Mich immer wieder erklären?

Erklären, was Trauma bedeutet, dass endlich etwas gegen sexuelle und sexualisierte Gewalt gemacht werden muss? Immer wieder? Ja, es nervt, ja es überfordert auch und es ist unerträglich, dass stets den Betroffenen die Bringschuld gegeben wird.

Vor vielen Jahren, als ich noch gearbeitet habe. Was nur ging indem ich wöchentlich ca. 30 Schmerztabletten und ausreichend Zigaretten konsumierte, um die Schmerzen und Trigger wegzudrücken, die mich/uns täglich quälten und es uns noch möglich war aufgesplittert zu arbeiten durch den Medikamentenmissbrauch. Also damals, sagte mir mein Chef als ich einmal eine Information nicht zeitgerecht erhalten hatte: „Information ist eine HOLSCHULD!“ Heißt, wenn ich etwas nicht weiß, liegt es an mir. Ich muss mich darum kümmern.

Es war der Beitrag von Pauline-S und die Kommentare dazu, welche mich wieder daran erinnerten und nachdenklich machten. In Deutschland wurde also eine Kommission installiert, die sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen untersuchen soll.

„Wir untersuchen sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik Deutschland und in der ehemaligen DDR. Darunter fällt zum Beispiel Missbrauch in Institutionen, in Familien, im sozialen Umfeld, durch Fremdtäter oder im Rahmen von organisierter sexueller Ausbeutung. Wir wollen Ausmaß, Art und Folgen der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aufzeigen und damit eine breite politische und gesellschaftliche Debatte zu einem Thema anstoßen, das noch immer tabuisiert wird.

Wir werden Menschen anhören, die sexuellen Missbrauch in Kindheit oder Jugend erlebt haben und möchten somit die Möglichkeit schaffen, auch verjährtes Unrecht mitzuteilen. Zudem werden wir Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wie zum Beispiel Eltern, sonstige Verwandte, Lehrerinnen oder Lehrer von Betroffenen anhören. Mit ihrer Hilfe wollen wir aufdecken, wodurch sexuelle Gewalt in der Kindheit ermöglicht wird und herausfinden, was Hilfe und Intervention verhindert hat. Wir müssen herausfinden, was Politik und Gesellschaft verändern müssen, damit Kinder und Jugendliche in Zukunft besser vor Missbrauch geschützt sind.(…)

Aus unseren Erkenntnissen können wir Handlungsempfehlungen an die Politik ableiten und in die gesellschaftliche Debatte einbringen.(…)„
Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (Homepage )

Nun wie auskunftsfreudig die angeführten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sein werden, lasse ich einmal dahingestellt und welche Form der Debatte es wird.

In Österreich tut sich dazu ja derzeit nichts. Hier wurde sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche und  in Heimen der Stadt Wien untersucht. Es gab Abschlussberichte und Weiterleitung an die Staatsanwaltschaft. Auch Vorschläge an die katholische Kirche und zum Teil Entschädigungen für die Betroffenen. Häusliche sexualisierte Gewalt an Kindern oder organisierte sexuelle Gewalt waren noch kein Anlass irgendeine Kommission damit zu beauftragen.

Es hat mich bei den Untersuchungen damals sehr verletzt, dass ich mit meiner Gewalterfahrung gar kein Thema war. Es interessierte nicht. Allerdings war es mir/uns  mithilfe einer Opferanwältin vor einigen Jahren gelungen als Verbrechensopfer anerkannt zu werden und somit Therapiekosten bezahlt zu erhalten. An Verdienstentgang war nicht zu denken, da es nicht möglich ist vom Täter Geld zu erhalten. Aber es ist Gold wert, sich um die Therapie (fast) keine Sorgen mehr zu machen. Naja, ganz ohne Aufregung geht es auch nicht. Dennoch bin ich sehr dankbar im „richtigen Land“ geboren worden zu sein.

Mich immer wieder erklären? weiterlesen

Heureka! – ∑Ich hab einen Job

IMAG0564 (690x1024)

Hm — „Warum Job? Du bist doch in Berufsunfähigkeitspension!“, höre ich meine geneigten Leser/innen argumentieren.

Genau DAS ist der Anlass zu obiger Erkenntnis und Feststellung. Fast schon 20 Jahre in „Rente“. Als Österreicherin kann ich das nur unter Anführungsstrichen schreiben. „Pension“, wie es bei uns heißt, hat etwas viel Gemütlicheres. Klingt wie Urlaub. Eine kleine Pension mit netten, bequemen Zimmern an einem Ort fernab des Alltags. Gerne mit Familienanschluss und in schöner Umgebung. Viel Wald, viel Ruhe, vielleicht Berge rundum und ein herrlich klarer See. Was will Frau mehr zum Entspannen.

„Berufsunfähigkeitspension“ ist also Urlaub, Entspannung pur und damit Grund mir diese im unteren Einkommenssegment angesiedelte Sozialleistung zu neiden. Wie oft habe ich schon Aussagen gehört wie: „Wie haben Sie denn das geschafft!“ – eine Pension zu erhalten, also eine geniale Gaunerei. Oder „Warum, Sie sind doch gesund!“ – von Menschen, die mich nicht kennen, die mein Äußeres beurteilen. Die schwierigsten Bemerkungen sind: „Du hast ja Zeit, du arbeitest ja nicht!“, oder bloß „Du arbeitest ja nicht!“ quasi als Vorwurf. Aber auch „Willst du denn gar nichts mehr arbeiten?“ Am Schmerzvollsten war das „Du arbeitest ja nicht!“ aus dem Mund meines damals 6jährigen Neffen. Es zeigte mir, wie meine Ex-Schwägerin und deren Familie aber auch meine Familie über mich denken.

Um diese und andere „Missverständnisse“ zu parieren und innerlich nicht daran kaputt zu gehen, habe ich mir zurecht gelegt, dass ich arbeite. Sogar viel arbeite, wie mir meine Therapeutin und auch andere Menschen, die sich mit meiner Geschichte und meinem Leben ernsthaft befassen bislang glaubhaft vermittelten. Allerdings ist es recht schlecht bezahlt.

Heureka! – ∑Ich hab einen Job weiterlesen

Was alles Zeit braucht: Leben mit DIS #2

Oder: Trauma schränkt Ressourcen ein – verlagert sie bloß?

Anfang Mai:

Ein Kommentar einer Therapeutin hat mich verstummen lassen am Blog, ein Kommentar einer anderen Therapeutin hat mich wieder zurückgeholt.

Bin ∑ich so fremd bestimmt?

Es war mir nicht aufgefallen, dass dieser (nicht veröffentlichte – es braucht also niemand zu suchen!) Kommentar mich derart nachhaltig belastet hat. Ich hatte es in der Therapie besprochen und es war erledigt. Dachte ich. Dann heute der liebe Wunsch von therapeutenseele und die Schleusen öffneten sich. Da war ein Gefühl, dass ich evtl. jemandem hier am Blog abgehen könnte. Das ist sicher übertrieben, aber doch eine Nachdenklichkeit? Vermutlich war es wohl Zufall – wenn’s den gibt. Das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt.

Ich bin frustriert. Habe eben fast 2 Stunden an diesem Beitrag geschrieben, dann ist Firefox abgestürzt und hat fast alle mir wichtigen Worte und Sätze in ein Datengrab befördert. Weg. Fort. Ich fasse es nicht. Das müsste doch irgendwo am Server von WordPress liegen. Oder im Arbeitsspeicher. Rekonstruierbar. Ich bin müde wollte eben Schluss machen und jetzt das.

 Am Tag nach dem Verschwinden meiner niedergeschriebenen Gedanken und Gefühle:

Selbstverständlich ist es viel zu einfach, die Belastungen der vergangenen Wochen (plus Altlasten meines Lebens) auf diese beiden virtuellen Begegnungen zu reduzieren.

Unser Leben ist komplex, wie jedes andere Leben. Vieles ereignet sich. Im virtuellen Raum und im Alltagsleben. Mein Dasein also um eine virtuelle Existenz erweitert, braucht diese auch Zeit, Zuwendung, Energie, Kreativität. Und das alles während der Alltag gnadenlos weiter läuft.

 9. Juni 2016

Wieder ist es therapeutenseele, die mich bewegt zu schreiben. Sie hat einem alten Kommentar von mir auf ihrem Blog ein „Gefällt mir“ geschenkt. (Nachträgliche Anmerkung: Es war Lysander, der auf obiger Seite seine „Gefällt mir“ für mich setzte, das habe ich erst jetzt bemerkt.) Das hat mir heute sehr gut getan. Dazu noch der Beitrag von Luise Kakadu, der mir teilweise aus dem Herzen spricht. Das hinaus Gehen wollen, das etwas Bewegen wollen – auch mit dem Schreiben – aber absolut überfordert damit zu sein. Ebenfalls auch mit dem Schreiben hier am Blog. Entweder ich lese andere Blogs oder ich schreibe selbst. Wenn ich andere lese und kommentiere, damit ist bereits unser Kraftpotential ausgeschöpft. Meine Autobiographie zu schreiben, das mir wichtigste Projekt liegt seit einem Jahr auf Eis. Der Blog hätte mich motivieren sollen. Tut er auch, weil ich nicht mehr so einsam bin, aber er kostet mich auch Kraft.

∑Ich bin erschöpft und verzweifelt, weil scheinbar nicht gehen mag, was ich mir so sehr wünsche.

Was alles Zeit braucht: Leben mit DIS #2 weiterlesen

Gewissenskonflikt

Ich habe länger nichts geschrieben, das ich dachte gleich veröffentlichen zu können. Das Schreiben war zäh, es kostete Kraft. Dann begnügte ich mich mit dem Lesen abonnierter Blogs und kommentierte. Auch das war anstrengend. Viel zu sehr. Nach Neuem Ausschau zu halten ermüdete ebenso. Dennoch konnte ich neue Leserinnen auf meinem Blog begrüßen. Ich bin zufrieden und dankbar. Es scheint anzukommen, was ich schreibe. Ich freue mich sehr über die netten Rückmeldungen. Herzlichen Dank dafür. Aber woher dieses tiefe Loch?

Seit Wochen frage ich mich, wie der Blog zu einem Medium werden kann mit dem ich mich wohl fühle. Nun, ich bin kein digital native. Das Arbeiten am Laptop kostet mich sehr viel Kraft. Es stresst mich täglich in meinen Blog zu schauen und andere Beiträge zu lesen oder zu kommentieren. Jeden Tag einen eigenen Artikel verfassen — unmöglich, obwohl sich Ideen worüber ich schreiben könnte und Entwürfe stapeln. Bevor ein Beitrag von mir als fertig erachtet wird, lese ich ihn gut 20 mal Korrektur — auch nachdem er bereits publiziert ist, ändere ich noch das eine oder andere. ∑Ich habe hohe Perfektionsansprüche an mich. Der Text muss mir gerecht werden.

Blogs anderer und Kommentare, die ich geneigt bin abzugeben:

Ist es in Ordnung was ich da tue? Wenn ich Beiträge lese, gehen sie mir oft sehr nahe, vermutlich zu nahe. Lese ich von Leid das ich kenne oder kannte, weiß ich nicht, wie ich umgehen soll mit den in den virtuellen Äther geworfenen Worten. Mit dem Hilfeschrei in den Weiten des WWW. Ein „Gefällt mir“ ist nicht stimmig, vielmehr sogar zynisch. Ein Kommentar überfordert mich mitunter. Nun sind ein paar liebe Worte, die von Herzen kommen in einer schwierigen Lebenslage Gold wert, aber sie erscheinen mir so ungenügend. Am Liebsten würde ich mich hin beamen und alles Leid an mich nehmen. Wie oft habe ich schon gehört, dass ich zuviel Verantwortung übernehme — wohl wahr, aber was dagegen tun? Wenn ich lese, dass (junge) Frauen an den Folgen (sexualisierter) Gewalt leiden und an sich selbst zweifeln, möchte ich so gerne etwas dagegen tun. Ich könnte permanent schreien, wieviel Elend sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen verursacht. Auch Buben oder Männer werden zu Opfern, aber es sind weniger und es ist oft eine andere Form der Gewalt — dennoch sind auch das zu viele.

Gewissenskonflikt weiterlesen

Stillhalten?: Wenn’s genug ist!

Habe Angst zu schreiben. Tue es dennoch. Um die Furcht zu besiegen? Vielleicht ist es unvernünftig?

„Es ist gefährlich!“, hallt es von innen. Ja, das ist es. Bloggen ist auch gefährlich, weil es viel auslösen kann, aber nicht nur.

Balanciere zwischen zwei Wolkenkratzern – wohl gesichert. „Lieber auf die nächste Therapiestunde warten und inzwischen untertauchen?“  Wir sind auf Tauchstation seit der Debatte um „Leben mit DIS#1a“. Wir fürchten uns weiterzuschreiben.

Innen hat es Vieles ausgelöst, das noch nicht verarbeitet ist, ja nur teilweise eingeordnet. Ich denke, ich muss weiter tun um nicht wieder in mein Muster zu flüchten zu verfallen.

Unter Angst dann den nächsten Beitrag publiziert. Mich gut gefühlt. In der Nacht einen Text zu den inneren Auslösern geschrieben – noch unvollständig. Für uns. Für die Therapie. Ein verletzender Kommentar zum zuletzt veröffentlichten Artikel am nächsten Tag. Vermutlich Unverständnis, vielleicht gut gemeint. Der wackelige Boden wird unter den Füßen weggezogen.

Stillhalten?: Wenn’s genug ist! weiterlesen