Leben mit DIS #41: „Die Therapie muss zu Ende gehen“

„Die Therapie muss langsam zu Ende gehen!“,  meinte der uns wirklich seit Jahren freundlich gesonnene Gutachter der Gesundheitskasse. In Anbetracht der Namensänderung von Wiener Gebietskrankenkasse auf Österreichische Gesundheitskasse scheint uns die Aussage fast zynisch. Eine Wahrnehmung, derer auch wir uns erst im Nachhinein klar wurden.

Tatsache ist, dass die Menschen unser Leid nicht sehen. Unsere Therapeutin nicht, die uns ein Schreiben mitgegeben hat, das viel zu optimistisch war und der Gutachter auch nicht. Tja, und paradoxerweise schämen wir uns viel zu sehr zu sagen, wie es uns wirklich geht. Also wird die Therapie halt zu Ende gehen und wir werden alleine zurück bleiben, ohne Hilfe.

Viele innen meinen, das haben wir eh verdient. Wir sind es nicht wert Hilfe zu bekommen.

Wie schön wäre das, wenn es einfach gut wäre, wie die erste Reaktion von den Innenwesen, die im außen agieren, war. „Ja, er hat ja Recht, es geht uns bereits viel besser, als z.B. vor 10 Jahren und ja, wir machen schon seit 30 Jahren Therapie.“ Das alles stimmt ja. Geht’s uns aber deshalb so gut, dass wir keine Therapie mehr bräuchten????

Wenn es so wäre, weshalb überlegen wir dann heute, ob wir hoffentlich bald sterben, damit wir tot sind, bevor die Therapie von der GESUNDHEITSKasse nicht mehr bezahlt wird? Weil es eine Illusion wäre, uns Therapie selbst bezahlen zu können.

Das wird das letzte Jahr, in dem Therapie einmal wöchentlich bezahlt wird. Also ein Zuschuss von €28,42 pro Stunde wird freilich nur von der Kasse übernommen, den Rest haben wir erkämpft, dass wir an anderer Stelle als Verbrechens Opfer zusätzlich Geld erhalten. Es geht also um den lächerlichen Betrag von ca. € 1.400,- im Jahr. Ein einziger Tag auf der Psychiatrie würde dem Staat mehr kosten, wenn wir mangels professioneller Hilfe zusammen brechen. Sobald die Kasse aber nicht mehr bezahlt, fällt auch die Unterstützung für Therapie als Verbrechens Opfer weg. Also entscheidet die Gesundheitskasse, ob wir Therapie bezahlt bekommen oder eben nicht, auch wenn sie nur einen vergleichsweise geringen Betrag bezahlen.

Ja, wir wissen, dass wir tatsächlich auf hohem Niveau jammern, denn von so langer Unterstützung können sehr viele Leute mit DIS nur träumen. Aber es ist trotzdem noch nicht gut. Es ist einfach nicht so gut, dass wir es alleine schaffen.

Er meinte, dass wir ja dann in dem Wohnprojekt wohnen.

Wie lustig! Er sollte doch den Unterschied kennen zwischen Therapie und Bekannten und Freundschaften. Was wo besprochen werden kann und was eben im Alltag IMMER, IMMER, IMMER ausgespart werden muss, weil die Leute nicht damit umgehen können, weil es eben auch nicht in ein Alltags Gespräch gehört, was Flashbacks wirklich bedeuten und was wir tatsächlich erlebt haben, wie tief unser Schmerz ist. All das findet sich in unseren Gesprächen nicht wieder, also höchstens in kurzen Anklängen, die der Realität nicht im Entferntesten gerecht werden. Nur immer wieder kurze Erinnerungen, dass die Leute vielleicht ein ganz kleines bisschen nur auf unsere Bedürfnisse eingehen. Bitte nur ganz, ganz wenig. Mehr erwarten wir uns ohnedies nicht. Und selbst das ist niemals selbstverständlich, sondern ein großes Glück.

Aber der Gutachter versteht Nichts diesmal. Er fragt im Plauderton ob wir Kinder haben. Wir antworten „Nein!“. Innen schreien welche auf und beginnen zu weinen, weil wir von unserem toten Kind nicht sprechen, es verleugnen, wie uns selbst.

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Leben mit DIS #40: Selbstaufgabe erkennen tut fast unerträglich weh!

Wenn um zu Überleben nur bleibt sich selbst aufzugeben und in ganz viele Teile aufzusplittern, dann ist es ein Glück, wenn zumindest ein Teil die Erinnerung trägt, wer das ICH eigentlich einmal hatte werden sollen oder wollen.

Wenn dann durch ganz viel Hilfe und noch viel mehr Glück, sich dieses ICH, das weiß, dass sich eine selbst aufgeben musste, Gehör verschaffen kann, dann tut es weh, so außerordentlich weh, dass es scheint es ist nicht zu ertragen.

All die verlorenen Chancen erkennen, sich all diese Gewohnheiten, der täglichen Selbstaufgabe wieder ab zu gewöhnen, das scheint eine viel zu große Herausforderung zu sein, nach 55 Jahren Lebenszeit.

Dann, wenn der Schmerz so überhand nimmt, dass ein Weiterleben angezweifelt wird, ist es wichtig wahrzunehmen, dass das Erkennen der Selbstaufgabe ein Prozess war und ist. Es ist ein Weg, den wir seit Jahrzehnten gehen und das Gerümpel vor der Türe des ICH langsam aber doch stetig immer mehr wegräum(t)en.

In diesem Moment ist es ein Glück zu erkennen, dass das Wegräumen vielleicht zu unserer Lebensaufgabe gehört. Vielleicht gehört ja auch das Zersplittern als Möglichkeit um zu überleben zu unserer Lebensaufgabe?

Jetzt, in diesem Augenblick des nahenden Sieges über einen fast übermächtigen Gegner, der massive Gewalt seit frühester Kindheit heißt, aufzugeben, wäre die wahre Selbstaufgabe. Es wäre ein letztes Aufbäumen der Gewohnheit, die uns stets einschränkte, weil es zuerst nötig war um den Körper und damit das Überleben zu schützen und wir dann nicht sahen, dass es nicht mehr erforderlich ist, sondern zum Gefängnis wurde.

Das Allerschlimmste ist schon lange vergangen. Was wir heute fühlen, in der Erinnerung, sind jene Schmerzen, die wir damals abtrennen mussten. Mit jeder Träne, mit jedem Schmerz der Erkenntnis befreien wir das ICH aus seinem Versteck und lassen es die Luft des heute atmen.

Es sind der Atem der Lebendigkeit und die Luft der Liebe zu sich selbst.

Verkehrte Welt

Bad und Vorzimmer müssen neu geplant werden. Die Fliesen sind nicht mehr erhältlich, weil das Werk geschlossen wurde, das sie erzeugt hat.

Weshalb es geschlossen wurde wissen wir nicht. Aber Fliesen Herstellung braucht viel Energie, oder? Hängt es indirekt mit dem Krieg in der Ukraine zusammen?

Gedanken drehen sich in unserem Kopf. Wir gehen heute also zum vierten mal ins Fliesen-Studio des Großhändlers werden gustieren und auswählen, rechnen, ob wir uns das leisten können und uns dann letztendlich darüber freuen etwas gefunden zu haben, das passt. Hoffentlich.

Sicher werden wir etwas finden und doch fühlt es sich gerade so falsch an alles, ein Luxusproblem. Die vom Bauträger vorgegebenen neuen Fliesen sind hässlich, na und?

Wir haben ein Dach über dem Kopf, Nahrung und medizinische Versorgung, wie wichtig sind farblich schöne Fliesen?

Und dennoch, es ist das erste Mal, dass wir das Geld haben unsere Wohnung nach unseren Vorstellungen ein bisschen anzupassen und die Standard Fliesen erinnern uns an Erbrochenes, das ist leider so. Wer will schon täglich diese Assoziation in den eigenen vier Wänden?

Mit den Möglichkeiten kommen die Wünsche. In welch schrecklichen Wohnungen haben wir bisher gelebt. Und dennoch im Vergleich mit anderen Weltregionen war es immer Luxus, auch wenn wir kein Bad in der Wohnung hatten für über drei Jahre und keine Heizung, nur einen kleinen Elektro-Radiator.

Wir dürfen uns das jetzt leisten, sagen wir uns.

Und in der Ukraine werden Städte zu Schutt gebombt. In Mariupol haben Leute ihre neue Wohnung geplant, so wie wir heute und jetzt sind diese Häuser zerstört. Mit Glück leben die Menschen noch und wir wissen nicht, ob sie das momentan als Glück ansehen können.

Es fühlt sich gerade alles ganz verkehrt an und krotesk. Hier weiter zu tun, als wäre nichts und nicht viel mehr tun können als wenig zu spenden. Mehr Kraft haben wir nicht. Aber sollten wir mehr spenden und unsere Wünsche zurück stellen? Unser Kopf schwirrt, alles ist so tragisch und wir wollten uns doch freuen auf die neue Wohnung.

Bitte, möge dieser Krieg schnellstmöglich ein Ende finden. 🕊️🍀🕊️🍀🕊️🍀🕊️🏵️🌼🌸🌱

Geschützt: Was tun?

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Leben mit DIS #38: Perfektionismus

Immer wieder hören wir von anderen Menschen, dass wir so perfektionistisch wären. Wir hören es als kritische Feststellung. Und es stimmt ja, bloß macht sich niemand die Mühe nachzuforschen weshalb es so ist. Zugegeben wir bislang auch nicht.

Nun die Erkenntnis: Wer sich in seinem Leben, vor allem in der frühen Kindheit keine Fehler erlauben darf, weil sie mit großer Wahrscheinlichkeit den eigenen Tod bedeuten würden, tut sich schwer locker an Aufgaben heranzugehen, denn die Todesangst steckt in den Knochen.

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Webinar zum Thema Schlaf ….

In den letzten Tagen haben wir ein Webinar mit vielen Tipps zum besseren Schlaf oder auch zur Heilung von Schlafproblemen gehört. Und übrig bleibt der innere extremste Druck, dass Innenwesen sagen, wozu sollten wir leben?

Diesen Gedanken haben wir uns seit unserer Krebserkrankung vor mittlerweile 15 Jahren nicht mehr erlaubt. Bloß er war offensichtlich dennoch nicht weg, sondern nur unterdrückt.

Es gibt Menschen, die uns schätzen und akzeptieren, was wir wahrnehmen, aber wir können uns nicht als lebenswert annehmen. Die brutale innere Wahrheit aus unsäglich grausamen Zeiten, wir wären „lebensunwertes Leben“ ist noch immer in uns, obwohl wir nicht wissen, wer es wann zu uns gesagt hat (unser Erzeuger?), sondern nur, dass es ein Glaubenssatz ist, den wir fälschlicherweise in uns tragen. Und er ist hartnäckig. Aber warum? Es ist als hätten wir keine Chance dagegen anzukommen.

Es ist nicht einmal traurig, es ist eine Katastrophe.

Nach einigen Seiten lesen in der Einleitung unseres Erfolgs Journals, wollen wir anmerken, dass es vielleicht eigenartig klingen mag, aber die Erkenntnis, dass wir dieses Thema nach der Krebserkrankung nur weg geschoben hatten, es aber noch ganz tief in uns tragen, ist ein guter Schritt. Nun können wir uns erneut und vielleicht endgültig (?) damit auseinandersetzen, diesen Glaubenssatz aufzulösen.

Vielleicht hat uns Yoga Nidra, das wir jetzt zwei Tage hintereinander praktiziert haben dorthin geführt? Wir haben es im Webinar kennengelernt. Oh nein, wir geben nicht auf!

Danke, dass es euch liebe Leser*innen gibt. Das ist ein großes Glück. 💖🌼🎋🙏

Zwischen massiver Überförderung und Glücksgefühl ….

Oder: Über den Wunsch wo dazu zu gehören und sich einzubringen.

Ob es je möglich ist über diesen Blog oder auch in einem Buch tatsächlich vermitteln zu können, was es bedeutet mit komplexen Traumatisierungen zu leben und versuchen zu heilen? Wir zweifeln immer mehr.

Wir denken es kann einen Einblick geben, es kann helfen jene Angst des Unbekannten ein wenig abzubauen und damit eine erste kleine Brücke darstellen zu Menschen, die schwere und schwerste auch sexualisierte Gewalt erlebten oder eher erlitten. Vielleicht kann es auch neugierig machen und für manche das Thema komplexe Traumatisierung überhaupt erst ins Bewusstsein rücken. Das Leben damit, die Hürden und Besonderheiten, die Wünsche und Bedürfnisse, die immer nur unser Leben beschreiben, finden sich bei aller Unterschiedlichkeit dennoch in ähnlicher Form im Alltag anderer DIS-Personen wieder. Wenn uns gelingt das Interesse zu wecken, dann haben wir bereits viel erreicht. Auch wenn wir so viel mehr erreichen woll(t)en. Vor allem möchten wir an dieser Gesellschaft teilhaben als die, die wir sind, auch wenn uns das immer wieder selbst nicht so klar ist. Wenn dieses nach sich Suchen auch einen Platz hätte, das wäre wundervoll.

Eine Beschreibung kann jedoch jene Erfahrung des Kennenlernens und persönlichen Austausches niemals ersetzen, das erkennen wir immer mehr. Das gilt für beide Seiten. Sowohl komplex Traumatisierte, als auch Menschen mit geringen Traumatisierungen ohne langfristige Folgen, können das System (schwerer und schwerster) Traumafolgen nur in der Begegnung begreifen und miteinander wachsen. Wir meinen mit „Menschen mit geringen Traumatisierungen“ die Mehrzahl der Menschen, da wir davon ausgehen, dass es kein Leben ohne die eine oder andere Zäsur gibt, die traumatisch wahrgenommen wird und Nachwirkungen hat.

Dieser über alle Maßen große Wunsch irgendwo dazu gehören zu dürfen, ohne uns verstellen zu müssen begleitet uns auch in der Baugruppe. Nach und nach „outen“ wir uns mit dem Wunsch in Mehrzahl angesprochen zu werden. Das hat mehrere Gründe. Nachdem man uns unser Leid nicht ansieht, ist es eine Möglichkeit etwas zu thematisieren, das sonst unsichtbar bliebe. Zum anderen soll diese Nachbarschaft ein Umfeld sein, in dem wir uns erholen können müssen. Wir können uns dort nicht ebenso verstecken, wie wir es in unserem gesamten Alltag machen mit Ausnahme unserer Therapeutin.

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Geteilt: „Nuttig werde ich ja wohl noch sagen dürfen!“ Ein Denkanstoß für Männer, die das immer noch glauben.

Wir lesen Blogbeiträge von über einer Woche nach. Zu diesem Zeitpunkt hatte unser Handy nämlich endgültig beschlossen sich nicht mehr aufladen zu lassen und das Ersatzgerät hat uns altersbedingt keinen Zugriff auf die WordPress-App ermöglicht.

Wie abhängig wir schon von dieser Technologie des Smartphones geworden sind ist erschreckend. ….. Am Laptop ist es uns meist zu mühsam die abonnierten Blogs zu lesen.

Mit Stolz verkünden wir also den Defekt selbst repariert zu haben, mittels Videoanleitung aus dem Netz und ebendort bestellter Ersatzteile.

Beim Nachlesen sind wir nun auf den Blogbeitrag von Laura Städtler auf ihrem Blog in(-)social life gestoßen, der uns aus der Seele spricht. Angesichts der hohen Anzahl an Frauenmorden auch in diesem Jahr und sonstiger ungustiöser Äußerungen von Männern, die sich für besonders wichtig halten, tut es gut so klare Worte zu lesen. Und weil wir es wohl kaum besser ausdrücken könnten, teilen wir ihre Gedanken dazu sehr gerne.

https://wp.me/paTIkW-oj

Psychisch Erkrankte als Corona-Risikogruppe anerkannt | kurier.at

https://kurier.at/wissen/gesundheit/psychisch-erkrankte-als-corona-risikogruppe-anerkannt/401353085

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben wir uns sehr bedroht gefühlt. Aus unterschiedlichen Gründen, die teils in der Vergangenheit liegen und klar zu fassen sind. Es gab aber auch ein diffuses Bedrohungsgefühl, dass wir einfach nicht die Kraft besitzen gegen diese Erkrankung kämpfen zu können, dass die Gefahr zu sterben, falls wir erkranken sehr groß wäre.

Mit Behindertenpass erhielten wir diese Woche die erste Teilimpfung und sind sehr froh darüber, dass unsere Panik, unsere Selbstisolierung hoffentlich bald ein bisschen geringer werden kann, sobald durch den Impfstoff Antikörper gebildet werden.

Dabei hatten wir echte Schuldgefühle uns eine Impfung zu „erschwindeln“, weil wir doch weder Diabetes, noch massives Übergewicht oder andere körperliche Erkrankungen haben. (Am Übergewicht arbeiten wir leider in den Lockdowns.) Selbst unsere Krebserkrankung vor mittlerweile 15 Jahren gilt nicht mehr. Nur die Panik war da.

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Leben mit DIS/DDNOS #33: Widersprechen wagen und lernen

Heilung geht langsam und es braucht Mut, Kraft und Zuversicht dafür.

Was es in uns auslöst, gegenüber Menschen, die uns wichtig oder sympathisch sind andere Meinungen zu vertreten, obwohl wir wissen, dass es ein heikles Thema ist und dem Gegenüber unangenehm, ist extrem.

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