Leben mit DIS #30a: Berufsunfähigkeitspension

Es ist so wichtig, dass es dieses Angebot unseres Sozialstaates, die Berufsunfähigkeitspension (-rente) gibt, aber es gibt kaum etwas Beschämenderes, als es bereits in jungen Jahren  annehmen zu müssen und sich viele Jahre, ja Jahrzehnte nicht daraus befreien zu können!

Als wir 1997 erstmals die Pension auf zwei Jahre befristet zuerkannt bekamen, ohne Probleme, aber auch ohne Angebot einer Rehabilitation, diese wurde vielmehr am Bescheid explizit ausgeschlossen, war es wohl der größte Schock in unserem Erwachsenenleben.

Wir sollten von nun an die folgenden 14 Jahre damit verbringen, stets nur zwei weitere Jahre befristet die Sozialleistung zu erhalten, ohne eine Unterstützung zu bekommen wieder ins Berufsleben einsteigen zu können. „Werd‘ gesund, aber wir helfen dir nicht dabei!“, so kommt uns diese Haltung vor. Das war zynisch und hat eine tiefe Wunde in unsere Seele geschlagen.

Wir schäm(t)en uns so sehr mit allen Bemühungen von alleine nicht wieder herauszukommen von dieser Zuwendung. Wir wollten die Pension niemals haben, sahen und sehen allerdings keine andere Möglichkeit zu überleben.

Dafür erhielten wir fast selbstverständlich bei allen Ämtern und immer dann, wenn wir unseren Beruf angeben mussten Ablehnung bzw. süffisante Kommentare von den unterschiedlichsten Menschen.

Wir waren und sind es noch, eine Ausgestoßene aus weiten Teilen der Gesellschaft. Es gibt nur wenige, die davon wissen und uns dennoch anerkennen.

Sich selbst die Schuld zu geben für die Folgen der erlittenen Gewalt ist Teil einer komplexen Traumafolgestörung wie DIS. In dieser falschen Selbstwahrnehmung noch kontinuierlich von weiten Teilen der Gesellschaft bestätigt zu werden hemmt und erschwert alle Anstrengungen zu heilen und ist retraumatisierend. Leider ist dies nicht ein Ausnahmefall sondern Teil des gesellschaftlichen Systems.

Mittlerweile sind die Zugangsvoraussetzungen zur Berufsunfähigkeitspension andere geworden über die wir keine Auskunft geben können, wir kennen sie selbst und die Folgen für die Betroffenen zu wenig.

Nach diesen 14 Jahren Befristung hatte auch die Pensionsversicherungsanstalt aufgegeben, dass wir wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen werden und diese beendet.

Auch wenn das eine Erleichterung war, war es auch das Gefühl jetzt komplett aufgegeben zu werden.

Jahre lang hatten wir uns das Gehirn zermartert, wie wir es von komplett berufsunfähig auf 100% leistungsfähig ohne Übergangsfrist und Eingliederungshilfen schaffen könnten. Wir haben bis heute keine Antwort dafür! Vielleicht werden wir einen Einstieg ins Berufsleben erst dann schaffen können, wenn die Berufsunfähigkeitspension in eine Alterspension umgewandelt wurde. Denn mit dieser dürfen wir auch arbeiten ohne die Sozialleistung zu verlieren. Anders mit der Berufsunfähigkeitspension. Hier besteht die Gefahr die Zuwendung zu verlieren und in noch geringer dotierte Sozialleistungen wie die Mindestsicherung abzustürzen.

Hilfreich ist das alles nicht. Nicht für uns und nicht fürs Sozialsystem!

Im Spiegel #3a: ad „Der böse Blick“

Wir sind erwacht wie erschlagen. Kopfschmerzen quälen uns. Die Angst ist omnipräsent. Wovor jetzt genau?

Plötzlich ein Flashback: Der Erzeuger hält uns mit einer Hand am Oberarm fest. Wir sind vielleicht zwischen zweieinhalb und vier Jahren alt und brüllt uns an: „Schau mir in die Augen wenn ich mit dir spreche!“ Die andere Hand dreht unseren Kopf gegen unseren Widerstand in seine Richtung. Haben wir deshalb heute 2020 so extreme Nackenschmerzen? Als Bestandteil des Flashbacks? Wo ist die Mutter? Wieder einmal weggegangen um nicht zusehen zu müssen, wenn er mir Gewalt antut? Eingegriffen hätte sie ohnedies nicht. Wäre ja auch ihr nicht gut bekommen. 1970 hatte der Mann als Familienoberhaupt noch die Gewalt über die Familie. Sie fehlt uns als Hilfe. Durch ihre Abwesenheit bzw. ihr nicht eingreifen stimmt sie ihm zu.

Wir kommen nicht aus. Er zwingt uns ihn anzusehen. In seine Augen. Diese Augen, die wir so fürchten. In diesem Alter. Später werden wir sie hassen und jeden Blickkontakt mit ihm abspalten. Sonst wäre es nicht zu ertragen gewesen. ….. Er ist tot. Diese Augen wurden verbrannt. Sie sehen niemanden mehr an!

So ein Glück!

Leben mit DIS #29: Suchtverhalten

Ich sitze am Bett und spiele irgendein bescheuertes Handy-Spiel, statt ein Buch zu lesen oder schlafen zu gehen. Dialog innen: „Wozu leben wir?“ „Weil es Menschen gibt, die sich um uns bemühen?“ Haben heute mit einer Freundin gemailt zur Frage des DU oder IHR. Durchaus positiv, scheint uns. Und wir dürfen bereits viele Jahre gratis im Haus einer anderen Freundin/Bekannten wohnen im Sommer um der Hitze der Stadt zu entkommen und ein bisschen zu entspannen. Das kann sie geben. Verstehen wird sie uns vermutlich nie, obwohl sie als Künstlerin sogar eine Arbeit zu DIS gemacht hat. „Vielleicht ist unser großer Lebenswunsch, den unsere Therapeutin sieht nur die Unfähigkeit sterben zu können?” geht der Gedanken-Dialog weiter: „Vielleicht ist auch beides das gleiche?” Das bedeutet, dass wir klarerweise unfähig zu sterben sind, weil wir leben wollen.

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Sein dürfen #3: Wer bin ich(wir)?

Nachdem wir oder ich als Gesamtes dieses Portrait der Schriftstellerin Marjana Gaponenko* gesehen haben, kroch von ganz unten eine Wahrheit über uns hervor:

„Mein Leben ist nichts anderes, als zu versuchen normal zu werden, ohne wirklich zu wissen, wie das sein soll!“

Vielleicht sollten wir darauf verzichten dies anzustreben?

* https://tvthek.orf.at/profile/kulturMontag/1303/kulturMontag/14045695/Marjana-Gaponenko-Die-Zauberin-von-Oz/14666932

Geteilt: Die größte Heilung

An dieser Geschichte, die Pollys veröffentlicht hat, gefällt mir gar nicht so sehr der Aspekt der Verzeihung, den sie hervorhebt.

Was uns besonders begeistert ist die Tatsache, dass mit dieser Form der „Bestrafung“ Gewalt und Aggression die Grundlage entzogen wird. So wird es unmöglich mit destruktiven Methoden die Gesellschaft zu sehr zu erschüttern und zu zerstören.

Statt Aggression und Gewalt zu verstärken wird so das Gute, das ebenso in allen schlummert, betont. …… Ein Weg, der überall Beachtung finden sollte.

Liebe statt „law and order“ Politik. Wunderbar!

https://wp.me/paOM6I-sS

Abschied nehmen!

Seit gestern ist er vermehrt an unserer Seite.

Gerade als beim meditieren diese Depression hochstieg und Innenwesen mit Tränen in den Augen riefen: ”Ich will nicht nach Wien!” und durch nichts zu beruhigen waren, kam er, einer der beiden Kater des Hauses. Er half beim zur Ruhe kommen und spendet Trost. Auch jetzt liegt er in unserer Nähe.

Oft fühlen wir uns in dieser Stadt gefangen, die seit einigen Jahren bereits die Auszeichnung trägt, die lebenswerteste Stadt der Welt zu sein. Oh ja, sie ist schön. Zum Teil ein Freilichtmuseum, umrahmt von Natur. Aber sie trägt eine ansteckende Negativität im Herzen, die deren Bewohner*innen heimsucht. Der Wiener Grant war uns sogar als geborene Wienerin stets zuwider. Wir können und wollen im Jammern nichts Charmantes erkennen.

Aber wir können nicht weg. Nur in dieser Stadt, die uns in ihren Krallen festhält können wir uns eine Wohnung leisten. Oft und oft haben wir es durchgerechnet. Ohne soziale Zuschüsse gibt’s keine Wohnung für uns und dafür müssen wir einige Jahre ohne staatliche Unterstützung an einem Ort in Österreich leben, wenn wir aus Wien fortziehen wollten. Unmöglich! Es ist die Kleinteiligkeit dieses kleinen Staates, der bis ins Letzte in politische Zuständigkeiten unterteilt ist mit eigenen Gesetzen. Das hat einige Vor- und viele Nachteile. Dennoch bin ich dankbar, dass Wien politisch anders tickt, als weite Teile des Landes. …… „Jeder noch so schöne Ort ändert sich, wenn du dort lebst.“, wirft eine innen in die Debatte ein.

Stimmt! Ob ich hier leben wollte, wo ich meine Sommer verbringe? Wohl eher nicht. Das Wesen der Einwohner ist auch hier oft schwierig.

Wien hat viele Vorteile. Von der Kultur über die Anonymität der Großstadt und die grüne Lunge den Wienerwald, ist diese Stadt tatsächlich lebenswert. Vielleicht, so hoffen wir, wird es besser – vor allem ruhiger – in der neuen Wohnung, die am anderen Ende der Stadt liegt. Dort, wo wir kaum Kindheitserinnerungen haben, das könnte Trigger minimieren — hoffentlich! Fast eine uns fremde Stadt in der großen Metropole, die eigentlich zu klein scheint für eine solche Bezeichnung.

Wenn die Wohnung endlich gebaut würde und wir dann eingezogen sind, dann ….. Dann nehme ich mir eine Katze oder einen Kater, die uns trösten, so hoffen wir, wenn es zuviel wird rundherum. 🐱

Schreiben bedeutet ….

Gedanken zum Schreiben an meiner/unserer Autobiographie:

„Schreiben bedeutet Transformation meiner/unserer Vergangenheit in eine Form, die für uns erträglich ist und mit der wir leben können.“ Benita Wiese

Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er eine Geschichte dazu — man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt, scheint es, und manchmal stellte ich mir vor, ein anderer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung. ….

Max Frisch: „Mein Name sei Gantenbein“, S 897

Sie verhalten sich nicht zur Gegenwart, sondern zu einer Erinnerung. Das ist es. Sie meinen die Zukunft schon zu kennen durch Ihre Erfahrung. Drum wird es jedesmal dieselbe Geschichte.

Max Frisch: „Biographie“, S 639

Leben mit DIS #10: „Warum immer so schüchtern?!“

Mit einer Tonlage zwischen Anklage und Ermunterung stellte der 88jährige Vater einer Freundin uns heute diese Frage.

Seit ungefähr 10 Jahren verbringen wir im Sommer mehrere Tage bis Wochen im Haus von C. Davor war es das Haus von O., der es bereits zu Lebzeiten an seine Tochter weitergab, so wie auch er es geerbt hatte. Es ist ein großes Haus. Sowohl O. mit seiner Frau als auch C. und deren Familie lebten hier. Nun sind C.’s Kinder ausgezogen. Neben den Haushalten der Eltern und der Tochter gibt es noch eine Gästewohnung, in der ich im Sommer unentgeltlich der Stadt mit Hitze und Lärm entfliehen darf.

Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen die es sich leisten können so großzügig agieren. Viele erkennen den eigenen Wohlstand nicht. So bin ich dankbar hier sein zu dürfen. Nachdem ich das gratis Haus sitten beendet habe, mach ich heuer einfach nur Urlaub.

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