Leben mit DIS #30: Das Haus

Manchmal triggern auch Blogs von denen es einfach so überhaupt nicht erwartet wurde.

Eine liebe Blog-Freundin hat vor kurzem einen Beitrag zu einem Haus, einem Wohnprojekt geschrieben. Ich verlinke ihren Blog bewusst nicht, weil es gemeinsam mit meinem hier geschriebenen Text vielleicht zu schnell bzw. leicht meine Anonymität aufheben könnte, die ohnedies schon sehr durchlöchert ist.

Es ist mehrere Jahrzehnte her, dass dieses Haus und seine Bewohner*innen eine große Rolle in unserem Leben spielten. Tränen fließen uns immer und immer wieder über die Wangen wenn wir an damals denken. Es war unsere letzte Arbeitsstätte bevor wir um Berufsunfähigkeitspension ansuchen mussten. Die letzte reguläre Arbeitsstätte vor dem Eingeständnis, dass wir es nicht schaffen werden ein „normales“ Leben zu führen. Und nein, wir wollen jetzt nicht über normal und abnormal debattieren. Es geht darum, dass wir uns eingestehen mussten, dass unser – damals noch MEIN Leben – nicht in den üblichen geregelten Bahnen verläuft, dass wir es nicht schaffen einen Job auszuüben und offensichtlich so krank sind, dass wir staatliche Unterstützung benötigen um zu überleben. Damals waren wir noch keine 30 Jahre alt.

Wir haben in etwa 1 ½ bis zwei Jahre in diesem Haus gearbeitet. Wir müssten recherchieren um es genau sagen zu können.

Damals nach unserer durch die Eltern erzwungenen wirtschaftlichen Ausbildung, einer gescheiterten Ehe, die nur der Flucht diente und einem Psychiatrieaufenthalt, der erste tiefe Schrammen in unserem Lebenslauf hinterließ, hatten wir beschlossen eine pädagogische Ausbildung zu machen. Die Stadt Wien bot damals für junge Menschen am zweiten Bildungsweg die Ausbildung zur Kindergartenpädagogin / zum Kindergartenpädagogen an. Schule und nebenbei bereits Arbeit in einem der städtischen Kindertagesheime.

Es war nicht unser erster Versuch einer beruflichen Neuorientierung gewesen. Zunächst hatten wir in der Wirtschaft als Sekretärin gearbeitet und nebenbei im Abendcolleg eine EDV-Ausbildung absolviert um in der Firma aufsteigen zu können. Das ist uns auch gelungen und wir arbeiteten in der Software, aber der Preis war zu hoch. Dass wöchentlich 30 Schmerztabletten um mit den Kopfschmerzen arbeiten zu können, die uns durch das Abspalten der Traumata und der Innenwesen quälten nicht in Ordnung sind, wurde uns nur dadurch bewusst, weil unser damaliger Ehemann darauf hinwies. Ihn hatten wir nur geheiratet, weil er uns vor unserem Vater gerettet hatte. Er war selbstbewusst genug sich diesem Tyrannen entgegenzustellen. Wir waren dankbar. So gingen wir als Eigentum von unserem Vater auf ihn über. So sah es unser Vater und wir waren vor seinen Übergriffen sicher. Was Liebe sein soll, wussten wir damals nicht. Darum ging es uns nicht zur damaligen Zeit. Es ging ums Überleben, wenngleich wir keinerlei Bewusstsein hatten, dass es so ist. Die menschliche Psyche ist in der Lage sich selbst sehr viel vorzuspielen.

E. war ebenso übergriffig und vergewaltigte uns, weil er keinerlei Empathie hatte zu erkennen, dass es nicht nur um seine Lustbefriedigung ging. Dennoch war es eine enorme Besserung in unserem Leben. E. öffnete uns die Augen dafür, wie er uns herumkommandieren könnte, wenn er nur wollte. Er bestätigte uns, dass wir als Kind und Jugendliche nur Sklavin unseres Vaters waren und dass das nicht in Ordnung war. Er ermutigte uns das nicht mit uns machen zu lassen. Zumindest das nicht, obwohl auch er Tendenzen hatte uns auszunutzen, aber froh war, wenn wir ihn zurückwiesen und uns dagegen wehrten. Das lernten und übten wir in dieser Ehe.

Warum ist all dies in einem großen Erinnungsschwall abgespeichert? Offenbar gehört es irgendwie zusammen.

Wir begannen also während dieser Ehe zu üben, dass wir ein Leben haben dürfen, das wir uns selbst wählen und dass wir entscheiden, was wir von unserem Leben wollen und damit machen.

Das waren auch davor stets unsere Gedanken gewesen, aber in dieser Ehe übten wir erstmals unsere Pläne in die Tat umzusetzen. E. stand dabei hinter uns und unterstütze uns. Lieben konnten wir ihn dennoch nicht. Vermutlich aus dem einfachen Grund, dass er ein Mann war und ist. Wir fühlten uns niemals frei neben ihm, auch wenn er es sich vielleicht gewünscht hatte.

Möglicherweise liegt der Zusammenhang darin, dass es Menschen waren, die uns als Kind so sehr verletzten, aber es dennoch immer, bereits als Kind, ebenso Menschen gab, die an uns glaubten, die uns weiterhalfen. Wenn auch viel zu wenig als wir Kind waren. Wir klammerten uns an jeden Strohhalm damals. Später lernten wir zu unterscheiden, wem wir glauben konnten, wem wir uns anvertrauen konnten, auch wenn sie uns nur ein kleines Stück weiterhalfen. Wir lernten, welcher Rat gut für uns war und welchen wir sofort verwerfen sollten.

Das alles ist nichts besonderes. So ist das Leben wohl für die meisten Menschen.

Die Begegung mit den Bewohner*innen dieses Hauses war eine Zäsur in unserem Leben. Eine von bislang mehreren. Damals dachten wir dort angekommen zu sein, wo wir hinwollten. Wir wollten mit Kindern arbeiten. Es war ein innerer Drang dies zu tun. Die städtischen Kindergärten aber enttäuschten uns enorm. Es wurde in unseren Augen wirklich schlecht mit den Kindern umgegangen. Die Gruppen waren zu groß, die meisten Eltern demotiviert und es ging fast nur darum die Kinder zu beaufsichtigen während die Eltern arbeiten mussten. Die Kinder mussten sich anpassen und es gab keine Möglichkeit einzeln auf sie einzugehen, Talente zu erkennen und zu fördern. Auch dass es immer wieder Kindern recht schlecht erging in ihrem Zuhause musste als „ist eben so!“ hingenommen werden. Das ertrugen wir nicht. Wie könnten wir ebenso mit Kindern umgehen, wie ich/wir selbst es allen Schulen vorwarf/en, die wir besucht hatten, bzw. den in ihnen arbeitenden Lehrpersonen?

Nein, das konnten wir nicht. Wir begannen eine weitere Zusatzausbildung in Montessori-Pädagogik und verließen die städtischen Kindergärten. Mit dieser Ausbildung kamen wir in dieses Haus, das wir nun in dem Blog erwähnt sahen, als Kinderbetreuerin der hauseigenen Kindergruppe.

Und weil das System passte, die Eltern engagiert waren, liebevoll und klug, blieb uns nichts anderes übrig, als zu erkennen, dass mit uns etwas nicht stimmte. Was auch immer. Denn diese Kinder, die keine eigenen Traumata aus ihren Familien mitbrachten fühlten sich nicht wohl mit MIR/uns. Sie rebellierten, so sehr wir uns auch bemühten. Sie spiegelten uns unaufhörlich unser Trauma! Nach einem Jahr in dem ich/wir alleine die Leitung der Kindergruppe hatte/n, waren wir verzweifelt. Wir hatten schon während des Jahres Supervision genommen und dennoch das Problem nicht gefunden. Alles war verdrängt. Unser Urlaub führte uns nach Sizilien. Von den Kindergruppen-Eltern, die in vielen Fällen Psychotherpeut*innen waren und mitunter mit Engelsgeduld mit uns die Situation der Gruppe analysierten, machten wir Urlaub bei einem ganz lieben Frauenpaar, wo eine ebenso Psychotherapeutin war.

Wir überlegten, wie es weitergehen sollte mit der Kindergruppe und erkannten, auch nach mehreren Gesprächen mit unserer psychotherapeutisch ausgebildeten Vermieterin in Sizilien, dass wir kündigen müssen. Die Eltern waren nicht erfreut, weil sie nun nach unserem Urlaub ohne Betreuung dastanden. Wir können nicht ausdrücken, wie sehr es uns noch immer leid tut, diese lieben Menschen enttäuscht zu haben. Im Grunde haben wir es zum Wohle ihrer Kinder getan und um auf unserem noch unbewussten Heilungsweg weiter zu gehen. Es war eine Zeit in der wir sogar noch von einer eigenen Familie und Kindern träumten.

Bald nach der Kündigung kamen die ersten massiven Vergewaltigungserinnerungen und wir wurden uns nach und nach dem Puzzle unserer Identität und der erlittenen Gewalt bewusst. Seither sind über 25 Jahre vergangen auf unserem Heilungsweg.

Es war dieser Blogbeitrag über das Haus in dem wir damals mit den Kindern arbeiten durften, der die Traurigkeit darüber aus dieser Kindergruppe gehen zu müssen ins Bewusstsein spühlte. Die Traurigkeit darüber, wie sich unser Leben entwickelt hatte, so ganz anders als wir es uns damals erhofft hatten. Die viele Liebe und Geborgenheit, die wir in diesem Haus sowohl von den Kindern als auch von den Eltern geschenkt bekamen, war so neu für uns.

Einmal war es sogar vorgekommen, dass wir bei einem Elternpaar, die allerdings wo anderns wohnten, kurzfristig wohnen durften. Wie es dazu kam, führt hier doch zu weit. Und als wir dann genau dort krank wurden und in deren Wohnzimmer auf der Couch lagen mit Fieber, wurden wir liebevoll versorgt. Das hatten wir niemals zuvor in unserer Kindheit von unseren Eltern erfahren.

Es war alles andere als einfach kündigen zu müssen und zu gehen. Im Grunde vermissen wir diese Menschen bis heute und sind nahezu überzeugt, dass dies umgekehrt nicht der Fall ist. Wir hoffen so sehr, dass sie uns verziehen haben. Wir konnten nicht anders handeln. Ob sich die nun erwachsenen Kinder noch an uns erinnern? Und wie? Hoffentlich auch ein bisschen positiv!

10 Gedanken zu „Leben mit DIS #30: Das Haus“

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