Über den Mut nachts zu schlafen

Es braucht sehr viel Mut nachts zu schlafen – meist noch zu viel Mut sich gegen die Gespenster der Erinnerung zu stemmen, die unweigerlich hochkommen sobald wir uns früher schlafen legen. Wann würden Flashbacks und Panik aufhören, wenn wir uns täglich dazu zwingen könnten? Würden sie  jemals aufhören?

Es braucht sehr viel Mut zu UNS zu stehen, trotz der großen Gefahr und langjährigen Erfahrungen der Ablehnung und des Unverständnisses. Es braucht fast übermenschlichen Mut sich mit gestellten Fragen und mehr noch mit ungestellten Fragen und geglaubtem Verstehen der anderen oder deren Unwillen zu verstehen zu konfrontieren bei jeder Begegnung, die uns wichtig ist oder werden soll.

Es braucht sehr viel (mehr) Mut zu leben, statt bloß zu überleben und auf den Tod zu warten, Jahrzehnte lang und sich bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend abzulenken.

Leben, vielmehr lebendig sein ist so viel schwieriger als wir es uns erträumt hatten.

Ob diese Erkenntnisse helfen die Kraft aufzubringen leben zu wagen, statt in Selbstaufgabe bzw. Selbstverleugnung und -verletzung zu verharren?

Hoffentlich! Noch suchen wir die Kraft für diesen enormen Kraftakt und das Wagnis – Sein!

Aber vielleicht geht es nur in ganz kleinen Schritten, zwei nach vorne und einen retour?

Ein Ende der Qual wäre schön!

Alle Jahre wieder ….

Friedlich? Das wäre schön!

Gestern war die Panik so stark wie lange nicht.

Das schreiben wir selten, weil Trigger nicht vorhersehbar sind, aber bitte passt auf euch auf beim Lesen.

Der 24.12. ist jedes Jahr ein tiefer Schmerz. So tief, dass wir schon Wochen davor abspalten um ihn nicht zu fühlen, um den gesamten Advent nicht zu fühlen.  Meist bis nach dem 6.1. Das Ende der Weihnachtsferien (in normalen Jahren). „Die schönste Zeit des Jahres!“, hören wir in Radio, TV, Werbeberieselung beim Einkaufen der notwendigen Lebensmittel. Unerträglich und es ist schwierig nicht durchgehend zu weinen.

Darum gibt’s die Innenwesen, die von Mitte November bis 6.1. unser Leben übernehmen. Mitlächeln oder zumindest die Fassade aufrecht erhalten und es schaffen nicht zusammen zu brechen. Da bekommen wir, die das restliche Jahr leben, nichts mit. Das macht die Zeit überlebbar, das war uns aber bisher nicht bewusst.

Heuer haben wir die Zeit wahrgenommen. Wir sind hier geblieben. Ich kann nicht sagen, wo die für Weihnachten Zuständigen dieses Jahr waren oder sind. Sie waren auch in den letzten Jahren bereits schwächer geworden. Dennoch ist es heuer nochmals anders. So Vieles ändert sich gerade, dass wir es ganz schwer in Worte fassen können und daher im letzten Monat auch hier am Blog stumm geworden sind.

Dafür haben wir viel geweint. Auch heute bzw. gestern. Mit extremer Panik und Kopfweh sind wir am 24.12. erwacht. Und beides ließ sich nicht abschütteln, nicht verdrängen. Wir konnten uns nicht ablenken.

Schließlich haben wir es gewagt, uns unter das Kristallbett zu legen. Im Grunde ist es eine Form der Meditation, eine Art hinzusehen, wo es wehtut. Das braucht Mut mitunter. Gestern war es eine Überwindung, obwohl wir wissen, dass es uns besser geht, wenn wir die in uns schlummernde Wahrheit zulassen wahrzunehmen.

Kaum hatten wir uns hingelegt, kamen Tränen und die Herzschmerzen, die uns seit zwei bis drei Wochen nun immer wieder begleiten wurden von ihnen abgelöst.

Und dann kam die Erinnerung, die uns nur vage bekannt war, sehr vage. Mehr im Kopf war diese Erinnerung bewusst, aber nicht fühlbar, weil es zu entsetzlich ist, es zu ertragen. ….

Die Vergewaltigung wurde fühlbar, die Vergewaltigung-en damals. Es war im Advent, aber auch am 24.? Nein, klar kam es auch gestern nicht zutage. Nur wer wohl beteiligt war?!! Es war nicht der Vater alleine. Wir waren eher ein “Weihnachts-Präsent“ für andere. Wobei der Vater wohl Geld dafür bekommen hat. Und wir waren sehr jung, noch kein Schulkind. Eher gerade im Kindergarten-Alter. Aber in den Kindergarten durften wir ja nicht gehen. Das ist logisch, die Gewalt wäre aufgefallen. Wir waren zu jung zum funktionieren, waren noch nicht genug „abgerichtet“.

Es geht nur mit wenig Gefühlsbeteiligung dies niederzuschreiben. Es ist zu unfassbar. Jetzt kommen doch Tränen.

Die Wunde ist tief, sehr tief. Wie können Erwachsene so etwas tun? Wie? Ich weiß, dass wir uns das nicht einbilden, aber es ist so absurd grausam, dass es schwierig ist, dies als Tatsache zu akzeptieren. Es WAR (in diesem Fall passt die Bedeutung von Krieg im Englischen gut in den Satz.).  Ein Krieg gegen uns ist es gewesen, ein Überfall eines übermächtigen Gegners.

Weihnachten, die friedlichste Zeit des Jahres? Das wäre schön. Uns kommt das Speiben, wenn wir daran denken, wie diese Erlebnisse neben Weihnachtsliedern, Lamettabaum und Bescherung seinen Platz hatte.

Dennoch sind wir dankbar für das Geschenk des Erinnerns, für das Durchbrechen der Mauer der Verdrängung. Es ist ein Teil unseres Lebens, den wir uns zurückerobern. Das Weihnachtsgeschenk der anderen Art. Da es nun einmal war, unsere Wahrheit ist, ist es vielleicht eines der kostbarsten Geschenke überhaupt, das wir uns schenken können.

Geteilt: der behinderte Therapeut – von Kompensation und keinen Bock mehr haben

Nach einem gestrigen Treffen mit einer Blog-Freundin, wo wir versucht haben etwas von uns zu erklären und dankbar sind, dass sie sich die Mühe machte, es zu verstehen zu versuchen und tieferes Interesse zeigte, haben wir einen schweren Durchhänger. Wir wissen nicht, was angekommen ist und was nicht. Tränen der Überforderung laufen uns über die Wangen vor allem wegen der vielen Zweifel, da zum Schluss nach mehreren Stunden eine Frage kam, die uns verwunderte, weil wir sie niemals als unverständlich im Betracht gezogen hatten. Die klassischen Selbstvorwürfe, wir hätten es nicht geschafft, uns verständlich zu machen. ….. Dazu möchten wir in den nächsten Tagen schreiben. Vielleicht?

In dieser Phase haben wir den unten verlinkten Beitrag von H.C. Rosenblatt entdeckt, wo sie über ihre Therapieerfahrungen schreibt, was uns in diesem Bereich nicht so sehr betrifft. Im Versuch in Freundschaften Ver-Bindung zu erfahren aber umso mehr.

Herzlichen Dank H.C. Rosenblatt für diese klaren, starken Worte, die wir hier teilen dürfen.

Es empfiehlt sich zunächst den gesamten Beitrag zu lesen, weil es wichtig ist um den Zusammenhang in seiner Komplexität zu erfassen. Dennoch haben wir unten den zweiten Teil nochmals eingefügt, weil es jene Zeilen sind, die uns besonders nahe gehen und in ihrer Wahrhaftigkeit trösten, bei aller Ohnmacht und Verletztheit, die in ihnen stecken. Sie lassen uns erkennen, was es bedeutet sich immer wieder zu erklären ohne wirklich verstanden zu werden. Das ist keine Anklage sondern eine schmerzhafte Tatsache. Und was es bedeutet, wenn wir es aufgeben würden.

https://einblogvonvielen.org/der-behinderte-therapeut-von-kompensation-und-einen-bock-mehr-haben/

… Am Ende, auf Seite 8, schreibe ich ihr, dass ich gemerkt habe, was das eigentlich für eine Aussage ist, wenn ich sage, dass ich keinen Bock mehr habe, mich zu erklären. Ich habe erkannt, dass ich das nur zu anderen Leuten mit meinen Anstrengungen im Leben sagen kann, um ernsthaft darin verstanden zu werden – und alle anderen das als vorübergehende Motivationslosigkeit verstehen. Verstehen müssen, denn sie sehen die Anstrengung ja nicht. Sie begreifen ja auch gar nicht, was ich ihnen damit offenbare. Sie begreifen nicht, dass ich ihnen damit sage, dass ich mich ihnen nicht zeige, mich vor ihren Augen verstecke. Mich ihnen und ihrer Einsicht entziehe. Aus dem Kontakt gehe und ihnen nichts weiter als einen reflexhaft Phrasen und Satzteile ausspuckenden Fleischsack zur Interaktion verfügbar mache, in den sie m.eine Persönlichkeit hineinprojizieren, um ihrem eigenen Handeln Sinn und Raum zu geben. Niemand begreift diese Art von Suizid.

Meine Verweigerung ergibt sich nicht daraus, dass die Kompensation in der Kommunikation, in der Erklärung, zu anstrengend ist. Sie ergibt sich daraus, dass sie nicht dazu führt, dass ich verstanden werde. Daraus, dass sie so oft vergeblich ist.
Und man doch nie umhinkommt, denn ohne Kommunikation keine Ver_Bindung.

Aus: https://einblogvonvielen.org/der-behinderte-therapeut-von-kompensation-und-einen-bock-mehr-haben/

Corona-Depression

Mit den aktuell stärker steigenden Corona-Fallzahlen in Wien gelangte eine neue Erkenntnis ins Bewusstsein.

Wir leben zwischen Atemnot-Todesangst und Berührungsmangel-Todesangst. Ersteres weil die Symptome der Erkrankung vor allem mit Atemnot einen massiven Trigger darstellen. Zu gut kennen wir starke Atemnot die wir mit Nahtoderfahrungen verbinden und fehlende Hilfe in mehreren Situationen unseres Lebens. Verwahrlosung und Desinteresse der Eltern an unserem Wohlergehen bei Gesundheit und Krankheit.

Der Berührungsmangel ist mittlerweile abgespalten, weil wir sonst das Leben nicht ertragen könnten.

Auch dies ein Trigger, verbrachten wir doch die meiste Zeit unserer sehr frühen Kindheit ohne Berührungen im Gitterbett eingesperrt. Und wenn dann eine Berührung kam, als Reaktion auf unser weinen und schreien, war sie mitunter mit Atemnot verbunden. Das Würgen des Vaters bis zur Bewusstlosigkeit. Wir hatten es nie vergessen, obwohl wir damals ein Baby waren. Es war als „Alptraum“  über Jahrzehnte abgespeichert bis wir den „Traum“ als Erinnerung erkannten. Dann tauchte er in unserem Schlaf nicht mehr auf.

Zuvor eine ganz geringe zufällige Berührung, als ich jemandem etwas überreichte. Mehr Ahnung als bewusste Berührung zuckten wir zusammen. Es war eine von uns sehr gemochte Person die unsere Haut streifte. Und wir erkannten, wie sehr uns Umarmungen fehlen. Oder zumindest ein Händedruck. Es ist ca. vier Wochen her, dass wir einmalig umarmt wurden.

Traurig, genau sagen zu können wann und wo wir zuletzt umarmt wurden. Und es braucht nicht einmal die Finger einer Hand um die Anzahl für zwei Monate zu zeigen.

Es ist aktuell wie seelisch und körperlich verkümmern.

Wir möchten so gerne wieder einen positiven Beitrag hier schreiben, aber es gelingt irgendwie nicht. Verzeiht uns bitte.

Im Spiegel #3a: ad „Der böse Blick“

Wir sind erwacht wie erschlagen. Kopfschmerzen quälen uns. Die Angst ist omnipräsent. Wovor jetzt genau?

Plötzlich ein Flashback: Der Erzeuger hält uns mit einer Hand am Oberarm fest. Wir sind vielleicht zwischen zweieinhalb und vier Jahren alt und brüllt uns an: „Schau mir in die Augen wenn ich mit dir spreche!“ Die andere Hand dreht unseren Kopf gegen unseren Widerstand in seine Richtung. Haben wir deshalb heute 2020 so extreme Nackenschmerzen? Als Bestandteil des Flashbacks? Wo ist die Mutter? Wieder einmal weggegangen um nicht zusehen zu müssen, wenn er mir Gewalt antut? Eingegriffen hätte sie ohnedies nicht. Wäre ja auch ihr nicht gut bekommen. 1970 hatte der Mann als Familienoberhaupt noch die Gewalt über die Familie. Sie fehlt uns als Hilfe. Durch ihre Abwesenheit bzw. ihr nicht eingreifen stimmt sie ihm zu.

Wir kommen nicht aus. Er zwingt uns ihn anzusehen. In seine Augen. Diese Augen, die wir so fürchten. In diesem Alter. Später werden wir sie hassen und jeden Blickkontakt mit ihm abspalten. Sonst wäre es nicht zu ertragen gewesen. ….. Er ist tot. Diese Augen wurden verbrannt. Sie sehen niemanden mehr an!

So ein Glück!

Leben mit DIS #29: Suchtverhalten

Ich sitze am Bett und spiele irgendein bescheuertes Handy-Spiel, statt ein Buch zu lesen oder schlafen zu gehen. Dialog innen: „Wozu leben wir?“ „Weil es Menschen gibt, die sich um uns bemühen?“ Haben heute mit einer Freundin gemailt zur Frage des DU oder IHR. Durchaus positiv, scheint uns. Und wir dürfen bereits viele Jahre gratis im Haus einer anderen Freundin/Bekannten wohnen im Sommer um der Hitze der Stadt zu entkommen und ein bisschen zu entspannen. Das kann sie geben. Verstehen wird sie uns vermutlich nie, obwohl sie als Künstlerin sogar eine Arbeit zu DIS gemacht hat. „Vielleicht ist unser großer Lebenswunsch, den unsere Therapeutin sieht nur die Unfähigkeit sterben zu können?” geht der Gedanken-Dialog weiter: „Vielleicht ist auch beides das gleiche?” Das bedeutet, dass wir klarerweise unfähig zu sterben sind, weil wir leben wollen.

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Der Verlust der Worte

Alles, was für ihn je gezählt hatte, waren Worte. Etwas existierte erst wirklich, wenn es benannt und besprochen wurde.


Pascal Mercier „Das Gewicht der Worte“/S 20

Tränen überfallen uns, als wir dies lesen. Es ist so wahr, ja wahrhaftig. Es betrifft uns. Wir fühlen uns gesehen, obwohl der Autor uns nicht kennt.

Er hatte es sich nicht ausgesucht, es war ihm zugestoßen und von Anfang an so gewesen. Oft hatte er sich gewünscht, ohne Worte bei den Sachen zu sein, bei den Sachen und den Menschen und den Gefühlen und den Träumen – und dann waren ihm doch wieder die Worte dazwischen gekommen. Er erlebe die Dinge erst, wenn er sie in Worte gefasst habe, sagte er manchmal, und dann sahen ihn die Leute ungläubig an.

Pascal Mercier „Das Gewicht der Worte“/S 20

Nun, was Mercier hier weiter ausführt, trifft auf uns nicht mehr zur Gänze zu – oder doch?

Aktuell finden wir uns immer wieder in dem altbekannten Gefühl wieder, dankbar sein zu müssen, wenn überhaupt jemand mit uns spricht. Seit wir versuchten einer Freundin und einem Freund, die uns seit vielen Jahren begleiten, unseren Wunsch nahezulegen in Mehrzahl angesprochen zu werden, ist dieses Empfinden wieder da. Wir versuchten zu erklären, dass sie uns sonst nicht kennen, dass es eben nicht so ist, dass sie nur mit einer sprechen. Auch jetzt schon nicht. Die Ablehnung, das Erschrecken waren groß. Gehen unsere Freundschaften (wieder einmal) verloren, wenn wir aufhören uns anzubiedern und wir selbst sind? Nur damit jemand mit uns spricht, ist die Gefahr uns aufzugeben und nur beim Gegenüber zu sein groß, zu groß. So groß wie die Einsamkeit, die manchmal wie ein Fass ohne Boden wirkt. Bloß welche Freundschaft ist es, die derlei erfordert? Vielleicht verstehen wir das Konzept Freundschaft nicht? Vielleicht sind es bloß Bekannte? Vielleicht kann man mit uns nicht befreundet sein, wie es einst aus einer Freundin hervorbrach? Wir sind selten so beleidigt worden in unserem erwachsenen Leben. Aber vielleicht war es nur ehrlich?

Dabei war es lange so, dass wir einfach keine Worte mehr hatten, weil es niemanden gab mit der/dem wir sie wechseln hätten können. Zu viele unausgesprochene Worte, zu viel Unbenanntes ließ uns die Worte, die uns so wichtig sind, in uns ausradieren. Hoffentlich wird es niemals wieder so!

Es waren Bücher, die uns das Leben retteten und zwar in dem Sinne, dass sie uns davor bewahrten wahnsinnig zu werden oder uns umzubringen. Auch und vor allem als Kind. Nicht umsonst lernten wir autodidaktisch lesen bevor wir in die Schule kamen. In den Büchern, in der Schrift waren und sind die Menschen, die mit uns sprachen, die uns verstanden ohne uns zu kennen und sie sind noch heute dort zu finden.

Selbst wenn wir so viele Bücher, die wir besitzen noch nicht gelesen haben, weil oft die Kraft fehlt, oder die Ruhe, so ist ein Leben ohne von Büchern umgeben zu sein unvorstellbar. Sie beruhigen uns, haben eine besondere Schönheit, die im e-reader ihren Glanz verliert.

Vielleicht ist das erst das wirklich einsame Leben? Der Verlust der Worte ist es, der so einsam macht!

Im Spiegel, da capo! ….

….. Der Blick von gestern ließ uns nicht los. Wir mussten ihn wiederholen.

Und was sahen wir? Da war ein AlltagsICH, das lächelte und sich wohl fühlt. Anscheinend ist das tatsächlich so, aber das ICH ist flach. Eine Folie, eine schöne Maske, die alle beruhigt, vorspielt, alles wäre in Ordnung.

Wir fragen uns, weshalb das niemanden irritiert, die unsere Geschichte aus Erzählungen kennen. Mit diesem so souveränen Gesicht. Freilich war das nicht immer so, und wer uns länger näher kennt, weiß vielleicht um die Anstrengung der Souveränität bloß für diese AlltagsICHs.

Denn auch dieses „ICH“ ist keine Einzelpersönlichkeit, sondern eine sehr nahe zusammenstehende Gruppe, die sich die Anforderungen des Alltags teilt. Sie teilt sich die Anforderungen, die es bedeutet im Alltag nicht aufzufallen und zu funktionieren. Das ist ein Knochenjob, der sehr oft mit Erschöpfungskopfschmerzen endet. Aber sie haben viel an Leichtigkeit gelernt.

Beim weiteren Blick in unsere Augen, kam die Traurigkeit, die in der Tiefe liegt. Aber diese Innenwesen geben den „flachen“ AlltagsICHs Tiefe und Form. So kommen wir wohl erst über das gelebte „WIR“ zum „ICH“ das eine Gesamtheit darstellt. Falls dies gelingt, oder überhaupt Ziel wäre?

Es formte sich eine Frage: „Kann es möglich sein, je als WIR so glücklich und souverän zu sein, wie es die AlltagsICHs vorleben?” Dass glücklich zu sein kein Dauerzustand ist, ist bekannt, aber vielleicht kann es eine Form von Zufriedenheit für uns als Gesamtheit geben? Das wäre eine schöne Aufgabe, dorthin zu kommen.

Die genauen Blicke in den Spiegel wollen wir fortsetzen. Denn wie sollten andere uns sehen, wenn wir selbst verweigern hinzusehen, was uns unsere Seele zeigt?


Dieser Text wurde gleich im Anschluss an den letzten geschrieben. ….. Die Veröffentlichung erfolgt nun einige Tage und ein paar Verfeinerungen später.

Im Spiegel ….

….. Beim Zähneputzen einen Blick in den Spiegel zu wagen, riet uns die Therapeutin einmal um zu erkennen, dass die Gewalt im Zusammenhang damit der Vergangenheit angehört.

Der Zwang, die Grobheit als Kleinkind Zähne zu putzen, wie es uns gelehrt wurde, wie uns der Vater die Zähne putzte, rücksichtslos und aggressiv, macht die tägliche Körperhygiene zur Überwindung und nötigt uns diese Tätigkeit abzuspalten.

Heute wagten wir kurz den Blick in den Spiegel. Blieben danach beim Spiegelbild. Wollten erkunden, ob wir nicht vielleicht doch „nur“ ein ICH in den Augen erkennen.

Zunächst der Blick ins Gesicht. Da ist und bleibt bloß ein Körper, das muss ein ICH sein, oder doch nicht? „Wir reden uns nur das WIR ein!”, blitzte als Gedanke durch den Kopf.

Dann der Blick in die Augen. Zwei Minuten maximal mögen es gewesen sein. Zwei Minuten, die UNS klar machten, dass es kein ICH geben kann für uns. Der Schmerz ist viel zu groß für eine Person. Untragbar. Er muss(te) aufgeteilt werden. Tränen können erst kommen als wir den Spiegel verlassen und uns aus den Augen lassen.

Mit Blick in unsere Augen ist da zuviel Entsetzen und Schmerz. Eine Grimasse der verletzten Seele.

Wien entdecken ….

… ein neues Hobby.

Dieser Text ist vor 10 Tagen im Stehen am Handy getippt worden. Mit Blick auf die Hofburg und auch die Spanische Hofreitschule. Voller eben erlebter Eindrücke.

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Hofburg Wien

 

Jetzt leben wir über 5 Jahrzehnte in dieser Stadt, die in weiten Teilen einem gratis Freiluftmuseum gleicht und wir haben so Vieles nicht gesehen.

Ja, die Stadt in die man geboren wurde ist oft jene, deren Sehenswürdigkeiten Menschen am wenigsten kennen.

Ich hab sie so gehasst, für alles Erlittene, war blind für ihre Schönheit. Sie ist auch dekadent, sich der Schönheit so bewusst, dass die hier Lebenden es oft nicht wahrhaben.

Wir hatten keine Zeit und keine Kraft. Ist das der Grund? …. Wir waren mit uns beschäftigt, mit überleben.

Und jetzt ist es anders? Corona-„pay as you wish“-Eintritt im Kunsthistorischen Museum. Den wollten wir unbedingt noch nutzen. Am vorletzen Tag ist es uns gelungen. Welches Erlebnis! Durch die Gemälde alter Meister und Meisterinnen – ja, die gab es auch, wenn auch nur vereinzelt zu finden – längst vergangene Zeiten und Schicksale von Menschen, die damals lebten, kennenlernen. …. Falls es in 500 Jahren noch Menschen geben sollte, werden diese dann ebenso verwundert und staunend vor Relikten aus der heutigen Zeit stehen, wie wir heute? Jedes Gemälde erzählt eine Geschichte. Menschen, die sehr schwer an ihrer samtenen Kleidung trugen. Was machte diese physische Last mit jenen, die zu dieser Zeit die Begüterten waren? Sich mit Statussymbolen zu belasten scheint ein menschlicher Irrweg zu sein, der seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden gelebt wird.

Das Gebäude alleine ließ uns nicht aufhören mit großen Augen umherzulaufen, zu erforschen und es auf uns wirken zu lassen. Zweieinhalb Stunden waren dafür viel zu wenig Zeit.

Kunsthisorisches Museum – Wien
Kunsthisorisches Museum – Wien
wp-15943314624928860157782975191175.jpgKunsthisorisches Museum – Wien (leider verwackelt, aber mir gefällt der Balkon so gut, dass das Foto dennoch drinnen bleibt ….. muss also wieder hin, um ein schöneres Bild mitzubringen)
Kunsthisorisches Museum – Wien

Das Leben ist so bunt. Welches Glück, dass wir dies erkennen können!

Zuvor der Gedanke, ich will hier nicht wegziehen, aus dieser Stadt. Ein neuer Gedanke!

Und während ich schwärmend durch die Innenstadt bummle, geht unser Bürgermeister im Gespräch an mir vorbei. Man mag von ihm halten, was man will, es passte zum Szenario. Eine sichere Stadt. Kein Bodyguard weit und breit. Nur kitschige Walzerseeligkeit. Zumindest heute hier und jetzt für uns.