aller Unterschiedlichkeit dennoch in ähnlicher Form im Alltag anderer DIS-Personen wieder. Wenn uns gelingt das Interesse zu wecken, dann haben wir bereits viel erreicht. Auch wenn wir so viel mehr erreichen woll(t)en. Vor allem möchten wir an dieser Gesellschaft teilhaben als die, die wir sind, auch wenn uns das immer wieder selbst nicht so klar ist. Wenn dieses nach sich Suchen auch einen Platz hätte, das wäre wundervoll.

Eine Beschreibung kann jedoch jene Erfahrung des Kennenlernens und persönlichen Austausches niemals ersetzen, das erkennen wir immer mehr. Das gilt für beide Seiten. Sowohl komplex Traumatisierte, als auch Menschen mit geringen Traumatisierungen ohne langfristige Folgen, können das System (schwerer und schwerster) Traumafolgen nur in der Begegnung begreifen und miteinander wachsen. Wir meinen mit „Menschen mit geringen Traumatisierungen“ die Mehrzahl der Menschen, da wir davon ausgehen, dass es kein Leben ohne die eine oder andere Zäsur gibt, die traumatisch wahrgenommen wird und Nachwirkungen hat.

Dieser über alle Maßen große Wunsch irgendwo dazu gehören zu dürfen, ohne uns verstellen zu müssen begleitet uns auch in der Baugruppe. Nach und nach „outen“ wir uns mit dem Wunsch in Mehrzahl angesprochen zu werden. Das hat mehrere Gründe. Nachdem man uns unser Leid nicht ansieht, ist es eine Möglichkeit etwas zu thematisieren, das sonst unsichtbar bliebe. Zum anderen soll diese Nachbarschaft ein Umfeld sein, in dem wir uns erholen können müssen. Wir können uns dort nicht ebenso verstecken, wie wir es in unserem gesamten Alltag machen mit Ausnahme unserer Therapeutin.

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Leben mit DIS/DDNOS #33: Widersprechen wagen und lernen

Heilung geht langsam und es braucht Mut, Kraft und Zuversicht dafür.

Was es in uns auslöst, gegenüber Menschen, die uns wichtig oder sympathisch sind andere Meinungen zu vertreten, obwohl wir wissen, dass es ein heikles Thema ist und dem Gegenüber unangenehm, ist extrem.

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Leben mit DIS/DDNOS #32  : Hallo neues Du im Wir

Momentan entdecken wir gerade eine enorm zarte und verletzliche Seite an uns. Wurde ein Innenwesen integriert, oder nach außen geholt, das mehr verletztes Kind ist als Erwachsene ohne Erinnerung bzw. wenig emotionales Co-Bewusstsein?

Auf alle Fälle ist es gerade sehr anstrengend in dieser Welt zu bestehen. Allerdings lieben wir diese Seite sehr an uns. Sie fühlt sich so echt und authentisch an.

Gedanken in der U-Bahn

„Was bedeutet leben? Wir Menschen haben aufgrund unserer Schutzlosigkeit vor anderen Tieren und der Natur hochkomplexe Strukturen aufgebaut in die wir uns einfügen. Ob uns dies mehr nutzt oder schadet bleibt dahingestellt.“

Dieser Gedanke kam uns als wir vor einigen Wochen in der U-Bahn saßen und beobachteten wie automatisiert Menschen ein- und ausstiegen und nach unserer Wahrnehmung überhaupt nicht wirklich bei sich waren. Sie funktionierten, so wie auch wir das sehr oft tun. Vor allem in der U-Bahn. Weil das Fahren damit zwar praktisch, weil schnell, aber emotional sehr unangenehm und belastend ist. Und das zu jeder Zeit und nicht nur aktuell.


Das Foto ist im ersten Lockdown vor einem Jahr entstanden. Heute sind die U-Bahnen fast wieder so voll, wie vor Corona.

Über den Mut nachts zu schlafen

Es braucht sehr viel Mut nachts zu schlafen – meist noch zu viel Mut sich gegen die Gespenster der Erinnerung zu stemmen, die unweigerlich hochkommen sobald wir uns früher schlafen legen. Wann würden Flashbacks und Panik aufhören, wenn wir uns täglich dazu zwingen könnten? Würden sie  jemals aufhören?

Es braucht sehr viel Mut zu UNS zu stehen, trotz der großen Gefahr und langjährigen Erfahrungen der Ablehnung und des Unverständnisses. Es braucht fast übermenschlichen Mut sich mit gestellten Fragen und mehr noch mit ungestellten Fragen und geglaubtem Verstehen der anderen oder deren Unwillen zu verstehen zu konfrontieren bei jeder Begegnung, die uns wichtig ist oder werden soll.

Es braucht sehr viel (mehr) Mut zu leben, statt bloß zu überleben und auf den Tod zu warten, Jahrzehnte lang und sich bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend abzulenken.

Leben, vielmehr lebendig sein ist so viel schwieriger als wir es uns erträumt hatten.

Ob diese Erkenntnisse helfen die Kraft aufzubringen leben zu wagen, statt in Selbstaufgabe bzw. Selbstverleugnung und -verletzung zu verharren?

Hoffentlich! Noch suchen wir die Kraft für diesen enormen Kraftakt und das Wagnis – Sein!

Aber vielleicht geht es nur in ganz kleinen Schritten, zwei nach vorne und einen retour?

Ein Ende der Qual wäre schön!

Offtopic: Unsere Antwort auf die Terroranschläge in Wien gestern Abend ….

Falls sich das Video im Reader nicht abspielen lässt, bitte auf meine Website wechseln. Dort sollte es gehen.

Alles Gute euch allen. 💖

Der „Fels in der Brandung“

Wir wissen, dass der Titel irritiert. Kein Fels sondern ein moosbewachsener Stein, kein Wellengang sondern ein Mini-mini-Wasserfall sind die „Protagonisten“ dieses kurzen Videos. Angeregt vom Kommentar-Austausch mit  Myriade kommt es hier als Ergänzung zum Bild des letzten Beitrags. 😀

Der „Fels in der Brandung“ im Mini Wasserfall – Baden bei Wien