Leben mit DIS #6: Erinnerungsfetzen

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Fetzen zu Fremdtätern begleiten seit Jahren die therapeutische Kommunikation.

In der Adventszeit tauchen sie vermehrt aus dem Dunkel der inneren Verließe.

Österreich und seine Keller. Hatte ich auch Keller-Erfahrungen? So eine Erinnerung der letzten Tage. Es macht Angst darüber zu berichten!

Darf man sein Kind verkaufen um sich ein wenig Luxus zu ermöglichen? Habe ich für die Boote bezahlt, die es in meiner frühen Kindheit gab? Kinderprostitution, was für ein Wort? Und wieder etwas, wofür ich keine Beweise habe. Wie auch? War unter fünf Jahren, als es begann, unter vier, vielleicht sogar unter drei Jahren. Es gibt Erinnerungen dazu. Erinnerungsfetzen. Bruchstücke bloß. Durfte ich deshalb nicht in den Kindergarten gehen? Damit niemand etwas merken kann? Damit ich nichts erzählen kann? Hätte wohl eh niemand geglaubt, oder? Die Befürchtung scheint es dennoch gegeben zu haben.

In der Adventszeit tauchen sie aus den Untiefen auf. Früher schob sich ein Parallelsystem über jene Alltagspersonen, welche das restliche Jahr gute Dienste verrichten. Weggetreten, schleichend verdrängt. Es begann stets um Allerheiligen oder wenige Tage davor, wo ich begann mich zu verlieren. Es steigerte sich bis Weihnachten, wo mir das eigene Verschwinden nicht mehr bewusst war. Nur die Unruhe, der Nebel um mich herum und das Gefühl in Watte gepackt zu sein. Fremd selbst in der mir sonst bewussten Fremdheit ∑meines Lebens. Nach den Weihnachtsfeiertagen wurde es leichter und verlässlich mit Ende der Weihnachtsferien machte es „plopp“ und das Parallelsystem zerplatzte wie eine Seifenblase. Als wäre es nicht gewesen, wachte ich aus dem Schleier um mich herum auf, plötzlich vom goldenen Herbst ins Neujahr katapultiert. Allein wenige schleimige Seifenspuren blieben im Bewusstsein. Eine vage Erkenntnis als Gruß bis nächsten Herbst. 

So war das beobachtete zehn Jahre. Wie lange es davor im Automatismus der Switches vorhanden, aber uns nicht ersichtlich war, ist ungewiss. Schluss damit war mit dem Besuch in Brasilien vor über drei Jahren. Langsam scheint es nun eine Verständigung unter einander zu diesem alljährlichen Phänomen zu geben.

Gut. Sehr gut.

Diese Woche in der Therapie wieder ein Stück Erinnerung. Meine Therapeutin suchte in ihrem Gedächtnis früher gehörte dazugehörige Teile zusammen.

„Was wissen wir schon alles dazu?“ Fragte noch, ob es o.k. sei, das nun darzustellen.

„Ja!“, wir waren neugierig geworden.

Dann erzählte sie, was sie mit diesem Abschnitt ∑meines Lebens verknüpfte.

Plötzlich, das Wissen wahrgenommen zu werden. Erkennen, wie meine/unsere Geschichte Teil ihres Lebens ist. Wie sie diese oder vielmehr uns begleitet.

Tränen der Dankbarkeit. Jetzt.

Vielleicht hatten wir als Kind davon erzählt, bis wir es aufgaben. Auch als Erwachsene hatte erzählen bislang nur zum Abwenden oder Ignorieren der anderen geführt. In früheren Therapien und bei Leuten, welche meinen mit mir befreundet zu sein. Eine „Freundin“ hatte uns sogar den Mund verboten, obwohl sie sich davor immer wieder anbot als Gesprächspartnerin. Ich solle nicht alleine sein, meinte sie. Nett, aber das Ansprechen von erlittener Kinderprostituion (nur das Wort keine Schilderungen – niemals) und ihre veränderten Lebensumstände (Trennung, Wiedereinstieg in den Beruf) änderten alles. „Ich müsse verstehen!“ Muss ich? Muss ich verstehen, dass dadurch das Erzählte vergessen ist? Alles, das sie früher durch Nachfragen aus ∑mir herauslockte? Gut, es ist nicht ALLES vergessen, es wird bloß verschwiegen, wie in meiner Kindheit.

Eine rhetorische Frage. Ich verstehe es nicht und will es nicht verstehen. Zu sehr schmerzt es.

So sicher war es durch die Erfahrungen in uns geworden, dass es „beim einen Ohr ‚rein und beim anderen Ohr ‚raus“ ging was wir vor allem zu dieser frühen schweren Gewalt preisgaben. Dachten jedes gesagte Wort wäre verpufft, als hätten wir es niemals ausgesprochen.

Aber da ist eine, die sich meiner Wahrheit stellt. Sie hört und aufnimmt als zu ∑mir gehörig. Mich/uns mit allen Facetten zu sehen bemüht ist. Mir/uns so versucht gerecht zu werden.

Es bedeutet so viel! Vielleicht eine gereichte Hand, die in die Freiheit führt? In eine Freiheit, in der erlittene Gewalt bloß Erinnerung ist und nicht mehr noch zu oft Selbstverständnis in der eigenen Wahrnehmung.

Ein großes Danke dafür an meine langjährige Therapeutin!

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23 Gedanken zu „Leben mit DIS #6: Erinnerungsfetzen“

  1. Ich verstehe nicht die Scheu der Leute vor diesem Thema, es sei denn man ist selbst betroffen und traumatisiert. Aber auch niemand sonst will mit der Thematik etwas zu tun haben. Man hat es ja in der Walldorf-Schule im Odenwald gesehen (wenn auch mit älteren Kindern), wie lange dort hartnäckig weggeschaut wurde und alles immer weiter lief – trotz klar erfolgter Meldung, sogar in der Presse! Aber es hat einfach niemand interessiert – die Täter sind nie belangt worden, bis heute nicht… 🙄 Manchmal hat man das Gefühl, die Opfer sind die Schuldigen und nicht die Täter – so ist unsere Gesellschaft gepolt.

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    1. Hallo Chris,
      herzlichen Dank für deine Worte. 💚 Ja, diese Täter-Opfer-Umkehr ist leider bei sexualisierter Gewalt üblich. Kinderprostitution ist dann irgendwo noch eins drauf. Die Opfer sind die Überbringer/innen der schlechten Botschaft, dass es dgl. gleich nebenan gibt und nicht irgendwo tausende Kilometer entfernt. Da kommen den Leuten diese Verbrechen zu nahe. Oft habe ich den Eindruck, dass sie auch glauben es wieder gut machen zu müssen, was sie natürlich nicht können. Es ist geschehen, das kann niemand wieder weg machen. Hinsehen würde aber helfen zu heilen. Aber in dieser Schockstarre und Ohnmacht wollen sie dass es weg ist, was sie so erschreckt hat.

      Und die Opfer abwerten und infrage stellen ist meist einfach, weil die von dem Erlebten gezeichnet sind und zu schwach sind sich zu wehren und aufgrund der Traumatisierung und der Art des Verbrechens oft nicht genau Auskunft geben können über die Täter. Da ist auch ein Unwille zu verstehen, was Traumatisierung bedeutet, dass Opfer nicht lügen, wenn sie nicht detailliert reden können, sondern das einfach nicht geht, bzw. erst viele Jahre später geht (wenn überhaupt).

      Dabei kann nur etwas geändert werden, wenn die Leute hinsehen.

      Ich hoffe, dass sich hier auf dem Blog Menschen vielleicht langsam und vorsichtig dem Thema annähern können, ohne den Druck zu verspüren mir helfen zu müssen. Denn sie kennen mich nicht und müssen mich nicht kennenlernen.

      Nochmals danke für deine Zeilen, die mir sehr viel bedeuten. 😊
      Ganz liebe Grüße
      „Benita“

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      1. Ich denke, es ist oft auch die Scham. Denn selbst erwachsene Menschen wollen nicht unbedingt darüber sprechen, was ihnen als Kind oder Jugendlicher widerfahren ist. In der Odenwaldschule kam der Dammbruch ja erst nach der zweiten Pressekampagne, 10 Jahre später. Da haben sich plötzlich immer mehr Betroffene gemeldet und es stellte sich heraus, dass noch ganz andere Lehrer beteiligt waren und sowohl Jungen als auch Mädchen die Opfer über viele Jahre. Trotzdem ist niemand verurteilt worden, es war ja alles schon verjährt, oder die Täter bereits tot. Ähnlich dürfte es bei der Affäre in dem Kinderchor gewesen sein…traurig aber wahr.

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              1. Angst vor Retraumatisierung ist auch mein Grund nicht vier Gericht zu gehen.
                Ich denke es gibt auch viele „kleine Täter“, hauptsächlich liebevolle Familienväter, die ihre Kinder nur „ein bisschen“ sexuell missbrauchen und Mütter die wegen „dem bisschen“ wegsehen um nicht ihre finanzielle Existenz zu gefährden. Solche Familien werden ganz sicher Opfer stigmatisieren, auch die betroffenen Kinder, da sie sonst selbst den Schmerz zulassen müssten.
                Diese Fälle sind nur die Spitze der Gewalt. Es ist ein Gewerkschaftsproblem.

                Man möge sich nur Bollywood Filme ansehen, wo Erwachsene Kinder verstoßen werden, statt arrangiert zu heiraten (für beide Ehepartner, mann und Frau sexuell eine Qual). Solche Filme werden quasi täglich gedreht, da es weiterhin aktuell ist. In Westen ist man nur etwas weiter, aber nicht viel und nicht in jeder Hinsicht. Vieles ist hier ja schlimmer wie z.B.die gesellschaftliche Akzeptanz der Prostitution.

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                1. Danke für deine klare Ausführung dessen, warum Retraumatisierung und Ignoranz in der Gesellschaft ein derart verbreitetes Phänomen ist.

                  Auch ich sehe Prostitution als Gewalt an. Sei es die Tätigkeit selbst, aber auch die damit einhergehende fehlende Hilfeleistung für Frauen, die sich genötigt sehen so ihren Unterhalt zu verdienen (strukturelle Gewalt oft für Opfer von Gewalt in der Kindheit), so nicht wie in vielen Fällen Frauenhandel dahinter steckt – also ebenfalls massive Gewalt.

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  2. Krass, wie die Leute immer wieder leugnen. Es erstaunt mich immer wieder. Hm, naja. Kann man leider nicht ändern.
    Kinderprostitution. Der Begriff lässt mich schon vollkommen erschaudern. Wie schlimm erst sind da Erinnerungsfetzen, mögen sie auch noch so kurz sein. Ich weiß leider genau was du meinst.

    Verständnisvolle Grüße und eine kenne Umarmung an euch (ich habe das Zeichen nicht auf meiner Tastatur)

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    1. Da ist diese Angst mehr darüber zu erfahren. Irgendwie sehr kleinkindhaft denke ich grad. Es machen doch „nur“ Kleinkinder, dass sie meinen man sieht sie nicht, wenn sie nichts sehen. Tja, wegsehen wird von anderen beobachtet und die erkennen dann die Realitätsverweigerung. Ist halt schwer, sich klarzumachen, dass das Gegenüber ein Problem hat und das nichts mit mir zu tun hat. Es schmerzt. … Herzlichen Dank für dein Mitgefühl. ❤ 🙂

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    1. Aus welchem Grund sollte ein Kleinkind Erinnerungen nicht an Zeiten knüpfen können? Weil es keinen Kalender lesen kann?

      Im Herbst geht die Temperatur zurück. Es muss wieder warme Kleidung getragen werden. Die Blätter fallen von den Bäumen und in Wien gab es auch in meiner Kindheit bereits Weihnachtsbeleuchtung an manchen Einkaufsstraßen. Der Nikolo kommt. … Das sind Indizien, die ein Kleinkind erkennen kann und sich merkt. Wie Kinder ohnedies viel mehr wahrnehmen und merken, als Erwachsene sich vorstellen mögen. Kinder können es oft nicht benennen, was ist, aber wahrnehmen und abspeichern, das können sie.

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      1. Wird wohl so sein. Erinnerungen graben sich ja tief ein, wenn starke Emotionen im Spiel sind und die Zeit rund um Weihnachten ist für die meisten Kinder sehr emotional. Gerade fällt mir ein, dass ich mich an Ereignisse im Kindergarten erinnern kann, da war ich zwischen 3 und 4….

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