Leben mit DIS #7: Quo vadis, „Benita“? Wer bin ∑ich?

Alles in meinem Leben ist im Umbruch. Es ist so schwierig zu beschreiben, was momentan in ∑mir vorgeht. Daher langes Schweigen. Angst vor dem Neuen oder Neugierde auf neue Erfahrungen? Ich bin derzeit chronisch erschöpft. Obwohl – langsam, ganz, ganz langsam bekomme ich endlich wieder Boden unter die Füße.

∑Meine Welt, wie ich sie noch Anfang Oktober 2016 als sicher und stabil bzw. stabilisierend für mich erachtete ist zusammengebrochen. Zwei unerwartete Todesfälle haben uns in einem Ausmaß irritiert, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte. Der Schock war stark, so stark und eindrücklich, dass es unmöglich geworden war, manche Gewohnheit weiter zu verfolgen. Ich wurde auf ∑mich zurückgeworfen und nun stehe ich da. Angesicht in Angesicht mit ∑mir selbst! Tatsächlich? War es Authentizität, die sich aus dem Schutthaufen erhob, wie Phönix aus der Asche?

Mit vielen neuen Erkenntnissen und der Idee von innerer Freiheit diese umzusetzen wurde ich in ein – in ∑MEIN neues Leben entlassen. Allerdings schrecken mich Veränderungen. Ich liebe Kontinuität, ja sogar Langeweile. Also vielmehr das, was die meisten Menschen unter Langeweile verstehen. Denn ich kenne keine Langeweile. Vielleicht kenne ich auch keine Fadesse, weil ich noch immer auf der Flucht bin – innerlich. Vor mir selbst. Wie kann so einfach alles zusammenbrechen, wenn es doch Halt hätte geben sollen? Habe ich wieder einmal auf Sand gebaut? Oder ist es schlicht normal, sich in gewissen Abständen neu zu erfinden? Beginnt ein neuer Lebensabschnitt, mit neuen Lebensabschnittsfreundschaften und neuen Lebensabschnittsstützen?

In einer Zeit, in der es mir so schlecht ging, wie vielleicht vor 15 Jahren zuletzt, war ich alleine. Abgesehen von meiner Therapeutin, die mir wohl das Leben rettete, zumindest einen großen Anteil daran hat, NICHT auf der Psychiatrie gelandet zu sein.

Die Stütze – Yogagruppe hat sich in mir aufgelöst, da es uns nicht gelingt, meinem Yogalehrer weiter zu vertrauen, nach diesem Suizid von C. Ich habe mich bemüht. Ich kämpfe in mir, aber es gelingt uns nicht. Wir vertrauen ihm als Mensch. Er ist ein netter Typ. Aber als Lehrer, der uns auch in einer schwierigen Situation helfen kann – diese Illusion haben wir nicht mehr. Das wollten wir eine Zeit lang glauben. Das ist vorbei. Wir hatten mehrere Telefonate mit ihm und es scheint, dass er sich ebenso von mir zurückzieht, wie ich von ihm. Auch bei ihm ist alles im Umbruch. Er lässt sein Studio in Wien auf und beginnt in Niederösterreich neu. Zu weit weg für eine wöchentliche Anreise mit Zug für nur eine Yoga-Stunde. Damit lässt er seine langjährigen Schülerinnen und Schüler zurück. Vermutlich mietet er sich jedoch in einem Studio in Wien ein für eine oder gar zwei Stunden wöchentlich, wer weiß.

Diese mir unentbehrliche Skill ist somit dahin. Das hat sich allerdings bereits in den letzten zwei Jahren abgezeichnet. Wir haben uns auseinander entwickelt. Er hat sich Richtung Flow-Yoga bewegt, wohingegen ich bei Hatha bleibe, bleiben muss. Alles andere bringt uns zu sehr durcheinander. Also alleine daheim praktizieren! Das hat Vor- und Nachteile. Eine neue Schule suchen? Etwas, das ich bereits seit über einem Jahr immer wieder überlege, im Internet suche und doch davor zurückschrecke.

Uns in Gruppen neu zu integrieren, ist ein Grauen für uns. Stets die Frage, was darf ich von mir sagen und wem kann ich vertrauen? Allerdings heißt Krise doch auch immer Chance. So steckt die Chance darin, mehr gesehen zu werden, mich wohler zu fühlen, als es in dieser Gruppe zuletzt war.

Aber es wäre nicht die einzige Gruppe, in die ich mich neu einfinden könnte, vielleicht sollte.

Gott um Hilfe gebeten, als der innere Druck zu groß wurde, und es half, in dieser schweren Zeit. Entspannung im Moment. Es war ein besonderer Moment, als ich spazieren ging und alle Bewegung den inneren Druck und das Gedankenkarussell nicht lösen wollten. Da bat ich um Hilfe und im selben Augenblick entspannte sich der Körper, die schweren Gedanken wichen und der Blick lichtete sich. Gilt es darauf zu vertrauen, dass es so ist? ∑Ich kann es kaum glauben. Dann bin ∑ich nicht einsam, bloß es ist so schwierig, dieses Vertrauen tatsächlich aufzubauen, es zu halten.

Ist es ein Wagnis? Weshalb empfinde ich es als solches, wenn ich Lebendigkeit in mein Leben lasse? Besser tot stellen, dann kann uns niemand etwas antun? DAS hat sich als falsch bewahrheitet. Mich aufrichten, den Blick geradeaus, das ist der Weg. Noch sind wir nicht dort. WIR bemühen uns darum.

Es ist so schwierig zu mir/uns zu stehen. Zur erlebten Gewalt, zu den eigenen Bedürfnissen, zum eigenen Wesen.

Immer wieder lügen. So fühlt sich ein ICH an, wenn ein WIR gemeint ist. Als wir Ende Oktober zuletzt unseren geliebten Kater sitteten, war auch die 14jährige Tochter des Hauses daheim. Sie wollte nicht zum Vater, so lebten wir eine Woche gemeinsam. Es hatte uns gestresst, weil wir doch die Verantwortung für diesen Teenager hatten. Aber sie bemühte sich sehr und so fanden wir einen guten gemeinsamen Weg. Und als wir einmal so miteinander plauderten – ich war entspannt, es war ein nettes Gespräch – entschlüpfte mir ein „WIR“. Sie fragte irritiert nach: „Wieso WIR?“ Schließlich hatte ich ja von mir gesprochen. Jetzt schnell eine Ausrede, Erklärung. Also ein erzwungenes Lachen, das „WIR“ ins Lächerliche ziehen und ich sagte: „Pluralis Majestatis – Majestätsplural!“ Sie merkte, dass es mir peinlich war und fragte nicht weiter. Die Scham blieb. Die Scham gelogen zu haben, die Überforderung, nicht zu wissen, wie ich damit umgehen sollte. Schließlich ist sie noch zu jung, um offen mit ihr zu sprechen.

Als ich dann vom Tod des Katers erfahren hatte, fühlte ich diese innere Freiheit, nicht mehr an das Sitten dieses Hauses gebunden zu sein. Da war der Gedanke, dass es doch nicht sein könne, dass ich mich ausnutzen lasse, bloß um meiner ungeliebten Wohnung für einige Wochen im Jahr zu entkommen! Und ich fühle mich ausgenutzt, da mir nichts für meine Dienstleistung gezahlt wird! Ich hatte vor 6 Jahren Angst um Entlohnung zu fragen. Hoffte aus meiner Wohnung heraus zu kommen, nachdem ich Wien davor fast 15 Jahre nicht verlassen hatte. Ich war vereinsamt und eingeschüchtert und dachte, dass ich froh sein kann, wenn ich dort wohnen darf und bemühte mich sehr. Die Besitzerin, die niemanden fand, der bei ihr gratis wohnen mag und das Haus sitten, nutzte es aus. Im Oktober erfuhr ich, dass die Besitzerin des Hauses sogar die Putzhilfe dann einspart, wenn ich komme, da ICH ja dann das Haus putze. Ich hatte es stets getan, weil ich ihr helfen wollte, dachte, dass sie so viel Arbeit hat. Die Tochter sagte mir, dass es sonst immer eine Putzhilfe gibt. So verlogen, das tut sehr weh. Eine Frau, die sich leisten kann ein großes Haus und Garten in einer der teuersten Gegenden Österreichs zu erhalten und mindestens zwei mal im Jahr zu verreisen, viele Jahre hintereinander Fernreisen jährlich, findet es in Ordnung meine Dienste unentgeltlich in Anspruch zu nehmen, die ich an der Armutsgrenze lebe. Und sie weiß darum und verharmlost es sobald ich etwas dazu sage. Warum sollte ich mir das weiter antun? Wie lange will ich das machen? Bis ich alt genug bin für ein Senior_inn_enheim? Das Problem ist, sie triggert. Erinnert uns an unsere Mutter. Noch ein Grund mehr zu gehen, oder zumindest eine Entlohnung durchzusetzen. Es braucht Mut.

Also beschlossen wir, dass wir eine andere Wohnung finden müssen. Wir haben uns für zwei Wohnprojekte angemeldet, wo Menschen näher miteinander wohnen mögen als das Nebeneinander in Zinshäusern sonst üblich ist. Ob wir uns dergleichen leisten können ist noch offen. Wir hoffen es so sehr. Dann können wir evtl. eine eigene Katze als Haustier nehmen. Das erscheint mir in dieser Wohnung so unmöglich.

Da jene Menschen ausließen, die wir als Hilfe wähnten, beschlossen wir, neue Leute kennen zu lernen. Wir gingen zu einem Treffen von hochsensiblen Personen und fühlten uns ganz besonders wohl. Anfang März wird das nächste Treffen sein. Obwohl wir nicht von DIS sprachen, fühlte ich ∑mich dazu gehörig und gesehen. Eine ganz besondere Erfahrung.

Außerdem hatten wir mit jener Freundin gemailt, die uns zu unserem Geburtstag so verletzte. Sie entschuldigte sich sehr und schämt sich für ihr Verhalten. Nun werden wir sehen. Es ist ein „neu kennenlernen“ geplant.

Zudem gibt es noch einen Online-Traumakurs, der uns sehr interessiert und den Plan uns für eine bessere Psychiatrie und Unterstützung für Schwerst-Traumatisierte zu engagieren. Ach ja, unser Buch will auch noch geschrieben werden.

Wenn ich mir diesen Beitrag so durchlese, verwundert ∑mich nicht, dass mir vieles so ungewohnt und neu und viel erscheint. Es ist so!

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7 Gedanken zu „Leben mit DIS #7: Quo vadis, „Benita“? Wer bin ∑ich?“

  1. Hallo „Benita“! Habe diesen Beitrag gerade zum ersten Mal gelesen, klicke manchmal zufällig auf einen der Button, der Schlagwörter, und bin hier gelandet…was ich sagen möchte: Ich finde, dass du gut schreiben kannst! – Liebe Grüße, Bernhard

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  2. Guten Morgen Benita,
    was Du schreibst ist sehr interessant, weil es mir dazu verhilft bestimmte Dinge „weiter gefasst“ zu betrachten. Als erstes dachte ich – aha sie hat eine hohe Frustrationstoleranz – ich aber eine niedrige. Was auf dem ersten Blick aussieht wie ein Unterschied – ist bei längerem Hinsehen und genau zu betrachten, sprich zu unterscheiden- plötzlich anders. Ja ich habe eine geringe Frustrationstoleranz und Du siehst es so, dass Du eine hohe hast.
    Und ich bemerke plötzlich – nee das stimmt so nicht: Ich habe nämlich in MANCHEN Dingen eine hohe und in manchen eine niedrige F. Das finde ich immer interessant, denn genauer Hinsehen , zu differenzieren führt oft zu der Erkenntnis, dass ich zwar unterschiedlich reagiere und auch bin und nicht unbedingt defizitär. Schon fühle ich mich dann besser, denn andere Menschen sind auch nicht nur….dies oder jenes (vorausgesetzt sie sind bereit genauer hinzuschauen).
    Für mich lohnt es sich immer genau zu differenzieren, sokratisch sozusagen, um mich selbst und meine Wahrnehmung von mir und dem Leben, besser zu verstehen und mir mehr Sicherheit zu schenken.
    Und ich denke auch eine gewisse Sicherheit in sich selbst ist nützlich um sich bspsweise auch in einer unsicheren Wohnsituation ein wenig sicherer zu fühlen.
    Aber ich unterschätze nicht das Gefühl „sich an einem Ort/Wohnung“ rundum wohl zu fühlen, sich sozusagen geborgen fühlen…Zwar wohne ich hier schon 33 Jahre im Haus, aber ich erinnere mich noch an Zeiten wo das nicht so war. Es hat was mit „wurzeln“ – verwurzelt sein zu tun und mit den Wurzeln hat es bei unsereins ja von Anfang nicht geklappt und so haut das immer in die selbe Kerbe.
    Einen wunderschönen Sonntag – ich hoffe bei Dir schaut auch kräftig die Sonne zum Fenster herein…
    Melinas

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    1. Liebe Melinas,
      tja das mit der hohen Frustrationstoleranz, das ist sicher mal so mal so. Allerdings habe ich diesen Stempel von einer Psychologin bekommen oder einem Psychiater? Müsste den Befund suchen. Und war zu Beginn stolz darauf, dass ich da etwas gut mache, bis ich es hinterfragte. Uns gefällt das sokratische Prinzip besonders gut. Eine Situation von allen Seiten zu betrachten. (Darum mag ich auch Hannah Arendt sehr – nur so nebenbei! 🤓 )

      … ich fühle mich nicht unsicher in meiner Wohnsituation! Es ist schlicht zu laut und ich fühle mich unwohl. Der Lärm geht leider mit Skills nicht weg. Dachte auch immer, ich bin wohl zu empfindlich etc., bis meine Schwägerin meinte, dass es in meiner Wohnung wenn die Waschmaschine oberhalb schleudert und bei mir die Heizkörper scheppern deswegen so unzumutbar laut ist, dass man hier eigentlich niemand wohnen lassen kann!!!

      … meine Wurzeln ist meine kleine Bibliothek. Daran hänge ich sehr! Gerne hätte ich eine Wohnung die diese Geborgenheit ausstrahlt. Wir arbeiten daran. 😊

      Leider keine Sonne heute hier, aber richtig ruhig – Sonntag eben! 😊
      Einen schönen Abend dir und eine erholsame Nacht.
      Alles Liebe
      „Benita“

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  3. „So fühlt sich ein ICH an, wenn ein WIR gemeint ist.“ Dieser Satz spricht mir total aus dem Herzen, wie oft hätte ich den schon sagen können.
    Zum Thema „alles bricht auf einmal zusammen…“ ist mir auch was aufgefallen. Bei uns ist das ähnlich. Es läuft eigentlich ganz gut und es kommt nur eine „Sache“, (die für andere vielleicht normal ist) und das ganze Leben geht aus den Fugen. Ich nenn es immer „es zieht mir den Boden unter den Füßen weg“. Das ist wohl so bei Menschen, die als Kind keine tragbare Basis aufbauen konnten, kein sog. Urvertrauen, und es stürzt alles zusammen, als wäre da nicht vorher gewesen was gut war.
    Eine Wohnung zu bewohnen, in der man sich nicht wohl fühlt, stell ich mir schrecklich vor.
    Schönen Sonntag noch liebe Benita!
    Melinas

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    1. Liebe Melinas,
      herzlichen Dank für deine lieben Worte. Ja, es ist schrecklich, in einer Wohnung zu leben, in der du dich schlecht fühlst. Bloß habe ich noch nie in einer Wohnung gewohnt, in der ich mich wohl fühle. So ist mein Leben. Ich wünsche mir so sehr, dass ich das noch erleben darf. Nach 50 Jahren in Kompromissen leben, wäre das so eine Erleichterung. Es kostet so enorm viel Kraft. Und es beeinträchtigt das gesamte Leben. Bloß denke ich, dass es vor allem in Städten sehr viele Menschen gibt, die schlecht wohnen.

      Das Zusammenbrechen kenne ich so nicht, wenn bloß „eine“ Sache schief läuft. Also ich kenne schon eine auch starke Destabilisierung, aber keinen Zusammenbruch. Hier waren es drei sehr schwierige Situationen innerhalb von einem Monat, die mir die Augen öffneten. Ich hatte schon seit Jahren gewusst, dass mehreres so nicht mehr passt, also es war eben NICHT gut. Jetzt wo ich schreibe erkenne ich, dass es auch hier um Kompromisse geht. Ein psychologisches Gutachten bescheinigt mir eine „hohe Frustrationstoleranz“. Was so gut klingt, bedeutet bloß, dass ich mir viel zuviel gefallen lasse!

      Ich habe mein Leben als Kompromiss geführt. Besser diese Leute um mich als niemanden, oder besser diese Wohnung als auf der Straße. Hätte auch nicht geglaubt, dass ich mehr verdiene. Immer dankbar für ein hartes Stück Brot, statt zu denken, dass ich doch ein gutes Essen haben dürfte. DAS hat sich geändert. Ich denke, dass ich es verdiene, mich wohl zu fühlen und geliebt zu werden! Das Schreiben hier am Blog trug sicher auch zu dieser Änderung bei.

      Es geht darum zu mir zu stehen. Aufrecht. Statt zu versuchen es immer anderen recht zu machen!

      Ganz liebe Grüße dir. 😊
      „Benita“

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