Widersprüche

Mitte März 2020 in der U-Bahn zur Hauptverkehrszeit

Oder: Corona Alltag der Ausgangseinschränkungen Woche 1 bis 5

Ich weiß nicht, was ich schreiben soll oder kann. Seit Wochen beginnen wir Beiträge, die keine Vollendung finden.

Üblicherweise nehmen wir etwas wahr, innen oder außen oder sowohl als auch, sortieren Emotionen und Trigger, was mehrere Tage dauert und schreiben.

Zuviele Informationen und zu wenig Erkenntnis führen derzeit zu innerem Chaos.

Das alleine sein hilft Trigger von außen zu minimieren, was durchaus mitunter auch half. Die ersten 14 Tage zumindest. Da war die Ruhe wunderbar. Und sie könnte es auch weiterhin sein, wenn es nicht diesen massiven Wahnsinn gäbe, der im Inneren wütet.

Berührungen fehlen. Auch wenn Berührungen wohl zum schwierigsten Lern- und Heilungsprozess für uns gehören fehlen sie in einem Ausmaß, das nicht beschreibbar ist.

Umarmungen, ganz selten, mit Glück einmal pro Woche oder auch nur ein Handdruck, meist ebenso selten, sind die Ausbeute aller Berührungen mit denen wir ohne social distancing auskommen (müssen).

Gerade hatten wir in Therapie begonnen uns diesem Thema der psychischen Deprivation unserer sehr frühen Kindheit zu stellen. Wir hatten begonnen lernen zu wollen Berührungen zulassen zu können, ohne zu switchen oder aus dem Körper ganz auszusteigen. Dann kamen die Ausgangseinschränkungen.

Als Baby waren wir eingesperrt im Gitterbett, ohne Sozialkontakte oder Berührungen. Die Mutter, die uns wohl nur zum wickeln herausnimmt und dann ekelt ihr vor uns. Gefüttert werden wir oft ohne Berührungen. …. Ja, es gibt Fotos dazu, sonst würden wir es nicht erinnern. Und gespielt wird mit uns durch die Gitterstäbe mit ausgestreckter Hand, als wäre ich ein wildes bissiges Tier, vor dem sich die Mutter schützen muss.

Ich bin dankbar, dass unser Vater den Wahnsinn fotografierte, da er offensichtlich kein Empfinden hatte, dass sich hier Wahnsinn und Körperverletzung abspielte. Es sind Dokumente der Schmerzen unserer ersten Lebensmonate und -jahre.

Sie sind nicht vollständig, weil die Bilder seine sexuellen Übergriffe nicht zeigen, aber die Fotos helfen heute die aufkommenden Gefühle der Retraumatisierung einzuordnen.

Gefühle der Retraumatisierung durch physische Isolation. Oder doch soziale Isolation?

Als Single-Haushalt ist es mir nicht erlaubt mich mit anderen Menschen zu treffen. Spaziergänge dürfen nur alleine oder mit Personen im gemeinsamen Haushalt erfolgen. Wo der gemeinsame Haushalt der Haushalt eines einzelnen Körpers ist, bedeutet dies, dass sämtliche realen, spürbaren Kontakte zu Bezugspersonen untersagt sind.

Es bleiben nur virtuelle Begegnungen.

Diese machen Berührungen, Umarmungen als Zeichen der Zuneigung und des Trostes unmöglich.

Nach ca. zwei Wochen meldeten sich die frühen Erfahrungen der Isolation. Der frühe Mangel an Berührungen wurde körperlich und psychisch dermaßen schmerzhaft, dass sogar ein Suizid als Lösung schien.

Dazu müssen wir sagen, dass wir in der außerordentlich glücklichen Lage sind, kaum je Suizidgedanken zu haben. Trotz unserer Gewalterfahrungen, haben wir kaum welche. Die letzten sind über sieben Jahre her.

Es war das unbestimmte Ende. Die Vorstellung monatelang niemanden berühren zu dürfen, die uns jeden Lebenswillen nehmen hätte können.

War es nur unsere Erinnerung an die Kindheit, die uns so existentiell bedrohte?

Ein Telefonat mit einem sehr guten alleinstehenden Freund zeigte, dass es nicht nur uns so ergeht. Er nannte es Folter, was in Single-Haushalten Lebenden hier aufgezwungen wird. Und, ja auch ihn quält das unbestimmte Ende dieser Maßnahme. Dabei hat er zumindest mehrere Haustiere zum knuddeln. Aber es ist nicht dasselbe, sagte er. Menschliche Berührungen fehlen!

Seit wir wissen, dass es nicht nur unser Wahnsinn ist, sondern die Situation unerträglich ist, geht es uns besser. Und seit wir beschlossen haben uns gegen diese Maßnahme der Regierung zu wehren, wenn es nicht bald zu einer Lockerung kommt.

Das ist der Unterschied zu unseren Babyerfahrungen, heute können wir uns wehren und sind nicht alleine.

Und es wurde uns klar in welchem Ausmaß lebensbedrohlich diese Situation für uns gewesen war, als Baby und Kleinkind. Es ist herzzerreißend. Ein Wort, das wir wählen, weil wir in den letzten Wochen sehr oft Herzschmerzen hatten.

Wie haben wir all dies damals überleben können? Es ist ein Wunder.

Ein distanzierter Text in einer komischen Sprache. Vermutlich sagt das etwas über die inneren Schmerzen und Qual aus, die wir verdrängen um weiter leben zu können ohne völlig durchzudrehen.

26 Gedanken zu „Widersprüche“

  1. Ich wollte mich nur kurz melden, um Euch zu signalisieren, dass auch ich an Euch denke. Ich habe irgendwie keine Ahnung, was ich sagen soll. Als ich Euren Text das erste mal gelesen habe, fragte ich mich: Wo ist das Problem? Klar und flüssig geschrieben…
    Erst durch die Kommentare habe ich gemerkt, dass ich den Inhalt erstmal überhaupt nicht an mich ran lassen konnte. Ich habe auch so meine Geschichte und kann Eure Situation dadurch ein Stück weit nachvollziehen. In solchen Momenten möchte ich dann sagen: Ich komm mal schnell vorbei um Euch einfach nur kurz in den Arm zu nehmen (auch weil ich es mir für mich selber auch wünschen würde). Aber es geht natürlich leider nicht. Und so wollte ich Euch wenigstens einen lieben Gruß schicken und sagen, dass auch ich an Euch denke
    🍀💚🤗

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    1. Lieber Ankordanz,
      Vielen Dank für deine ehrlichen Worte, deine Reflexion und auch den Trost den du schickst. 💚
      Auch dir ganz viel Kraft auch mit dem Problem fehlender Umarmungen und Körperkontakt in dieser Zeit der erzwungenen Isolation.
      Viel Kraft dir und naja eine virtuelle Umarmung und liebe Grüße 🍀🍀🍀🤗
      „Benita“

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  2. Dein Text berührt mich sehr, weil ich den Schmerz darin mitempfinden kann. Gestern erst sagte ich unserer Partnerin, dass ich mir vorstelle, wie es Alleinstehenden gerade wohl gehen muss. Oder Menschen in Pflegeeinrichtungen. Ohne jeden Hautkontakt, emotional isoliert und im Grunde unberührt. Wenn ich mir das vorstelle muss ich weinen, weil ich das so schlimm und traurig finde und ahne, welche Folgen das haben kann.
    Ich bin froh, Körperkontakt mit unserer Partnerin haben zu können, und TROTZDEM erinnert sich unser Inneres an Deprivation, Alleingelassensein, elterliche Kälte, u.a. Es tut mir leid, dass Ihr so einen Schmerz jetzt erlebt, dass da alte Erfahrungen wieder hochkommen und dass nicht absehbar ist, wie lange die Situation außen und innen noch andauern wird. Alles Liebe für Euch und zumindest ein virtueller Händedruck von mir für Euch!

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    1. Vielen herzlichen Dank für deine lieben Worte und deine Emathie. Uns kamen die Tränen beim Lesen, weil wir uns so verstanden fühlen.
      Es kann einen tatsächlich in den Wahnsinn treiben, nicht berührt zu werden.
      In Österreich sind ja die Regelungen strenger als in Deutschland. Da darf ich nicht einmal mit einer Freundin oder Freund auf Abstand spazieren gehen, weil die Person nicht im gleichen Haushalt wohnt.
      Es tut uns sehr leid, dass auch ihr diese Deprivation erinnert, trotz Körperkontakt zur Partnerin. Vielleicht können wir eben noch mehr diese existentielle Bedrohung von damals wahrnehmen? Die real auch für Erwachsene gegeben ist, wenn es keinen Körperkontakt gibt.
      Danke für die virtuelle Berührung. 💕
      Alles Liebe auch für euch und viel Kraft weiterhin. 🍀🍀🍀
      „Benita“

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  3. Hallo Benita,
    dein Text hat mich erinnert, dass es mir vor vielen vielen Jahren (vor 20/30 oder so) auch so ging – immer wenn unser Telefon nicht ging (das war früher bei der Telecom sehr oft so) dass ich mich dann derart abgeschnitten fühlte und ausgegrenzt, dass ich Panik bekam. Wenn ich das jetzt – aufgrund Deines Textes so betrachte, dann war wohl der Auslöser damals auch die Gefühlserinnerung, des Alleinsein als Kind der Hintergrund dafür – ohne Schutz zu sein.
    LG Melinas

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  4. Dein Foto weckt bei mir eine gewisse Sehnsucht nach der U-Bahn ….. absurd, ist aber so.
    Auch wenn man nicht allein lebt, wird die Situation langsam schwieriger. Ich merke bei mir selbst die steigende Anspannung. Mein Partner und ich krachen gelegentlich zusammen, ohne ersichtlichen Grund, einfach wegen der steigenden Anspannung. Die Ungewissheit wird eigentlich größer und nicht kleiner. Zu zweit ist man nicht so völlig auf sich selbst zurückgeworfen, was aber auch Vor- und Nachteile hat …

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    1. Das Foto ist tatsächlich irgendwie unpassend zum Text, denn es war die schönste U-Bahn Fährt, die wir je erlebt hatten. Quer durch Wien zur Zahnärztin. Es passt zu den Widersprüchen der aktuellen Situation. Wir konnten zum ersten Mal U-Bahn fahren ohne Beklemmungen oder switchen und Angstzustände. Es war so schön wie Bahn fahren, wenn du alleine im Abteil sitzt. Richtig Urlaub. Finde die Lust also gar nicht absurd. 🙂
      ….. Ich denke, dass die Situation für alle immer schwieriger wird. Das nützt nur nicht, wer es schlimmer getroffen hat darzustellen. Uns fällt nur auf, dass in Interviews mit der Bevölkerung im ORF zum Befinden mit den Einschränkungen immer nur Paare oder Familien befragt werden. Bevorzugt im ländlichen Raum, wo sie einen Garten zur Verfügung haben. Single in kleiner Stadtwohnung will niemand wissen, wie es da geht. ….. Es ist unbeschreiblich, was nicht berührt werden macht. Null Körperkontakt seit fünf Wochen, ohne Ende. Es gibt Isolation als Foltermethode, die massive psychische und körperliche Folgen hat. Wobei wir ja Menschen von der Ferne sehen können, aber keine uns nahen Menschen. Maximal über Videotelefonie. Es ist unbeschreiblich, was das mit uns macht. Und offenbar auch mit Menschen, die keinen Traumahintergrund haben.
      Ich denke, dass es keine Aussage gibt, wann die Beschränkungen ein Ende haben oder gelockert werden und zumindest wenige Sozialkontakte auch real wieder möglich sind, macht diese unerträgliche Anspannung für alle aus. Denn auch in einer Beziehung ist man ja nie nur zu zweit. Keine Ahnung, wie sehr dann der Kontakt zu Freund*innen gehalten wird, um die Anspannung zu verringern? Sozialkontakte außerhalb der Beziehung. ….. Aber das ist nicht das Thema. Außer man geht sich in der Partnerschaft schon so auf die Nerven, dass es keinen Körperkontakt mehr geben kann.

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      1. Der fehlende Körperkontakt ist besonders schlimm, das verstehe ich gut. vor allem wenn Körperkontakt bei dir gerade ein Thema war und ein Prozess, der dann abrupt abgebrochen wurde. Sonstige Formen von Kontakten kann man ja pflegen und das ist sicher besser als nichts.
        Diese Beiträge, in denen man Leute im homeoffice sieht, die gleichzeitig ihre Kinder betreuen, sind ja auch recht idyllisch. Da sieht man wahrscheinlich lauter gutbezahlte ORF-Mitarbeiter in Stadtrandhäusern mit Garten. Sei ihnen ja gegönnt, aber es ergibt kein repräsentatives Bild wenn immer nur solche Bilder gezeigt werden.
        Also ich kommuniziere schon mit einiger Regelmäßigkeit mit Freunden und Kollegen, per Telefon, SMS, mail, whats-app., Videokonferenzen sind nicht meins. Wenn du Lust auf einen schriftlichen oder mündlichen Plausch hast – wie heißt es so schön – „zögere nicht dich zu melden“ 🙂

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        1. Stimmt repräsentativ ist anders. Langsam stört mich die zu kritiklose und weichgespülte Berichterstattung im ORF. Aber es gibt zaghafte Änderungen. Zeit wird’s.
          Danke für dein Angebot …… Ich sag mal wundere dich nicht wenn wir das annehmen. 🤗 ….. Immer schön, eine liebe Stimme zu hören. 😉🙂
          Alles Liebe und viel Kraft 🍀🍀🍀🎶
          „Benita“

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          1. Verstehe, psychische Gewalt ist schlimm genug und dann kein ausreichender Abstand und aufbauende Zeiten z.B. in der Schule oder mit Freund*innen. 😟 Hoffentlich hast du Kontakt und kannst ein bisschen unterstützen? Denn mitunter sind diese Schüler*innen ja gar nicht virtuell erreichbar. ….. Ist ein schwieriger Job gerade.

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  5. Liebe Benita,
    ich stelle mir das unglaublich heftig vor, was Du und andere, die allein sind, erleben müssen! Gut, dass Du darüber schreibst! Vermutlich können sich nicht alle, die das nicht so erleben, vorstellen, wie sich das anfühlt. So bleibt mir nur, Dir zu versichern, dass ich in Gedanken immer wieder –unbekannter Weise– bei Dir bin, um wenigstens eine Nähe dieser Art zu geben. Ich weiß, das ist weit davon entfernt, von allem, was wir uns gerade sehnlichst wünschen. Aber ich erinnere mich, dass er mir in mancher Situation schon geholfen hat, zu wissen, wer an mich denkt, und wer mir ein paar seiner Gedanken übermittelt …
    Ich wünsche Dir, dass Du diese schlimme Zeit der allgemeinen Isolation einigermaßen gut überstehen kannst. Die Vernunft sagt uns ja, dass es richtig und wichtig ist. Aber was ist das schon?
    Alles Gute Dir, immer wieder!
    Viele Grüße, Michael

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    1. Danke für die lieben Wünsche und Worte, lieber Michael.
      Ich weiß nur nicht, ob die Radikalität richtig und wichtig ist. Eine Katze alleine in einer Wohnung zu halten ist Tierquälerei. In diesem Sinne halte ich auch die Isolation von Menschen, die soziale Wesen sind, ohne jegliche Erlaubnis zum Kontakt zu zumindest einer Bezugsperson für Quälerei oder Folter.
      Ob das richtig und wichtig ist, kann ich mir nicht vorstellen.
      Auch dir alles Gute und herzliche Grüße
      „Benita“

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