Leben mit DIS #38: Perfektionismus

Immer wieder hören wir von anderen Menschen, dass wir so perfektionistisch wären. Wir hören es als kritische Feststellung. Und es stimmt ja, bloß macht sich niemand die Mühe nachzuforschen weshalb es so ist. Zugegeben wir bislang auch nicht.

Nun die Erkenntnis: Wer sich in seinem Leben, vor allem in der frühen Kindheit keine Fehler erlauben darf, weil sie mit großer Wahrscheinlichkeit den eigenen Tod bedeuten würden, tut sich schwer locker an Aufgaben heranzugehen, denn die Todesangst steckt in den Knochen.

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Leben in einem Wohnprojekt

Es bleibt die Frage offen, ob die Last, die wir mit uns tragen zuviel für die Gruppe wird, was wir spüren werden.

Oder auch ob die Anforderungen eines Zusammenlebens mit so vielen Menschen, in näherem Austausch zuviel für uns wird.

Werden wir uns abgrenzen können? Was aktuell oft sehr schwierig ist. Werden wir unsere Bedürfnisse nach Rückzug leben können? Werden wir uns auf ein liebevolles Miteinander einlassen können, ohne permanent getriggert zu werden? Denn erst dadurch, dass uns liebevoll und verständnisvoll begegnet wird, erkennen wir das Ausmaß der erlittenen Gewalt. Und das ist oft kaum zu ertragen.

So kam es letzten Donnerstag dazu, dass wir bei 37 Grad Hitze einfach eine Moderation eines Arbeitstreffens völlig vergeigt hatten. Was bei diesen Temperaturen schon verzeihlich ist. Ein Wunder, dass wir als Gruppe überhaupt irgendetwas klären und beschließen konnten.

Dennoch, es war für uns unverzeihlich, dass wir versagten. Was auch mit ein Trigger war, dem ein zweiter folgte. Und dem allem folgte ein Nervenzusammenbruch über drei Tage. Einen Tag weinten wir durch. Die folgenden zwei gab es glücklicherweise immer längere Pausen zwischen den Weinattacken. Und wir erkannten den ursprünglichen Trigger.

Fehler waren als Kind und Jugendliche verboten. Mehr noch, sie waren lebensgefährlich. Jeder Fehler konnte dazu führen, dass wir nicht überlebten, weil der Vater die Kontrolle zu verlieren drohte und uns im Affekt töten könnte.

Das war der Trigger mit dem wir konfrontiert waren, als wir merkten, dass uns die Moderation mehr als entgleitet. Wir hatten Todesangst. In einer solchen Gemütslage kann jedes Wort einen zusätzlichen Zusammenbruch bewirken. Und es entlud sich dann auch an einem anderen Thema, da wir unsere Todesangst ja selbst vor unseren Außenpersonen verstecken gewohnt sind. Normal ist das hilfreich, um die Situation zu verlassen, was irgendwie auch nicht ging. Wir moderierten ja ein Meeting.

Es waren die anderen Teilnehmerinnen des Treffens, die uns beruhigten so gut sie es konnten. Was beruhigend und aufwühlend war, denn es zeigte uns unser Leid der Kindheit so klar auf. Trost gab es damals niemals. Im besten Fall geschah nicht noch mehr Gewalt und Ablehnung. Das kam aber selten vor. Dieser Versuch aller uns beizustehen war so enorm viel an Glück.

Sich diesen Emotionen zu stellen war und ist eine große Herausforderung. Aber wir sind dankbar in diese Lage zu gelangen. Die Zeiten der Flucht werden geringer. Wir haben NICHT geswitcht. Welch enorme Leistung.

Wir haben noch niemals etwas so Großes zu erreichen versucht, wie dieses Wohnprojekt. Es ist so viel größer und intensiver als wir erwartet hatten. Und auch so viel komplexer.

Vermutlich war es gut, all dies nicht von Anfang an zu erfassen, sonst hätten wir es nicht gewagt.

Die große Herausforderung bleibt, dass wir nicht wegziehen können, falls es nicht passen sollte. Das erlaubt unser Budget nicht. Und jetzt wird es wirklich konkret. Im Herbst wird der Mietvertrag unterzeichnet.

Schau dir „Lady Gender Gaga – Alles wird sich gendern (Glottisschlag) | Die Carolin Kebekus Show“ auf YouTube an

https://youtu.be/cqNzWOQ5hdQ

Einfach wunderbar! Weil wir so genau wissen, wie es ist nicht gesehen zu werden, wenn wir nicht sprachlich darauf drängen, stimmen wir Carolin Kebekus nur zu. Sie hat so Recht, dass der Glottisschlag, die kleine Pause vor dem „innen“ in vielen anderen deutschen Worten selbstverständlich ist und vollkommen problemlos.

Webinar zum Thema Schlaf ….

In den letzten Tagen haben wir ein Webinar mit vielen Tipps zum besseren Schlaf oder auch zur Heilung von Schlafproblemen gehört. Und übrig bleibt der innere extremste Druck, dass Innenwesen sagen, wozu sollten wir leben?

Diesen Gedanken haben wir uns seit unserer Krebserkrankung vor mittlerweile 15 Jahren nicht mehr erlaubt. Bloß er war offensichtlich dennoch nicht weg, sondern nur unterdrückt.

Es gibt Menschen, die uns schätzen und akzeptieren, was wir wahrnehmen, aber wir können uns nicht als lebenswert annehmen. Die brutale innere Wahrheit aus unsäglich grausamen Zeiten, wir wären „lebensunwertes Leben“ ist noch immer in uns, obwohl wir nicht wissen, wer es wann zu uns gesagt hat (unser Erzeuger?), sondern nur, dass es ein Glaubenssatz ist, den wir fälschlicherweise in uns tragen. Und er ist hartnäckig. Aber warum? Es ist als hätten wir keine Chance dagegen anzukommen.

Es ist nicht einmal traurig, es ist eine Katastrophe.

Nach einigen Seiten lesen in der Einleitung unseres Erfolgs Journals, wollen wir anmerken, dass es vielleicht eigenartig klingen mag, aber die Erkenntnis, dass wir dieses Thema nach der Krebserkrankung nur weg geschoben hatten, es aber noch ganz tief in uns tragen, ist ein guter Schritt. Nun können wir uns erneut und vielleicht endgültig (?) damit auseinandersetzen, diesen Glaubenssatz aufzulösen.

Vielleicht hat uns Yoga Nidra, das wir jetzt zwei Tage hintereinander praktiziert haben dorthin geführt? Wir haben es im Webinar kennengelernt. Oh nein, wir geben nicht auf!

Danke, dass es euch liebe Leser*innen gibt. Das ist ein großes Glück. 💖🌼🎋🙏

Zwischen massiver Überförderung und Glücksgefühl ….

Oder: Über den Wunsch wo dazu zu gehören und sich einzubringen.

Ob es je möglich ist über diesen Blog oder auch in einem Buch tatsächlich vermitteln zu können, was es bedeutet mit komplexen Traumatisierungen zu leben und versuchen zu heilen? Wir zweifeln immer mehr.

Wir denken es kann einen Einblick geben, es kann helfen jene Angst des Unbekannten ein wenig abzubauen und damit eine erste kleine Brücke darstellen zu Menschen, die schwere und schwerste auch sexualisierte Gewalt erlebten oder eher erlitten. Vielleicht kann es auch neugierig machen und für manche das Thema komplexe Traumatisierung überhaupt erst ins Bewusstsein rücken. Das Leben damit, die Hürden und Besonderheiten, die Wünsche und Bedürfnisse, die immer nur unser Leben beschreiben, finden sich bei aller Unterschiedlichkeit dennoch in ähnlicher Form im Alltag anderer DIS-Personen wieder. Wenn uns gelingt das Interesse zu wecken, dann haben wir bereits viel erreicht. Auch wenn wir so viel mehr erreichen woll(t)en. Vor allem möchten wir an dieser Gesellschaft teilhaben als die, die wir sind, auch wenn uns das immer wieder selbst nicht so klar ist. Wenn dieses nach sich Suchen auch einen Platz hätte, das wäre wundervoll.

Eine Beschreibung kann jedoch jene Erfahrung des Kennenlernens und persönlichen Austausches niemals ersetzen, das erkennen wir immer mehr. Das gilt für beide Seiten. Sowohl komplex Traumatisierte, als auch Menschen mit geringen Traumatisierungen ohne langfristige Folgen, können das System (schwerer und schwerster) Traumafolgen nur in der Begegnung begreifen und miteinander wachsen. Wir meinen mit „Menschen mit geringen Traumatisierungen“ die Mehrzahl der Menschen, da wir davon ausgehen, dass es kein Leben ohne die eine oder andere Zäsur gibt, die traumatisch wahrgenommen wird und Nachwirkungen hat.

Dieser über alle Maßen große Wunsch irgendwo dazu gehören zu dürfen, ohne uns verstellen zu müssen begleitet uns auch in der Baugruppe. Nach und nach „outen“ wir uns mit dem Wunsch in Mehrzahl angesprochen zu werden. Das hat mehrere Gründe. Nachdem man uns unser Leid nicht ansieht, ist es eine Möglichkeit etwas zu thematisieren, das sonst unsichtbar bliebe. Zum anderen soll diese Nachbarschaft ein Umfeld sein, in dem wir uns erholen können müssen. Wir können uns dort nicht ebenso verstecken, wie wir es in unserem gesamten Alltag machen mit Ausnahme unserer Therapeutin.

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Geteilt: „Nuttig werde ich ja wohl noch sagen dürfen!“ Ein Denkanstoß für Männer, die das immer noch glauben.

Wir lesen Blogbeiträge von über einer Woche nach. Zu diesem Zeitpunkt hatte unser Handy nämlich endgültig beschlossen sich nicht mehr aufladen zu lassen und das Ersatzgerät hat uns altersbedingt keinen Zugriff auf die WordPress-App ermöglicht.

Wie abhängig wir schon von dieser Technologie des Smartphones geworden sind ist erschreckend. ….. Am Laptop ist es uns meist zu mühsam die abonnierten Blogs zu lesen.

Mit Stolz verkünden wir also den Defekt selbst repariert zu haben, mittels Videoanleitung aus dem Netz und ebendort bestellter Ersatzteile.

Beim Nachlesen sind wir nun auf den Blogbeitrag von Laura Städtler auf ihrem Blog in(-)social life gestoßen, der uns aus der Seele spricht. Angesichts der hohen Anzahl an Frauenmorden auch in diesem Jahr und sonstiger ungustiöser Äußerungen von Männern, die sich für besonders wichtig halten, tut es gut so klare Worte zu lesen. Und weil wir es wohl kaum besser ausdrücken könnten, teilen wir ihre Gedanken dazu sehr gerne.

https://wp.me/paTIkW-oj

Psychisch Erkrankte als Corona-Risikogruppe anerkannt | kurier.at

https://kurier.at/wissen/gesundheit/psychisch-erkrankte-als-corona-risikogruppe-anerkannt/401353085

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben wir uns sehr bedroht gefühlt. Aus unterschiedlichen Gründen, die teils in der Vergangenheit liegen und klar zu fassen sind. Es gab aber auch ein diffuses Bedrohungsgefühl, dass wir einfach nicht die Kraft besitzen gegen diese Erkrankung kämpfen zu können, dass die Gefahr zu sterben, falls wir erkranken sehr groß wäre.

Mit Behindertenpass erhielten wir diese Woche die erste Teilimpfung und sind sehr froh darüber, dass unsere Panik, unsere Selbstisolierung hoffentlich bald ein bisschen geringer werden kann, sobald durch den Impfstoff Antikörper gebildet werden.

Dabei hatten wir echte Schuldgefühle uns eine Impfung zu „erschwindeln“, weil wir doch weder Diabetes, noch massives Übergewicht oder andere körperliche Erkrankungen haben. (Am Übergewicht arbeiten wir leider in den Lockdowns.) Selbst unsere Krebserkrankung vor mittlerweile 15 Jahren gilt nicht mehr. Nur die Panik war da.

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Ein Experiment zu Diskriminierung!

Durch Zufall sind wir auf die Aufzeichnung dieses Experiments gestoßen, das im ORF im vergangenen Herbst gesendet wurde. Wir hatten es damals verpasst und nun die ungekürzte Fassung über fast 4 Stunden angesehen. Und wir denken es lohnt sich mit zu verfolgen, wie sich die Gruppendynamik entwickelt und wie diese dann in der letzten Stunde aufgelöst wird. Es lohnt sich, sich selbst in beiden Rollen wieder zu erkennen.

Wir sind wirklich dankbar für diese Dokumentation und dieses Experiment.

Als sichtbare Angehörige der Mehrheitsgesellschaft, kennen wir vor allem die Position der jungen Frau, die weinend sitzt und nicht reagieren kann und nur still protestiert in ihrer inneren Weigerung mitzumachen. Sie ist eine Ausgeschlossene innerhalb der Gruppe, ohne als ausgeschlossen wahrgenommen zu werden, obwohl es ganz klar gemacht wurde. Bei aller Sichtbarkeit wird sie unsichtbar, ist nirgends zugehörig. So fühlen wir uns oft mit DIS und auch als Frau mit Gewalterfahrungen. Der Ausschluss ist vorhanden, wenn Witze über „Multiple Persönlichkeiten“ (veralteter Ausdruck von Dissoziativer Identitätsstruktur) gemacht werden, in Medien oder auch in unserer Gegenwart und es kann nicht reagiert werden außer innerlich weinen, weil es so weh tut. Die Witze schmerzen, der Ausschluss schmerzt und auch die Einsamkeit. Zugleich fehlt die Kraft, sich in einer solchen Situation zu exponieren und zu sich zu stehen. Übrig bleibt das bekannte Gefühl von Ohnmacht und Bedrohung.

https://tvthek.orf.at/profile/Archiv/7648449/Sind-wir-Rassisten-Das-Experiment-in-voller-Laenge/14070231/Sind-wir-Rassisten-Das-Experiment-in-voller-Laenge/14788171

Für jene, denen die gesamte Länge zu viel ist, gibt es auch die gekürzte Fassung über weniger als 1h23min. Die haben wir aber nicht gesehen und können dazu nichts sagen, wie aussagekräftig diese dennoch ist.

https://tvthek.orf.at/profile/Archiv/7648449/Sind-wir-Rassisten-Der-Test/14070183/Sind-wir-Rassisten-Der-Test/14788153

Ist Abspalten von und in unangenehmen oder schwierigen Situationen ”normaler” Alltag?

Wir kommen immer wieder zu der Überzeugung, dass wir als DIS-Frau zwar extrem abspalten können in unterschiedliche Innenwesen, aber nach all den Jahren Traumatherapie uns dessen zumindest bewusst sind und die Situation wann wir spalten zumindest im Nachhinein wahrnehmen können und auch ohne Reflexion der Situation nicht überleben können.

Aber wir sind nicht alleine mit dem Spalten bei schwierigen Gefühlen und Situationen. Wir kommen vermehrt zur Überzeugung, dass die Tatsache, dass wir unser Abspalten reflektieren und versuchen uns dem zu stellen ein Problem im Alltag darstellt, wo ganz viele Menschen natürlich in einem viel geringerem Ausmaß als DIS-Leute spalten und verdrängen. Es scheint so sehr zum Alltag und zum zwischenmenschlichen Kontakt zu gehören, dass wir Menschen überfordern in unserem Wunsch nicht zu spalten bzw. in dem Glauben, dass Unos das im Griff haben, was uns so sehr quält.

Das scheint nicht der Fall zu sein.

Wir wünschen uns so sehr, dass ein reflektieren von Brüchen im zwischenmenschlichen Kontakt selbstverständlich würde. Oder Kontaktabbrüche im Gespräch zumindest nicht ignoriert werden und drüber gegangen wird, sondern ein solcher Bruch ein Nachfragen, ein Innehalten, Aufmerksamkeit bewirkt.

Wir haben schon öfters gehört, dass wir uns selbst sehr viel abverlangen. Mag sein, wir haben noch keinen anderen Weg gefunden zu überleben und leben zu lernen als enorm reflektiert zu sein. Wir wissen noch nicht, ob wir zuviel von anderen wollen. Wir können nicht anders existieren. Vielleicht gibt’s irgendwo Menschen, die das schätzen und mögen, vielleicht sogar lieben? Wer weiß?

Leben mit DIS/DDNOS #33: Widersprechen wagen und lernen

Heilung geht langsam und es braucht Mut, Kraft und Zuversicht dafür.

Was es in uns auslöst, gegenüber Menschen, die uns wichtig oder sympathisch sind andere Meinungen zu vertreten, obwohl wir wissen, dass es ein heikles Thema ist und dem Gegenüber unangenehm, ist extrem.

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