Ein interessantes Leben

Wir sind eingedeckt, die Verlassenschaft unserer Großtante zu regeln. Vieles gäbe es dazu zu schreiben. Dazu fehlen mir gerade Kraft und Zeit.

Allerdings habe ich heute beim Blättern in ihren Dokumenten entdeckt, dass sie jenes Auto, das ich nun verkaufen muss, erst vor fünf Jahren gekauft hatte.

Damals war sie in ihrem 91. Lebensjahr! Hätte ich in diesem Alter noch ein neues Auto gekauft? Selbst wenn es ein Gebrauchtwagen war? Hätte ich tatsächlich so intensiv bis zuletzt gelebt, wie es sich für uns darstellt, wenn ich in ihrer Wohnung sitze und ihre Präsenz spüre? Es berührt uns dieses Leben und ihren Charakter in Anklängen zu erfassen. Anhand ihrer Bücher beispielsweise. Ich bedauere, dass ich sie nicht zu ihren Lebzeiten kennen lernen durfte. Ich war ein Kleinkind, als ich sie zuletzt gesehen hatte. Dann wollte wohl auch sie keinen Kontakt zu meinen Eltern und ließ uns Kinder alleine. Wie die meisten anderen Verwandten ebenso. Schade, dass ich nie eine Antwort bekommen werde, warum?

Es passt nicht zu diesem wachen, interessierten Geist, der mir in ihrer Wohnung zu begegnen scheint. So gerne möchte ich mir diese Lebenslust bis zuletzt als Vorbild nehmen, wäre nicht ihre Absenz in meiner Kindheit, die weh tut, auch wenn ich Erklärungen dafür finden kann.

Ich will verstehen und doch nicht in ihren Sachen wühlen um sie heute kennen zu lernen. Wie schaffe ich diesen Spagat zwischen dem mich berühren lassen und forschen nach diesem Leben und dem nicht gegen ihren Willen in ihren Sachen lesen? Ich kann sie nicht mehr fragen, was ich lesen darf und welche Fotos ich ansehen darf.

Und doch ist es uns so wichtig, wieder ein Puzzle mehr zu verstehen.

(Foto: Auf diesem Klavier spielte die betagte Großtante bis zuletzt. Wie gerne hätte ich mein gesamtes Leben Klavier spielen gelernt. ….. )

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„Mein“ Körper

∑Ich führe einen Kampf gegen meinen Körper. Das geht so weit, dass ich ihn nicht als „mein“ bezeichnen mag. Die Osteoporose, die als Folge der Krebserkrankung und erblich bedingt an meinen Knochen nagt, ist weiter fortgeschritten. Die Medikamente, die laut Testmethoden helfen haben eine Vielzahl an Nebenwirkungen, die uns enorm ängstigen. Einige davon haben wir bekommen. Acht Jahre haben wir unterschiedliche Präparate verabreicht bekommen, mit leichten Verbesserungen, ohne Krafttraining, das am besten für den Knochenaufbau sein soll. Seit 1 ½ Jahren haben wir die Therapie beendet, auf eigenes betreiben. Die Nebenwirkungen sind mittlerweile glücklicherweise verschwunden, leider wurde die Knochendichte wieder geringer. Es gibt Hinweise, dass das der Effekt des Medikaments sein kann. Ein Suchtmittel für den Knochen?

Der Körper, der uns trägt tagaus, tagein muss funktionieren. Zuvor wollte ich zum Krafttraining gehen, um gegen diese Krankheit anzukämpfen. Aber meine Seele war nicht dabei, ich war nicht dabei. Als wir den Körper aus der Wohnung bewegen wollten – entweder jetzt sofort, oder es geht sich heute nicht mehr aus – da rief es in uns: „Ich hasse diesen Körper, der Männer nur immer geil gemacht hat, uns aber niemals Liebe brachte.“

Ja, das war die Wahrheit. Dieser entsetzliche Kampf gegen diesen Körper in Worte gefasst. Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich einen für sein Alter ansehnlichen Körper, aber lieben kann ich ihn kaum. Ganz selten nur. Meist ekelt mir und mir kommen Tränen. Der Schmerz ist nahezu unerträglich und es wundert mich nicht, dass der Körper an diesem nun langsam zerbricht, sich auflöst.

Gestern führten wir ein langes Telefonat mit einer Notrufnummer, weil wir verzweifelten an dem Befund, den wir Mittwoch abends aus dem Postkasten zogen. Wir verzweifelten, weil wir keinesfalls wieder diese grausamen Osteoporosemedikamente nehmen wollen. Weil aber Wirbelbrüche und Knochenbrüche als Folge der Osteoporose entsetzlich schmerzhaft sind, die wir uns so lange wie möglich ersparen wollen. Wir hatten noch niemals einen Knochen gebrochen. Außer einer angeknacksten Rippe.

Gestern dachten wir, dass wir evtl. nicht sehr alt werden. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Gestern hatten wir keinen Lebenswillen mehr, die Kraft zu kämpfen ist wirklich gering. Aber vielleicht geht es nicht mehr darum zu kämpfen? Sollen wir das kämpfen lassen? Lieben statt kämpfen?

Dieser Körper, der nichts, absolut gar nichts dafür kann, dass sich erwachsene Menschen an ihm vergriffen und ihn benutzten, bräuchte Liebe. Alles schreit aus ihm heraus: „Hab mich lieb!“

Leicht möglich, dass dann sogar Selbstheilungskräfte erwachen, die auch Krankheiten stabilisieren, vielleicht sogar heilen können, für welche die pharmazeutisch ausgerichtete Medizin nur sehr brutale Medikation kennt, die immer wieder als Körperverletzung beschrieben wird, wegen der Nebenwirkungen.

Wieder mehr auf meine Ernährung sehen, dankbar sein für diesen Körper, der uns trotz allem noch gute Dienste leistet. Weiter Krafttraining, Sport und alternative Therapien suchen. Er ordiniert noch unser TCM-Arzt, der uns bereits einmal so sehr geholfen hat. Und so lange es geht, wird es gehen. Wer weiß, vielleicht werde ich auf diese Art älter als eingespannt in ein straffes Therapieprogramm das mich unter pharmakologische „Drogen“ setzt?

Die Herausforderung heißt Urvertrauen. Vertrauen in das Leben selbst, dass dieses es gut mit mir meint. Gott ist das schwierig. Loslassen und Lieben statt kämpfen.

… möge ∑ich genug Mut dafür aufbringen können, das wünsche ich mir für uns.

Leben mit DIS # 11: Wenn die Tränen nicht stoppen …

… bis irgendein Innenwesen im Kopf Worte findet, die helfen.

Genervte Worte höre ich beim Geschirr spülen, das ich unter Tränen verrichte: „Will sie jetzt nicht irgendjemand einmal in den Arm nehmen und trösten!!!“

Nein ICH bin nicht gemeint. Diejenige die Trost braucht ist ein Innenwesen, das die Kontrolle über den Körper hat und aufgrund ihrer Aufregung seit Tagen keine andere mehr ganz heraus kommt. Um den Alltag noch irgendwie zu erledigen, schieben wir uns in Arme und Beine des Körpers, sehen durch die Augen durch, an ihr vorbei, aber die tiefe Verzweiflung und die Tränen sind trotz Ablenkung nicht zu stoppen. Dass es SIE ist, die Trost benötigt höre ich im Kopf, eigentlich fühle ich es mehr und es fühlt sich richtig an. Weshalb die Ruferin es nicht selbst erledigt, bevor sie versucht die anderen aufzurütteln ist einfach erklärt. Sie kommt nicht an die Erschütterte heran!

Aber WELCHE ruft, WELCHE weint?

Es gibt keine Namen für Innenwesen. Obwohl es Unterschriften mit Namen gibt, wenn wir jährlich einen Anti-Suizid-Vertrag bei unserer Therapeutin unterschreiben. Aber ich habe keine Ahnung, wer, wer ist. Ich höre sie, fühle sie, habe selten Amnesien, bei denen ich keinerlei Erinnerung mehr habe. Aber ich kenne die Innenwesen nicht mit Namen und ich kann sie selten unterscheiden.

Ob es daran liegt, dass unser Vater stets unseren Namen als Kind „vergessen“ hat? Wie bitte kann ich als Vater den Namen meiner Tochter nicht erinnern? Nein, er hat ihn nicht vergessen, es war eine seiner Methoden mich zu demütigen und zu zeigen, dass wir keinen Wert haben. Nicht einmal Wert seien, dass er sich meinen Namen merkt. Mitunter sprach er uns auch mit dem Namen meiner Mutter an. Vielleicht waren die Vergewaltigungen so einfacher für ihn, wenn ich entweder namenlos oder aber in seiner kranken Phantasie seine Frau war?!

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Gedanke in der Erschöpfung

Was, wenn ich nun auf der Stelle tot umfiele? All die Sachen in meiner Wohnung, die mir etwas wert sind, die Erinnerungen sind, an Menschen, an Begebenheiten, sie kämen auf einen großen Müllhaufen.

Ich habe kein Kind, das vielleicht in den Sachen einen zumindest ideellen Wert sehen könnte.

Schade um jene Gegenstände, die ich mir einmal aneignete und nun erkenne, dass es gar kein Eigentum gibt.

Ja, ja, das letzte Hemd hat keine Taschen. Alles Leihgaben!

∑Ich plane vielleicht das letzte Mal in ∑meinem Leben zu übersiedeln. Ein sehr eigentümlicher Plan, der zu besonderen Erkenntnissen führt, tief drinnen.

Weshalb macht mich das Loslassen von Gegenständen traurig? Weil einige wenige mir wertvolle Dinge, das einzige sind, die ich glaub(t)e zu besitzen und nun erkenne, dass selbst dies ein Trugschluss ist?

Besser noch auf den Müll, bevor sie meiner Mutter in die Hände fielen. DAS gilt es zu vermeiden. Eine eigenartige, traurige Aufgabe.